Kick

von Michael Bauer E-Mail

Gertraud schreibt heute wie sie Gedichte „macht“. Ich finde es immer wieder faszinierend zu lesen, wie andere Schreiber/innen vorgehen, was es ihnen bedeutet. Das ist interessanter als jede hochgermanistische Abhandlung. Ich will hier nicht über Akademiker herziehen. Die Forschung und Lehre, auch in den literarischen Disziplinen hatte und hat ihren Platz. Aber mir, mir notabene, als Schreibendem hilft sie nicht, über das Bereiststellen der notwendigen Basiswerkzeuge hinaus, hat mir noch nie geholfen, war kontraproduktiv. Ich tausche mich lieber mit Kollegen aus, nicht über das Warum wir schreiben, über die Kunst und andere hehre Dinge, sondern über das WIE. Teile mit ihnen gerne Inspiration, Ideen, Konzepte.
Ich gehe ähnlich vor wie Gertraud und doch wieder ganz anders. Gertraud ist eine Kopfdichterin, sie lässt das Gedicht im Kopf entstehen und schreibt dann das Gedicht auf. Ich wollte ich könnte das, ehrlich. Aber da ich nunmal ich bin, viel eher ein Bauchmensch, gehe ich so vor: Meist gehe ich Gedichte schreiben. Ich packe meine zwei Utensilien in den Rucksack und fahre mit dem Fahrrad oder laufe in die Kneipe, die mir am passendsten erscheint. Schon auf dem Weg versuche ich meinen Geist auszuleeren von all dem täglichen Kram, so weit es denn der Verkehr zulässt. Ich setze mich hin, bestelle und lege mein Brunnenbuch vor mich hin, den Füller geöffnet neben dran und dann lass ich die Worte in mein Gehirn fallen. Meist ist es zunächst nur ein Wort, ein Satz oder Satzfragment. Dann geht es mir ähnlich wie Gertraud, ich nehme die Umgebung meist nur noch schemenhaft wahr, höre das Geplapper, die Musik und schreibe. Ich lasse mein Unterbewusstsein, oder was immer das ist, schreiben. Direkt in die Feder. Ohne vorheriges Konzept, ohne Vorstellungen über Metrik oder ähnliches. Pures ausfliesen von Gefühl, outburst of feeling, wie Keats das nannte. Erst während des Schreibens kommt der analytisches Verstand dazu, streicht durch, setzt neu an, ordnet. Es ist DER Kick beim Schreiben, der Augenblick der Satisfaction, wenn etwas dasteht, was vorher verschlossen war. Alles andere anschließend und sei es nur die Eingabe in die Tastatur ist Transpiration, Arbeit. Wie gesagt, so mach ich Gedichte. Längere Dinge bedürfen eines Masterplans, wie das heute heißt. Das gibt nie ganz so den Kick., befriedigt auf andere Art, wenn sich langsam so eine Gesamtheit herausbildet und man merkt, das wird jetzt was.
Ich denke genau der Kick hält mich bei der Lyrik, der lyrischen Prosa. Zigarettenrauchern kann man das Gefühl genau beschreiben: Die Zigarette danach, möglichst mit einem Bierchen, Wein oder Kaffee vermengt. (Also: hört auf und schreibt).

Genau dieser Kick lässt mich aber an diesen Blogs weiterschreiben, mit der Tastatur am Schreibtisch. Ich habe Gertrauds Eintrag schon heuet morgen gelesen und eigentlich gleich was dazu schreiben wollen, aber ich war beschäftigt. Also setzte ich mich jetzt hin und schrieb. Einfach so vor mich hin, hatte meinen Kick und dann nur leichte Arbeit, beim Korrektur lesen.

Wollte ich nur 'mal so gesagt haben.

was kicken sie die Verse

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