Effeff macht Ferien
von Eufemia Pursche
Endlich habe ich mich in meiner neuen Wohnung eingerichtet; wobei, eingerichtet ist das falsche Wort. Überall stehen noch Umzugskartons herum, doch ich fühle mich bereits sauwohl. Schade, dass ich nur zwei winzige Monate etwas davon habe. Mein Knie ist im wahrsten Sinn des Wortes ausgerastet. Ein undiszipliniertes Kreuzband weigert sich, an seinem Stammplatz zu bleiben. Fußball jenseits der 30 ist eben gefährlich. Ich werde meinen Sommer mit den Wohltaten der Chirurgie und der Reha füllen.
Ach, was geht es mir gut! Noch zwei Wochen Zeit um auch für Rita eine Wohnung in Aachen zu finden. Nach langem Zögern und Kitten unserer Beziehung bin ich bereit fürs Abenteuer. Mit dem Alter verfliegt die romantische Ader, und die Freiheit erhält zunehmend an Bedeutung. Die vorbeigehenden Jahre schüren Ängste in mir, etwas Dumpfes, Überflutendes und dennoch Präsentes.
Ich lasse mir gerne Zeit - um mir vorzumachen, dass ich noch etwas zu erfüllen habe in diesem kleinen Leben das mir geschenkt wurde, und in dem ich versuche, etwas zu schaffen, das einem verdammt chaotischen Glück ähnelt. Ich fixiere nicht gerne eine starre Linie am Horizont. Für mich muss sie in Bewegung sein. Sie muss mir entwischen und ich darum kämpfen, sie ab und zu wieder zu finden in ihrer ganzen Schönheit. Ich habe den Eindruck, dass diese Aktion sich zum Reinfall entwickelt und ich mich immer weiter von den Idealen meiner Kindheit entferne. Das Leben ähnelt im Lauf der Jahre immer mehr einer Anhäufung aus Kompromissen und Verzichten die es zu akzeptieren gilt mit der uns gegebenen Fähigkeit, Dinge philosophisch zu betrachten und zu analysieren. Das gelingt mir mit mehr oder weniger Erfolg.
Wenn ich mich mit Augen und Herz von früher läse, wäre ich sicher sauer auf mich. Schwierig, gegen Windflügel und Hirngespinste zu kämpfen. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich mich in diesem Punkt so ändern könnte.
Heute erscheinen mir viele Dinge unnütz und zwecklos. Ich verbrate viel Energie, klebe in der Wiederholung des täglichen Einerleis. Es fällt mir schwer, Gesprächsthemen zu finden – erklärlich bei meinem Mangel an Affekten. Ich bin weit davon entfernt, mich unwohl oder gar depressiv zu fühlen. Ich bin einfach nur sehr ruhig und resigniert. Jetzt zum Beispiel erzähle ich gerade großen Mist. Und schlecht dazu! Thekenphilosophie. Sogar mein Schreiben, das ich nie als fantastisch, aber zumindest manchmal phantasievoll und lyrisch empfand, verschlechtert sich. Es ist damit ein perfekter Spiegel meines Innenlebens, Frank Försters wahren Gefühlen. Ich bin nicht leer, ich könnte etwas anderes erzählen, meine Begegnung mit Tom zum Beispiel oder mit meinen Bloggerfreunden. Aber auch dazu fehlt mir die Lust. Ich malträtiere meine Tastatur und die Augen der Leser aus Zeitvertreib, weil ich keinen Bock habe, mich schlafen zu legen – eine alte Angewohnheit. Anstatt zu sehr auf das Wunder der Wunder zu warten, geraten wir ins Abseits, ohne Elan und mit engem Herzen und Geist. Vielleicht ist das im Alter unvermeidlich. Was mich leicht beunruhigt: ich bin gerade erst knapp über 30…
Kein Grund zur Panik. Es geht mir gut. Ein neues Jahr voller Abenteuer beginnt in einer neuen Stadt. Ich verstehe mich blendend mit Rita, bin gesund (bis auf das störrische Kreuzband), habe Geld, aktive graue Zellen – was will man mehr? Trotzdem nagen diese Fragen ständig in meinem Kopf. Vielleicht sollte ich die Klassiker des 19. Jahrhunderts mal wieder herauskramen um mich auf andere Gedanken zu bringen.




12.07.08 11:42:51, 