Immer diese Empathie, einfach zum Heulen!
von Eufemia Pursche
Manchmal gibt es diese seltsamen Augenblicke im Leben.
Heute früh, zum Beispiel, nahm eine blonde junge Frau in voller Midtwen-Crisis in der S-Bahn mir gegenüber Platz.
Da sie ein netteres Gesicht hatte als die auf den Rheinwiesen grasenden Schafe, beobachtete ich sie verstohlen und stellte mir ihre Augen vor, die sie hinter einer XXL-Sonnenbrille versteckte. Plötzlich entdeckte ich verblüfft, dass ihr frische Tränen über die noch trockenen Wangen kullerten.
Sie fing einfach ohne Vorankündigung an zu flennen!
Aus Solidarität – Menschen mit Kummer soll man nicht noch durch gute Laune doppelt quälen – vor allem aber, weil ich auf einmal Lust darauf hatte, erfasste ich die Gelegenheit beim Schopf, über alle Widrigkeiten des Lebens zu reflektieren und ließ mich nicht lange bitten. Ihr müsst nämlich wissen, dass ich nicht gerne alleine heule, dabei langweilen sich meine Tränen.
So weinten wir beide also schweigend vor uns hin und schauten der Landschaft zu, die sich unseren überschwemmten Augen jenseits des Zugfensters darbot. Obwohl mein klarer Durchblick etwas gelitten hatte, bemerkte ich, dass die Rheinwiesen mittlerweile der rustikalen Schönheit des Bilker Bahnhofes Platz gemacht hatten.
Die Blondine hatte wohl einen VHS-Kurs in Sachen öffentliche Trauerbezeugung abgelegt. Jedenfalls machte sie keinerlei Anstalten, in ihrer Tasche, Klammer auf rosa mit malvenfarbigen Applikationen Klammer zu, nach einem Tempotaschentuch zu kramen. Ich dagegen wühlte wegen meiner kratzenden und brennenden Bäckchen hektisch (und vergeblich) in meinem Beutel (khaki und beige).
So musste schließlich mein Handrücken zur Spurenbeseitigung herhalten. Hatte ich eine Wahl? Zuerst dachte ich an mein T-Shirt; unglücklicherweise hatte ich heute morgen vor dem Kleiderschrank unbewusst entschieden, Trauer zu tragen. Schnotterspuren auf Schwarz? Never ever! Ich muss schließlich Rücksicht auf die Befindlichkeit meiner Kollegen im Büro nehmen.
Plötzlich riss mich mein Gegenüber aus meinen Überlegungen, zauberte ein Päckchen Mentholschnäuztüchlein aus der Jeans, blies kräftig in eines hinein und stieg an der Friedrichstraße aus. Die Gute arbeitet vielleicht bei der Westellbeh oder bei Schteppschtones. Jedenfalls ließ sie mich schöde zurück. Ohne einen weiteren Blick und ohne ein Tempo. Das Tempo, mit dem sich manche Menschen von ihren Gefühlswallungen erholen, hinterlässt bei mir einen semidebilen Ausdruck in Form eines offenen Mundes. Boah, eh!

01.07.05 09:32:06, 