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von Eufemia Pursche
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regnet. Ich renne. Nur nicht zu spät kommen am ersten Tag!
Der Bus fährt mir vor der Nase davon und bedeckt mich zum Abschied mit einer großzügigen Ladung Spritzer. Meine für die Gelegenheit frisch gewaschene und gebügelte ehemals helle Hose ist übersät mit gelben, braunen und grünen Punkten. Bei genauerem Hinsehen: 50% Wasser, 2 Taubenköttel, etwas Spucke, ein wenig Urin, Motorenöl und ein Rest Fritten rotweiß. Eine halbe Stunde Fußmarsch. Ich komme durchnässt, mit rotem Kopf und hechelnd nach den fünf hochgeflogenen Treppen vor dem Klassenraum an und stoße fast mit einem aus ebenholzfarbenen Augen lächelnden Riesen zusammen. „Eh, bist du neu?“ Er nähert sich zu einem angedeuteten Begrüßungsbussi. Ich weiche zurück, als ob die Pest persönlich mich umarmen wollte und versuche, meinen seriösesten Ausdruck anzunehmen: kühler Blick, verkniffenes Lächeln, gestreckter Torso, hochgezogene Nase (die in Brusthöhe dieses charmanten Schülers endet). Meine Stimme verwandelt sich unglücklicherweise in ein leicht gekreischtes: „Nein, ich bin Ihre Deutschlehrerin. Auf die Plätze bitte.“ (Schluck). Er betrachtet mich ungeniert, und sein Gesicht verzieht sich zu einem schallenden Lachen. (Ich bin tausend Orte weit entfernt von hier, auf einer einsamen Insel, umgeben von Schmetterlingen, umgeben von warmem Sand und dem beruhigenden Kräuseln des Meers..)
„... Eh! Wie alt bist du, Frollein?“, „was rauchst du?“ und „bist du cool in den Arbeiten, Frollein?“
(Schokolade, ich brauche Schokolade).
„Ehm, bitte nehmen Sie Platz.“
Zwei drei weitere Hünen lächeln mich begeistert an; ich weiß nicht recht, wieso. Die acht Folgenden, darunter ein Mädchen von 1m80 auf Highheels, gehen an mir vorbei und treten mir fast auf die Füße. Augenscheinlich interessiere ich sie nicht die Bohne. Ein kleines freundliches „Guten Morgen“ lässt mich den Kopf heben. Zwei Mädchen Marke Standard. Verlegenes Lächeln und gesenkte Blicke nachdem ich zurückgrüße.
Na denn – tief durchatmen und ich bin in der, pardon, meiner Klasse.
Drei Reihen graue Bänke. Zwei Fleischerhunde pro Bank. Außer in der ersten Reihe an meinem Schreibtisch ist die Bank mit zwei Lächeln besetzt (das erste bezopft, das zweite mit einem Bubikopf wie in den Seventies).
Panoramablick von einem Lehrerpult. Alles in allem nicht so Aufsehen erregend wie es scheint. Ich gäbe wer weiß was dafür, neben dem Gorilla in der letzten Reihe zu sitzen. Er merkt, dass ich ihn anschaue.
„Wir sind Sportcracks, Frollein! Vier Stunden Schulsport und abends in die Muckibude oder zum Training. Ich spiele Fußball, Dennis, Kevin und Axel Basketball. Die Weiber bladen, reiten oder machen Judo. Und was machen Sie?“
Ich versuche eine wage Erklärung, dass ich durchaus einige Ballettstunden in der Kindheit genossen habe, dass es sogar eine Jogging- und Schwimmperiode gab, aber mit der Brille ist es nicht einfach, wenn man kurzsichtig ist, touchiert man leicht die anderen Schwimmer und dann, wenn man nichts sieht...
RING RING RING ALAAAAAAAAAAAAARM!!! Niemals zuviel von sich preisgeben wenn man als Lehrer ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit behalten möchte. Es ist bereits zu spät. Sie haben begriffen, dass ich auf ihr Spiel Interesse geheuchelter Fragen hereingefallen bin: „Sind Sie verheiratet? Wo wohnen Sie? In welcher Schule haben Sie vorher unterrichtet? Sind wir wirklich Ihre erste Klasse?“
Sie sind zum Sie gewechselt. Das ist verdächtig. Das Ende der Stunde befreit mich Gott sei Dank von den Enthüllungsmomenten meines Schülerdaseins. Meine Lehrerkarriere hat begonnen.
Notizen für später:
- Nicht zu spät kommen
- Mich vorher über die Klassen informieren die man mir gibt um nicht den Anschein zu erwecken, zum ersten Mal einen Zoo zu besuchen.
- An der Stimme arbeiten: sie erheben wenn ich keine habe, hat eher einen schlechten Effekt.
- Klamotten im Stil „junges Mädchen aus gutem Haus“ vermeiden.
- Die Miniröcke mit Mottenkugeln in die hinterste Ecke meines Kleiderschrankes verbannen; ich kann sie eventuell wieder hervorkramen, wenn ich in Vorruhestand gehe.
- Unterdrücken, bei jeder Gelegenheit „geht’s?“ zu fragen. Damit vermeide ich die heute 32 Mal gehörten „sehr gut, und Ihnen Frollein?“
- Eine große Tafel kaufen und zu Hause üben mehr als drei Worte deutlich und lesbar zu schreiben.




01.11.08 12:43:13, 