Aus dem Effeff: Wünsch dir was!

von Eufemia Pursche E-Mail

„Na los, wünsch dir was!“, drängte ihn die Frau. Frank lächelte. Nach dem Essen fühlte sich sein Magen an wie ein nasser Sandsack. Er war unfähig, zu antworten. So beobachtete er, wie seine Mutter die Kerzen auf dem Kuchen anzündete und dabei gleichzeitig Details seiner schwierigen Geburt vom Stapel ließ. Jemand ließ die Jalousien herunter, und Frank konzentrierte sich auf den Lichtschein auf dem Tisch. Die Frau küsste ihn auf die Wange und wiederholte: „Wünsch dir was!“.
Frank erinnerte sich an die Geburtstage seiner Kindheit. Er hatte sich einen Hund, ein Schlagzeug, ein Rennrad und später Hammerweiber und Traumurlaube gewünscht. Die Wunschfee hatte kläglich versagt. Nichts hatte sich erfüllt. Konsequenterweise beschloss er, besser auf das kindische Gehabe verzichten. Doch im letzten Augenblick drängte es ihn, mit dem gewohnten Prozedere fort zu fahren, und zwar inniger als je zuvor.
Frank wünschte sich ein Haus in Malibu oder am Timmendorfer Strand. Und Frühstück im Bett mit irgendeiner Frau – vorausgesetzt, sie war knackig, fröhlich und Schwedin. Es liefen auch Pferde durch Franks Wunsch. Von einem offenem Kamin und einer Bibliothek mal ganz zu schweigen. Sein Bartwuchs glich nicht länger einem zerfressenen Flokati. Und sein Bedürfnis nach Alleinsein würde er am hauseigenen Strand stillen. Nachbarn suchte man vergeblich, doch seine Freunde besuchten ihn und bewunderten das Haus. Er lud sie zum Barbecue im Garten ein. Die blonde Schönheit flüsterte ihm: „Ich liebe dich.“, ins Ohr. In genau abgemessener Dosierung um den Satz nicht abzustumpfen. Natürlich hatten sie oft sensationellen Sex. Seine Schildkröten- und Weinkorken Sammlung genoss höchsten Ruhm unter Sammlern. Außerdem besaß Frank den IQ eines Klugscheißer Champions. Er hielt ungestraft Vorträge zur Klimaerwärmung und zum lyrischen Imperativ in der deutschen Gesetzgebung. Ab und an wollte Frank sogar in seiner Hightechküche stehen. Umgeben von zwei scharfen Gourmet Assistentinnen, die für die Deko auf den Tellern verantwortlich waren. Unbegrenzte Möglichkeiten eröffneten sich dem Geburtstagskind. Frank atmete tief durch. Allmählich wurde er der Blondine überdrüssig. Sie wurde von einem blutjungen Crawford Verschnitt abgelöst, der im städtischen Arbeitsamt für das korrekte Aufrufen der Wartenummern zuständig war. Die Neue fühlte sich bei Frank wie im Paradies. Wenn man ihre unglückliche Kindheit bedenkt, nicht wirklich ein Wunder. Frank verbrachte seine Freizeit damit, die sieben Hauptsprachen der Multi-Kulti City zu studieren. Die Crawford schenkte ihm einen Sohn, den er natürlich ebenfalls Effeff nannte. Der kleine Frank Förster bekam zur Einschulung ein Delphin Pärchen.
Frank versengte sich beinahe die Haare an den vierzig Lichtern auf dem Kuchen. Er blies, bis ihm die Puste ausging. Bis auf acht Kerzchen erloschen alle Flammen. Die restlichen folgten nach kräftigem Nachladen der Lungen. Alle klatschten und stimmten das unvermeidliche Geburtstagslied an. Frank war höchst zufrieden. Er stieß mit zu warmer Moselwein Plörre auf das neue Jahrzehnt an. Danach schleppte seine Mutter die Geschenke an. Ein Rautenpullunder in grün-blau und ein rot-weiß gestreiftes Hemd. Der Bildband über Sedimentforschung im Oberrheinischen Graben interessierte ihn weniger. Als höflicher Sohn heuchelte Frank jedoch so etwas wie Euphorie. Später lockerte er nach dem opulenten Mahl seinen Hosengürtel und rauchte mit dem Vater ein Pfeifchen und schlummerte dann im Fernsehsessel ein.
Das Geräusch der Wellen weckte ihn. Frank rieb sich die Augen und überlegte, wie er den Tag füllen würde. Dann sprang er entschlossen auf, öffnete die Terrassentür und blickte auf den Strand. Ein prachtvolles Wetter, um mit dem Boot hinauszufahren. Beim Rasieren seines dichten Bartes beobachtete er aus den Augenwinkeln seinen Sohn, der mit dem Hund am Wasser entlang tobte. Rita kam ins Zimmer, sang ihm ein Geburtstagsständchen und dankte ihm für die vielen gemeinsamen Jahre. Heute wurde er vierzig. Gerade als Frank die Kerzen auf der Torte auspusten wollte, hielt seine Frau ihm den Mund zu: „Halt! Wünsch dir was!“

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