Post midlife

von Eufemia Pursche E-Mail

Wenn der Arzt am Sterbebett verkündet: „Das ist das Ende“, ergänze ich: „…vom Lied“. Immerhin habe ich meinen Körper der Wissenschaft der Künste vermacht. Sie hat mein Angebot zurückgewiesen.

Was mich beim Gedanken an den Tod am meisten stört, ist die Tatsache, dass nicht der Hauptbeteiligte den Zeitpunkt bestimmt.
Sobald man mich also auffordert: „Stirb, Frank Förster!“, weiß ich nicht, ob ich Lust habe, gleich zu gehorchen. Wenn mein letztes Stündlein zur Neige geht, werde ich tief einatmen und so lange wie möglich die Luft anhalten. Im Schwimmbad schaffte ich mal dreieinhalb Minuten. Erst danach werde ich mein Leben ohne weitere Mucken aushauchen.

Auf dem alten Foto sehe ich gar nicht so übel aus. Ein Draufgänger mit einer schwarzen Wuschelmähne. Einmal habe ich sogar versucht, meine Haare zu zählen, aber keine Chance – es waren zu viele. Heute sprießen nur noch wenige auf dem Kopf, darunter ein einziges dunkles Haar. Ich sollte den Fotografen wechseln, der alle zehn Jahre meine Passfotos schießt. Mein morgendlicher Blick in den Spiegel verkündet ebenfalls kein taufrisches Antlitz. Dabei ist er schon alt und ein wenig angelaufen, der Spiegel. Mein Gesicht ist von Falten zerfurcht, erste Altersflecke zeigen sich auf der welkenden Haut, Kinn und Hals hängen herunter. Ich gleiche einem alten Rhinozeros. Bald werden die Kinder Angst vor mir haben. Ich finde mich hässlich. Weil der Herbst beginnt? Im nächsten Sommer wird es nicht besser sein.

Ich gehöre der Generation junge Alte an. Woran man die erkennt? Nun, zunächst die gute Nachricht: sie sind noch da. Der junge Alte ist nicht nur nachts grau. Er ist bepackt mit Taschen an den Armen und unter den Augen, unterwegs auf dem schmalen Grat zwischen Jugend und Alter. Ich siebe Illusionen, spreche einsilbiger, lache, auch wenn ich nichts zu lachen habe. Nur das Denken versage ich mir nicht.

Die Neuigkeit traf mich unerwartet. Wie ein Hammer. Mit allen, die wie ich mit sechzig Jahren den gewohnten Platz hinter dem Busfahrer einnehmen und ihm beim Fahren zusehen, fest überzeugt, eines Tages dessen Platz einnehmen zu können. Später wurden wir Ärzte, Lebenskünstler, Notare, Lehrer, Bäcker, Minister und müssen fortan auf unseren Jungentraum verzichten. Wir hofften auf später. Die Liste unserer verpassten Gelegenheiten wird weiter wachsen. Es gibt Schlimmeres. Den jungen Alten, der sich mit sixty four einen neuen Bus auf Kredit zulegte.
Und dann steht der Rentenbeginn in deinem Outlook. Ab morgen kann Frank Förster den lieben langen Tag relaxen. Rita und die Kollegen haben mir den passenden Sessel dazu geschenkt. Mit einer Reihe von Knöpfen für mehr Positionen als ich in meinem Berufsleben eingenommen habe. Selbst das modische lila Leder lässt den Geruch nach orthopädischen Strümpfen und Pillendöschen nicht verschwinden. Kein Telefon ab morgen, keine Geschäftspost, kein Intranet. Wozu gibt es den Zeitungskiosk? Finito auch die Geschäftsessen und die Weihnachtsgeschenke in Form von Wein, Blumen und Pralinen. Kaum auszuhalten: kein Lächeln mehr. Niemand versucht, dir zu gefallen, keiner lacht über deine flachen Witze. Die Welt dreht sich weiter ohne Frank Förster. Dein Nachfolger hebt sein Glas und trinkt auf deine Gesundheit. Er stand in deinem Schatten, der sich bereits verflüchtigt. Du nippst am schalen Prosecco und redest dir ein, von nun an sei dein Leben fein prickelnd wie Champagner.

Jetzt ist es offiziell. Ich kann es nicht mehr verstecken. Die ganze Welt wird es erfahren. Es steht schwarz auf weiß in der Zeitung und gespeichert im Web bis in alle Ewigkeit. Der Schlag ist hart. Ich hatte ihn nicht so früh erwartet. Das unerwartete Ereignis heißt Timo, wiegt drei Kilo und weint hauptsächlich nachts. Seit gestern ist Frank Förster Großvater. Alle werden mich für einen Opa halten.

Dabei war es doch erst gestern, als ich meine Tochter zum Altar geführt habe. Alle schauten zu. Die meisten werden zum Sektempfang kommen. Zwei Gläser pro Person Minimum. Wie viele Flaschen wird mich das kosten? Meine Tochter ist wunderschön mit den frischen Rosen im Haar. Ich muss sie an einen Jüngeren abtreten. Sympathisch, aber ungestüm. Perlen vor die Säue. Was hat unsere Tochter bloß getrieben, so früh zu heiraten. Meine Frau ist in Tränen aufgelöst. Ich nicht. Obwohl.

Meine Beine schaue ich gerne an. Sie sind normal behaart, nicht besonders außergewöhnlich, außer, dass sie meine sind. Mit sechzehn sprangen sie bei den Bundesjugendspielen einen Meter siebenundfünfzig hoch. Anschließend tanzten sie vor lauter Freude die halbe Nacht in der Jugenddisko. Fünfzig Jahre später tragen sie mich immer noch, wohin ich will. Sicher, sie sind im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich verblasst. Immerhin stecken sie die meiste Zeit in langen Hosen unter dem Schreibtisch. Im Sommer tue ich ihnen manchmal den Gefallen, ziehe eine Short an und lasse sie im Garten von der Sonne bescheinen.

Nimm niemals ein Geschenk von einem Fremden an. Es könnte sich um einen Gerontophilen handeln.
Das grauhaarige Pärchen unter dem blühenden Rosenbogen lächelt dich freundlich an. Auch das Alter hat schöne Reflexe. Sie scheinen dir etwas sagen zu wollen, eine Einladung, ein Geschenk, ein Überraschung.
Unter dem Foto versprechen sie – für ein stattliches Sümmchen – einen all inclusive Service für den Fall deines Ablebens. Deine Familie wird völlig relaxt sich um nichts kümmern müssen.
Der Blick auf den Umschlag bestätigt in gotischen Lettern wie auf einem Grabstein, dass das Angebot sich an dich persönlich richtet.
Zurück an den Absender mit dem Vermerk:
„Zu spät. Empfänger verstorben.“