Aus dem Effeff: Maskottchen
von Eufemia Pursche
„Ich verstehe nichts von Malerei. Alles was ich schön finde, ist angeblich Schrott. Daher muss ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe.“
„Und was halten Sie von meinen Bildern?“
„Nicht schlecht.“
„Nein, was halten Sie wirklich davon?“
„Wirklich? Wirklich habe ich keine Peilung.“
„Das beruhigt mich.“
Der Maler ließ mich einfach stehen und näherte sich einer Truppe Tunten, die sich um eines seiner Tryptichons scharten. Eine Frau wie eine Granate in seltsamen Klamotten begrüßte mich mit einem Glas in der Hand.
„Sind Sie Maler?“
„Nein.“
„Kritiker?“
„Gott bewahre!“
„Was machen Sie dann?“
„Ich bin Chiropraktiker.“
„Chiropraktiker? Heißt das, Sie manipulieren also aller Leute Nerven?“
„Da ist was dran.“
„Horror! Wie kann man nur so einen Beruf haben? Und was macht ein Chiropraktiker in einer Galerie? Interessieren Sie sich für Malerei?“
„Davon verstehe ich nichts. Ich habe nur eine Einladung erhalten, deshalb bin ich hier.“
„Ich muss Ihnen unbedingt Gilbert vorstellen. Gilbeeeert! Gilbeeeert!“
Gilbert war der Maler, der mich über seine Bilder ausgequetscht hatte. Er kam angetrottet mit aneinander reibenden Knien und leicht abstehenden Armen. Die Finger spreizte er auseinander, als ob er Nagellack trocknete.
„Gilbert, ich muss dir unbedingt den Herrn hier vorstellen. Er ist Chiropraktiker. Wie außergewöhnlich!“
„Wir kennen uns bereits. Wir haben schon miteinander geplaudert. Aber ich habe Ihren Namen nicht behalten.“
„ Ich habe mich nicht vorgestellt. Übrigens heiße ich Förster.“
„Nun, Herr Förster, ich bin entzückt, dass Sie gekommen sind obwohl Sie nichts von Malerei verstehen. Kiiiiiiiiiiiiiiiinder! Vite vite, kommt mal her.“
Eine Truppe in mandel- und pistazienfarbigen Anzügen trippelte herbei. Man hätte sie für Parfümerie Angestellte halten können.
„Jungs, ich stelle euch Herrn Jäger vor. Verzeihung, Herrn Förster, seines Zeichens Chiropraktiker.“
Die Tunten kicherten und flüsterten sich gegenseitig dummen Kram ins Ohr. „Hast du gesehen, wie behaart er ist?“ Die komischen Gestalten gingen mir gewaltig auf die Nerven. Ich bin doch keine Kirmesattraktion! Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit meinen eigenen Händen. Das ist wahrhaftig mehr wert als ihre Schmierereien mit dem Pinsel. Die Hammerfrau kam mir zu Hilfe.
„Sie schüchtern sie ein, Herr Förster.“
„Sie schüchtern mich nicht ein. Sie nerven mich, das ist alles.“
„Wir nerven ihn! Habt ihr das gehört, Jungs? Wir gehen ihm auf die Nerven!“, quiekte Gilbert. „Sie sind ab sofort das Maskottchen der Ausstellung.“
„Jaaaaa, jaaaaaaaaa! Maskottchen, Maskottchen!“, kam es im Chor als Echo.
„Maskottchen? Ich? Was soll das nun schon wieder bedeuten?“
„Na, Sie sind unser Glücksbringer, ein Fetisch sozusagen.“
„Und was muss ich da machen?“
„Ist er nicht niedlich? Bleiben Sie einfach bei uns, und bleiben Sie vor allen Dingen Sie selbst, werter Herr Chiropraktiker.“
Die parfümierten Heinis packten mich am Arm und entführten mich zur Bar, um mir einen auszugeben. Allmählich füllte sich der Schuppen. Ich suchte die Frau in den bizarren Klamotten. Gilbert gestikulierte wild vor einem seiner Werke. Ein nahezu leerer Riesenschinken mit einer ultramarinblauen Porreestange. „Gefällt es Ihnen?“, fragte mich ein himmelblau gewandeter Besucher. Meine Retterin erklärte: „Das ist eine Reminiszenz an Yves Klein.“ Blauer Lauch. Zum Totlachen!
„Und wem sind die grünen Flecken auf dem Bild da hinten gewidmet?“
„Allan Kaprow natürlich! Teardrops in Green Kaprow ist doch am 5. April 2006 gestorben. Sehen Sie seinen Einfluss auf Gilbert?“, mischte sich der himmelblaue Strampler Kasper ein.
Meine Augen suchten verzweifelt nach der Fee.
„Sie interessieren sich wohl nicht für das, was ich Ihnen erzähle?“
„Doch, doch, Sie sind bestimmt ein Kumpel des Meisters?“
„Sie teilen meine Meinung offensichtlich nicht.“
„Ihre Meinung interessiert mich tatsächlich nur peripher. Wie ich bereits gesagt habe, verstehe ich nichts von Kunst.“
„Kunst versteht man nicht, Kunst empfindet man. Ich weiß wirklich nicht, welchen Narren Gilbert an Ihnen gefressen hat.“
Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand in der Menge. Ich arbeitete mich wieder zur Bar durch und bestellte ein schönes kühles Pils. Das zischte! Anschließend wollte ich mich stillschweigend verdünnisieren.
„Nichts da! Sie wollen doch wohl nicht schon gehen?“, hinderte mich der weibliche Traum.
„Ja, ich habe ehrlich gesagt die Schnauze voll von dieser Veranstaltung.“
„Kommen Sie mit, ich baue Sie wieder auf.“
Sie nahm mich an die Hand und durchquerte mit mir die ganze Galerie. Ich ließ ihre Brüste nicht aus den Augen. Sie besaß zwei außergewöhnliche Kompasse. Nach einer Weile begriff ich, dass sie mich zum Damenklo abschleppte.
„Ähm, ich muss zur anderen Tür.“
„Hier ist das ohne Bedeutung. Kommen Sie rein.“
Drinnen steppte der Bär. Vor den Waschbecken und Spiegeln herrschte ein emsiges Plaudern, Kichern und Tratschen. Dort fand gerade eine Weltmeisterschaft im Koksen statt. Meine Begleiterin holte ihren Stoff aus dem Guccitäschchen, legte auf ihren freien Handrücken eine Line und pumpte sich das Zeug mit gekonnter Perfektion ins Nasenloch.
„Meine Güte! Haben Sie einen Turbostaubsauger in Ihrer Nase?“
„Bitte bedienen Sie sich.“
„Ohne mich, danke. Ich rühre so einen Kram nicht an.“
„Sie scherzen!“
„Ich brauche das nicht.“
„Womit kommen Sie dann durch den tristen Alltag?“
„Pommes, Schnitzel und viel Schlaf.“
„Sie sind bestimmt eine Granate im Bett.“, mutmaßte sie während sie ihr Tütchen forträumte. Um uns herum tauschten Männer und Frauen aller Altersklassen Nasen und Gedanken aus. Ich fand das ganz nett. Auch ein wenig lächerlich. Wir verließen die Damentoilette und ich entschuldigte mich für eine Minute. Ich musste noch einen Umweg in die Herrentoilette einlegen. Die Stimmung glich der im weiblichen Gegenstück. Bis auf die Ausnahme, dass sich zwei Typen über dem Urinal gegenseitig einen runterholten.
„Verzeihung.“, räusperte ich mich.
Die Beiden reagierten nicht.
„Ich muss pinkeln.“
Sie rückten ein wenig von der Schüssel weg ohne ihre Fummelei zu unterbrechen. Es ging mir auf den Keks, dass sie mir vielleicht zuschauen würden. Mein Verdacht bestätigte sich. Meistergaffer! Prompt versagte mein Strahl. Ich nahm mir Zeit. Die anderen hielten mich wohl für einen Exhibitionisten, was ihre Erregung sichtlich steigerte. Endlich klappte es doch noch mit der Erleichterung. Als ich den Raum verließ, begann der Kleinere damit, seinen Gespielen von hinten zu beglücken.
„Es ist ja wirklich alles andere als langweilig bei euch.“, sagte ich meiner wartenden Begleiterin.
„Das ist mittlerweile Usus auf Vernissagen. Vor allem, wenn Gilbert ausstellt. Schockt Sie das?“
„Nein.“
Ein platinblond gefärbter Typ kam mit wedelnden Armen angerannt. „Daniel hat einen Immendorff erstanden! Stellt euch das mal vor! Einen Immendorff! Wenn Immendorff es trotz ALS bis zur Preisverleihung im Oktober 2006 in Goslar zur Verleihung des Kaiserrings schafft, wird das Bild eine Kapitalanlage!“
„Immendorff, ist das nicht der Typ der wegen Koks und leichten Mädchen in Düsseldorf zu einer Bewährungsstrafe verknackt wurde?“
„Wie kannst du dich nur mit so einem Ignoranten unterhalten? Deine Hormone spielen wohl verrückt.“, blaffte er erst die Schönheit an meiner Seite an und dann mich: „In Ihrem Busch hat man wohl noch nie von Baselitz, Richter oder Warhol gehört. Sie kennen wohl nur Seidenmalerei, Herr Jäger.“
„Förster.“
„Wie auch immer.“
Ich packte die miese Ratte am Fraß, will heißen, an seinem Samtwams, hob ihn hoch und knallte ihn an die Wand. Er quiekte wie ein abgestochenes Ferkel. Ich versetzte ihm einen Pass mit meinem rechten Knie in sein Gemächt. Er kreuzte seine Hände vor seinem Schritt und ging in die Knie. Seine Augen schossen aus ihrem Orbit. Man hätte meinen können, er habe eine Erscheinung.
„Brutale Bestie!“, beschimpfte mich der Gespiele des Samtjöppchens und half seinem Liebsten wieder hoch.
Gilbert mischte sich ein: „Hat unser Maskottchen bleibenden Schaden angerichtet? Mein Maskottchen ist einfach einzigartig!“ Der Maler streichelte mir zärtlich den Nacken und wandte sich dann wieder seinen anderen Gästen zu.
Die Frau schlug mir vor, sie in die erste Etage zu begleiten.
„Was gibt es dort?“
„Sie werden sehen.“
Als wir die Treppe hochstiegen, blitzten ihre Beine vor meinen Augen. Super Beine! Das war ein anderes Kaliber als der blaue Porree oder die grünen Flecken von Gilbert! Die Frau war beinahe so groß wie ich. Ich wusste nicht, wohin sie mich führte, aber ich wusste, dass ich Lust auf sie hatte. Wir betraten eine Art riesiges Büro mit einer Ledercouch. An den Wänden hingen zahlreiche Bilder. Diese hier gefielen mir.
„Der Besitzer der Galerie scheint ja ein besonderer Hecht zu sein.“, kommentierte ich. „Er stellt unten Scheiße aus und die guten Bilder behält er in seinem Büro.“
„Warm. Nicht schlecht erkannt. Wir sind übrigens gerade in meinem Büro.“
„Die Galerie gehört Ihnen?“
„So ist es.“
„Sie müssen mich für einen absoluten Banausen halten.“
„Im Gegenteil, Herr Förster. Sie haben ein ausgesprochenen Blick für das Wesentliche.“
Sie füllte zwei Gläser und reichte mir eines herüber.
„Welches Bild gefällt Ihnen am besten?“
Ich schritt mit auf dem Rücken gekreuzten Armen etwa zwanzig Werke ab. Lange habe ich nicht überlegt.
„Das da.“
„Das habe ich gewusst.“
„Von wem ist es?“
„Hopper.“
Sie kippte ihren Drink auf einen Zug hinunter. Plötzlich fühlte ich mich unwohl. Die Frau schüchterte mich ein. Ich setzte mich auf das Sofa und sie sich neben mich. Sie puderte sich erneut das Näschen, fuhr mir dann mit den Fingern durch die Haare und küsste mich, dass mir die Luft wegblieb. Ihre Zähne zerbissen meine Lippen. Ihr Atem roch streng, aber nicht unangenehm. Ihre Brüste erwiesen sich von beunruhigender außergewöhnlicher Festigkeit und schienen mich arrogant fort zu stoßen. Ich streichelte ihren kleinen Po. Das mochte sie. Danach folgte ich den endlos langen Beinen. Ihr Hintern brannte. Plötzlich erstarrte ich. Ich war unfähig, mich zu bewegen.
„Du bist ein Kerl!“
„Nicht mehr wirklich.“, korrigierte mich die Frau.
„Und was halte ich da in meiner Hand?“
Sie antwortete mir mit einem sehr zärtlichen Kuss und murmelte: „Kümmere dich nicht darum. Beschäftige dich mit dem Rest.“
Ich zog vorsichtig meine Hand unter ihrem Rock hervor und ließ entsetzt meinen Kopf nach hinten baumeln. Ich wusste nicht, wie mir geschah. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich schloss die Augen. Während sie mit ihrem Mund wunderbare Dinge anstellte, dachte ich an die parfümierten Heinis unten vor der blauen Lauchstange.




28.05.09 08:49:25, 