Aus dem Effeff: Immer dieses Theater!
von Eufemia Pursche
Immer dieses Theater!
Was mache ich hier bloß? Was habe ich in den Kulissen von Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, überhaupt verloren? Frank Förster auf der Bühne! Ich wollte nie Schauspieler sein! Was habe ich mir da nur eingebrockt?
„Heben Sie bitte kurz Ihr Hemd an.“, fordert mich Stefan auf und befestigt ein Mikrofon. Harry weist Luca an: Öffne den Vorhang drei Sekunden, nachdem der Applaus einsetzt.“ „Geht’s?“, lächelt mir dieser aufmunternd unter seinem Schnäuzer zu.
Ich komme mir vor, als würde ich gleich ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gestoßen. Da ist schon die Ankündigung, bitte die Handys auszuschalten. Die Lichter im Saal dimmen herunter. Ich höre in der Garderobe, wie sich der Raum langsam füllt während Rita mich schminkt. Das Gemurmel der Stimmen, entferntes Lachen, Zurufe, ein Lebensfluss strömt durch die Gänge und überflutet meine Garderobe. Rita deutet auf den kleinen grauen Lautsprecher links oben in der Ecke. „Eine Einstimmung auf dein Publikum.“ Bevor sie meine Haare richtet, kontrolliert Arlette ein letztes Mal mein Kostüm und nickt zufrieden. Das gebrochene Weiß des Hemds wird im Scheinwerferlicht nicht zu hell erstrahlen. Jungfräuliches Theaterleben vor der Premiere. Toi toi toi vom gesamten Team: Rita, Stefan, Arlette, Harry, Luca … Sogar Manni steckt seinen Kopf durch die Tür: „Die Kacke wird schon dampfen!“. Rita beendet den Versuch, meiner kadaverblassen Gesichtsfarbe einen karibischen Teint zu verleihen. Die Stimme im Lautsprecher quakt: „Auftritt in 60 Sekunden!“ Mir geht Paul durch den Kopf. Als Kinder schafften wir es, uns unsterblich zu machen. Anstatt die Sekunden eine nach der anderen verstreichen zu lassen, teilst du die übrig gebliebene Zeit durch zwei und wieder durch zwei und wieder durch zwei … immer wieder durch zwei. Ihr werdet es nicht glauben: es bleibt immer noch etwas zu leben übrig. Das ist das Geheimnis der Ewigkeit.
Diese Nacht bekam ich kein Auge zu. Der Darm beschloss, in Modus Dünnpfiff zu schalten. „Auftritt in 30 Sekunden.“ Gestern Abend rief ich Hannes an und teilte ihm mit, dass ich nicht auftreten könne. „Mensch Frank, das ist doch völlig normal! Du hast noch nie als Schauspieler gearbeitet. Das ist so, als würdest du nach einem zwei Flugstunden Crashkurs in einem Airbus den Vogel von Hamburg nach New York fliegen. Es wäre eher beunruhigend, wenn du kein Lampenfieber hättest.“
„Auftritt in zehn Sekunden.“ Ich halte einen gold angemalten Pokal in der Hand. „fünf, vier, drei…“ Applaus braust auf. „Zwei, eins und raus!“
Du liebst das Vergängliche Frank Förster? Hier hast du sie, deine Ewigkeit minus einer Sekunde.
Riesige Bühne, weite weiße Leere. Ein Holzkasten als Podest. Einige Stühle vor einem Geländer stellvertretend für die Jury. Diagonal zum Bühnenausgang ein roter Teppich. Das Klatschen lässt nach.
Stille.
Endlich beginnt Frank Förster:
„Danke.“
Sein Arm fällt herunter. Verlegener Blick.
„Sie sind wirklich … Wirklich, Sie sind …“
Frank nickt wohlwollend mit dem Kopf und deutet auf den Preis. Er scheint schwer zu sein.
„Ich weiß nicht, wie Sie …“
Er zeigt wieder auf die Trophäe.
„Die Last der Ehre.“
Er stellt die Statue neben sich ab.
„Ich brauche jetzt beide Hände.“
Frank kramt mit der linken Hand in der Innentasche seines Sakkos.
„Ja, ich lese Ihnen jetzt ein kleines …“
Frank hält ein und blickt zur Jury.
„Wenn sie mich früher informiert hätten, könnte ich jetzt eine spontane Rede halten und hätte nicht alles aufschreiben müssen. Auf der anderen Seite hätten sie mich ja nicht schon in meiner Jugend für mein Lebenswerk ehren können. Man sollte Auszeichnungen annehmen, wie sie einem in den Schoß fallen. Sich wie ein funkelnder Tannenbaum schmücken lassen.“
Ein weiter Blick Richtung Jury, erneuter Griff in die Jackentasche.
„Genug geplaudert. Jetzt lese ich Ihnen …“
Frank hält ein.
„Wissen Sie, was ich gemacht habe?“
Pause.
„Am Tag, als ich die Ankündigung erhielt, dass sie mich für die Gesamtheit meines … Wollen Sie wissen, was ich da gemacht habe?“
Verschämtes Lachen.
„Ich habe mir sämtliche Preisverleihungen reingezogen.“
Nicken.
„Um die Danksagungen zu studieren. Ich habe ja keine Erfahrung darin. Filmpreise, Fernsehpreise, Literaturpreise, die ganze Reihe rauf und runter. Fazit: Danksagungen bilden ein eigenständiges Genre!“
Oberlehrerhaft:
„Wie alle Genres, unterliegen auch Danksagungen bestimmten Gesetzen. Es handelt sich hier um ein zentrifugales Genre, mit wellenartiger Ausbreitung. Wie ein Stein, der in den See geworfen seine Kreise dreht, breiten Danksagungen sich kreisend aus und entfernen sich immer weiter vom Zentrum.“
Pause.
„Der Ausgezeichnete dankt zunächst dem innersten Kreis: der Jury ohne die der Preis nicht zustande gekommen wäre, den Bonzen, den Honoratioren, den Promis, VIP’s, der wohlwollenden Presse. Dann ein Dank an den zweiten Kreis: das Publikum, also Sie, die Sie heute Abend hier erschienen sind um sich mit mir zu freuen. Das ist außerordentlich nett von Ihnen! Dann der dritte Kreis: das Team.“
Frank hält den Pokal in die Höhe.
„Ich möchte vor allem meinem Team danken … dem ganzen Ensemble … allen, die … allen, denen ich … allen, ohne die ich nicht … Ich widme ihnen diesen …“
Frank stellt den Pokal wieder ab.
„Es kommt äußerst selten vor, dass ein Preisträger seinem Team nicht dankt.“
Kurzes Grübeln.
„Das unterscheidet uns übrigens von Politkern, besonders von Ministern. Ein Minister spricht nie von seinen Mitarbeitern im Ministerium, er beginnt Sätze mit: Seit ICH das Innen-, Außen-, Wirtschafts-, Finanz-, Kultur-, Verteidigungs-Ministerium übernommen habe … habe ICH die Entscheidung getroffen, habe ICH mich dafür eingesetzt …“
Pause.
„Minister warten auch nicht auf Glückwünsche. Sie beglückwünschen sich selbst.
SICH BEGLÜCKWÜNSCHEN, reflexives Verb. Vorbehalten für Minister. ICH beglückwünsche mich …“
Frank Förster bemerkt, dass er abschweift.
„Verzeihen Sie. Zurück zu den Kreisen. Also, immer in gleicher Reihenfolge. Jury, Publikum, Team. Manchmal auch Jury, Team, Publikum. Aber immer gedritteltes Dankeschön. Schon seltsam, dass die innersten Kreise Menschen vorbehalten sind, die uns am wenigsten nahe stehen. Nehmen Sie mich zum Beispiel. Ich kenne niemanden aus der Jury. Zumindest nicht persönlich.“
Frank blickt Zustimmung heischend ins Publikum.
„Dann kommt der zweite Kreis, also Sie heute Abend. Mhm, genau, was ich fürchtete. Ich kenne Sie nicht. Oder waren Sie letztes Jahr hier. Bei meinem Vorgänger? Ich nicht. Ich habe keine Einladung erhalten.“
Frank runzelt die Stirn.
„Wer war eigentlich mein Vorgänger?“
Stille.
„Habe ich Ihnen eigentlich schon gedankt? Für was soll ich Ihnen eigentlich danken? Weil Sie gekommen sind um mir mit der Jury zu danken?“
Pause.
„Jetzt sagen Sie nicht, Sie sind nur hier, weil sie eine Einladung erhalten haben. Und worin besteht die Rolle des Geehrten genau? Dem Publikum zu danken, gekommen zu sein um ihm zu danken?“
Frank greift erneut in die Innentasche.
„Jetzt aber!
Frank zögert.
„Tzetzetze. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Sie sagen sich: der Typ hat gar keine Dankssagung in seiner Tasche. Sie haben Recht! Ich habe keine Danksagung geschrieben. Das Ganze war ein Gag.“
Frank zieht einen Umschlag aus der Tasche.
„Die Ankündigung des Gags war ein Gag. Der Gewinner des heutigen Abends … the winner is … Ha! ICH.“
Frank blickt versunken ins Publikum.
„Verzeihung. Jetzt müsste ich mich bedanken. Die Jury erwartet das. Und das Publikum hat dafür sogar bezahlt. Öffentliches Strahlen in die Scheinwerfer ist angesagt. Möge die Kultur in diesem unserem Lande blühen … Und wenn mein bescheidener Beitrag … Das ist es! Eine schnelle Anspielung auf die Bescheidenheit des Laureaten. Wenn ich dadurch der Kultur neuen Glanz verleihen kann …“
Pause.
„Nein, das kann ich nicht. Das konnte ich schon als Kind nicht. Muttertag und so, das brachte ich einfach nicht über mich.“
Frank ist den Tränen nah.
„Natürlich liebe ich meine Mutter. Ich mag auch Sie, verehrtes Publikum. Es ist nicht wegen mangelnder Fähigkeit, Zuneigung zu empfinden, aber … Die vorgefertigten Danksagungen für Mama. Erbärmlich. Und da kommen Sie und werfen mir mein …“
Frank greift wieder in die Tasche und zieht zur Überraschung aller eine Handvoll Zettel aus der Tasche.
„Keine Sorge, das ist keine Danksagung. Das ist das Reglement der Preisverleihung.“
Frank setzt sich vor die Jury und liest.
„Ich muss etwas nachschauen. Aha. Da steht es. Genau, wie ich befürchtete. Hier steht es schwarz auf weiß. Die Rede des Preisträgers wir auf fünfundvierzig bis sechzig Minuten begrenzt. Ok, also fünfundvierzig Minuten. Jetzt hören Sie sich das mal an: Die Darstellung sollte alle Kriterien an Spontanität reflektieren. Was ist denn das für ein Satz, bitte schön?“
Ein Zettel fällt auf den Boden. Frank bückt sich und hebt es auf.
„Die Hotelrechnung. Gut, fassen wir zusammen. Ausgezeichnet für die Gesamtheit meines Werkes, also Schluss mit der Faselei.“
Er schaut auf die Uhr.
„Noch zwanzig Minuten. Womit fülle ich diese halbe Ewigkeit, ohne dass der Saal sich leert?“
Frank überlegt.
„Man müsste … Ja … Ja, vielleicht … Aber natürlich, das ist es! Wir sollten die Umstände nutzen um die Genregesetze zu erneuern. Das Genre des Danksagens. Sie und ich. Gemeinsam. Hier und jetzt.“




11.05.09 20:49:36, 