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von Eufemia Pursche E-Mail

Die Einsamkeit wuchert überall. Im Halbdunkel des Pförtnerhäuschens, im Herzen eines sich unverstanden fühlenden Fünfzehnjährigen ebenso wie in dem des Ministers nach seiner Abdankung. Mia besucht regelmäßig das Grab ihres Mannes, der mit seinem frühen Ableben ein weiteres Zeugnis nonkonformistischen Verhaltens an den Tag gelegt hat.

 

Mia, Leiterin der Stadtbibliothek, bewohnt eine mit Büchern vollgestopfte Wohnung in der City. Ein prall gespeicherter E-Reader ist unterwegs Mias ständiger Begleiter. Der Typ vom Nachbargrab geht ihr gehörig auf die Nerven. Der geschmacklose Grabstein mit der Schnörkelschrift „Silke König“ und das Plastikblumen-Potpourri passen so gar nicht zu der kühlen Stele nebenan. Seit dem Tod seiner Mutter lebt Malte abgesehen von sechsunddreißig Milchkühen, vier Katzen und Hofhund Harry alleine auf dem elterlichen Hof. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durch mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand und selbstzerstörerischen Tendenzen. Die Besucherin am Nachbargrab ist Malte suspekt. Ein Tablet PC am Grab! Das muss man sich mal vorstellen! Dazu dieser pinke Schal. Scheint wohl eine überkandidelte Zicke zu sein. Als das Eichhörnchen blitzschnell von einem Grabstein auf den anderen springt um dann mit einem Satz einen Baumstamm hochflitzt, lächeln beide gleichzeitig und sehen sich zum ersten Mal in die Augen.

 

„Wir können ein Stück Weg zusammen gehen.“

 

Das ist die Kernbotschaft, mit der Doktor Daniel Hiebe fast ritualhaft sein Analysegespräch mit Hans-Samuel startet. Vierzig Jahre, Halbwaise väterlicherseits und in absehbarer Zeit auch seitens der Mutter, die mittlerweile im Pflegeheim untergebracht ist. Mit diesem Vornamen war die Kindheit nicht gerade einfach, doch banal im Vergleich mit Hans-Samuels Gemütslage auf der Couch seines Therapeuten. Schlüsselpunkt ist das Tagebuch seiner Mutter, das er bei der Auflösung der elterlichen Wohnung entdeckt hat. Allein der Gedanke daran schnürt…