Rausch Wortsetzung - 89

von Eufemia Pursche E-Mail

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Nein, es hat sich nichts geändert. Ich weiß immer noch nicht auf diese Frage zu antworten, Cora. Es ist das Erkundigen zu Beginn des Tages, bei gemeinsamen Essen, Veranstaltungen, Einladungen: immer wieder findet sich jemand, der nach einem kurzen und hoffnungslosen Atemstillstand mit einem Schlenker die Allerweltsfloskel herauslässt: Und du, was machst du denn so?

Grammatikalisch hat das und du nicht mal den Wert eines ordentlichen Zwischensatzes. Wenn ich recht darüber nachdenke, scheint und du nicht nur da zu sein um die Brutalität der Frage abzumildern. Immerhin stellt sich unser und du geräuschlos und gedämpft in der Schleife des Satzbeginns vor und scheint obligatorischerweise stillschweigend einzubeziehen: Sorry, dass ich dich mit solchen Banalitäten behellige, aber ich schaffe es einfach nicht, still zu sein und außerdem bin ich auch nur irgendwer, und du, was machst du?

Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Es krampft mir den Magen zusammen, ich schnappe nach Luft. Meistens vermeide ich es, den Herausforderer zu schnell eine reinzuhauen. Ein antiker Ehrenkodex zieht bisweilen immer noch eine Aufforderung zu einem Duell nach sich als Folge des hingeworfenen Handschuhs. Natürlich mache ich mir keine Illusionen (was geht es ihn an, was ich mache?). Der Uhrzeiger wandert weiter, ich forsche mit vollkommen idiotischem Ausdruck nach einer Antwort, die trocken irgendeine Beschäftigung umreißt ohne etwas preiszugeben, das sich gegen mich richten könnte. Meine Meisterparade besteht im Gegenangriff: Was verstehen Sie unter ‚was ich mache?’ Welche Details erwarten Sie? Dann folgt mit leichter Verzögerung die Beschreibung dessen, was ich nicht mache und warum ich es nicht mache. Es wird eher schlimmer als besser. Mein Gegenüber fühlt sich verpflichtet, seinerseits zu erzählen, was er macht. Also Jacke wie Hose. Daher antworte ich von nun an auf die Frage: Was ich mache? Ich warte darauf, geliebt zu werden. Für das, was ich bin, nicht wegen meines Terminplans. Ich warte schon lange, habe den Mut verloren, dass meinesgleichen an einer Zahnwurzelentzündung leidet, die ihren legitimen Wunsch, ebenfalls geliebt zu werden ohne etwas dafür zu tun. Nur warten warten bis es vielleicht geschieht.

Du wohnst in der falschen Gegend, Elmar. Bei uns wird dein ganzer Sermon schlicht und ergreifend mit einem Un? gefolgt von Un selbst? abgetan.

Un?

Mhm, un selbst?

Mhm.