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von Eufemia Pursche E-Mail

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- Er existiert nicht. Verstehst du? Er existiert nicht!
- Ja, hab verstanden.
- Ich existiere. Du existierst. Er existiert nicht.
Nachdem sie derart die Nichtexistenz von Paul festgelegt hatte, streichelte die Frau zärtlich die Hand ihrer Freundin. Sie glich in ihrem ausgeleierten Rollkragenpullover einer übrig gebliebenen Feministin der Generation 68. Die andere glich einer Tabledancerin; einmal sprach sie von Galas (oder vielleicht von Galeeren, ich konnte sie nur schlecht verstehen). Nach und nach gewöhnte sie sich an Pauls Verschwinden. Ungeschickterweise erwähnte sie gegen Ende der Mahlzeit Martins Existenz. Die Pulloverin kräuselte sich wütend zusammen.
- Darf ich dir von ihm erzählen?, fragte die Andere schüchtern.
- Wenn du dich auf die Kurzversion beschränkst.

Rausch-Wortsetzung 53

von Eufemia Pursche E-Mail

-53-

Prachtvoller als Heerscharen gespreizter Pfauenfedern im Schnee
nachhaltiger als sturmgeblähte Segel
ein Geschenk war die Stunde
die Mirko in Coras Badewanne verbrachte
in der siebten Etage mit Blick auf den Hof
das verwitterte Fenster ließ sich von Wäsche streicheln
dessen Leine er nicht sah

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von Eufemia Pursche E-Mail

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Jumping Jack

Die Lichter von Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei bemalen kreisend die Häuserwände. Auf der Straße fixiert eine Menge das vorletzte Fenster von links in der vierten Etage. Auf dem Fensterbrett, das den Park und seine Blumenkübel überragt, zittert ein Typ angesichts einer solch großen Quantität Leere wie Espenlaub.

Um die Radieschen von unten zu betrachten, finden es gewisse Leute spirituell, aus dem vierten Stock zu springen und den Topf gleich mit zu verschlucken. Seltsamer Geschmack! Ein Glück für ihren Schicksalsstern, dass die Gesetze der Gravitation sind, wie sie sind: jeder aus einer ausreichenden Höhe ins Leere eintauchende Körper verdrängt bei guten Startbedingungen ein äquivalentes Volumen seiner Masse aus Erde und Sarg.

Einige Monate später kann die überlebende Masse ihren Freunden und ihrer Nachkommenschaft den Laut eines krümelnden Trockenkuchens nahe bringen, den ein Mann von sich gibt, der sich die Knochen und die Fresse am Beton eines städtischen Blumenkübels gebrochen hat. Sie wartet auf das Schaudern, das den Schreien der sensiblen Seelchen folgt und besteht auf der fassungslosen Stille danach. Anschließend nimmt sie ein zweites Dessert um ihre Erzählung abzuschließen und schläft nach diesem erfolgreichen Abend mit dem Herzchen, das auf diese herzzerreißende Geschichte hereingefallen ist.

Rausch-Wortsetzung 52

von Eufemia Pursche E-Mail

-52-

Lesen bedeutet Gehör schenken. Alle Ohren, die unsere Köpfe umgeben, sind rosa und undatiert.
In der Mehrzahl sehr alte Gebäude. Wir tragen sie, doch in Wahrheit sind sie unsere wahren Meister.
Im alten Ägypten wuchsen auf tausenden Feldern gespitzte Ohren in hundertfachen Größen. Der Gläubige beugte sich hinunter um sein Gebet oder sein Klagen hinein zu flüstern. Die Sprache krümmt sich im Innenohr zusammen.

Flash in einen indischen Palast einige Jahre vor unserer Zeit. Im Halbdunkel seidenverhangener Fenster wendet sich Aroc an Aimefue:

"Wo steht dein Geburtshaus, Maharani?“
"In Griechenland. Danach unter einem Rosenblatt. Dann am Fuß der nördlichen Rheinbrücke."
"Wie weit ist dieser Fluss entfernt?"
"Sechstausendneunhundertvierzig Kilometer", antwortet Aimefue wie aus der Pistole geschossen.
"Wie leicht hast du fast siebentausend Kilometer zurückgelegt, Maharani. Nimm nun dieses kleine purpurfarbene Buch und öffne es. Was ist es?"
“Es ist das Buch eines römischen Dichters mit Namen Vergil. Darin beschreibt er einen Fluss, der vor seinen Augen fließt.“
"Dieser Dichter ist seit über zweitausend Jahren tot, doch es ist heute. Hörst du, was er sagt?"
"Ich höre es."
"Du hast ganz einfach zweitausend Jahre durchlaufen, Maharani."
"Nein, Aroc."
"Warum nicht, Aimefue?"
"Höre zu, Aroc. Schweige. Lausche."
"Ich lausche."
"Was hörst du?"
"Ich höre eine Art Knirschen."
"Lausche, Aroc."
"Ich höre den Dichter Vergil auf ein entrolltes Band schreiben. Er sitzt auf Flusskieseln."
"Lausche, Aroc."
"Ich höre den Dichter Vergil diese Seite schaffen, die du liest, oh Maharana."
"Lausche, Aroc."
"Ich höre Vergil nachdenken. Er denkt an einen Bimsstein. Er hat die Absicht, die Seite leer zu kratzen. Er löscht uns aus."

AROC und AIMEFUE bleiben am Ufer zurück. Im Fluss spiegeln sich ihre Namen - CORA ~~~ EUFEMIA ~~~

Federstrich

von Eufemia Pursche E-Mail

Im Treppenhaus ihres Gedichtes
stopft eine Frau die Zeit mit Nachmittagen

Eine halbe Wassermelone auf dem Tisch
nachgedunkelt vom Gewitter
stößt der Himmel ihr die Krallen ins Fleisch

Der Mann besingt Hitzewellen
mit verdeckten Worten
beißender als Reisigfeuer

Und das Kind sieht an der Decke
Welten
aus Rissen quellen
und sich auflösen

Federstrich augustener Sonntage

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von Eufemia Pursche E-Mail

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Kurz nach seinem zweiundfünfzigsten Geburtstag trat Andrea in Bruno Sauters Leben.
Es war ein Tag ohne Fest gewesen. Obwohl er sich einredete, dass er darauf keinen Wert legte, wartete er den ganzen Tag auf eine Anspielung seiner Lieben.
Bei jedem Telefonklingeln, bei jedem Öffnen der Ladentür hüpfte etwas in seiner Brust hoch und tauchte kurz darauf enttäuscht wieder ab.
Sogar seine Angestellte Frau Brammertz, die ihm zwei Jahre zuvor sehr sensibel über die Schwelle des halben Jahrhunderts geholfen hatte, wirkte seltsam zerstreut. Am Ende des Nachmittags überreichte sie ihm mit leichtem Erröten ohne ein weiteres Wort ein schleifengeschmücktes Päckchen, das eine Brieftasche enthielt und verabschiedete sich dann hastig unter dem Vorwand dringender Einkäufe.
Bruno schloss also das Geschäft alleine ab, widerstand dem Gedanken an einen Abstecher in den Goldenen Anker und erreichte sein Zuhause kurz vor der Tagesschau.
Sein Sohn Felix war nicht da. Er kam selten vor Mitternacht zurück. Also keine Blume in der Hand und ein Gedicht wie vor zwanzig Jahren oder einen Gag auf den Lippen wie zu Brunos Fünfzigsten, als der Filius ihm schulterklopfend versicherte, nun habe er aber wirklich eine neue Uhr verdient. Ziemlich dämlicher Scherz für den Inhaber eines Uhren- und Schmuckgeschäftes.
Das war es dann mit dem Geburtstag. Irgendein Septembertag, mild und zwetschgenfarben wie die neue Brieftasche die das letzte Geschenk vor dem Kennenlernen von Andrea war.
Am nächsten Tag wartete Sauter im kleinen Atelier hinter dem Verkaufsraum auf den Kurier, der freitags die fertigen Reparaturen abholte und auslieferte. Es war ein kleiner Portugiese, der immer eine neue Katastrophe zu berichten hatte, die einem seiner zahlreichen Verwandten zugestoßen war. Die letzte passierte einem Onkel oder Cousin, der in einer Großbäckerei arbeitete und sich im wahrsten Sinn des Wortes in einer Maschine die linke Hand hatte schnetzeln lassen. Er fand sich nach den ausschmückenden Schilderungen des Kuriers mit acht oder zehn zusätzlichen Fingern wieder, ohne Verband natürlich. Ein richtiger Palmwedel am Stumpf seines Arms.
Die Türklingel hätte auch Frau Brammertz sein können, die von ihrem Zahnarzttermin kam. Aber nein, es war ein unbekanntes Pärchen, das...

Rausch Wortsetzung - 51

von Eufemia Pursche E-Mail

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Mirko ist im Alter intakter Ideale und grenzenloser Ideen. Er hat zwar sein Studium an der Kunstakademie geschmissen; doch immerhin gelang ihm ein furioser Einstieg in das dickhäutige Universum eines Supermarkts. Dort geht er der fesselnden Tätigkeit eines Fuhrparkordners für Einkaufswagen nach. Auch eine Art, sein tägliches Müsli zu verdienen. Da er das Frühstück meist ausfallen lässt, ist dies nur Überfluss. Notwendig, wirklich notwendig sind ihm nur Zärtlichkeit und Träume.

Zum Beispiel als Cora sie verließ. Immerhin lebten die Drei glücklich zusammen, Éluard, Mirko und Cora. Vielleicht wärmten Éluard und Cora einander zu häufig, wenn Cora fror.... Ihr Weggehen zerriss Mirko das Herz, eine Wunde, die auch Éluards Zuneigung nicht vernarben konnte.

In der Folge versenkt Mirko sich in die Betrachtung der zarten Wolke die an der Decke seines Zimmers schwebt. Nur Kummergeister schaffen es, mit einem Fleck zu verschmelzen. Es ist verrückt, was man inmitten einer Wolke alles sehen kann, diese Zauberleinwand auf der Träume zuweilen wahr werden....

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von Eufemia Pursche E-Mail

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Ines spielte mit einem der frischen Croissants die er mitgebracht hatte. Sie hatte unter dem Hinweis auf ihre einhundertfünfzigste Diät abgelehnt, davon zu kosten. Seit er sich vor die dampfende Kaffeetasse an den Küchentisch gesetzt hatte, schwieg Heiner.
Die Exeheleute hatten sich neugierig beäugt. Heiner bemerkte, dass Ines sich die Haare hatte schneiden lassen und fand ihre neue Frisur sehr hübsch. Ines dachte, er hat etwas zugenommen; trotzdem fand sie ihn nach wie vor anziehend.

- Wo liegt der Hase begraben? Ist etwas Schlimmes passiert? , fragte sie schließlich.
Auf der Hinfahrt hatte Heiner noch geglaubt, dass die Worte von selber sprudeln würden. Aber kann man einfach so bei einem Menschen hereinplatzen, den man einmal geliebt hat und verkünden: Ich werde vom Teufel verfolgt! Einem richtigen Teufel! Er will mir in weniger als 36 Stunden an den Kragen, und ich kann nichts dagegen tun!?
Natürlich nicht. Also hielt Heiner die Klappe.
„Ist es dein Job? Geht King-Media den Bach runter?“
Angesichts des drückenden Schweigens suchte Ines nach Vorschlägen. Heiner schüttelte nur verneinend mit dem Kopf, den Blick tief in seinen Kaffeebecher getaucht.
„Hast du eine Dummheit angestellt? Einen umgebracht? Hat man dir wehgetan? (Den Ton schlug sie bestimmt auch bei ihren Kindergartenkindern an.) Wenn du gekommen bist, dann hast du mir doch bestimmt was zu sagen. Also schieß los, Heiner. Du lässt dir doch sonst nicht derart die Würmer aus der Nase ziehen.“
Er hob den Kopf und startete einen kümmerlichen Versuch.
„Ich... ich wollte mit dir sprechen! Ich wollte dir sagen... verdammt, ist das schwer!“
Unerklärlich, das Unerklärliche zu erklären.
„Na los, Heiner!“, ermutigte Ines ihn. „Du beunruhigst mich, siehst ja völlig fertig aus!“
„Kein Wunder, ich habe zwei Nächte nicht geschlafen.“
„Nur um mich zu sehen? Das ist zwar sehr schmeichelhaft, aber zwischen uns ist und bleibt es zu Ende.“
Sie machte sich liebevoll über ihn lustig.
„Ich muss Maxi sehen. Deshalb bin ich hier. Es ist sehr wichtig für mich.“
„Was?“ Ihr Ton änderte sich brüsk. „Der gnädige Herr begnügt sich mit einem Wochenende im Monat, vergisst die Geburtstage seines Sohnes, wenn ICH ihn nicht daran erinnere, und jetzt sitzt der Herr morgens um halb sieben in meiner Küche und verlangt, auf der Stelle seinen Sohn zu sehen!“
„Ich weiß, ich weiß. Ich bin kein guter Vater.“, murmelte Heiner wie ein gescholtenes Kind.
„Weder gut noch schlecht... Ein abwesender Vater.“, schnitt ihm Ines kurz und bündig das Wort ab.
Heiner hob den Kopf. Das Zicken seiner Ex gab ihm den nötigen Mut zurück. Er blickte ihr direkt in die Augen.
„Hör mir gut zu, und stelle vor allem keine Fragen! Apropos abwesend. Das werde ich bald grundsätzlich sein. In weniger als 36 Stunden werde ich wahrscheinlich tot sein.“
Ines öffnete den Mund, brachte aber keinen Ton heraus.
„Du sollst wissen, dass Maxi alles erbt. Die Wohnung in Köln, meine Anteile an King-Media, alles! Aber deshalb bin ich nicht gekommen. Ich wollte jemandem sagen, dass ich in einem Albtraum stecke aus dem ich nicht erwache. Du warst der einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen konnte.“
„Aber..“
„Keine Frage! Ich bin da, weil ich Maxi einen Augenblick sehen möchte und keine zwei Wochen mehr warten kann. Danach verschwinde ich und du wirst ihm nichts sagen. Höchstens das eine: ich habe ihn geliebt. Ich war weit weg, abwesend, ständig beschäftigt, oft schlechter Laune. Aber ich habe Maxi wirklich geliebt. Sag ihm das. Nimm es als Befehl oder Testament oder weiß der Kuckuck was. Das ist mir schnurz egal. Aber sag es ihm, wenn er nach mir fragt.“
Plötzlich bemerkte Heiner die beiden dicken Tränen, die sich langsam aus Ines Augen lösten und die steilen Falten neben der Nase herunter flossen.

Rausch Wortsetzung 50

von Eufemia Pursche E-Mail

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Elmar Harr ist in Winterstimmung. Die Farbe des Bodens gleicht der seines Gesichts und das Wetter seinen Seufzern. Der Garten hat seine Seide ausgeworfen, die Berge schimmern überzogen mit feinstem Linnen. Ortswechsel – Wetterwechsel: der Wind breitet seine Schneedecke aus. Schwarz liegt der Garten, bring den Wein und zünde das Feuer an. Winter. Die Glut des Feuers und deine Abwesenheit vergilben meine Haut, Cora. Mit dem frostigen Atem seines Schwertes versilbert der Winter die Ebene, kühlt das Gebirge wie Kampfer. Der Fluss ein Amboss, die Fische darin gefangen. Die Quelle ist zugefroren, Sturm pulverisiert den Schnee; die Nachtigall singt in der Wüste, im Garten krächzt ein Rabe.

Neujahrswolken pelzen weiße Hermeline auf den Regenbogen.

Zum Ausgleich ein inneres Feuer anzünden. Dieses Feuer schmilzt die Winterdekoration von Palästen, Firmament, Fluss und Gebirge. Der Himmel wandelt Silber in Gold. Sonne und Mond. Wenn der Tag seinen Kopf aus der Pechseide hebt, schwebe ich in einer goldenen Barke über dunkelblauer See. Wie der Kaiser von China auf seinem goldenen Thron beschreibe ich dem Neumond deinen Schmetterlingspavillon mit der Blumenkuppel das Sprudeln deiner Ideen.

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Soziologische Studien in der Menge betreibend schlendert er gemütlich weiter auf der Suche nach einer offenen Buchhandlung. Die andere machte ihm einen Strich durch die Rechnung indem sie die Kultur des Volkes mit einem schweren Metallgitter und einem Schinkenkäsebaguette abtrennte (für den Rheinländer ist „baguette“ nicht weiblich wie die französische Variante, sondern ein richtig handfestes Ding, also sächlich: „datt Bajette“).
„Irgendwann muss ich ja auch Mittagessen.“, flutschte es aus ihrem Mund und sie gleichzeitig wie eine Wurst im Blumenkleid unter dem Gitter durch. Irgendwie lag ihm etwas Spirituelles auf den Lippen, etwas wie: „Man sagt, Lesen ist die Nahrung der Seele. Meine Verehrung, wie viele Bücher müssen Sie gelesen haben!“ Natürlich irgendwie nicht so plump. Also heftete er seinen Blick direkt auf ihre Falten, setzte sein Festtagslächeln auf und ließ sich, wohl etwas zu sehr inspiriert von der Situation, hinreißen zu einem: „...“

Wie gesagt, jetzt ist er auf der Suche nach einer anderen Buchhandlung.

Rausch Wortsetzung 49

von Eufemia Pursche E-Mail

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Zarte Regenschrift
Alle Sinne gefaltet
Über der Papierputte des Himmels

Federstrich zwischen Krippe und Arche

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von Eufemia Pursche E-Mail

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- Er existiert nicht. Verstehst du? Er existiert nicht!
- Ja, hab verstanden.
- Ich existiere. Du existierst. Er existiert nicht.
Nachdem sie derart die Nichtexistenz von Paul festgelegt hatte, streichelte die Frau zärtlich die Hand ihrer Freundin. Sie glich in ihrem ausgeleierten Rollkragenpullover einer übrig gebliebenen Feministin der Generation 68. Die andere glich einer Tabledancerin; einmal sprach sie von Galas (oder vielleicht von Galeeren, ich konnte sie nur schlecht verstehen). Nach und nach gewöhnte sie sich an Pauls Verschwinden. Ungeschickterweise erwähnte sie gegen Ende der Mahlzeit Martins Existenz. Die Pulloverin kräuselte sich wütend zusammen.
- Darf ich dir von ihm erzählen? fragte die Andere schüchtern.
- Wenn du dich auf die Kurzversion beschränkst.

Rausch Wortsetzung 48

von Eufemia Pursche E-Mail

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Homophone folgen wie ein Echo rieselnd dem Gefälle des Tonfalls, ohne sich im Geringsten um etymologische Wissenschaft zu scheren. Von Rinnsal zu Rinnsal wachsen sie zu Bächen an, fließen in Flüssen zusammen und ergießen sich ins Meer.
Töne als Bedeutungsträger: knistern, knacken, plätschern, knallen, schlagen, pfeifen, quietschen, schmettern.

Umhüllt von einem knisternden Feuer, einem grummelnder Bauch; die Jungfrau Maria flüstert ihrem Sohn zum Einschlafen menschliche Worte ins Ohr; ein knackender Zweig, eine schallende Ohrfeige....

Dieser Ozean ist der Wahnsinn selbst. Nichts wird vom verrückt werden verschont in das die Sprachen eintauchen. Kein fester Grund mehr, keine reale Wirklichkeit bevor die Sprache nicht mit ihrem letzen Atemzug ausgespuckt wurde. Gleichermaßen schwebend und fließend.

Wir müssen uns täglich von der Sprache trennen. In der Freude, in der Musik, im Sattsein um sie dann wiederzutreffen.

Ach Cora, begreife doch endlich Éluard.

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von Eufemia Pursche E-Mail

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Jumping Jack

Die Lichter von Feuerwehr, Krankenwagen und Polizei bemalen kreisend die Häuserwände. Auf der Straße fixiert eine Menge das vorletzte Fenster von links in der vierten Etage. Auf dem Fensterbrett, das den Park und seine Blumenkübel überragt, zittert ein Typ angesichts einer solch großen Quantität Leere wie Espenlaub.

Um die Radieschen von unten zu betrachten, finden es gewisse Leute spirituell, aus dem vierten Stock zu springen und den Topf gleich mit zu verschlucken. Seltsamer Geschmack! Ein Glück für ihren Schicksalsstern, dass die Gesetze der Gravitation sind, wie sie sind: jeder aus einer ausreichenden Höhe ins Leere eintauchende Körper verdrängt bei guten Startbedingungen ein äquivalentes Volumen seiner Masse aus Erde und Sarg.

Einige Monate später kann die überlebende Masse ihren Freunden und ihrer Nachkommenschaft den Laut eines krümelnden Trockenkuchens nahe bringen den ein Mann von sich gibt, der sich die Knochen und die Fresse am Beton eines städtischen Blumenkübels gebrochen hat. Sie wartet auf das Schaudern, dass den Schreien der sensiblen Seelchen folgt und besteht auf der fassungslosen Stille danach. Anschließend nimmt sie ein zweites Dessert um ihre Erzählung abzuschließen und schläft nach diesem erfolgreichen Abend mit dem Herzchen, das auf diese herzzerreißende Geschichte hereingefallen ist.

Petit son

von Eufemia Pursche E-Mail

Petit son cherche
être bercé dans vos rimes
embrassées et croisées
et si possible redoublées
je m’aimerais en féminine
et pas du tout plate
mais changeant de pauvre en riche
soit pour l’oeil soit pour l’oreille
c’est à dire véritable-ment
trouver mon chemin dans vos coeurs
ça ne rime à rien ?
ça n’a ni rime ni raison?
Alors soyez indulgent avec cette rimeuse étrangère
Qui est bien plus sage en écrivant ses vers en langage de Goethe
Qui quand il lui arrive de rêver en français, elle rêve en images plus qu’en mots
Qui vous les offre pas en diamant taillé mais encore en caillou caressé par son ruisseau.

Rausch Wortsetzung 47

von Eufemia Pursche E-Mail

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Wellenspiele

in das Meer aus Sand / dunkelrot / nachts in der Wüste / größer als anderswo / ist der Himmel / so üppig so verschwenderisch / immer neue Wellen / fein geädert /fegt der Wind /

Rausch Wortsetzung 46

von Eufemia Pursche E-Mail

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Komm Mirko, das Fest ist zu Ende. Wir nehmen es mit.

Das Fest ist tot, Cora. Streif es ab. Ich erwürge den Tag zwischen zwei Nächten, entzünde eine Feuersbrunst an den Punkten der Worte. Ich breche das Schweigen und zerreiße die Stille in einer Sprache die ich der Liebe entlieh. Ich reiße die Erinnerungen unter meinen Nägeln aus und stehe mit leeren Händen vor dir. Leer wie damals. Deine Augen, meine Blumen der Nacht, leuchten nurmehr im Widerschein der Lichter vergangener Zeiten.

Als Kind besaß ich keine Bücher; ich fing die Welt in meinem Spiegel ein. Ich war Vogel, doch nicht frei. Wind war ich, und niemand konnte mich sehen. Dann erfand ich ein Königreich, in dem alle Angst in der Sonne schmolz. Ich war ein Kind der Nacht, und wenn ich meine Handfläche öffnete, sah ich ein Monster, das gerade erwachte.

Was erwartest du von einem Mann, der aus einem Märchen erwacht, in dem Kinder starben? Eine Welt voller Rotkäppchenverbrechen, und Gott zerrt eines an seine Brust. Ich verstand den Gesang der jede Ernte mit einem Blick verstrohte. Man verbrannte dieses Wesen samt seiner Hymne, und sein Weitblick rötete die bleichen Himmel.

Das Fest ist tot. Tanzend zerstöre ich mein Reich. Für einen Blick gab ich all mein Lachen her, für ein Lächeln begrub ich mein Misstrauen. Die Welt und ich sind ein einziges Buch. Um es gut zu schreiben, werde ich für uns leben.

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von Eufemia Pursche E-Mail

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Sie langweilt mich. Mein Blick verliert sich auf dem Boden, der mit öligen Fettaugen glänzt nach dem letzten Regen. "Moderner Dreck", murmele ich in den Bart.
Wir sitzen seit über einer halben Stunde beim Essen, und Paula ist immer noch nicht fertig mit ihren Bettgeschichten: wie, wo und mit wem sie schläft.
Das Steak auf ihrem Teller ist mittlerweile lauwarm.
Wetten, dass sie auch heute wieder nur einige Blättchen Salat und das geschnittene Baguette essen wird?
Diese Art von Unterhaltung nervt mich einfach! Ein blonder 90-60-90 Traum der mit Waschbrettern oder Brieftaschen bumst.

Ein Schluck Cola.

"Ich habe sie in der Straßenbahn wiedergesehen.", wage ich einen Vorstoß.
"Immer noch hinreißend, ein wahres Gedicht.", fahre ich fort und lasse meinen Blick in die Ferne schweifen.
"Du hast nicht mit ihr gesprochen??? Immer noch diese dämliche Versagensangst, Chris?"
Paula hat nun den Blick von Kindern, die zum ersten Mal einen Wurm zerschnitten haben und beobachten, wie die beiden Enden sich krümmen. Diesen untrüglich amüsierten Blick.
Ich atme tief ein:

"Ich glaube, dass ich im Gegenteil Angst davor habe, dass es klappen könnte. Kapierst Du, was ich meine? Ich habe mehr Schiss vor dem Erfolg als vor dem Misserfolg."
Die Stirn in Denkerfalten geworfen rollt sie Kügelchen aus dem Brot und erklärt feierlich:
"Ich habe drei Kilo zugenommen."

Ich beobachte die Blader und Radfahrer am Rheinufer um mir klarzuwerden, welche Konsequenzen dieser Satz auf mein weiteres Verhalten haben sollte...

Rausch Wortsetzung 45

von Eufemia Pursche E-Mail

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Wortfänger

Muss ich erst mit der Schärfe peitschender Gischt sprechen um euch zu zähmen? An Nichtigkeiten erinnern, die euch dermaßen beherrschen, dass ihr sie nicht einmal mehr wahrnehmt?

In dieser Stadt sieht man den Mond nicht mehr. Der Baum stirbt waldlos an Einsamkeit. Ich pflanze euch den Dschungel neu und bevölkere ihn mit der Kraft von Vokabeln. Diese Bulldozer, die den Tag erzittern lassen, formieren sich zur neuen Elefantenherde. Die Giraffe Fernsehturm grast in der Steppe über die leichte Wolken ziehen. Fahrräder, ihr seid meine Gazellen. In den Schächten der U-Bahn sehe ich Füchse und Maulwürfe. Die ganze Beleuchtung strahlt als Glühwürmchen in mir. Autos gleiten vorbei, Meteoriten in einem Raum wo ihr Herz verglüht. Lastwagen sind Nashörner und Busse betörende Aquarien. Manchmal sehe ich kannibalische Motorräder und durchlöcherte Felsen als Hochhäuser.

Ich bin ich; der alte Raubtierfänger ging nie aus Kurzsichtigkeit auf die Jagd.

Doch wo sind die Vögel? Was machen die Vögel? Wanderten sie aus oder starben sie im Flug? Plötzlich diktiert mir der Himmel seine Vorwürfe, und ich kehre in diese menschenfressende Stadt zurück.

Hierher, ihr Worte! Her zu mir! Helft dem Dürstenden mit dem fliehenden Durst!
Die Worte des Tages überschwemmen die Archen. Es reichte ein Schrei, um sie zu zerbrechen.

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Mehdi Omidvari hatte Geschäft, Inventar und sogar die Verkäuferin übernommen. Er hatte nichts verändert, nur über der Eingangstür das Schild:

M.O., Schwiegervater, Nachfolger

angebracht. Jetzt war er also Buchhändler in der Nähe der U-Bahn Station Köln-Hansaring. Natürlich hätte er lieber etwas anderes verkauft als deutsche Bücher, denn er las nur persische Werke. Aber er hatte ja auch schon Skianzüge anfertigen lassen und verkauft ohne jemals auf den Brettern gestanden zu haben. Mit den Büchern war das nicht anderes – er musste sie nicht mal selber produzieren.
Sein deutscher Schwiegersohn stand am Rand des Bankrotts, und anstatt ihm ein Darlehen zu gewähren, das er doch nicht zurückbekommen hätte, kaufte er ihm den Laden kurzerhand ab. Der Schwiegersohn hatte keinen Sinn fürs Geschäft und das Glück, einen Job in der Mayerschen Buchhandlung am Neumarkt ergattert zu haben, so dass er unbesorgt den Monatsenden entgegenschauen konnte.
Am Anfang ließ Mehdi die Verkäuferin einfach gewähren. Aber dann überkam ihn die Lust, sich mehr und mehr einzumischen:
- Khanum, ich schätze sie wirklich. Sie sind eine Perle für das Geschäft. Doch gestatten Sie mir, Ihnen zu zeigen, wie man es noch besser macht. Bleiben Sie hier und lesen Sie mir die Buchtitel vor. Um den Rest kümmere ich mich dann.
Dem ersten Kunden der sich die Neuheiten auf dem Tisch ansah und dann unverrichteter Dinge wieder abziehen wollte, näherte er sich mit einem:
- Verzeihen Sie, dass ich störe, Aqâ. Darf ich Ihnen eine kleine Frage stellen? Können Sie Deutsch lesen?
Der Kunde wagte keine andere Antwort als ein zustimmendes Kopfnicken. Omidvari fuhr fort:
- Dann haben Sie Glück! Hier verkaufen wir viele Bücher an Leute, die Deutsch lesen können. Können Sie Persisch, also Farsi lesen?
Der Kunde schüttelte beunruhigt den Kopf.
- Ich schon. Aber hier verkaufen wir keine persischen Bücher, nur deutsche und ein paar englische für Menschen, die das verstehen. Ich sag das nur, weil, wenn Sie Deutsch lesen können, warum kaufen Sie dann nicht etwas vom Tisch?
- Es ist heute nichts dabei, was mir gefällt. Ich werde wiederkommen.
- Ich komme auch immer wieder.
Genervt griff der Kunde nach einem Buch vom Stapel und begab sich zu Kasse.
- Was hat der Herr gewählt?, erkundigte sich Omidvari bei der Verkäuferin.
- Wahnvorstellungen und Phantomerfahrungen, aus der Reihe “Weiterführende Psychoanalyse“.
Er nickte mit dem Kopf.
- Das ist ein sehr interessantes Buch. Meiner Meinung nach. Ein schöner Roman....
Er improvisierte:
- Die Geschichte von einem Phantom, das ein weibliches Phantom liebt, das schon Erfahrung hat. Sie verstehen, was ich damit sagen will?
Der Kunde bekam nervöse Zuckungen, schnappte der Verkäuferin Buch und Kassenbon aus der Hand und gab Fersengeld. Die Verkäuferin kringelte sich vor Lachen.
- Ja, da staunen Sie, was? Glauben Sie, dass ich ihm die Wahrheit sage? Aber nein! Ich erzähle Blödsinn. So glaubt er, dass er intelligent ist. Das ist gut für ihn. Warum würde er sonst so ein Buch kaufen? Heh? Nun, weil er Probleme hat! Wer kauft schon ein Buch über Psychoanalyse, wenn er keine Probleme hat? Also erzähle ich ihm Quatsch, das zerstreut ihn, und er leidet weniger.
Die Verkäuferin schaute noch verblüfft auf ihren Chef, als der nächste Kunde den Laden betrat. Er suchte einen bestimmten Titel, den sie nicht vorrätig hatten und wollte ihn daher bestellen. Als die Verkäuferin Omidvari das Problem erklärte rief dieser:
- Die Bestellerei ist völlig unnötig! Wählen Sie etwas anderes aus dem Bestand!
Der Kunde nahm das übel auf:
- Unter diesen Bedingungen ist es wohl besser, ich gehe!
Der alte Mehdi klopfte ihm väterlich auf den Rücken und beschwichtigte:
- Regen Sie sich nicht auf! Wissen Sie, wenn Sie meine Erfahrung hätten, wären Sie selbst ein Buch! ... Hier gibt es so viele Bücher mit solch klugen Sachen darin, dass Sie nur Ihre Zeit unnütz verplempern würden, wenn Sie ein anderes Buch bestellen. Das Leben ist kurz: man muss nehmen, was es bereithält und nicht auf etwas warten, das man nicht hat!
Der Kunde protestierte leicht geniert angesichts des hohen Alters seines Gesprächpartners:
- Mein Herr, ich bin nicht hier, um mir Moralpredigten halten zu lassen.
Mehdi spielte den Erstaunten:
- Glauben Sie nicht, dass man gerade in der Jugend die Geschenke annehmen sollte, die das Leben bereithält? Anstatt irreellen Dingen hinterherzulaufen? Kennen Sie dieses persische Gedicht auf Deutsch:

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute, junge Frühlingsgötter
Tändelnd auf ein luftig Band...?

- Das ist kein persisches Gedicht, das ist Goethe!
- Genau! Goethe, der größte persische Dichter seiner Generation der so eine schöne Poesie geschrieben hat!
Der Kunde war endgültig geplättet, ergriff zwei Bücher vom Stapel und begab sich zur Kasse. Omidvari nahm wahllos einen weiteren Band und überreichte ihn freundlich:
- Ein Geschenk des Hauses.
Dann fragte er die Verkäuferin nach dem Titel.
- Kino und Wahrheit.
- Genau. Sie werden viel Freude an Kino und Werbung haben. Es sind bestimmt auch Bilder drin. Haben Sie Kinder?
- Noch nicht, gestand der Käufer widerwillig.
- Das ist schade! Ein Mann in Ihrem Alter! Sie sind doch bestimmt schon Dreißig?
- Meine Frau bastelt an ihrer Karriere, und ich bin beruflich viel unterwegs, stammelte der Kunde.
- Meine Frau führt die Bücher und bewacht den Samowar. Ich bin auch viel unterwegs und habe trotzdem zwei normale Kinder und eine Tochter, die eine Niete geheiratet hat. Sie kennen meinen Schwiegersohn vielleicht: der Vorbesitzer hier.
- Natürlich kenne ich ihn, ein äußerst liebenswürdiger Mann!
Geschmeichelt, dass man so gut von seinem Schwiegersohn sprach, korrigierte sich Omidvari:
- Genau, eine sehr liebenswürdige Niete. Gut, nun, wo wir uns kennen, machen Sie mir die Freude und Ihrer Frau Gemahlin dann und wann ein Baby. Seien Sie liebevoll zu ihr. Sie sehen, danach brauchen Sie keine Bücher mehr lesen. Ich sag das entgegen meinen Interessen. Aber das Leben, wissen Sie, das Leben finden Sie nicht in Buchhandlungen.

Rausch Wortsetzung - 44 -

von Eufemia Pursche E-Mail

Wer bist du?

Ich bin niemand. Niemand, so wie der Name den Odysseus murmelt. Den der Wind weiterträgt an den Baum.

Niemand?, wundert sich der Vogel. Wirklich niemand? Nicht mal der Mensch oder sein Spiegelbild? Ich erinnere mich an deinen Namen.

Vergiss ihn. Ich bin nur Schrift die die Seiten der Welt füllt. Mit Worten die andere erfanden. Ich bin niemand als du selbst, wenn du mich mit der Liebe liebst, die ich dem keimenden Morgen bisweilen diktiere.

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von Eufemia Pursche E-Mail

das Himmel-und-Hölle Spiel des Vergessens. Acht Kästchen von der Erde bis zum Himmel: die Regeln sind streng und die Prüfung immer gleich. Man muss gut zielen können, darf nicht auf die Linien treten, sein Gleichgewicht nicht verlieren, nicht stolpern. Wissen, wie man seine Runde zieht wenn der mit eigenen Illusionen beladene Stein sich im Kästchen irrt. Im Fall des Falles wieder bei Null beginnen. Das ist das Himmel-und-Hölle Spiel des Lebens. Von der Erde zum Himmel acht Kästchen plus eins: das Gefängnis der Hölle. Es dient als eventuelles Vorzimmer des Paradieses. Als ob der ursprüngliche Fall nicht reicht, als ob es nötig sei, ständig an den Preis zu erinnern, der dafür zu zahlen ist um sich die Früchte des Garten Edens vorzustellen... Es gibt kein Fegefeuer im grünen Paradies der Kindererinnerungen. Die Dinge sind schwarz oder weiß wie die Kreidestriche der Kästchen auf den Gehsteigplatten ...
Ich will das Ziel erreichen, Erde und Himmel zu verbinden. Die Quadratur der Zeit überwinden. Und das alles hüpfend auf einem Bein unter dem unerschütterlichen Blick der Sterne ...

Rausch Wortsetzung 43

von Eufemia Pursche E-Mail

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Rückwärts, rückwärts, Narziss
Dreh dich, dreh dich wie der Schlaf

Die Scheiben gleichen
Inneren Bildern
Abgesägter Bäume

Diskuswerfer wird Tellerwäscher

Federstrich ohne Illusion

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von Eufemia Pursche E-Mail

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Aragon

Tous ceux qui parlent des merveilles

Le peintre assis devant sa toile

A-t-il jamais peint ce qu'il voit

Ce qu'il voit son histoire voile

Et ses ténèbres sont étoiles
...

Son regard embellit les choses

Et les gens prennent pour des roses

La douleur dont il est brisé

aus: Celui qui dit des choses sans rien dire.

Chance

von Eufemia Pursche E-Mail

Au plus épais de la foule
mon amour s'est baissé
pour ramasser une heure
cachée dans ta mémoire

Ende - 3 -

von Eufemia Pursche E-Mail

3

Vanessa hatte sich halb beruhigt. Nur halb, denn sie hatte einen Anwalt eingeschaltet, um Dennis einen reinzuwürgen. Ich warf ihr vor, unehrlich, unverschämt und reaktionär zu sein. Aber das schien sie nicht zu stören. Seit drei Wochen schmückte sie sich mit einem neuen Brasilianer. Da sie sich nicht über sein Auftreten beklagt, wird er wohl die nächste Zeit als schmückendes Beiwerk an ihrer Seite bleiben dürfen. Es ist der helle Wahnsinn, wie Vanessa auf Männer wirkt. Seit Dennis sie verlassen hat, nimmt ihre Männer raubende Seite überhand. Wo das noch hinführen soll? Sich nicht vor den Altar, denn dagegen spricht ihre Treueallergie.
Ich würde Dennis am liebsten ins Gesicht springen wegen seiner Bemerkung, ich habe Schwierigkeiten damit, einen anderen für mich entscheiden zu lassen. Diese alte Wut hat nichts mit Vanessa zu tun, rede ich beruhigend auf mich ein. Und wenn er Recht hat? Dieser Mann will mir nichts Böses. Er liebt mich. Dennis fixiert mich als verstünde er meine Zerrissenheit. Habe ich wirklich Lust darauf, geliebt zu werden? Es wird Zeit, mir diese Frage zu beantworten.

Ende

Rausch Wortsetzung 42

von Eufemia Pursche E-Mail

-42-

Ich, Cora Soptin, sitze auf dem Stuhl. Ich hebe den Kamm auf und kämme meine Haare; sie sind schwarz wie die Nacht und kurz wie der Schlaf. Wenn der Kamm das Ende erreicht, beginne ich von neuem: von oben nach unten, von hinten nach vorne, einmal, zehnmal, hundertmal. Das ist der beste Weg. Der Arzt hat gesagt, dass ich abends mein Haar hundertmal kräftig kämmen soll, damit das Blut unter die Haut fließt und es darunter festgehalten wird. Aber ich reiße mir noch mehr Haare aus. Dann reihe ich sie in einer Linie auf meinem Frisiertisch aus und zähle sie. Ich werde müde. Ich höre auf, zu zählen. Der Doktor sagt, ich solle das Zählen sein lassen; weil dies meinen Kummer vergrößert und das Zählen ihr Ausfallen ansteigen lässt, jeden Abend mehr als am Abend zuvor.

„Hundert, hundertzehn, hundertzwanzig, hundert.... “

Aber ich kann die Augen nicht davon abwenden. Die Anzahl der toten Haare sagt, wie der Tag vergangen ist. Wenn es viele sind, bedeutet das, der Tag schwer war, und wenn der Tag schwer war, wird ihre Anzahl bestimmt groß sein.
Im Spiegel sehe ich meinen Mann: er geht zu seinem Schreibtisch, setzt sich dahinter, nimmt seinen Füller auf und zieht Papier hervor. Wie sehr liebt er seine Arbeit! Auch ich liebe ihn sehr, aber ich bin nicht sicher, ob er es weiß. Ich öffne den Mund, um es ihm noch einmal zu sagen. Meine Stimme verhaspelt sich in meinem Hals; sie kommt nicht heraus. Vielleicht kommt sie auch heraus, aber mein Mann hört sie nicht. Ich prüfe noch einmal. Ich öffne meinen Mund, aber bereue es sofort und beginne wieder meinen Kopf zu kämmen.

„Hundertzwanzig, hundertdreißig, hundert...“

Das Ausfallen von Haaren hat siebenundachtzig Ursachen oder vielleicht auch achtundsiebzig Ursachen von denen nur ein paar bekannt geworden sind: Nährstoffdefizit der Nahrung, bakterielle Erkrankung, plötzlicher Gewichtsverlust und nervöse Unruhe. Aber ich bin ein ruhiger Mensch; mein Mann sagt das. Ich weiß, dass er zur Ausführung seiner Arbeit seine Ruhe braucht, ein ruhiges Haus, eine ruhige Frau.

Normalerweise verliert ein Mensch sechzig und hundert Haare am Tag. Der Doktor empfahl: „Essen Sie gut und schlafen Sie ausreichend“. Damit ich gut schlafe, zähle ich die Sterne: „ein Stern, zwei Sterne, drei Sterne...“

Meine Augen wandern über den Tisch auf die Haarreihe und ich fahre fort zu zählen: „Vier Haare, fünf Haare, sechs Haare...“

Vorgestern fragte Asle aus Spaß: „Erstreckt sich auf deiner Kopffläche eine Autobahn?“ Sie hatte recht, durch die ausgefallenen Haare zeigt sich die Kopfhaut immer offener. Paul lachte schallend. Es ist schon lange her, seit ich ihn so lachen sah. Durch sein Gelächter fing ich auch an zu lachen und lachte heftig. Trotzdem zählte ich an diesem Abend hundertfünfundvierzig tote Haare.

Ich werde meine Haare überhaupt nicht mehr zählen; das habe ich mir vorgenommen. Ich stehe auf, um im Haus herumzugehen. Mein Mann ist schwer beschäftigt. Mit welcher Geschwindigkeit die Worte von der Spitze seines Füllers herunterstürzen. Ich nähere mich ihm. Ich möchte mit der Hand über sein lockiges Haar streichen, aber ich fürchte, die Wörter zu erschrecken und sie aus seinem Gedächtnis zu vertreiben. Ich bleibe eine Zeitlang so neben ihm stehen. Er schenkt mir keinerlei Beachtung. Er sagt von sich selbst: „Wenn ich arbeite, ist mein Geist in einer anderen Welt.“ Ich kehre zum Spiegel zurück. Ich will die Hand ausstrecken und die ganzen Haare vom Tisch wegwischen, aber ich tue es nicht. Ihr Zählen beruhigt mich und trägt meinen Geist an einen anderen Ort: „Hundertvierzig, hundertfünfzig, hundert...“

Die toten Haare erinnern mich an tote Menschen, die toten Menschen erinnern mich an tote Mütter, die toten Mütter erinnern mich an meine Mutter, die noch nicht tot ist, aber es ist schon lange her, seit sie ihren Fuß in unser Haus gesetzt hat, und wie eng wird mir das Herz um sie.

Das ächzende Geräusch des Stuhles lässt mich auf einen Schlag zu mir kommen. Eilig wische ich meine Tränen ab. Ich weiß, dass es meinem Mann vom Weinen schlecht geht. Alle Künstler sind so. Sie sind gefühlvolle Menschen, und die kleinste Sache beunruhigt sie, und sie sind darüber verärgert. Das sagt mein Mann, und ich glaube ihm. Ich glaube überhaupt alles, was er sagt. Das sagt meine Mutter. Bevor ich die Gelegenheit ergreifen kann mich zu sammeln oder zumindest die Haarsträhnen auf dem Tisch wegzuräumen, sehe ich ihn über mir stehen. Der Kamm gleitet langsam durch meine Finger und fällt auf den Boden vor meine Füße. Gott sei Dank hat er nichts bemerkt. Ich frage: „Löwe oder Beute?“ Er antwortet mir nicht. Er lächelt nur. Ich weiß, dass er Löwe ist; er ist immer Löwe. Für einen Augenblick nimmt er meine Hand zwischen seine Hände, und streckt sich danach aufs Bett aus. Als er einige Zeit später wieder aufsteht, bin ich noch müde und bleibe zusammengerollt in einer Ecke des Bettes und folge mit geschlossenen Augen dem Geräusch seiner Pantoffel. Er bleibt einen Augenblick neben dem Frisiertisch stehen. Dieses Mal sieht er meine Haare. Er wirft mir einen halben Blick zu, grinst hämisch und geht: um über Totes zu lachen, muss man hartherzig sein, selbst wenn er Künstler ist. Einen Augenblick später ertönt das Geräusch der Toilettenspülung, und ich presse den Kamm wieder fest zwischen meine Finger: „Hundertundsechzig, hundertundsiebzig, hundert...“

Ende - 2

von Eufemia Pursche E-Mail

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Das Kind träumt vor der Weltkarte. Es hört nicht auf, sich die Rätsel der Vulkane und Schluchten vorzustellen, der Seen und Steppen, der Inseln und Ufer, der Klippen und Lagunen, der Archipele und Buchten, der Steilküsten und Passhöhen, der Dünen und Moore, der Städte und Weiler. Es reicht, diese Worte allein auszusprechen um es zu entzücken. Es träumt sich fort, und die Poesie der Karten und Briefmarken hat es für immer erfasst. So brechen auch erwachsene Kinder in Gedanken zu nahen und fernen Horizonten auf. Die Abenteuerlust, so starr und reglos sie auch bleiben mag, hält sie besessen wie der Teufel eine arme Seele.
Auch ich höre nicht auf zu träumen, genau so wenig höre ich auf, weiter an meinem Buch zu schreiben. Es scheint, dass mein Buch im Gegensatz zu diesem hier kein Ende finden wird. Außer das Ende vielleicht, wenn Schicksal die Existenz ersetzt.
Der Augenblick ist gekommen um zu schweigen. Und sich auf den Weg ins Morgen zu machen, wie immer suchend und aufmerksam, überrascht, erfreut oder betrübt. Das Weltspektakel geht eines Tages ohne uns weiter, aber so lange schöpfen wir daraus unsere Lust.

Ende

Ende - 1

von Eufemia Pursche E-Mail

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- Man muss Eisen schmieden solange es heiß ist. Hier im Verlag sind alle aufgeregt wie aufgescheuchte Hühner. Ich habe heute Morgen mit Stefan gesprochen; sie planen eine Riesenauflage.
- Ich fass es nicht!
- Doch, doch. Hundert pro. Ich habe auch schon einen Titel für dein Buch.
- Aha. Ich auch. Ich dachte an Gluckenmütter.
- Das geht gar nicht, das ist zu … Das ist nicht … Wusste ich doch, dass du Hilfe brauchst. Im Vertrag steht nämlich …
- Spinnst du? Welcher Vertrag?
- Der Vertrag bindet dich an …
- Wer bindet wen an wen? Rück endlich raus damit!
- Frank Förster.
- Was hat Frank Förster mit meinem Buch zu tun?
- Er macht einen Bestseller draus. Als dein Pseudonym. Und es ist bereits eine ganze Serie geplant.
- Aber das ist MEIN Buch.
- Ach Schätzchen, du bist völlig egal. Für dich interessiert sich kein Mensch. Der nächste Frank Förster wird die Bücher-Charts sprengen! Erscheinungsdatum im Juni. Titel: Noch eine Sekunde, dann … Was sagst du dazu? Ist das nicht genial?

Ende

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von Eufemia Pursche E-Mail

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betrifft meinen Vater. Heute hielt er mir während des Abendessens ein neues Buch unter die Nase. Mein Vater schreibt Gedichtsammlungen auf seinem PC, die er anschließend drucken und binden lässt wie ein richtig berühmter Dichter um sie dann seinen Kindern – also meinem Bruder und mir – zu überreichen.
Ich rede mir gut zu: „Eh sieh an, schon wieder eins.... Jetzt weiß ich wenigstens, von wem ich das Schnellschreiben geerbt habe. Nur sind es diesmal keine Gedichte, sondern Erinnerungen. Gesammelte Erinnerungen an seine Jugend in Prag, an meine Großeltern. Mein Vater ist ein großer Schweiger. Er redet nicht, er schreibt. Daher weiß ich bisher so gut wie nichts über meine Großeltern. Heute Abend lernen mein Bruder und ich sie kennen. Ich sitze am Tisch, blättere im Buch um nicht wieder und wieder auf Dramen, schreckliche Krankheiten, unvorstellbare Armut, erlittene Verbrechen meiner Vorfahren zu stoßen. Nach einer Weile legt mein Bruder die Memoiren aus der Hand, schaut mich an und fasst zusammen: „Weißt du was? Das ist Krieg und Frieden.“ Ich gestehe, dass ich erstmal kichern muss. Erst viel später kriechen Unbehagen und Fassungslosigkeit in mir hoch.

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