Keine Eile

von Eufemia Pursche E-Mail

Ich habe den von meiner Mutter selbstgestrickten blauen Pullover meines Vaters gefunden. Ich werde nicht frieren. Meine Mutter nennt mich: „Mein Großer.“. Keine Eile.

Mein Junge,

wie lang erscheinen die Sonntage, wenn keine Beerdigung die Langeweile vertreibt. Am Freitag haben wir die arme Magda Lindner auf ihrem letzen Weg begleitet. Erinnerst du dich? Sie verkaufte Schirme und Handschuhe in der Kölner Straße. Das heißt nicht, dass sie kein guter Mensch war; dein Vater und ich konnten sie nur nicht leiden. Aber wenn ich nur auf Bestattungen von Leuten gehe, die ich mag, käme ich kaum noch vor die Tür. Was soll’s! Wir können die Welt eben nicht neu erfinden. Die von Grevendorf ist nicht die schlechteste; du wirst in Berlin auch auf seltsame Zeitgenossen treffen. Damit ich es nicht vergesse: Frau Nagel begleitete mich. Sie war so glücklich, an meinem Arm den Sarg begleiten zu können. Ich konnte ihr die Freude nicht verwehren, denn sie langweilt sich sonntags noch mehr als ich. So sehr, dass es bis weit in den Montag auswirkt. Im Grunde versöhnt sie sich mit dem Alter. Der Nagel ist stumpf und rostig geworden. Mittlerweile gehe ich am liebsten mit ihr zum Leichenschmaus. Du hättest uns sehen sollen, wie wir miteinander gelacht haben! Wie zwei arme Irre! Ich weiß nicht mehr genau, warum. Irgendein dummer Kram. Die Lachattacke überkam uns unmittelbar nach der Beerdigung als wir noch einen Spaziergang zwischen den Gräbern machten um die Knochen rüstig zu halten. Den Toten einen Besuch abzustatten geht nicht spurlos an einem vorbei. „Bald sind wir an der Reihe.“, floskeln, nein, flaxen wir immer wieder, denn so richtig glauben wir noch nicht daran. Sonst könnten wir ja nicht so darüber lachen. Da du richtige Bücher schreibst, kannst du das sicher besser erklären als ich. Deine Mutter spricht eben, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Ganz so, als wärst du hier und verstündest mich besser als dein Vater, der nur auf mich hört, wenn es ihm schlecht geht. Ich will mich nicht beschweren, er hat auch seine guten Seiten. Ich habe es aufgegeben, ihn ändern zu wollen. „Wir haben nur ein Leben, und das ist viel zu kurz.“, deklamierte Frau Nagel gestern. Solch wenig originelle Sprüche sind ihre Spezialität, obwohl immer ein Fünkchen Wahrheit darin steckt.
Wilma ist eifersüchtig, weil ich mich so gut mit der Nagel verstehe. Sie hat mir bei der letzten Beerdigung drohend ihren Stock gezeigt. Ich bin überzeugt, dass sie mich überwacht. Was soll ich machen? Man kann nicht mit allen befreundet sein. Nächste Woche ist eine gute Woche. Gleich drei Bestattungen. Da werde ich eine aussuchen zu der ich Wilma mitnehme. Ich erzähle ihr aber nichts von dir. Du weißt ja, dass sie verschwiegen ist wie ein alter Marktschreier. Also höre ich mir ihre Geschichten an. Entsetzliche Familiendramen, schreckliche Schicksale. Was für ein Elend muss ich mir anhören im Austausch für ein Kerzchen, ein Sträußchen, ein Stückchen Streußelkuchen!
Der liebe Gott ist mein Zeuge: Ich bin kein Lästermaul. Unsere Treffen zerstreuen mich ein wenig im tristen Alltag, und ich brauche danach keinen Stadtkurier mehr lesen.
Die arme Magda Lindner wurde übrigens nur einundsiebzig Jahre alt. Außer mir, die dir das schreibt um dich auf dem Laufenden zu halten, denkt bereits niemand mehr daran.
Das Wetter ist unverändert. Es hat letzte Nacht gefroren. Ich hoffe, dass die Rosen nicht zu sehr gelitten haben. Ich werde sie abdecken um sie zu schützen. Wenn du Pfingsten kommst, sollen sie so schön sein wie im letzten Jahr.
Ich höre jetzt aber auf mit meinem Geplapper weil ich mich sputen muss. Die Post schließt in einer halben Stunde, und dein Vater will früh essen. Die Kälte tut ihm gut. Wenn du ihn sehen könntest! Kein Vergleich zu Allerheiligen, wo er pausenlos über Müdigkeit klagte.

Ich umarme dich, mein Großer. Zieh dich warm an.

Dieser Brief ist nicht von heute. Ich bin sein Absender und sein Empfänger, meine Mutter und ich, meine Urgroßmutter, mein Vater. Ich schreibe irgendwo seit Mitte des letzten Jahrhunderts, irgendwo zwischen den Jahrzehnten an einem Ort, wo die Ordnung der Dinge und der Jahreszeiten noch in Ordnung ist. Ich schreibe am Anfang eines neuen Jahrtausends. Es hat letzte Nacht gefroren. Pfingsten, oder etwas früher werden wir sehen, ob die Rosen es geschafft haben. Wenn es noch Pfingsten gibt. Keine Eile.

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