Aus dem Effeff: Scrabble

von Eufemia Pursche E-Mail

- Förster.
- Frank?
- …
- Ich bin’s, Rita.
- …
- …
- Rita!

Rita lachte leise am anderen Ende der Leitung. Frank hatte ihre Stimme sofort wieder erkannt und von einer Sekunde auf die andere schoss ihm eine Hitzewallung ins Gesicht, die rote hektische Flecken auf seiner Stirn hinterließ. Zehn Jahre seines Lebens durchzuckten sein Gedächtnis.
Frank sah sich erneut auf dem Kreuzfahrtschiff, in Ritas Wohnung, in seinem eigenen Haus. Freude, Leidenschaft, nostalgisches Bedauern warfen ihn aus der Bahn als Rita seinen Namen nannte. Alles war wieder da, zwischen den zwei Atempausen, in denen Rita gespannt auf seine Antwort wartete. Ihr anschließendes helles und verschwörerisches Lachen erschien ihm als erotisches Nonplusultra.

Ihre Geschichte hatte auf einem weißen Schiff begonnen. Zwei Wochen Kreuzfahrt im Mittelmeer, eine Reise, die seine Mutter gewonnen hatte und auf die er sie nur widerwillig begleitet hatte.
Es war heiß und Frank kämpfte ununterbrochen gegen eine ständig unterschwellige Übelkeit an. So lag er die erste Woche hauptsächlich lesend in seinem Liegestuhl und trauerte den festen Wänden seines Zuhauses nach. Frau Förster amüsierte sich prächtig; sie genoss das Programm an Bord. Tag für Tag stellte sie ihrem Sohn neue Bekanntschaften vor, darunter zahlreiche Singlefrauen, die Frank widerwillig begrüßte. Junge, hübsche, weniger hübsche, große, extravagante; Frank sah sich kontinuierlich gezwungen, seine Nase aus dem Buch zu heben um sich mit Frauen zu unterhalten, aus denen er sich nicht das Geringste machte, die aber unersättlich mit ihren Augen an seinen Lippen klebten. Es waren so viele, dass Frank seine Mutter verdächtigte, ihn absichtlich auf eine Verkupplungsbarke geschleppt zu haben. Doch Frau Förster genoss die Reise so offensichtlich, dass er sich schämte und sich ruhigere Leseplätzchen suchte. Sie fand ihn trotzdem immer und wenn er die Augen hob, blickte er an ihrem Arm auf eine neue Schwiegertochter in spe. So sah er auch Rita zum ersten Mal. Sie war damals neunundzwanzig Jahre alt, Frank sieben Jahre älter. Beim ersten Treffen trug sie ein pistaziengrünes ärmelloses Kleid, das gerade noch einen Blick auf ihre wohlgeformten Knie freigab und einen Glockenhut, dessen mit Lochstickerei verzierter Rand ein weiches Licht auf ihren hellen Teint warf. Frau Förster stellte ihren Sohn vor, der sein Buch zur Seite legte und den Neuankömmling mit etwas weniger Widerstand begrüßte als ihre Vorgängerinnen. Am Abend bestand Franks Mutter nach dem Dinner darauf, dass er mit Rita eine Runde Scrabble spielte. Danach verabschiedete sie sich, Frank setzte sich schüchtern vor das Spielbrett und schaute einer zuversichtlich lächelnden Rita in die Augen. Sie hatte sich für den Abend umgezogen, trug nun ein helles Kleid mit einem atemberaubenden Schnitt, der ihre wundervollen Brüste prächtig zur Geltung brachte. Frank konnte einfach nicht anders, als unentwegt in ihre Richtung zu schielen. Er mochte überhaupt keine Spiele und ließ sich die Spielregel von der jungen Frau erklären: „Jeder Buchstabe stellt eine Anzahl Punkte dar, deren Wert beim Auslegen von Wörtern unter Nutzung von Buchstaben, die bereits auf dem Spielbrett ausgelegt sind, addiert werden. Sieger ist der Spieler mit der höchsten Summe.“ Frank verlor die erste Partie, stimmte aber trotzdem einem Revanchespiel am nächsten Abend zu. Rita trug diesmal ein marineblaues Kleid mit goldenen Tressen, die mit ihren gesprenkelten Augen um die Wette leuchteten. Er entdeckte auch die sieben kleinen Sommersprossen auf ihrem Dekolletee. Das Spiel war kurzweilig und leidenschaftlich. Rita sprühte vor guter Laune. Je weiter die Partie fortschritt, desto häufiger suchte Frank errötend ihren Blick. Rita antwortete mit einem befreienden Lachen. Am Ende besaß Frank noch sechs Buchstaben: T-T-T-N-I-E. Er zögerte. Eine schwere Entscheidung. Auf seinem Hölzchen formte er das Wort TITTEN. Das konnte er auf ein rosafarbenes Feld mit doppeltem Wortwert unter Nutzung eines vertikalen Wortes legen. Im Überschlag ergaben das achtzehn Punkte! Unschlagbar! Er hob die Augen, klebte zunächst an Ritas Ausschnitt und dann an ihren Augen. Sein Herz pochte in den Schläfen. Konnte er das Wort TITTEN vor einer Frau auslegen, die ihn mehr als einmal erwischt haben musste, wie er in ihre prall gefüllten Körbchen schaute? Frank fürchtete, dass Rita ihm dies übel nehmen würde. Er zögerte noch einen Moment, dann legte er das Wort NETT, was ihm nur sieben Punkte einbrachte. Genervt vom schwachen Resultat seiner Gesamtpunktzahl, aber erleichtert, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, zog er scharf den Atem ein, als Rita mit seinem N das Wort PENIS auf das Spielfeld legte. Rita warf lachend den Kopf zurück. Fünfzehn Punkte. Sie hatte das Spiel gewonnen. Mit gerötetem Gesicht in einer Mischung aus Verwirrung, Scham, Wut und Anregung gratulierte Frank seiner Gegnerin, die ihm mit durchdringendem Blick dankte. Zehn Minuten später begleitete Frank Rita in ihre Kabine, die sie in der kommenden Woche nur sporadisch verließen.
So begann ihre zehnjährige Beziehung.
Im ersten Monat liebten sie sich Tag und Nacht an allen möglichen und unmöglichen Orten. In den folgenden neun Jahren samstags in Düsseldorf bei Rita und im letzten Jahr in Franks Haus.
Ihre Samstage verliefen sehr schnell nach einem starren Muster. Sie liebten sich, danach tranken sie Kaffee und spielten ernsthaft eine Partie Scrabble. Gegen acht zogen sie sich an, spazierten am Rheinufer entlang und gingen anschließend essen. Wieder zurück in Ritas Wohnung spielten sie wieder Scrabble, doch dieses zweite Spiel niemals zu Ende. Sie spielten nun auf dem Bett mit einer besonderen Regel: Alle Worte hatten einen Bezug zu Sex. So fielen die gewagtesten, provozierendsten Ausdrücke, bis sie nicht mehr an sich halten konnten und übereinander herfielen. Sie liebten sich in einem Chaos aus elfenbeinfarbenen Plastiksteinchen; auf einem bedruckten Wortteppich lebten sie ihre Fantasien aus und brachten LUST, HINTERN, PERVERS durcheinander mit denen sie zuvor gepunktet hatten. Wenn sie erschöpft voneinander abließen, pflückten sie lachend Buchstaben von der Haut des anderen, die der Schweiß der Leidenschaft dort angesogen hatte.
Diese Wochenendbeziehung passte Frank wunderbar in den Kram. Sie zwang ihn nicht, sich gefühlsmäßig über Gebühr festzulegen und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Verlangen.
Nach dem Tod seiner Mutter wurde die Lage schwieriger. Ihre Samstagnachmittage verbrachten sie nun in Franks Haus. Neun Jahre waren verstrichen, Rita war achtunddreißig und wurde fordernder. Frank empfand sie gleichzeitig liebevoller und verwirrender. Sie verlangte nach mehr Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, beschwerte sich manchmal über die Routine ihrer Beziehung und ihren episodischen Charakter. Unter dem Druck der komplizierten Begegnungen schwand ein Teil von Franks Lust. Er mochte Rita sehr, sah sich aber außer Stande, ihr mehr zu geben, als er bereits tat. Immer häufiger diskutierten sie samstags nachts im Auto, wenn Frank Rita zurück in ihre Wohnung fuhr. Rita machte Andeutungen, die Frank wohlweißlich ignorierte. Er begann, die Unterhaltungen im Auto zu fürchten, als aus den Vorschlägen Ultimaten wurden. Rita erklärte sich bereit, mit ihm zusammen zu leben und Frank fand keine Worte für seine Furcht davor, die ihm selbst unverständlich schien. So versuchte er, seine Zuneigung möglichst zu umschreiben und versagte sich die Erkenntnis, das Gefühl könne Liebe sein. Es nervte ihn gewaltig, dass Rita ihm inzwischen offen ins Gesicht sagte, dass sie ihn liebte. Er schwieg geniert und ein wenig beschämt. Wenn Rita ihm zum Abschied die Arme um den Hals legte und ihn innig küsste, verstärkte das Franks schlechte Laune. Rita stieg aus, bestätigte das Rendezvous für den kommenden Samstag und Frank lächelte so freundlich wie möglich, damit sie ihm verzieh. Den Rückweg nahm er kaum wahr in einem Gewühl widersprüchlicher Gefühle und Wünsche.
Eines Abends machte Rita Schluss mit ihm, auf dem Parkplatz vor ihrem Wohnblock. Es war Winter, die kaputte Heizung unterstrich die frostige Stimmung mit kaltem Gebläse. Frank erinnerte sich, wie sehr ihn dieser Schlussstrich geschmerzt hatte. Rita verwies auf ihre beinahe vierzig Jahre, darauf, dass sie ihm die besten zehn Jahre ihres Lebens geschenkt hatte und sie nun Kinder wolle. Sie wollte nicht länger nur die Geliebte des Mannes sein, den sie liebte. Frank hatte als Antwort nur ein linkisches Bedauern parat.

- Ich habe mir gedacht, dass ich dich noch unter dieser Nummer erreiche.
- Ja, klar… Wie du siehst, habe ich mich nicht geändert. Aber was machst du? Wo bist du?
- In Düsseldorf, im Hotel. Also musste ich dich anrufen.
- Ich freue mich sehr darüber! Was für eine gelungene Überraschung! Nach so vielen Jahren.
- Ja… Es ist komisch, deine Stimme wieder zu hören.
- Wie lange bleibst du?
- Ich habe mich noch nicht entschieden.
- Dann müssen wir uns treffen!
- Das hoffte ich auch!
- Aber klar… Wann? Wann immer du willst!
- Morgen.
- Einverstanden. Ich hole dich ab.
- Nein, ich bin um vier bei dir. Passt dir das?
- Wie du willst. Ich freue mich. Wirklich.
- Ich mich auch. Bis morgen, Frank!
- Ja, bis morgen.

Rita legte auf und Frank starrte mit offenem Mund auf den Hörer.

Er ging hinauf ins Schlafzimmer und lehnte sich ans geöffnete Fenster. Morgen war Samstag. Aber ja! Es gelang ihm nicht, sich über seine Gefühle klar zu werden. War er glücklich, oder sperrte er sich gegen das Treffen? Einsamkeit und Routine der letzten vierzehn Jahre hatten ihn schlecht auf einen so wichtigen, emotionsgeladenen und erinnerungsbehafteten Besuch vorbereitet. Frank hatte sich in weiblicher Gesellschaft nie sonderlich wohl gefühlt und abgesehen von einigen Jugendsünden und einer Handvoll späterer Reinfälle mit Kurzaffären war Rita die einzige lange Beziehung seines Lebens gewesen. Erst nach dem Bruch war ihm klar geworden, wie wohl er sich in ihrer Nähe gefühlt hatte.
Frank spürte auf einmal die hereinströmende Kälte. Schaudernd schloss er das Fenster und rieb sich die Hände. Nun war er sich sicher, dass ihn der Besuch entzückte. Er beschloss, sich selber um das morgige Abendessen zu kümmern und ging hinunter in die Küche um eine Einkaufsliste zu schreiben. Zuerst Blumen, dann Ritas Lieblingskekse, natürlich Champagner und ihren Lieblingswein. Frank lächelte unwillkürlich als ihm klar wurde, dass er die Liste genau so redigierte wie seinen Roman. Er machte Anmerkungen und verfolgte Zeile für Zeile, Abschnitt für Abschnitt die Vollständigkeit der notwendigen literarischen Ingredienzien. Dann fielen ihm Ritas Einkaufslisten ein und er prustete los. Sie war Lehrerin und ihre Einkaufszettel glichen den Gliederungen ihrer Schüleraufsätze mit einer großen 1, großem A, kleinem a usw.

1. MITTAGESSEN

A. Vorspeisen
a: Suppe
b: Salat: Tomaten, Radieschen …

B. Hauptgericht
a: Fleisch
b: Gemüse
c: Beilage

C. Nachtisch
a: Obst
b: Eis

2. ABENDESSEN …

3. GETRÄNKE

A. alkoholisch
B. Mineralwasser

4. SONSTIGES
A. Gewürze
a: Senf, Kräuter
b: Öl, Essig
B. Brot

Frank zerriss seine Liste als er sich an eine andere beruflich bedingte Entgleisung Ritas erinnerte. Sie war in einem vollbesetzten Restaurant mit lautstark feierndem Publikum plötzlich aufgesprungen, hatte in die Hände geklatscht und dann ein durchdringendes „R U H E ! ! !" gebrüllt. Frank könnte sich noch heute auf die Schenkel klopfen über Ritas anschließenden erschrockenen Gesichtsausdruck vor der verblüfften gemaßregelten Kulisse.

Dieser Freitag glich einer wunderbaren Reise in die Vergangenheit. Frank gestand sich ein, dass die zehn Jahre mit Rita die glücklichsten seines Lebens gewesen waren. Je tiefer er in die Erinnerungen eintauchte, desto unbestreitbarer füllte ihn diese Gewissheit. Als Frank vor dem Schlafengehen nackt vor dem Badezimmerspiegel stand, rief er sich Ritas Körper ins Gedächtnis. Er sah ihn vor sich, in der ihr eigenen Stellung, die sie immer nach der zweiten Scrabble Partie einnahm. Nackt, rechts neben ihm, noch atemlos, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, glichen ihre Arme einem zerbrechlichen Schmetterling. Auf der Stirn klebte eine feuchte Haarsträhne, ihre Augen schauten zur Decke, die Wangen waren gerötet und ihr Mund formte ein andauerndes Lächeln auf den Lippen. Ihre glatten Achseln schimmerten perlgrau nach der Rasur. Sie glichen zwei geheimnisvollen Tälern zwischen den zarten Armen und dem Rand ihres sich hebenden und senkenden Brustkorbs. Ihre Brüste quollen in dieser Rückenlage üppig zur Seite, zwei saftige helle Wonnen, die sich im Takt des noch kurzen Atems bewegten. Manchmal blieb eine der Brustwarzen gespannt aufrecht stehen, während die zweite sich zusammenzog wie ein Einatmen der Haut. Die sichtbare zuckte in Spasmen, die andere kuschelte sich faul ins Zentrum ihres dunklen Warzenhofs. Ritas Bauch war fest und weiß; nach dem Anspannen der Schenkel glich er einer zarten Membran, die sich zum Nabel abrundete. Ein Lichtspalt kroch zwischen Laken und hohlem Steiß und gab den Blick auf die Kontur des prachtvollen Hinterns frei. Unter dem Nabel bildete der Bauch eine leichte Kuhle bevor er zum Venushügel anstieg, der dann zur verborgenen Freude zwischen den Innenschenkeln glitt. Frank hielt abrupt in seinen Wachtraum inne als seine Augen den eigenen Körper bewusst im Spiegel wahrnahmen. Die Erinnerung an die junge, knackige Rita erschien ihm angesichts dessen, was aus seinem Körper geworden war, unerträglich. Er betrachtete seine eingefallene Brust die wie zwei müde Dreiecke Richtung Bauch absanken. Einige graue Härchen kräuselten sich in der Mitte seines Thorax, und die Brustwarzen wurden von ein paar überlangen Haaren umrahmt. Sein Bauch war wirklich hässlich, die dicke Wampe eines ansonsten mageren Alten. Seine Taille verlor sich in diesem Fettgürtel. Die Knie spitz, die Beine Krampfader übersäte Staksen. Der Anblick seines Geschlechts deprimierte ihn wirklich. Verkümmert wegen Inaktivität glich es einer Nacktschnecke. Frank drehte sich zur Seite und prüfte sein Profil. Die Linien seiner Lenden verloren sich im Fett. Sein Hintern war flach und breiter als früher, verwelkt, lächerlich. Danach dachte er an die knackige Festigkeit von Ritas Pobacken, an die selbstbewusste Arroganz ihrer Rundung, an die beiden Grübchen, die ihre Wölbung am unteren Rücken bildeten. Plötzlich fuhr Frank auf und betrachtete sich erneut im Spiegel. Sein verkümmerter Penis durchfuhr ein Zucken. Frank schluckte seine Spucke hinunter als er sich wieder Ritas Hinterteil vor Augen rief. Sein Geschlecht entfaltete sich langsam, es entknotete die Mäander seiner Inaktivität, stieg in Intervallen hoch bis in die Spitze. Frank entwich ein kurzes euphorisches Lachen. Er drehte sich wieder zum Spiegel und beobachtete den Aufbau einer handfesten Erektion. Frank stemmte die Hände seitlich auf die Hüften und betrachtete stolz und gerührt den schwellenden Beweis seiner Männlichkeit.

Rita kam pünktlich.
Frank sprang hoch als er kapierte, dass das schnorchelnde Geräusch vor dem Fenster von einem Taximotor stammte. Die Klingel läutete überrascht und heiser nach ihrem Dornröschenschlaf. Frank wartete einen Augenblick bis er öffnete um nicht den Anschein zu erwecken, er habe auf sie gewartet. Er atmete tief durch. Der Luftstrom beim Ausatmen zitterte. Mit einem breiten, zunehmend natürlich wirkenden Grinsen ging er die Eingangsstufen hinunter und öffnete das Gitter. Rita trug einen beigefarbenen Mantel. Ihre Haare trug sie jetzt kürzer. Sie zögerten beide einen Augenblick bevor sie sich linkisch mit Wangenkuss begrüßten. Frank fand das lächerlich; immerhin waren sie lange sehr intim miteinander umgegangen. Er erkannte sofort ihr Parfum wieder. Ein süßlicher Jasminduft, der eine neue Woge der Erinnerung in ihm auslöste.
Die ersten Augenblicke waren schwierig. Rita schaute sich jedes Detail im Haus an und schien froh, alles unverändert vorzufinden.

- Das Haus riecht immer noch gleich, sagte sie endlich zu Franks großer Erleichterung.
- Echt? Mir fällt das gar nicht auf.
- Doch, wie früher. Ein wenig verstaubt und leicht bitter, ein alt bekannter Duft.
- Ich glaube, es ist der Geruch von Mama. Er wird immer zu diesem Haus gehören.
- Bestimmt. Für mich ist es dein Geruch.

Frank nahm ihr endlich Mantel und Tasche ab. Sie trug ein elegantes hellblaues Kostüm und hatte sich nicht sehr verändert, zumindest weniger als er. Sie war ein wenig fülliger geworden, füllte ihre Kleidung etwas stärker aus, was aber auch am engeren Schnitt liegen konnte. In Modedingen kannte sich Frank nicht so aus. Ihre Fesseln waren jedenfalls unverändert schmal.
Er schlug ihr einen Kaffee vor, den sie sofort annahm. Sie tauschten Banalitäten aus, er über die Schulter rufend in der Küche und sie im Wohnzimmer.

- Dein Garten scheint mir weniger gepflegt, sagte sie nach einer Pause.

Frank goss Wasser in die Kaffeemaschine und schrie als Antwort:

- Ich hatte keine Zeit! Es ist etwas kompliziert, seit ich nicht mehr arbeite. Ich erkläre es dir später.

Er drehte sich um und fuhr hoch, als er Rita plötzlich im Türrahmen stehen sah. Sie lächelte und half ihm, die Tassen und die Kekse ins Wohnzimmer zu tragen. Bevor sie sich setzte, roch sie an den Rosen die Frank morgens gekauft hatte. Er schenkte den Kaffee ein, der etwas dünn geraten war. Sie knabberten am Gebäck als Frank konstatierte, dass das Gebräu ungenießbar sei. Rita stimmte kichernd zu und schlug vor, neuen aufzusetzen. Sie gingen lachend in die Küche und fühlten sich viel entspannter.

- Ich habe das Abendessen vorbereitet. Oder gehst du lieber ins Restaurant? Ich koche besser als ich Kaffee aufschütte.
- Das wird himmlisch. Ich esse lieber hier.

Der zweite Kaffee war eindeutig besser als der erste. Frank entspannte sich und erkundigte sich vorsichtig nach dem Leben seiner früheren Geliebten. Sie unterrichtete immer noch Englisch, hatte aber die Nase mittlerweile davon voll. Der Beruf änderte sich, sie spürte das Alter und empfand die Schüler schwieriger als früher. Ja, sie lebte alleine. Sie hatte einen Mann kennen gelernt, aber die Beziehung war nicht von Dauer gewesen.

- Hast du Kinder? , fragte er mit heiserer Stimme.
- Nein.
- …
- Weißt du, mit neununddreißig Jahren ist es nicht einfach, einen potentiellen Vater zu finden.
- Ja, klar.

Frank überkam ein sattes Gefühl des Versagens. Er fühlte sich verantwortlich für die Leere in Ritas Leben. Aus Egoismus hatte er eine Frau daran gehindert, Mutter zu werden. Zum ersten Mal spürte er, dass es wunderbar gewesen wäre, Kinder zu haben mit Rita als ihrer Mutter.
Sie schwiegen eine Weile, verbunden in geteiltem und verstandenem Bedauern.
Rita unterbrach ihre Gedanken mit der Frage nach Franks Werdegang. Er schlug vor, ihr auf einem Spaziergang alles zu erzählen.

- Ich mag deine neue Frisur, sagte sie.
- Ach, das ist eher Nachlässigkeit.
- Sie ist gut so. Weniger streng und das Grau steht dir.

Sie spazierten langsam die ruhigen Straßen entlang. Dieser Februarabend war kalt, aber trocken. Die Nacht schien friedlich, und Rita schob ihren Arm unter Franks. Sie berechneten die Jahre ihrer Trennung. Frank wurde sich plötzlich seiner sechzig Jahre bewusst. Sie tauschten Erinnerungen aus, über die Kreuzfahrt, Franks Mutter… Frank entschuldigte sich, dass er ihr damals nicht gestattet hatte, an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Er sei lächerlich gewesen mit seinen bescheuerten Prinzipien und ihre Anwesenheit hätte ihm sicher gut getan. Sie unterhielten sich auch ein wenig über den Mann, mit dem Rita zwei Jahre zusammengelebt hatte. Danach gingen sie aneinander geschmiegt nach Hause. Frank war aufgewühlt, sein Herz pochte wie lange nicht mehr. Er verspürte große Lust, Rita in seine Arme zu nehmen und begriff, wie sehr ihm diese Zärtlichkeit in den letzten vierzehn Jahren gefehlt hatte.

Frank verschwand in der Küche um das Essen zuzubereiten. Es gelang vorzüglich. Er hatte schon lange nicht mehr so viel Wein getrunken und wurde redselig. Er erzählte Rita alles: seine Beziehungen, seinen Vorruhestand, seinen vergeblichen Versuch, einen Roman zu schreiben. Er erzählte ihr sogar den Anfang des Buches, die Geschichte des Hauses Lippe. Sie hörte ihm aufmerksam zu und tat ihm unendlich gut. Ein schwerer Stein fiel von Franks Brust. Frank hatte noch nie so viel erzählt und noch viel weniger über sich selbst. Rita bestärkte ihn, dass er noch alle Zeit der Welt hätte, wieder zu schreiben und er sich von einer Niederlage nicht unterkriegen lassen sollte.

- Seit Januar lese ich wieder, und im Frühling werde ich mich wieder um den Garten kümmern. Das reicht mir. Ich brauche nicht mehr, um glücklich zu sein.

Kaum ausgesprochen, wusste Frank, dass diese Worte gelogen waren. Gleichzeitig bedauerte er den Satz als ihm klar wurde, wie Rita ihn auffassen konnte. Er versuchte, sich ungeschickt zurückzunehmen.

- Ich meine das Schreiben. Ich brauche das Schreiben nicht.

Auch das war falsch, zumal ihm bewusst wurde, dass er Rita brauchte, um glücklich zu sein. Sie lächelte und Frank wand sich beschämt in der Furcht, Rita habe in sein Innerstes geschaut. Er setzte das leere Weinglas erneut an die Lippen und spürte in sich ein unbekanntes geheimnisvolles Verlangen, den Rest seines Lebens mit Rita zu verbringen. Sein Herz klopfte so stark, dass er glaubte, Rita könne es hören. So entschuldigte er sich in die Küche, um den Nachtisch zu holen.
Den Kaffee nahmen sie im Wohnzimmer ein. Frank schaute durch die Vorhänge auf die Lichter des Hauses gegenüber. Wie ein Pubertierender vor der ersten Liebeserklärung drehte und wendete er seinen Satz im Kopf, suchte den richtigen Ton, nicht zu brüsk, aber auch deutlich genug. Endlich atmete er tief ein und fragte mit verzerrter Stimme:

- Möchtest du Scrabble spielen?

Rita schaute ihn an und lachte lautlos.

- Glaubst du, wir haben noch das richtige Alter dafür?

Frank lachte, als habe er die Anspielung in ihrer Frage nicht gehört. Doch innerlich wollte er schreien, dass ja, ja, sie noch nicht zu alt seien, dass es nicht zu spät sei, dass er gestern den Beweis vor Augen gehabt hatte, dass er sie begehrte und vielleicht sogar liebte. Er sagte nichts von dem, und sie begannen das Spiel.

Frank wusste wenig von Frauen und fragte sich, ob das Alter ihre Sexualität beeinträchtigte. Aus der Vergangenheit wusste er, dass die zweite Partie Scrabble einmal im Monat zu Ende gespielt wurde; aber damit erschöpften sich seine Kenntnisse auch schon. Konnte eine Frau in jedem Alter Sex haben?
Die Partie verlief brav. Unerträglich brav. Rita führte nach Punkten. Manchmal tauschten sie ein zärtliches Lächeln aus.
Wie durch ein Wunder zog Frank die Buchstaben T-T-T-N-I-E. Er errötete und legte das Wort TITTEN auf das Spielfeld. Rita lachte verschwörerisch und legte das Wort TENNIS, bedauernd, dass ihr diesmal kein P vergönnt war. Sie spürten beide die Freuden der vergangenen Zeit.
Rita gewann das Spiel. Frank wurde es schwer ums Herz. Wie gern hätte er noch an Gott geglaubt um diesem in die Schuhe zu schieben, ihn mit solcher Feigheit bedacht zu haben. Er erinnerte sich, nur ein einziges Mal jemandem seine Liebe gestanden zu haben und das auch nur schriftlich. Damals war er siebzehn und hatte einer Klassenkameradin einen riesigen Blumenstrauß mit einigen erklärenden Worten geschickt. Eine Tat, die ihm vor Aufregung das ganze Wochenende versaute. Am Montag sah er seine Angebetete kichernd mit ihren Freundinnen die Köpfe zusammenstecken, die sein Briefchen von Hand zu Hand weiterreichten.
Rita sah Frank erwartungsvoll an, doch er war unfähig, zu sprechen. Er hätte sich ohrfeigen können!

- Es ist schon spät. Ich werde mir ein Taxi rufen.
- Nein, nein, nein! So lasse ich dich nicht weg. Ich fahre dich selbstverständlich.

Frank half Rita in den Mantel und verfluchte sich innerlich.

Die Autobahn war fast leer. Ein fetter Vollmond beschien die Stadt. Frank, der nachts nicht gerne fuhr, hielt sich auf der rechten Spur. Rita schwieg und schaute starr geradeaus. Einige Fahrzeuge überholten sie mit dem Geräusch riesiger Insekten. Düsseldorf hat sich in den letzten Jahren verändert, dachte Frank, als er das rege Treiben im Hafenviertel zu später Stunde beobachtete. Das Hotel lag in einer ruhigen Seitenstraße. Er parkte vor dem Eingang. Der Nachtportier warf ihnen durch die Glasfront einen verschlafenen Blick zu. Frank schaute Rita an, die seinem Blick ohne zu lächeln standhielt. Frank wusste, dass sie ihm gerade eine allerletzte Chance gab.
Er schaltete den Motor ab, ließ die Heizung aber laufen. Rita blieb stumm und unbeweglich. Frank wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, sie zu vertreiben. Er zitterte, seine Brust drohte, zu zerplatzen. Er liebte wirklich, zum ersten Mal in seinem Leben. Wahrscheinlich zu spät. Man verliebt sich nicht mit sechzig Jahren. Und warum nicht? , murmelte er, um sich Mut zuzusprechen. Er fühlte sich nicht in der Lage, die Stille zu unterbrechen, wusste gleichzeitig, dass er genau das jetzt machen musste. Wie gelähmt schaute er zu, wie sich sein Glück von Sekunde zu Sekunde verflüchtigte.

- Nun gut, leb wohl Frank.

Die Beifahrertür machte ein entsetzliches Geräusch. Frank schloss die Augen und hörte, wie sie zuschlug.

Die Heizung blies kalte Luft ins Wageninnere. Frank lehnte seinen Nacken an die Kopfstütze und verspürte einen inneren Drang, ihr nachzulaufen. Er bewegte sich nicht. Natürlich nicht, dachte er mit schrecklicher Selbstironie. Ritas letzte Worte klangen bitter, traurig, aber voller Zuneigung.

Frank wusste, dass er gerade seine letzte Chance auf ein Lebensglück verspielte. Sein Leben war eine Folge von Fehlschlägen gewesen. Seine Arbeit, seine ständige Weigerung, in vollen Zügen zu leben. Er war kein Schriftsteller geworden und verschenkte nun die Lösung auf alle unbeantworteten Fragen. Er verfluchte sich, als er die Kupplung trat und den Schlüssel umdrehte.

Frank fuhr langsam, beschleunigte dann und bog auf die Auffahrt der Autobahn ein. Der Vorhang war endgültig gefallen.

Wieder zu Hause, ging er direkt ins Schlafzimmer. So erschöpft, dass er wie betäubt war. Er öffnete kurz das Fenster und betrachtete den klaren Sternenhimmel. Dann schloss er die Vorhänge.
Er schlief allein und spürte dies im wahrsten Sinn des Wortes. Sein Schlaf war traumlos, oder er hatte die Albträume vergessen.

Als er erwachte, drang ein bleicher Morgen durch die Vorhänge. Frank fischte mit den Füßen nach seinen Pantoffeln und zog den Bademantel über. Als er das Fenster öffnete, zitterte er vor Kälte und entdeckte den feinen Regen. Der Sonntag begann trübe. Frank lehnte seine Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Auf der anderen Straßenseite schaute ein Mädchen von der gegenüberliegenden Wohnung dem Regen zu. Frank kreuzte seinen Blick und drehte sich abrupt um. Langsam setzte er sich überwältigt von einer endlosen Traurigkeit an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein.

Draußen verschleierte der Regen den Tag. Die Baumspitzen mischten sich mit den grauen Wolken. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte ich mich alt. Trotzdem erschien mir die mir noch vorbestimmte Zeit unüberwindbar lang …