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Rausch Wortsetzung 42
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Ich, Cora Soptin, sitze auf dem Stuhl. Ich hebe den Kamm auf und kämme meine Haare; sie sind schwarz wie die Nacht und kurz wie der Schlaf. Wenn der Kamm das Ende erreicht, beginne ich von neuem: von oben nach unten, von hinten nach vorne, einmal, zehnmal, hundertmal. Das ist der beste Weg. Der Arzt hat gesagt, dass ich abends mein Haar hundertmal kräftig kämmen soll, damit das Blut unter die Haut fließt und es darunter festgehalten wird. Aber ich reiße mir noch mehr Haare aus. Dann reihe ich sie in einer Linie auf meinem Frisiertisch aus und zähle sie. Ich werde müde. Ich höre auf, zu zählen. Der Doktor sagt, ich solle das Zählen sein lassen; weil dies meinen Kummer vergrößert und das Zählen ihr Ausfallen ansteigen lässt, jeden Abend mehr als am Abend zuvor.
„Hundert, hundertzehn, hundertzwanzig, hundert.... “
Aber ich kann die Augen nicht davon abwenden. Die Anzahl der toten Haare sagt, wie der Tag vergangen ist. Wenn es viele sind, bedeutet das, der Tag schwer war, und wenn der Tag schwer war, wird ihre Anzahl bestimmt groß sein.
Im Spiegel sehe ich meinen Mann: er geht zu seinem Schreibtisch, setzt sich dahinter, nimmt seinen Füller auf und zieht Papier hervor. Wie sehr liebt er seine Arbeit! Auch ich liebe ihn sehr, aber ich bin nicht sicher, ob er es weiß. Ich öffne den Mund, um es ihm noch einmal zu sagen. Meine Stimme verhaspelt sich in meinem Hals; sie kommt nicht heraus. Vielleicht kommt sie auch heraus, aber mein Mann hört sie nicht. Ich prüfe noch einmal. Ich öffne meinen Mund, aber bereue es sofort und beginne wieder meinen Kopf zu kämmen.
„Hundertzwanzig, hundertdreißig, hundert...“
Das Ausfallen von Haaren hat siebenundachtzig Ursachen oder vielleicht auch achtundsiebzig Ursachen von denen nur ein paar bekannt geworden sind: Nährstoffdefizit der Nahrung, bakterielle Erkrankung, plötzlicher Gewichtsverlust und nervöse Unruhe. Aber ich bin ein ruhiger Mensch; mein Mann sagt das. Ich weiß, dass er zur Ausführung seiner Arbeit seine Ruhe braucht, ein ruhiges Haus, eine ruhige Frau.
Normalerweise verliert ein Mensch sechzig und hundert Haare am Tag. Der Doktor empfahl: „Essen Sie gut und schlafen Sie ausreichend“. Damit ich gut schlafe, zähle ich die Sterne: „ein Stern, zwei Sterne, drei Sterne...“
Meine Augen wandern über den Tisch auf die Haarreihe und ich fahre fort zu zählen: „Vier Haare, fünf Haare, sechs Haare...“
Vorgestern fragte Asle aus Spaß: „Erstreckt sich auf deiner Kopffläche eine Autobahn?“ Sie hatte recht, durch die ausgefallenen Haare zeigt sich die Kopfhaut immer offener. Paul lachte schallend. Es ist schon lange her, seit ich ihn so lachen sah. Durch sein Gelächter fing ich auch an zu lachen und lachte heftig. Trotzdem zählte ich an diesem Abend hundertfünfundvierzig tote Haare.
Ich werde meine Haare überhaupt nicht mehr zählen; das habe ich mir vorgenommen. Ich stehe auf, um im Haus herumzugehen. Mein Mann ist schwer beschäftigt. Mit welcher Geschwindigkeit die Worte von der Spitze seines Füllers herunterstürzen. Ich nähere mich ihm. Ich möchte mit der Hand über sein lockiges Haar streichen, aber ich fürchte, die Wörter zu erschrecken und sie aus seinem Gedächtnis zu vertreiben. Ich bleibe eine Zeitlang so neben ihm stehen. Er schenkt mir keinerlei Beachtung. Er sagt von sich selbst: „Wenn ich arbeite, ist mein Geist in einer anderen Welt.“ Ich kehre zum Spiegel zurück. Ich will die Hand ausstrecken und die ganzen Haare vom Tisch wegwischen, aber ich tue es nicht. Ihr Zählen beruhigt mich und trägt meinen Geist an einen anderen Ort: „Hundertvierzig, hundertfünfzig, hundert...“
Die toten Haare erinnern mich an tote Menschen, die toten Menschen erinnern mich an tote Mütter, die toten Mütter erinnern mich an meine Mutter, die noch nicht tot ist, aber es ist schon lange her, seit sie ihren Fuß in unser Haus gesetzt hat, und wie eng wird mir das Herz um sie.
Das ächzende Geräusch des Stuhles lässt mich auf einen Schlag zu mir kommen. Eilig wische ich meine Tränen ab. Ich weiß, dass es meinem Mann vom Weinen schlecht geht. Alle Künstler sind so. Sie sind gefühlvolle Menschen, und die kleinste Sache beunruhigt sie, und sie sind darüber verärgert. Das sagt mein Mann, und ich glaube ihm. Ich glaube überhaupt alles, was er sagt. Das sagt meine Mutter. Bevor ich die Gelegenheit ergreifen kann mich zu sammeln oder zumindest die Haarsträhnen auf dem Tisch wegzuräumen, sehe ich ihn über mir stehen. Der Kamm gleitet langsam durch meine Finger und fällt auf den Boden vor meine Füße. Gott sei Dank hat er nichts bemerkt. Ich frage: „Löwe oder Beute?“ Er antwortet mir nicht. Er lächelt nur. Ich weiß, dass er Löwe ist; er ist immer Löwe. Für einen Augenblick nimmt er meine Hand zwischen seine Hände, und streckt sich danach aufs Bett aus. Als er einige Zeit später wieder aufsteht, bin ich noch müde und bleibe zusammengerollt in einer Ecke des Bettes und folge mit geschlossenen Augen dem Geräusch seiner Pantoffel. Er bleibt einen Augenblick neben dem Frisiertisch stehen. Dieses Mal sieht er meine Haare. Er wirft mir einen halben Blick zu, grinst hämisch und geht: um über Totes zu lachen, muss man hartherzig sein, selbst wenn er Künstler ist. Einen Augenblick später ertönt das Geräusch der Toilettenspülung, und ich presse den Kamm wieder fest zwischen meine Finger: „Hundertundsechzig, hundertundsiebzig, hundert...“