Rausch-Wortsetzung 71
von Eufemia Pursche
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An dieser Stelle läuft der breite Bürgersteig auf einen kleinen Platz zu auf dem sich acht Kastanienbäume breit machen und zwei Bänke sowie das Café an der Ecke zum Verweilen einladen. Die Tische und Stühle wurden schattig unter einer sonnengelben Markise angeordnet, und weiter hinten blinkt die Leuchttafel eines Kinos. Ort des Vorübergehens oder vielmehr eine kurze Etappe. Seiten öffnen sich dort leicht, Lippen nähern sich freiwillig, und beiläufig umschlingen sich Füße. Hier hat sie angefangen, ihre Geschichte zu erzählen. An diesem Nachbartisch, in der stickigen Hitze des Stadtsommers. Das sich leicht wellende Bitumen des staubigen Straßenbelages und ihr ich weiß nicht was tief Lebendiges ließen sie an diesem Tag ein rotes Leinenkleid anziehen. Hinter der Fensterscheibe sehe ich, wie sich ihre Hände um die Tasse Kaffee schließen, und dann das weiße Stück über ihrem Knie während die Stadt auf das Glas gleitet und sich darauf trifft ohne es zu bemerken.
Dahinter der Eingang einer Passage im Sonnenlicht das zwei krumme Bäume in ihre Zweige nehmen, ein kleines Stück goldfarbenes Gemäuer, die nachtblaue Türe, die weißen Vorhänge, die Blumenkästen voller Geranien.
Bevor ich hier herzog, musste ich meine Bibliothek amputieren. Welch widersprüchlich unwirklicher Tag harter Realität. Die Bücher als wohlgeordnete Menge aus Erinnerungen. Die Entdeckung von siebzehn Exemplaren des gleichen Buches! Das erneute Lesen der Notizen auf allen Blättern. Diese puderige kleine verkürzte Schrift. Vieles hatte ich vollkommen vergessen in den Dreierreihen der leicht durchhängenden Regalböden. Daher brauchte es schon eine gewisse Zeit, bis ich sie wieder hervorgezogen hatte. Vergessene Seiten sind mürrisch und streitlustig. Sie rächen sich, indem sie deinen Blick in ihre kleinen schlecht gedruckten Buchstaben ziehen..... Alles in allem habe ich literarisch versagt mit meinen Aufhängeversuchen. Dabei hatte ich ununterbrochen wiederholt: “Nur das Nötigste und ein bisschen mehr...“ Tatsächlich habe ich nun das bisschen mehr anstatt das strikt (welch absurdes Wort!) Notwendige...
Es gibt Tage, da hasse ich die Stadt. Dann ertrage ich die Gesichter der Menschen an den schmutzigen Scheiben der Straßenbahn nicht. Nicht das Drängeln in der Menge, die Unmöglichkeit der Blicke, den Geruch der Bäckereien den ich doch sonst so liebe, die Anordnung der Straßen. Die Erschöpfung ist ansteckend, schlüpft in den Kaffee den ich schlürfe, in die Seiten des Buches das ich mich zwinge zu lesen, in den Parfumflakon, ins Badewasser. Man müsste fortgehen. Irgendwohin. Nur, um das Verlangen wiederzufinden, zurückzukehren.
Wieder aufnehmen und neu anfangen. Sich Gewalt antun, um an diesen Ort anzudocken, an diese Worte, diese Bücher die wir unbewusst durchquerten. Den Faden der Müdigkeit zerreißen der überleben will. Ins Leben zurück als sei nichts geschehen. Ausradieren und neu schreiben. Ohne dich.
Welche Tragik in ihrer Stimme. Wie ein Ertrinken, ein Ersticken. Die Hände verknotet und fliehend der Blick. Der Kellner spricht sie an, und ich verstehe nichts mehr. Ich sehe nur den Schrei im Blick und könnte weinen.




19.09.08 08:20:16, 