Rausch Wortsetzung 76

von Eufemia Pursche E-Mail

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Du bewunderst Éluard in mir, Cora. Schau, ich habe eine seltsame ansteckende Krankheit gefangen: mein Körper steckt voller Sätze. Durchlöchert von Worten und aufgefressen von Versen wird er nur noch von diesen gefräßigen Kreaturen in Bewegung gehalten die ihn langsam seiner Substanz entleeren. Wörter blühen auf meiner Unwissenheit, verschlingen was ihnen gut erscheint, probieren was ihnen gefällt. Sie existieren an meiner Stelle. Ich empfange das Tageslicht immer schlechter, lebe nicht wirklich in dieser Welt. Mein Herz gehört mir nicht: ich bin eine Satzsammlung.
Ich weiß nicht, woher oder von wem sie kommen. Unmöglich, zwischen denen zu unterscheiden, die ich gerade gelesen habe und jenen die ich in diesem Augenblick schreibe. Meine eigenen Bücher sind mir unverständlich. Ich spreche mit anderen Worten, fühle mich entpersonalisiert wie ein Katalog aus Formeln und Gesichtern. Der Nächste ist mir vertrauter als ich mir. Meine Gedanken sind ausgeschaltet, ersetzt durch eine adoptierte Musik.
An diese Krankheit habe ich mich nach und nach gewöhnt. Finde sogar eine gewisse Freude daran. ‘Ich’ ist nur wenig. Die Enteignung öffnet eine Chance. ‘Guten Tag’, ‘guten Abend’, ‘wie geht’s ?’, ‘ich liebe dich, liebe dich so sehr, diese Umgangssprache ist vertraut und hilfreich. Ich weiß, dass die Sätze auf mich aufpassen. Anstatt sich auf solide Sicherheiten zurückzuziehen bleiben sie offen. Sie zittern als Rätsel, senden mir eine Einladung.
Wäre ihr Klang so klar, würden sie sich so prompt im Geist fixieren, wenn sie nicht die lächerlichen Wahrheiten formulierten ? Deren leben uns Tag für Tag Disharmonien auferlegt ? Diese Worte machen etwas anderes. Sie singen. Ohne sich dessen bewusst zu sein, schützen sie vor dem Sterben. Sie sagen nichts, das für immer Gültigkeit hat, sie zeichnen Gärten, erfinden einen vollkommen neuen Tag oder schlafen ins Blaue.
Ich will keine Geschichten erzählen. Auf diesen Seiten möchte ich Stimmen von Männern und Frauen hören die ein großes Schweigen anmahnen. Zögernde oder furchtsame Stimmen ohne falsche Klänge. Wie die in Kirchen gesungenen, die zu wissen glauben. Stimmen, die die Götter durchqueren. Wo sogar der Tod seine Stimme erklingen lassen kann trotz gebrochener Knochen. Solche Stimmen erheben sich nur sacht. Man vernimmt sie kaum. Die Liebe verleiht ihnen ein mattes Timbre. Das Herz schlägt ohne Unruh, Pendel, Sand, Quarz, Atomfunk. Sein Murmeln vernimmt nur das aufgelegte Ohr der Seele. Was bleibt, sind weite Strände, Vororte neuer Leben, Gärten nach einem Regenguss. Genug, um lange zu überleben, weniger allein als es scheinen mag ; gebeugt über weiße Blätter oder aus dem Fenster schauend in Kontemplation reinen Blaus.
Ich werde niemals wissen, wer und wo ich bin, Cora. Bin nicht mal sicher, irgendwer oder irgendwo gewesen zu sein. Nicht mal Éluard, nicht mal hier vor Dir. Alle Worte, die ich hinter mir lasse, scheinen mir Erinnerungen eines Mannes zu sein der davon träumt, das Kind zu sein das ich war. Ich klammere mich daran wie an einen Schatten ; nah, ganz nah an mein wahres Gesicht, versuche, es nicht mehr zu verkleiden. Betrachte es beruhigt wie das eines Anderen.
Die Tinte fließt mit den Tagen, zeichnet ihre Zeilen, wendet Seiten, bewahrt Geheimnisvolles für sich, versucht mehr schlecht als recht es nicht zu erwähnen. Wiederholt rosenkranzgleich, genau zu sein im Ungewissen, warten und gehen wie die Worte um sich zu entwöhnen, nicht zu sein.
Das zu lieben, was uns trägt und auflöst. Ereignislose Tage, identische Gesten, verlorene Zeit, Aufgabe falscher Hoffnung. Die Milde des Abends nach dem Regen, alle Kinder, die wir nicht mehr haben werden, die Liebe, die wir nicht mehr leben werden. Kreuz, Kiste, Deckel, gebundene Blumen, inhaltsleeres Schluchzen, feuchte Taschentücher.
Wir schreiben Bücher die uns überdauern, Cora. Das erhöht unseren Kummer. Ich wiederhole auf dem Papier das wenige, das mich ausmacht. Je schöner ein Satz, umso hoffnungsloser macht er mich, umso wahrer wird er. Das was er aussagt, hat weniger Gewicht als das was er wiegt. Es bleibt nur eine nichtssagende Geste, wie wir sie nachts Gleichgesinnten hinüberwinken wenn niemand zuschaut. Eine ängstliche Geste der Liebe, riesig und ohne Ziel.

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