Aus dem Effeff: Unachtsamkeit

von Eufemia Pursche E-Mail

Frau Brüggemann blickt auf den Lehrerparkplatz, ihr Auto, neununddreißig Jahre täglichen Trott aus Diktaten, Ferienanfängen, Multiplikationstabellen, Übungsarbeiten, Kindergeschrei, Elternabenden und Bastelstunden für die Feiertage.

Bis zum 30. Juni 2006. Ihrem letzten Arbeitstag. Frau Brüggemann betritt lächelnd die 7b, verkündet, dass Mathe heute Mathe bleibt und erzählt ihren Schülern bei Chips und Cola von ihrem neuen Leben.
Am Nachmittag findet die offizielle Verabschiedung statt. Mit warmem Sekt, dem Hausmeister, den Putzfrauen und einigen Kolleginnen. Eine freundliche Bestattung mit ausgetauschten Geschenken und freundlichen Floskeln. Der ehemalige Rektor Herr Wassenberg ist ebenfalls erschienen. Er wird langsam von Krebs zerfressen, aber der Krebs verhält sich altergemäß nicht allzu aggressiv.

Frau Brüggemann würde lieber eine Tour durch die Schule und ihre Klassen machen. Um den Tisch im Lehrerzimmer haben sich auch einige ehemalige Schüler eingefunden. Und die Kinder dieser Kinder. Die Aula wurde nach der Statikprüfung des Flachdaches geschlossen. Man hofft auf Fördergelder aus den öffentlichen Kassen. Die erwachsenen Gäste verhalten sich genau so schleimig wie in alten Zeiten. Sie versuchen, ihr auf Teufel komm raus zu gefallen, als ob ihnen noch Fleißkärtchen in ihren Paninialben fehlen würden.
Frau Brüggemann mochte auch die Faulpelze nicht. Sie verstand sich am besten mit den Träumern. Die verstanden es, zu schweigen und zu lächeln, intelligent zu sein ohne sie in Verlegenheit zu bringen und keinen großen Terz zu veranstalten. Aus dieser Gruppe war heute Rita anwesend. Sanfte Augen, ein ungekünstelter Charme. Natürlich war Rita in Derikum geblieben. Natürlich ist sie mit dem Floristen verheiratet. Einem Blumenhändler, warum nicht? Ihr Gesicht zeigt die Folgen. Frau Brüggemann ist froh, dass sie da ist. Rita beugt sich hinüber, wagt aber nicht, die entscheidende Frage zu stellen. Frau Brüggemann erinnert sich und lächelt.
Die Leute verabschieden sich mit einer scheuen Umarmung oder einem forschen Händedruck. Sogar aufmunterndes Schulterklopfen ist dabei. Rita bleibt noch eine Weile. Frau Brüggemann flüstert ihr zu, dass sie sich genau an das Jahr erinnert. Rita errötet. Rita hat einen Ehemann, eine Tochter, einen lernschwachen Sohn und Kredite für Haus und Laden am Hals. Rita will lieber gehen.

Frank Förster parkt an der Stelle, wo sein Vater ihn morgens am Schultor raus ließ. Es gibt Abende, da zählen Gesten. Frank hat sich verspätet. Er hatte eine Aufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus. Frank erreicht die Schule, als Frau Brüggemann abschließen will. Er ruft sie und läuft mit ausgestreckten Armen auf sie zu. Das sieht ihm wieder ähnlich. Frau Brüggemann ist glücklich, dass er es noch geschafft hat. Dass nach so vielen Jahren wieder etwas passiert. Mit Frank kann sie reden. Sie kann ihm sagen, wie schwer ihr der Abschied trotz allem fällt. Es war Routine, aber eine Routine, die ihr erlaubte, zu glauben, sie existiere wirklich. Verstehen Sie, Frank? Frank macht auf Frauenversteher. Frank ist Schauspieler. Außerdem hat er die Brüggemann immer gemocht. Das erleichtert das Verständnis. Außerdem hat Frank Förster seine Liebe zum Theater durch sie entdeckt. Am Anfang traute er sich nicht. Denn Rita spielte mit im ersten Stück. Die Aufführung fand im Gemeindesaal statt. Siebenundachtzig Plätze. Das Ereignis des Jahrhunderts! Ausverkauft! Der stolze Blick des jüngeren Bruders hinter den Kulissen. Die Eltern, die einen Sohn hinter dem schlechten Schüler entdecken. Fast verständnisvolle Eltern. Anfängerruhm. Und eine verliebte Rita nach der Aufführung. Der Traum des ersten Tages endlich in Erfüllung gegangen. Händchenhalten mit Rita auf dem Schulhof. Und nach dem Fußballspiel der Kreisliga. Frank, der in seinen Träumen einen miesen Anmachtypen vor Ritas Augen in die Schranken verweist. Der mit ihr auf Forschungsreisen geht, mit ihr nachts im Wald spazieren geht. Rita, Rita, Rita, nächtelange Träume von Rita. Auf den Bühnen der Welt. Hochzeit in Las Vegas und danach im Kölner Dom. Nach der Aufführung berühren sich im Applaus endlich die Fingerspitzen eines Jungen und eines Mädchens.

Frank und Frau Brüggemann kehren in den alten Klassenraum zurück. Frank setzt sich auf seinen alten Platz. Wie vor fünfundzwanzig Jahren. Er verweilt in Gedanken. Frau Brüggemann steht an der Tür. Beide sind in ihrer eigenen Welt versunken. Frank dreht sich um und sucht mit den Augen den Tisch, an dem Rita gesessen hat. So wie er es in der 11. Klasse hunderte Mal getan hat.

Frau Brüggemann murmelt, dass Rita Vergangenheit ist. Frank blickt sie erstaunt an. Seine ehemalige Lehrerin entschließt sich zu einer Lüge aus dem Effeff.
„Bevor sie ging, fragte Rita mich, wie es dir geht.“ „Was genau hat sie gesagt?“
„Haben Sie Neuigkeiten von meiner großen Liebe?“
„ … „
„Ich glaube, dass sie vor allem wegen dir gekommen ist, Frank.“

Frank steht auf und sieht aus dem Fenster. Frau Brüggemann überlässt ihm die Schlüssel. „Hier, nimm. Ich brauche sie nicht mehr. Bleibe, so lange du willst.“
Aus dem Klassenraum beobachtet Frank Frau Brüggemann auf dem Parkplatz. Er drückt die Schlüssel fest an sich und die Stirn gegen die Fensterscheibe. Bevor sie in ihren Wagen einsteigt, wirft Frau Brüggemann noch einen Blick auf Franks Auto, auf die Reifen, auf den rechten Vorderreifen, um genau zu sein. Sie glaubt, er habe zu wenig Luft und beugt sich hinunter um nachzuprüfen. Erleichtert kommt sie wieder hoch. Eine einfache Geste. Eine Geste, die einem Erwachsenen im Klassenraum Tränen in die Augen treibt.

Frank Förster auf dem Weg zu seiner Mission. Citychic, offenes Hemd, halblange Haare im Wind, Dreitagebart. Frank überquert die Südstraße, überzeugt, dass es möglich ist, eine Frau zu lieben, die mit einem Floristen verheiratet ist, in einer Bank arbeitet. Ok, in einer Sparkasse, aber immerhin. Frank ist kein Snob. Es reicht, die Frau als Jugendlicher geliebt zu haben. Frank hat alle Zeit, Rita von der Hässlichkeit des Geldes und dem widerlichen Kleingewerbe zu überzeugen. Alles zu seiner Zeit. Keine voreilige Aktionen, keine Mütze mit Augenschlitzen. Es geht um keine Geiselnahme. Und noch weniger um einen Raub. Frank liebäugelt nur mit der Eingangstür. Er überlässt sich dem Luftstrom der Kühlung. Im Innenraum überkommt Frank Förster eine leichte Unruhe, wie immer, wenn er Kontoauszüge einsehen will. Von Online-Banking hält er nichts. Heute ist sein Bammel anders. Es ist Lampenfieber vor Liebe. In der Sparkasse. Er entdeckt Rita am Schalter. Noch zwei Kunden vor ihm.

Rita erkennt ihn sofort. Ihre Finger verkrampfen sich als sie die Geldscheine des Geschäftskunden nachzählt. Rita kennt alle Händler im Ort. Und diese kennen sie. Frank versucht sich mit kindischen Sprüchen abzulenken. Mein Liebling, wir werden die Bank der Zeit knacken und uns Tausende Augenblicke in kleinen Scheinen schenken. Jetzt nur nicht lachen. Frank befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Nun steht er Rita gegenüber. In zwei Tagen beginnt im Theater sein neues Stück.
„Hallo Rita.“
„Hallo.“
„Mein Besuch hat nichts mit der Sparkasse zu tun. Es ist nur, ich habe weiter Theater gespielt.“
„ …“
„Ich wollte dich zur nächsten Premiere übermorgen einladen.“
Frank hält ihr einen Umschlag mit Karten hin. Eine ältere Dame hinter ihm wird unruhig. Rita wirft einen erschrockenen Blick auf den Filialleiter. Sie dankt Frank ohne Umschweife.
„Danke, das ist sehr freundlich. Ich werde versuchen zu kommen.“
„Du kommst?“
„Ich versuche es.“
Rita schiebt den Umschlag in ihre Handtasche. Ihre Lippen zittern. Übermorgen hat sie ihren Spanischkurs. Eine Freundin könnte sie decken. Aber wie lange? Wofür? Ein Schauspiel in Düsseldorf. Die Kinder müssen früh raus am nächsten Morgen. Dann der Verkehr, die Parkplatzsuche. Das unbekannte Gebäude. Die Lüge, die sie ihrem Mann auftischen muss. Die Angst, entdeckt zu werden. Der Kilometerzähler, die Möglichkeit eines Unfalls. Zu viele unüberwindbare Hindernisse für ein wenig Leben.

Frank lässt sich schminken. Zu seinem Schauspielerleben gehören neben einigen Jährchen leerer Kapitel auch das Klacken der Stühle, Zweisterne Hotels, Fastfood in Zügen und Radiowerbung um sich eine Woche Malle zu finanzieren. Franks Augen kreuzen die der Platzanweiserin. Sie schüttelt den Kopf. Und der erste Abend? Und das Schülertheater? Frank atmet durch den Bauch. Er genießt das Raunen des hereinströmenden Publikums. Dann die Stille Sekunden vor dem Vorhang. Das Licht wird gelöscht. Dunkelheit über dem Saal. Die Projektoren auf die Bühne gerichtet. Ein erfundenes Leben nur für euch.
„Noch drei Minuten.“, kündigt der Regisseur an. Frank sucht den Blick der Platzanweiserin. Sie hält die Augen gesenkt. Frank betritt die Bühne und weiß bereits, wie die Dinge sich entwickeln werden.

Rita ist zum Spanischkurs gegangen. Danach hat sie sich um die Kinder gekümmert. Die Kleinen mussten es ausbaden, einschließlich Einmaleins abfragen. Fernsehen gestrichen. Dann schlug Rita ihrem skeptisch dreinblickenden Mann einen Besuch beim Italiener um die Ecke vor, „um auf andere Gedanken zu kommen.“

Während sie eine gemischte Vorspeisenplatte bestellt, überlässt sich Frank dem Applaus. Hinter die Kulissen. Dann noch zwei Vorhänge. Er wird Rita grüßen, die im gleichen Augenblick ihr Rotweinglas umwirft.

Nur eine einfache Unachtsamkeit.
Das Publikum verlässt den Saal.
Der Kellner bringt einen neuen Wein.
Die Unachtsamkeit ist ausgebügelt.

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