Schattenwäsche
von Eufemia Pursche
Vielleicht eine Liebesgeschichte.
Seine Schuhe klacken auf dem nassen Asphalt. Im Supermarkt einkaufen ist für Frank eine Gelegenheit, kollektive und mystische Erfahrungen zu sammeln. Die Käufer nebeneinander, bewaffnet mit Einkaufswagen oder Korb. Niemand versteckt seine Einkäufe. Es ist offensichtlich, welcher Mann eine empfindliche Haut hat, wer ein Faible für Blutwurst hat, dass Kinder eine Schwäche für Schokoflakes mit Tierbildern auf der Packung hegen, dass die Frau vor ihm Zitronensorbet liebt und trockene Haare hat und die Fertigpackung Lachs auf Reis mit Weißweinsauce auf ihr Singlesein deutet.
Einkaufskörbe geben unsere Intimität preis. Wir wissen alle alles über unsere Badezimmer, Toiletten, Kühlschrankinhalte und Familiengröße. Das unschuldige zur Schau stellen ist eher Regel als Ausnahme. Wir sind wie Kinder und Peinlichkeit ist uns fremd.
Frank hat mehrere Kilos unterschiedlichster Joghurts eingekauft. Linksdrehende, rechtsdrehende, fettarme, fettfreie, Vollrahm, mit Früchten, mit aktiven Kulturen, mit Vanille oder Schokolade, mit Nusskruste, Honig und pur. Er hatte der Eingebung nachgegeben, sich ernähren zu müssen. Warum nicht mit Joghurt? Seine Gedanken dazu schienen noch nicht ausgereift. So hat Frank Förster einen Text verfasst, den er gerne auf den großen Werbeflächen wieder finden würde oder besser noch in einem Werbespot der öffentlich rechtlichen, vorgetragen von einem smarten Schönling: „Joghurt symbolisiert die Lächerlichkeit des Seins. Er ist weiß, fade, voller Bakterien, aber er ist einer der wenigen Dinge, die man verlangen und auch erlangen kann.“
Frank ist ein vehementer Vertreter der Generation Golf. Ein Antiheld, der den Inhalt seines Kühlschranks vergammeln lässt, sich weigert, sein Junggesellenappartement gegen eine Bleibe im Grünen zu tauschen, ein Spinner, der mit einer Grubenlampe auf dem Kopf die Gänge seines Lieblingssupermarkts durchkämmt. Alles in allem ein Idealist, der seinen Weg längst hätte finden müssen, wenn er nicht so neben der Spur wäre. Frank hängt an alt vertrauten Dingen und Gewohnheiten. Sie umhüllt eine Aura von Lebenserfahrung. Neue sind nicht mal pubertär. Sie verstehen nichts von seiner Einsamkeit.
Frank ist es gewohnt, von Frauen verlassen zu werden, die er liebt. Diese Gewissheit ist für ihn größer als die Gravitation. Aber dieses Mal ist alles anders. Als er aus der Redaktion nach Hause kommt, ist es bereits dunkel. So setzt er seinen Helm mit der Grubenlampe auf den Kopf und folgt Kreise ziehend dem Schein durch die Wohnung. Auf seiner Mailbox findet er eine Nachricht von Rita mit der Info, dass sie ihn verlasse. Nur – er kennt keine Rita. Frank Förster zweifelt an seinem Verstand, schiebt Panik, an Alzheimer zu leiden, besorgt sich einen Nottermin bei seiner Therapeutin, telefoniert mit seiner Kartenlegerin Samantha. Nichts zu machen. Er sucht vergeblich nach einer Erklärung und trifft einen ungewöhnlichen Entschluss: Diese unbekannte Frau zurückzuerobern. Wird er die schmale Grenze zwischen Realität und Fiktion überwinden? Seinen Platz in der Welt finden? Welche Alternative hat er schon? Es gibt nur ein einziges Mittel, sie nicht zu verlieren: Ihr keinen Einlass in sein Leben zu gewähren. The two stories agree.
Ein Laster parkt vor dem Blumenladen an der Ecke. Blumen stapelweise. Schöne Gefangene in ihren Gebinden. Frank bestellt telefonisch einen Strauß Sonnenblumen. Er mag das Missverhältnis zwischen ihrem Kopf und ihrem Stängel, ihre Hilflosigkeit und die einfache Schönheit ihrer gelben Blütenblätter.




06.09.08 13:45:51, 