Im Kreis. Aus dem Effeff

von Eufemia Pursche E-Mail

Rita rief Frank an um ihm zu sagen, dass sie ihn sprechen wolle. Der Anfang missfiel ihm. Am Tag, bevor sie bei Opel die Entwicklungsabteilung dicht machten, wollte ihn sein Vorgesetzter auch sprechen. Als sein Bruder bei einem Motorradunfall ums Leben kam, „musste“ sein Vater ihm etwas sagen. Frank Förster, (seine Freunde kannten ihn als Effeff), schluckte seine Zweifel, seine Spucke, seine Angst hinunter und vereinbarte mit seiner Freundin ein Treffen in einem der Schickimickicafés im Düsseldorfer Hafen.

SIE war überpünktlich. SIE trug ein fuchsiafarbenes Kleid sowie ihre D&G Sonnenbrille. SIE war nervös. SIE bestellte eine eigenartige Komposition aus Bitter Lemon sowie Schinkentapa mit kandierter Ananas, eine Zusammenstellung, die Frank außerhalb des Gourmettempels als Toast Hawaii kannte. SIE aß nicht. SIE verpackte ihre Botschaft mit auffälliger Appetitlosigkeit um ihm zu signalisieren, wie beunruhigt, hoffnungslos oder traurig sie war.

Frank kippte aus Versehen seinen Kaffee um und übersäte so Ritas Kleid mit braunen Sprenkeln. Eine ältere Dame am Nachbartisch mischte sich mit der Kassandrabotschaft ein, gegen Kaffeeflecke auf Seide sei kein Kraut gewachsen. Der Kellner versicherte ihnen, dass die Spuren mit etwas Wasser bald entfernt seien. Während er den Tisch säuberte, verschwand Rita auf der Toilette. Die Alte schlemmte. Eine heiße Schokolade, zwei Waffeln und einen Eisbecher mit Schirmchen dekoriert wie in den Sechzigern. Fehlte nur noch ein bengalisches Feuer. Sie sprach mit vollem Mund, wiederholte, dass sie eine Bluse mit Kaffeeflecken habe wegschmeißen müssen.

„Das waren bestimmt Teeflecke.“, konterte Frank um sie zum Schweigen zu bringen. Es wirkte. Die Alte schwieg.

SIE kam von der Toilette zurück. SIE hatte ihre Sonnenbrille ausgezogen und schaute ihn an wie jemand, der geweint hatte. Frank fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt. Wenn er um Mitleid heischen wollte, rieb er sich die Augen bis sie tränten.

SIE begann ganz plötzlich.

„Wir können so nicht weitermachen.“

Frank reagierte nicht. Er zündete sich eine Zigarette an und schlug die Beine übereinander. Die Alte beobachtete sie mit einem zitternden Wölkchen Schlagsahne auf der Oberlippe. SIE sagte, sie „gehe“ seit vier Monaten mit einem Typen, einem gewissen Jeremy, seines Zeichens Bodybuilder. SIE habe ihm vorher nichts gesagt aus Furcht, ihm weh zu tun.

Effeff blieb die Spucke weg. Es blieb nur der Rauch, der die Worte umhüllte und sie in zähflüssige Lava verwandelte die über Augäpfel und Ohrmuscheln in sein Gehirn drang und es verklebte. Um bei der Wahrheit zu bleiben: Frank verspürte keine Trauer; ihn packte vielmehr eine Sauwut. Er musste sich entscheiden. Unterwürfig akzeptieren mit einem „So ist es eben.“ „So ist das Leben.“ „Wir bleiben Freunde.“ Oder ihr die Bitterlemonflasche über den Schädel ziehen und abhauen ohne zu bezahlen. Er spielte auch mit der Alternative, in Tränen auszubrechen um zwischen zwei Schluchzern zu wiederholen: „Verlass mich nicht, verlass mich nicht.“. Frank entschloss sich zu bluffen. Er drückte seine Zigarette aus und fragte, als ob er nichts von der Story mit Jeremy vernommen hätte: „Möchtest du noch etwas bestellen?“

SIE wollte nicht.

Frank vermutete, dass sie ihm jetzt gerne unterbreitet hätte, dass Dinge manchmal nicht so sind wie sie scheinen... Dass, wenn man glaubt, alles liefe bestens, in Wahrheit... Oder: Mach dir nichts draus. So hast du mehr Zeit für dich. Oder noch besser: Es gibt so viele andere Frauen... Vielleicht sagte Rita dies. Frank beobachtete, wie die Frau am Nebentisch die Reste von Eis, Sahne und Likör vom Boden des Eisbechers schlürfte und lauschte dem Gespräch der Kellner.

„Im Strato verdienen sie wesentlich besser als hier.“
„Kann sein, dafür dauert ihre Schicht aber zwei Stunden länger.“

Nach längerem Schlagabtausch kamen sie überein, dass sich beide Kneipen wohl nichts taten. Die Alte gähnte unverhohlen. Sie verdaute ihre süßen Sünden. Dann schluckte sie ihre Diabetespillen, drehte sich um und betrachtete die Kaffeespuren auf Ritas Kleid. „Sehen Sie jetzt, dass es nicht herausgeht?“

Frank antwortete nicht. SIE sprach. SIE wollte ihn weiterhin sehen, diesen Sonntag, nein, am nächsten, also jetzt in zwei Wochen. Frank lächelte. Es freute ihn wie sie sich abstrampelte um ihn zu überzeugen, dass Bodybuilding ihr Leben verändert habe. Und dass es genügend andere Frauen gäbe. Und dass alles eines Tages zu Ende gehe. Und alle die anderen schwachsinnigen Argumente die sie auf den weißen Tisch legen konnte. Dann stand Rita abrupt auf. SIE raffte Feuerzeug, Zigaretten und Handtasche zusammen und sagte: „Tschüss.“

„Du hast deine Sonnenbrille vergessen.“, bemerkte Frank. SIE kam zurück. Schob die Brille ins Haar und ging. SIE überquerte die Straße mit dem leichten Schritt der Frauen, die verführen wollen. Als sei eine große Last von ihr gefallen. Frank bestellte einen doppelten Whisky. Die Alte bestellte Tee und Zwieback. Ihr Magen gab wohl kontra. Frank verlangte noch einen Whisky. Der Kellner beachtete ihn nicht. Er starrte bewundernd mit offenem Mund auf eine Kundin, die gerade hereingekommen war. Ein schwedischer Traum in Minirock und mit einem Körper, der jede Todsünde wert war. Sie trug ein enges Top mit einem Panther zwischen den Brüsten. Der Traum setzte sich an die Bar und zeigte bemerkenswerte Beine. Die Kellner waren nervös. Sie boten Zigaretten, Feuer, die Uhrzeit, einen Cocktail, Eiskaffee, dreisprachige Konversation und einen Stadtplan an. Der Traum lächelte, wollte einen Irisch Coffey und wissen, wo sich die Toiletten befanden. Der größere der Bedienungen bot sich als Begleiter an. Als sie wieder auftauchten, bestürmten ihn seine Kollegen neugierig, ob er die Puppe rumbekommen hätte. Der Unglückliche verneinte mit dem Hinweis, er poppe niemals im Dienst.
Das Mädchen hatte wieder Platz genommen. Dieselben makellosen Beine. Die Kellner schwirrten um sie herum. Ein prüfender Blick in die Runde ergab, dass alle Tische besetzt waren. So entledigte die junge Frau sich der Schmeißfliegen indem sie auf Frank zusteuerte und ihn fragte, ob sie bei ihm in Ruhe ihren Kaffee trinken könne. „Sie sind etwas anhänglich.“, erklärte sie. „Sie langweilen sich.“, antwortete Frank. Den lieben langen Tag müssen sie hungrige Alte bedienen. Sie haben es nicht oft mit jungen Frauen zu tun.“ Die blonde Traum lächelte wie auf einer Zahnpastawerbung. Der Panther verschwand und tauchte im Rhythmus der Unterhaltung zwischen ihren Brüsten auf.

„Bist du auch ein hungriger Alter?“, erkundigte sie sich.
„Ich habe mich noch nicht entschieden. Es ist möglich, dass ich mehr als hungrig bin. Ausgedürstet.“

Sie lachten. Frank spürte eine angenehme Wärme in sich die vom Magen bis zu den Knien reichte. Sie schaute auf sein Glas. „Trinkt man Whisky nicht mit Eis?“ Er deutete auf ihren Irisch Coffey: „Ihr Whisky ist besser getarnt.“

Jedesmal wenn die Pantherfrau lachte, nahm Frank einen Schluck, und die Hitze stieg. Die Kellner beobachten alles mit laut klappernden Tellern und Tassen. Die Alte wiederholte ihre Teebestellung und erweiterte sie um ein Stück Apfelkuchen. Sie wischte sich die Lippen ab, schaute die junge Frau an und warnte: „Passen Sie auf, dass er Ihnen nicht den Rock versaut.“ „Oh, du stehst bereits im Ruf eines Rockbefleckers?“, lachte der Traum. Am liebsten wäre Frank der wabernden senilen Fleischmasse am Nachbartisch an die Gurgel gegangen. Aber das Spiel amüsierte ihn und erregte ihn sogar. „Ich beflecke sie nur dienstags, donnerstags und samstags.“ „Heute ist Samstag.“

Der Traum wohnte in einem vergleichbaren Loft. Über dem offenen Kamin hing ein Panther mit Glasaugen. Seine Herrin zündete Kerzen an und kümmerte sich um passende Getränke und Musik. Dann biss sie Frank in den Hals. „Es gibt Menschen, die das mögen.“, dachte Frank. „Sie beißen und kratzen sich.“ Er tat es ihr gleich. Für den Fall das. Es gefiel ihr. Sie riss ihm die Knöpfe vom Hemd und drängte ihn auf das Bett. Eine Schlangenzunge züngelte über seine Brust. Frank ließ seine Hosen runter um weiteren brüsken Taten zuvorzukommen. Küssend bewegte er sich langsam nach oben. Der Traum zerkratzte seinen Rücken und erforschte mit der Zunge sein Ohr. Dann öffnete sie die Augen und schrie: „Komm, komm!“
Da Frank bereits da war, öffnete er sie mit sanftem Druck und beschleunigte den Rhythmus. Der Panther beobachtete ihn. Frank schoss die alte Frau mit ihrem glasigen Blick durch den Kopf, wie sie sich voll stopfte. Die Sache wurde kompliziert. Er bemerkte, dass seine Energie, seine Erektion und seine Leidenschaft für die Traumfrau nach und nach verglommen. So konzentrierte er sich auf die Haut, die Beine, den Mund; doch umsonst. Totale Flaute. Tote Hose.

„Mach dir nichts draus.“, sagte sie.
„Es ist nicht dein Fehler.“, murmelte er.
„Ich weiß.“, konterte sie.

Frank Förster empfand keinen Zorn auf seinen defensiven Liebesstab. Eher Trauer. Er sammelte seine Klamotten auf und nutzte die Chance als sie unter der Dusche stand, um wortlos zu verduften. Auf der Straße zog er sein Sakko über das ramponierte Hemd. Er wusste nicht, wohin.

Daher fuhr er fort, sich im Kreis zu drehen. Aus dem Effeff.

Noch kein Feedback

Einen Kommentar hinterlassen


Ihre E-Mail-Adresse wird nicht auf dieser Seite angezeigt.

Ihr URL wird angezeigt.
(Zeilenumbrüche werden zu <br />)
(Name, E-Mail-Adresse & Webseite)
(Benutzern erlauben, Sie durch ein Kontaktformular zu kontaktieren (Ihre E-Mail-Adresse wird nicht weitergegeben))
This is a captcha-picture. It is used to prevent mass-access by robots.

Bitte die oben abgebildeten Zeichen eingeben. (Groß/klein ist egal)

Array