Rausch-Wortsetzung 90

von Eufemia Pursche E-Mail

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Ich denke, diskutiere, reflektiere, öffne ein Buch. Finde darin dieselben Ideen, diskutiere erneut, spreche immer wieder davon. Am Ende glaube ich an ein Komplott und entscheide mich, alles sausen zu lassen. Den ganzen Kram zusammenkratzen und die Flaschenbotschaft ins Meer zu werfen.
Dichter sind Schauspieler, Cora. Sie wissen nicht, was sie sagen weil sie mit dem verschmelzen, was sie beschreiben. Sie schreiben tanzend und wenn sie in dieser Stimmung sind, können sie erfinden, improvisieren; doch sind sie nicht Quelle ihrer Schöpfungen. Platon hielt den Poeten für die absolute Antithese des Philosophen. Er zitiert das Gute, er zitiert das Schöne; er entscheidet wie in archaischen Gesellschaften über Krieg oder Frieden, verdammt oder verteidigt Treueschwüre, kurz – er weiß nicht, was er sagt. Er vertritt keine eigenen Grundsätze in seinem Schaffen. Diese Verurteilung des Dichters impliziert eine Theorie der Praxis. Er ist unfähig zu objektivieren wenn ihm das Schreiben fehlt und alles, was das Schreiben möglich macht.

Stopp Éluard, damit ich dich nicht falsch verstehe:
Die Poesie war also Ausgangspunkt deiner Gedanken, du beziehst und begrenzt dich auf das Zitieren praktischer Beispiele obwohl sich diese Gedanken auf nahezu jedes künstlerische Schaffen übertragen ließen. In meinen Bildern findest du jedenfalls unzählige Beispiele dafür. Des Weiteren definierst du den lyrischen Schriftsteller als ein Wesen, das etwas Menschliches (Gefühle, Emotionen...) mit seinen Worten überträgt und sich dabei bestimmter Techniken bedient (falls das Dichterlein diese wirklich auf der Pfanne hat). Du entwickelst also eine Art laufender Reflexion, die ich als unausgegoren empfinde. Deinen Argumenten fehlt die Tiefe.

Immerhin brachte mich die Fragestellung in die richtige Richtung, Mirko. Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet, bin vielmehr gespannt auf eure Ansichten. Zwei Dinge zeichnen den Dichter für mich aus: eine Sensibilität für die Welt (damit könnte fast jeder potenziell Lyriker sein; sicher erscheint euch dieses Kriterium diskriminierend für euer Talent, doch ist es nur mein Ausgangspunkt). Zum Zweiten die bestmögliche Meisterschaft seiner Ausdruckskraft oder zumindest die Überzeugung, die ihn dazu bringt, diese Sensibilität für ein künstlerisches Ziel zu nutzen. Fertig ist der Poet.
Die Tatsache, dass das restliche Universum sich ihm mit Macht aufdrängt, manchmal äußerst schmerzhaft, verleitet den Dichter zu dem Versuch, sich zu verbessern. Dazu holt er sich Hilfe aus der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie oder allen zusammen. In technischer Hinsicht besitzt unser Poet bereits ein Profil: sein Werk, oder zumindest das, was er schreibt. Unabhängig von seiner Technik ist es bewusst oder unbewusst Produkt seines Geistes. Was die Wahl seiner Mittel betrifft, da sehen wir unseren Dichter nach kaum getrockneter Tinte oder frisch gedrückter Speichertaste im Clinch mit deren Anordnung und Verwendung. Im Nachhinein Themenwahl, Form, gewählte Bilder und sogar über Fähigkeiten und Fertigkeiten des Schreibens zu reflektieren erscheint mir eine effiziente und einfache Möglichkeit, seine Ausgangssituation zu verbessern. Leider stellen die Schriftschaffenden die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, eine kümmerliche Minderheit dar. Natürlich liegt so eine Selbstbeobachtung und der innere Austausch mit weniger attraktiven und eindringenden Themen nicht jedem. Das Mittel, sich hinter seiner Kunst zu verstecken ist eben zu verlockend.

Cora, warum schaust du so spöttisch?