Ich stimme für Ratterich Rémy aus Ratatouille
von Eufemia Pursche
Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, überhaupt nicht richtig wahrgenommen zu werden. Ein seltsames Gefühl, vor allem, wenn frau über eine gewisse physische und intellektuelle Masse verfügt. Ok, ich habe vier Kilo abgenommen seit ich mir meine abendlichen Ziegenkäse-mit-Akazienhonig-überbacken-Orgien als Mitternachtssnack verkneife. Und wenn ich dem letzten IQ-Test in einer Revue des Haarkünstlers meines Vertrauens Glauben schenken darf, bin ich in wenigen Jahren von 130 auf Null gesackt. Trotz allem existiere ich noch ein bisschen und verlange, dass die Welt darauf Rücksicht nimmt. Bei Umfragen zum Beispiel. Ich werde nie befragt. Klar gerate ich in Straßeninterviews zu Themen, wie ich zu Kinderschokolade stehe oder ob und wie viele Rollen Toilettenpapier wöchentlich mein zartes Hinterteil bewischen. Aber keiner stellt die Frage, ob ich eher auf George Clooney, Brad Pitt oder den silbergrauen Sean Connery stehe. Diese drei führen angeblich die Beliebtheitsskalen weiblicher Begierde gleichermaßen im akademischen wie nicht akademischen femininen Unterbewusstwein an. Dabei würde ich eindeutig Ratterich Rémy aus Ratatouille den Vorrang geben! Aber mich fragt ja keiner. Mein Wochenhoroskop wirft mir einzelkämpferische Tendenzen vor. Es konkretisiert: „Sie drohen, in Ihrer Partnerschaft zu ersticken und suchen sich den Sauerstoff außerhalb.“ Leute, ich bin SINGLE, mit so viel Sauerstoff um mich herum, wie meine Lungen aufnehmen können.
Falls das nicht langt, kann ich mich außerdem auf das gerade verabschiedete höchst richterliche Gesetz zum Recht auf saubere Luft berufen. Die Düsseldorfer sind da ja schon länger Vorreiter, indem sie Brummis bisweilen die Corneliusstraße verwehren. Mit Feinstaubbelastung haben wir Neusser eh nicht so viel am Hut. Eher mit den Gerüchen der Ölmühlen. Sind die auch im Recht auf saubere Atemluft enthalten? Das wäre ganz prima! Die alternierenden Ausdünstungen nach Sauerkraut und Rotkohl, die das Obertor umwehen, stören mich als echtes rheinisches Pflänzchen dagegen nicht. Sie erzeugen höchstens einen entsprechenden Jöm. Ja ich weiß, ich schweife ab. Meine multiplen neurolinguistischen Synapsen schlagen halt ab und zu gerne Purzelbäume. Da müsst ihr jetzt durch. Das Leben ist kein Wunschkonzert. Mich regt es auch tierisch auf, wenn man mir grußlos auf die Füße tritt oder die Tür vor der Nase zuschlägt.
Das Gefühl der Nichtbeachtung paart sich häufig mit einer unterschwelligen Gereiztheit. Vor allem, wenn ein Nachbar mich daran hindert, genussvoll einer sanften Heavy Metal CD zu lauschen, während er mit einem Panflötenkonzert oder anderer vergleichbar wilden Musik dagegen hält. Oder wenn ein Wackeldackel auf Hutablage Fahrer mir am Straßenrand eine volle Ladung schmutzige Pfütze zu Gute kommen lässt. Leider bekommt er meine Flüche nicht mehr mit.
Besonderes Highlight von Missachtung des Persönlichkeitsrechts sind Kollegen, die mittags in der Kantine dreist die Lieblingshäppchen von meinem Teller mopsen. Hier hilft nur noch das kräftige Zustoßen mit der Gabel in den unbefugten Handrücken. Stimmt, diese Methode ist etwas lautstark. Wie unsere Politiker. Einige von ihnen benehmen sich, als hätte das Volk Papageien gewählt. In Meetings geht es nicht anders zu. Kennt ihr auch den Typ, der anderen ins Wort fällt um das Gleiche in Grün vom Stapel zu lassen? Natürlich viel besser. Glaubt er. Taxis sind auch gute Beispiele für Wahrnehmungsstörungen. Da kann ich mitten in der Nacht mutterseelenallein in einem kanariengelb fluoreszierenden Friesennerz mit wild fuchtelnden Armen auf dem Mittelstreifen „Taaaaaaaxiiiii!“ kreischen bis ich heiser bin – ich scheine unsichtbar für sie zu sein. Vielleicht halten sie aber auch wegen Gebaren und Outfit nicht an?
Was die selbsternannten „besten Freundinnen“ angeht: die lassen sich in zwei unterschiedliche Kategorien einteilen. Der einen geht es gerade mies, die andere schwebt auf Wolke sieben. Beide schätzen deine Fähigkeit, zuzuhören. Einig sind sie sich nur in ihrer Gleichgültigkeit nachzufragen, wie dir zu Mute ist. Die erste schwimmt auf Negativkurs und zieht dich mit hinunter per Detailschilderung psychosomatischer Darmbeschwerden, Mistjob und mangelnder Liebesbeweise des Angetrauten. Die andere lebt in einem Euphorieflash und lässt keine Gelegenheit aus zu erzählen warum. Sie hat eine Hauptrolle für eine dreijährige Nachmittagssoap bei einem Privatsender ergattert, muss am Samstag zu einem Kurztrip nach L.A. da es nur dort dieses niedliche Krokomäntelchen für ihre Edeltöle gibt bevor sie sich mit ihrem 17. Verlobten ein Loft anschaut. Bevor sie entschwebt wirft sie dir noch ein: „Du siehst müde und faltig aus. Nimmst du kein Omega3?“, hinterher. Am liebsten würdest du sie vierteilen und per Mail Richtung Down Under schicken.
Am besten coole ich erstmal selber down. „Setze dich in die Sonne. Danke ab und sei dein eigener König.“ Genialer Spruch. Leider nicht von mir, sondern von Pessoa. Passend in einer Welt, die dir grußlos auf die Füße tritt. Ratterich Rémy weiß ein Lied davon zu singen.

28.09.07 13:47:43,