Rausch Wortsetzung 68
von Eufemia Pursche
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Ich sehe, wie sich die Sonne über dem Kamm der Hügel in ihren Schatten flüchtet. Welch zarte Färbung! Nur der Lärm des Wassers im Vordergrund bringt eine Prise Gewalt in dieses Gemälde, das so dunkel wirkt, dass es schon langweilig wird. Trotz allem liegt ein Augenblick echten Friedens über der Landschaft. Die ernsthafte Betrachtung führt nicht wirklich zur Inspiration. Zumindest, was mich betrifft. Cora hat Recht. Für mich ist schreiben immer ein barbarischer Akt. Ein totale Akzeptanz meiner Wünsche und Leidenschaften. Es ist seltsam, wenn ich um mich schaue, scheint es, als ob die zu perfekte, gekünstelte Landschaft sich genau in diesem Augenblick auflöst, verwäscht, verbraucht von all den Blicken, all den Gedichten die solch einen Augenblick bereits gestreift und besungen haben. Es wäre das perfekte Motiv für einen Sonntagsmaler. Mit einer beruhigenden Seichtheit. Nur das Mauve, das durch die Oberfläche des Wassers bricht, hat etwas Interessantes. Ein Malveorange wie bei Van Gogh. Fast ins Rötliche.
Nein wirklich, das ist eine Landschaft für Forellen, ein Gedicht auf Frösche, ein Carpe Dilemma im großen Stil.
Sogar der Kellner, der mir mein Bier bringt, ist zu freundlich, zu lächelnd, zu sauber, zu tadellos. Mich überkommt eine schreckliche Lust, ihm sein frisch gebügeltes Hemd zu zerfetzen, ihm in den Hintern zu treten, ihn zu beschimpfen, zu beschmutzen und seine saubere Plattheit zu zerstören. Solch eine an den Haaren herbeigezogene aufgesetzte Freundlichkeit wirkt immer wie eine Anschuldigung auf mich, wie eine Ohrfeige.
Wo hat er etwas Lebendiges auf dieser aalglatten Oberfläche gesehen? Dahinter verbirgt sich womöglich etwas Perverses. Zumindest hoffe ich das. Für ihn.
Elmar steht auf den Dächern Eurer Häuser und stößt einen barbarischen Schrei aus. Die Wildheit rinnt über die Abhänge Eurer Panzer, türmt sich auf Euren Fensterbrettern, erschreckt Eure Vorfahren, terrorisiert Eure Gespenster, vereist Eure Absichten, schrumpft die Wärme Eurer zivilisierten Wünsche. Und hinter Euren Türen pflanzen sich diese alten Feinde auf, domestizierte Kellerasseln, Lügen, Kompromisse, Vorurteile, Feigheit. Und dahinter der alte Spuk: der lächelnde Prahler ewiger Dummheit.




21.07.08 20:01:46, 