Rausch Wortsetzung - 89
von Eufemia Pursche
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Nein, es hat sich nichts geändert. Ich weiß immer noch nicht auf diese Frage zu antworten, Cora. Es ist das Erkundigen zu Beginn des Tages, bei gemeinsamen Essen, Veranstaltungen, Einladungen: immer wieder findet sich jemand, der nach einem kurzen und hoffnungslosen Atemstillstand mit einem Schlenker die Allerweltsfloskel herauslässt: Und du, was machst du denn so?
Grammatikalisch hat das und du nicht mal den Wert eines ordentlichen Zwischensatzes. Wenn ich recht darüber nachdenke, scheint und du nicht nur da zu sein um die Brutalität der Frage abzumildern. Immerhin stellt sich unser und du geräuschlos und gedämpft in der Schleife des Satzbeginns vor und scheint obligatorischerweise stillschweigend einzubeziehen: Sorry, dass ich dich mit solchen Banalitäten behellige, aber ich schaffe es einfach nicht, still zu sein und außerdem bin ich auch nur irgendwer, und du, was machst du?
Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Es krampft mir den Magen zusammen, ich schnappe nach Luft. Meistens vermeide ich es, den Herausforderer zu schnell eine reinzuhauen. Ein antiker Ehrenkodex zieht bisweilen immer noch eine Aufforderung zu einem Duell nach sich als Folge des hingeworfenen Handschuhs. Natürlich mache ich mir keine Illusionen (was geht es ihn an, was ich mache?). Der Uhrzeiger wandert weiter, ich forsche mit vollkommen idiotischem Ausdruck nach einer Antwort, die trocken irgendeine Beschäftigung umreißt ohne etwas preiszugeben, das sich gegen mich richten könnte. Meine Meisterparade besteht im Gegenangriff: Was verstehen Sie unter ‚was ich mache?’ Welche Details erwarten Sie? Dann folgt mit leichter Verzögerung die Beschreibung dessen, was ich nicht mache und warum ich es nicht mache. Es wird eher schlimmer als besser. Mein Gegenüber fühlt sich verpflichtet, seinerseits zu erzählen, was er macht. Also Jacke wie Hose. Daher antworte ich von nun an auf die Frage: Was ich mache? Ich warte darauf, geliebt zu werden. Für das, was ich bin, nicht wegen meines Terminplans. Ich warte schon lange, habe den Mut verloren, dass meinesgleichen an einer Zahnwurzelentzündung leidet, die ihren legitimen Wunsch, ebenfalls geliebt zu werden ohne etwas dafür zu tun. Nur warten warten bis es vielleicht geschieht.
Du wohnst in der falschen Gegend, Elmar. Bei uns wird dein ganzer Sermon schlicht und ergreifend mit einem Un? gefolgt von Un selbst? abgetan.
Un?
Mhm, un selbst?
Mhm.
setz zeichen
von Eufemia Pursche
die enge deines umklammerten alltags
Getaktet in fließbandkommata
zwischen spalten liebe unter dem mikroskop
versponnen in rosa konjunktivkokons
schmetterlingt ein hauch von poesie
ich lebe im imperativ und will nicht anders
Rausch Wortsetzung - 88
von Eufemia Pursche
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Schaut euch doch an! Euer Wir ist verdünnter Wein und Extase light. Der Herr Dichter und der Herr Professor reinste Epik purer Unvernunft. Ein Wir der falschen Jahre. Jenseits der Sätze auf der anderen Seite der Erde. Ein Wir aus Seitenrändern.
Das Leben mit Euch eine Art Kaltes Buffet mit eurem Hang zu Picknickpausen. Wolldecke auf den Knien mit Blick über das Tal. Und diese ewige Fragerei nach dem Woher und Wohin. Nein, ich fühle mich nicht wohl; meine Zehen warten auf ein ausreichendes Quantum an Schmerzen und Müdigkeit aus physischen Irritationen und hitzigen Wortgefechten. Ich ertrage eure gepriesenen Filter meines Blicks ins Leere nicht, eure von obern herab Urteile über die Städte in der Ferne.
Denkt nur nicht, dass die Widerlegung eurer Bequemlichkeit mich in eine ruhige Lage versetzt. Ihr befindet euch auf dem Holzweg wenn ihr glaubt, ich würde mich stattdessen in Befriedigungen anderer Natur suhlen wie das Gefühl, lebendig oder unterwegs zu sein. Mir fehlt Coras Zuversicht. Ich empfinde mich vielmehr als Zwang zum Licht in meinen Bildern, manchmal bis zum bitteren Ende. „Mirko ist die Unruh seines eigenen Räderwerks.“, schrieb Cora um meinen Nabel. Lass stecken, Éluard. Du bist ein noch ein schlechterer Hobbypsychologe als Elmar. Diese Unruhe ist also Folge einer spartanischen Erziehung? Das ich nicht lache! Leidenschaft der Leidenschaft? Das schon eher. Christliche Stigmen, etwas, dass euch erlaubt, eure Verankerung im Manifesten und das Fehlen von Erwartungen eurer Ratio zuzuschreiben. Eine Form der Weisheit. Ihr tut gut daran, das Kapitel Zeit nicht zu erwähnen. Zeit vergeht, ich tauche hinein und lasse mich treiben. Wie berauschend zu spüren, wenn sie außerhalb meines Ichs verrinnt. Bald bin ich alt wie ihr, und danach tot. Bleibt ihr nur sitzen und starrt auf das Unausweichliche, schaut der Zeit zu, die nicht mal bremst.
Ihr Liebreiz liegt im Loslassen. Dicke Samt- und Seidekissen sammelt ihr um euch herum während draußen bereits morbide Veilchen, Nelken, Chrysanthemen warten. Es stinkt nach graviertem Marmor und Grabinschriften. Die Zeit sickert aus angelaufenen Sarggriffen und grünen Grabvasen. Ihr gleicht der Starre eurer Wohnungen nach dem Großreinemachen: festgefahren, Übergangsgruft, definitiv.
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von Eufemia Pursche
werde dir nicht die Litanei meiner guten Vorsätze verkünden. Schon Mitte Januar wissen wir, dass wir sie nicht einhalten werden. Hast du trotzdem drei Minuten für mich? Kein alltägliches Trallala, dafür treffen wir uns auf twitter oder facebook, sondern dieser Blog, den du seit sieben Jahren oder sieben Sekunden regelmäßig oder aus Versehen besuchst.
In letzter Zeit wirbeln mir x Ideen gleichzeitig durch den Kopf, von denen ich bestenfalls keine verwirkliche – oder schlimmer – ich stürze mich fünf Minuten nach Abgabetermin auf einen Text und klöppele Aktualitäten mit heißen Nadeln. Auch jetzt müsste ich längst dort sein. Was wollte ich sagen?
Auf jeden Fall wird es weniger Rezepte geben. Weder fürs Leben, noch für den Salat desselben. Besucherschwund? Na und? Die Statistik ist deaktiviert. Du bist da, du…
Rausch Wortsetzung - 87
von Eufemia Pursche
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Das Meer ist vielleicht Zufall.
Es ist ein anziehender Reflex, weißt du, wir sind zweifellos bestimmt, in die Rolle glückloser Spürhunde zu schlüpfen, Cora.
Bist du sicher, zu denken, Mirko?
Ich versuche es, Cora, aber ich schaffe es nicht. Meinen Gedanken fehlt der Fixpunkt. Sie sind wie ein Karussell, wie eine Manege. Ich sehe dich aus dem Wasser steigen, bin gezeichnet von deiner Erschöpfung, unsicher, bisweilen wirkst du verloren. Ein Ast der großen Weide flimmert im Wind zwischen dem dämlichen Blau des schönen Himmels und dem unbändigen, peitschenden, entflochtenen Verlangen des dich überschüttenden Gewitters. Ich spüre deinen angenehmen Geschmack, meine gestärkte Haut, den Schrei der Hände zwischen rot und weiß, das Klagelied deiner Briefe. Zwischen den Zeilen Besorgnis, eine schlichte Liebe, uns lebendig fühlen. Das ist Alles. Dazu die Tonnen, Pakete, Windungen aus Wollen und Müssen, all dieser widerwillig aufgebürdete Schnickschnack.
Dann halte ich mich an meinem Kaffeesatz fest. Manchmal erinnert mich das Licht an die Kuppel vom Quirinus Münster. Du bringst mein Gleichgewicht durcheinander, Cora. Soll ich tanzen? Und auf wessen Fuß? Ja, ja, wir werden uns sehen. In unserem Inneren, diesem bewegten Inneren oszillieren wir schnell hin und her, umarmen unsere Kommen und Gehen. Mir bleiben nur Augenblicke für deinen Körper. Die übrige Zeit gehört der Kontemplation, dient dem Verständnis, löst polyphones Dilemma. Tausende deiner Innenstimmen bilden das Echo meiner Seele.
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von Eufemia Pursche
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„Und das da, Max?“
Sonja begleitet mich. Ich brauchte gerade mal drei Minuten, um Ohrringe für Tante Jutta auszusuchen, stöbere nun aber schon über eine Stunde nach einem Geschenk für Caro.
Ich habe alle gängigen Banalitäten wie Parfum oder Pralinen verworfen und suche nach etwas Persönlichem. Dabei wird mir klar, dass ich sie bei aller Intimität zwischen uns nur wenig kenne.
Sonja überredet mich, nach einer Handtasche Ausschau zu halten. Anschließend reihen wir uns in die Schlange an der Kasse an.
Eine Stunde später verabschieden wir uns nach einem Kaffee im Starbucks gegenüber. Sonja schiebt mir einen Umschlag zu.
„Was ist das denn?“
„Mein Testament.“
Ich ziehe meine Hand zurück.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
„Reg dich ab, Max! Nachdem ich das Haus gekauft habe, will ich nur alles geregelt wissen. Ich will es dem Tierheim vermachen. Meine Eltern brauchen es nicht; ich würde ihnen damit nur wieder eine Gelegenheit geben, sich zu streiten.“
„Was redest du da? Glaubst du nicht auch, dass du zu jung bist für solche Sprüche?“
„Es ist ja nur für den Fall, dass ich vergesse, den Bund fürs Leben zu schließen. So, mach, dass du
Rausch Wortsetzung 86
von Eufemia Pursche
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Paul, es wäre doch höchst unwahrscheinlich, wenn wir als Zeugen dieses ganzen Theaters nicht nach den Gründen fragten. Es sind diese kleine Details die unsere Geschichte wahrscheinlich machen, und die Wahrscheinlichkeit lässt Flunkereien ohne Konsequenzen bleiben wenn wir sie nicht nachprüfen.
Ach Cora, von allen Erinnerungen bleiben nur Farbtupfer, kleine beeindruckende Kleckse, die aus all dem Blut- und Wasserschwitzen den gesamten pedantischen Ablauf aus Taten, Gesten, Chronologien, Zusammenhängen (welch andere Aufgabe hätten Ereignisprozesse wenn nicht Alibifunktion?) übernehmen.
Entwickeln, erklären, indem wir uns auf die erzählenden Inhalte des Programms stützen, dieses Durcheinander aus sorgloser Kausalität mit dem wir Augen und Ohren füllen, rot – gelb – grün – go! Das Leben ist eine grammatikalische Reihenfolge, nichts weiter. Beispielsweise ein unpassender Laut oder ein schreckliches Dilemma. Das Leben gleicht dem; störende Laute, Menschen laufen neben der Spur weil sie etwas stört. Ein hyperaktives oder unbeschwertes Kind, wirklich Peanuts, aber natürlich mein Fehler, also der des Schriftstellers, Regisseurs, Künstlers. Fünfundneunzig Prozent solcher Blablas nerven und behindern uns. Diese geschäftigen Briefmarkensammler mit ihrer Hackfresse. Siehst du, das ist vollkommen unlogisch. Also noch mal das Ganze. Das Geseihere um dieses Stück, vor allem die störrische Ausstattung die nicht passen wollte. Frage des Dekors oder Syntaxproblem oder zu früh enträtselt, zu spät aufgedeckt...?
Ich glaube, dass wir mittendrin auch von uns sprechen. Mein „uns“ ist etwas theoretisch im Moment. Ich hätte etwas Anderes bemühen können, eine Träumerei, einen Vergleich oder Widerspruch. Ist es wirklich überraschend, dass wir uns in unserer Abwesenheit befinden? Jeder für sich, ich ein Bus, du ein Zug; was mir bleibt, ist der Geschmack und die Farbe des Kaffees, das veraltete Adjektiv vor dessen Füße ich mich häufig warf, eine just veraltete Farbe – seegrün glaube ich, eine geometrische Verwicklung an der Schulter geschnitten aus gleichschenkligen Beinen, die Gesamtheit der Einsamen die sich wiedererkannten. Die Überraschung, mich im Nachhinein jedes unvermeidlichen erotomanen Reflexes entledigt zu haben. Nein, das wäre eine Lüge. Vielmehr: neugierig auf alles und mich langweilend, ob du ans Meer fährst in diesem Sommer. Vorzugsweise in die erste Etage der Schwalbenstraße. Lass es, wenn du nicht willst. Und deine Stimme die so verschieden modelliert am Telefon zwischen deinen Hicksern. Deine Stimme, die das Nein bejaht das uns hält. In der Eile des Schreibens, in den Muskeln, unter der Haut, in der Zeit, zu kurzen Augenblicken, im Sinnlosen das den Alltag überschwemmt.
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von Eufemia Pursche
zückt er einen Stift und einen Zettel aus seiner Hosentasche und kritzelt schnell eine Bemerkung darauf. Frau Bergmann holt Tassen und Zucker, der junge Besucher steckt seine Notiz wieder in die Tasche und nimmt ihr lächelnd das Geschirr ab. Frau Bergmann lächelt nicht. Das Buch liegt auf dem geblümten Wachstuch des Küchentischs, gleich neben dem Fleck.
Frau Bergmann schlürft ihren Kaffee. Er schmeckt genau so, wie sie ihn mag. Der Besucher deutet mit dem Daumen auf seine Brust. Langsam spricht er seinen Namen aus. Ay-o-de-le. Ayodele. Es bedeutet, die Freude kommt ins Haus. Er schaut sie fragend an. Helene. Hat sie das wirklich gesagt? Ihr Name füllt den Raum zwischen den Küchenwänden und legt sich neben das Buch, vermischt sich mit dem Kaffeeduft. Helene, wiederholt er rau. Sie öffnet das Buch und beginnt zu lesen. Der junge Mann rührt sich nicht. Es ist eine alte Geschichte. Eine Geschichte, die Helene nun öffentlich macht. Langsam und getragen von Wort zu Wort.
Sie versucht nicht, die Geschichte zu ihrer zu machen. Frau Bergmann reiht nur Satz an Satz. Ayodele schließt die Augen und lässt sich vom Klang des Vortrags tragen. Die Laute klingen wie ein Gebet, auch wenn er ihren Sinn nicht versteht. Die alte Frau schweigt. Es ist nicht die gewohnte Stille, allein zu sein. Es schwingt ein zwischenmenschliches Schweigen im Raum. Verlockend. Helene kostet, nimmt das Buch wieder auf und erh
Einhalt
von Eufemia Pursche
Wir trennen uns nicht
vom hier am Grabstein
trauern Gesänge
zwischen Kirchenmauern
verlieren wir uns ganz
in der Weite der Landschaft
ihre Bäume und Felder
in diesem widersprüchlichen Licht
am Straßenrand verflüchtigen sich
Schatten Liebe ungewiss
Rausch Wortsetzung - 85
von Eufemia Pursche
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Geständnisse sind Köder. Immer falsche.
Elmar Harr beginnt mit: ich bin ein kranker Mensch, ich bin ein bösartiger Mensch, ich weiß nicht genau, wo es schmerzt... und er fährt fort, in alle Richtungen, er kann nicht aufhören.
Die Worte verketten sich, alle Worte; ein Wort ruft das nächste, alle Worte sind gleichberechtigt, kein Wort hat Gewicht. Der Mensch fährt fort, ein Wort, ein zweites, ein Gedanke, ein folgender. Beängstigend, er fällt in ein Loch, nichts von Interesse, alles sinnlos, ich habe das erfahren, jeder kann das nachempfinden, woran ich auch denke, nichts hält Stand, alles gibt sich hin.
Er ist der Sprache ausgeliefert, er ist Opfer der Sprache, er ist im leeren Raum, alle Worte gleichen sich, eins plus eins plus eins macht drei, warum nicht vier, ich liebe dich, ich liebe dich nicht. Ohne Gültigkeit.
Aus der Geschichte erfährt Cora, dass er in dieses Loch gefallen ist, diese Lebenssprache weil er von jeder lebendigen Sprache abgeschnitten ist.
Er hat niemanden zum Sprechen, weigert sich, mit einem Vermittler zu reden, hat sich in seinen eigenen Kopf eingeschlossen.
Nach und nach erfährt sie, dass er vor Jahren das Vertrauen eines Menschen missbrauchte, merkt, dass ihn diese Tat quält, doch ohne es zu wissen. Elmar sieht keinen Zusammenhang zwischen seinem Unglücklichsein, seiner Verrücktheit und dieser Tat.
Er hat sich dieser leeren Sprache preisgegeben, indem er ihren Wortschatz löschte. Zerstörte damit jedes Selbstgespräch.
Dein Satz hat mich aus meinem inneren Keller geholt, Cora.
Er war an mein Innerstes gerichtet.
Er war an mich gerichtet, Elmar.
Der Alltag erweist sich leicht kurzatmig im Gebrauch von Wiederholungen.
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von Eufemia Pursche
Fährst du Ski?
Auf keinen Fall! Ich und Skifahren!
Als Flachlandtiroler war ich erst zur Abi-Fahrt im ersten Skikurs meines Lebens.
Dabei gab ich mir alle Mühe, ok – die meiner Freunde und des schier verzweifelnden Skilehrers war zweifellos größer. So fuchtelte ich mit den Stöcken, winkelte meine Knie an, während Fünfjährige mit rasantem Schuss an mir vorbei ins Tal sausten.
Meine blauen Flecken waren Guinness Buch verdächtig, die Hämatome hätten ein ganzes medizinisches Fachbuch bebildert.
So viel zu meinen Nahtod Erfahrungen in der winterlichen Bergwelt. Und erst die Klamotten! Die Hälfte der Zeit wurde mit an- und ausziehen verbraten. Nur noch getoppt von der Kälte. Eine Saukälte …
Mhm, was antworte ich nun?
Nein, ich plane weder Ski- noch Strandurlaub. Ich erkunde lieber Städte…
Partnerwechsel! Bitte zu Speed-Dating-Gold Kandidat 3 aufrücken!
Post midlife
von Eufemia Pursche
Wenn der Arzt am Sterbebett verkündet: „Das ist das Ende“, ergänze ich: „…vom Lied“. Immerhin habe ich meinen Körper der Wissenschaft der Künste vermacht. Sie hat mein Angebot zurückgewiesen.
Was mich beim Gedanken an den Tod am meisten stört, ist die Tatsache, dass nicht der Hauptbeteiligte den Zeitpunkt bestimmt.
Sobald man mich also auffordert: „Stirb, Frank Förster!“, weiß ich nicht, ob ich Lust habe, gleich zu gehorchen. Wenn mein letztes Stündlein zur Neige geht, werde ich tief einatmen und so lange wie möglich die Luft anhalten. Im Schwimmbad schaffte ich mal dreieinhalb Minuten. Erst danach werde ich mein Leben ohne weitere Mucken aushauchen.
Auf dem alten Foto sehe ich gar nicht so übel aus. Ein Draufgänger mit einer schwarzen Wuschelmähne. Einmal habe ich sogar versucht, meine Haare zu zählen, aber keine Chance – es waren zu viele. Heute sprießen nur noch wenige auf dem Kopf, darunter ein einziges dunkles Haar. Ich sollte den Fotografen wechseln, der alle zehn Jahre meine Passfotos schießt. Mein morgendlicher Blick in den Spiegel verkündet ebenfalls kein taufrisches Antlitz. Dabei ist er schon alt und ein wenig angelaufen, der Spiegel. Mein Gesicht ist von Falten zerfurcht, erste Altersflecke zeigen sich auf der welkenden Haut, Kinn und Hals hängen herunter. Ich gleiche einem alten Rhinozeros. Bald werden die Kinder Angst vor mir haben. Ich finde mich hässlich. Weil der Herbst beginnt? Im nächsten Sommer wird es nicht besser sein.
Ich gehöre der Generation junge Alte an. Woran man die erkennt? Nun, zunächst die gute Nachricht: sie sind noch da. Der junge Alte ist nicht nur nachts grau. Er ist bepackt mit Taschen an den Armen und unter den Augen, unterwegs auf dem schmalen Grat zwischen Jugend und Alter. Ich siebe Illusionen, spreche einsilbiger, lache, auch wenn ich nichts zu lachen habe. Nur das Denken versage ich mir nicht.
Die Neuigkeit traf mich unerwartet. Wie ein Hammer. Mit allen, die wie ich mit sechzig Jahren den gewohnten Platz hinter dem Busfahrer einnehmen und ihm beim Fahren zusehen, fest überzeugt, eines Tages dessen Platz einnehmen zu können. Später wurden wir Ärzte, Lebenskünstler, Notare, Lehrer, Bäcker, Minister und müssen fortan auf unseren Jungentraum verzichten. Wir hofften auf später. Die Liste unserer verpassten Gelegenheiten wird weiter wachsen. Es gibt Schlimmeres. Den jungen Alten, der sich mit sixty four einen neuen Bus auf Kredit zulegte.
Und dann steht der Rentenbeginn in deinem Outlook. Ab morgen kann Frank Förster den lieben langen Tag relaxen. Rita und die Kollegen haben mir den passenden Sessel dazu geschenkt. Mit einer Reihe von Knöpfen für mehr Positionen als ich in meinem Berufsleben eingenommen habe. Selbst das modische lila Leder lässt den Geruch nach orthopädischen Strümpfen und Pillendöschen nicht verschwinden. Kein Telefon ab morgen, keine Geschäftspost, kein Intranet. Wozu gibt es den Zeitungskiosk? Finito auch die Geschäftsessen und die Weihnachtsgeschenke in Form von Wein, Blumen und Pralinen. Kaum auszuhalten: kein Lächeln mehr. Niemand versucht, dir zu gefallen, keiner lacht über deine flachen Witze. Die Welt dreht sich weiter ohne Frank Förster. Dein Nachfolger hebt sein Glas und trinkt auf deine Gesundheit. Er stand in deinem Schatten, der sich bereits verflüchtigt. Du nippst am schalen Prosecco und redest dir ein, von nun an sei dein Leben fein prickelnd wie Champagner.
Jetzt ist es offiziell. Ich kann es nicht mehr verstecken. Die ganze Welt wird es erfahren. Es steht schwarz auf weiß in der Zeitung und gespeichert im Web bis in alle Ewigkeit. Der Schlag ist hart. Ich hatte ihn nicht so früh erwartet. Das unerwartete Ereignis heißt Timo, wiegt drei Kilo und weint hauptsächlich nachts. Seit gestern ist Frank Förster Großvater. Alle werden mich für einen Opa halten.
Dabei war es doch erst gestern, als ich meine Tochter zum Altar geführt habe. Alle schauten zu. Die meisten werden zum Sektempfang kommen. Zwei Gläser pro Person Minimum. Wie viele Flaschen wird mich das kosten? Meine Tochter ist wunderschön mit den frischen Rosen im Haar. Ich muss sie an einen Jüngeren abtreten. Sympathisch, aber ungestüm. Perlen vor die Säue. Was hat unsere Tochter bloß getrieben, so früh zu heiraten. Meine Frau ist in Tränen aufgelöst. Ich nicht. Obwohl.
Meine Beine schaue ich gerne an. Sie sind normal behaart, nicht besonders außergewöhnlich, außer, dass sie meine sind. Mit sechzehn sprangen sie bei den Bundesjugendspielen einen Meter siebenundfünfzig hoch. Anschließend tanzten sie vor lauter Freude die halbe Nacht in der Jugenddisko. Fünfzig Jahre später tragen sie mich immer noch, wohin ich will. Sicher, sie sind im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich verblasst. Immerhin stecken sie die meiste Zeit in langen Hosen unter dem Schreibtisch. Im Sommer tue ich ihnen manchmal den Gefallen, ziehe eine Short an und lasse sie im Garten von der Sonne bescheinen.
Nimm niemals ein Geschenk von einem Fremden an. Es könnte sich um einen Gerontophilen handeln.
Das grauhaarige Pärchen unter dem blühenden Rosenbogen lächelt dich freundlich an. Auch das Alter hat schöne Reflexe. Sie scheinen dir etwas sagen zu wollen, eine Einladung, ein Geschenk, ein Überraschung.
Unter dem Foto versprechen sie – für ein stattliches Sümmchen – einen all inclusive Service für den Fall deines Ablebens. Deine Familie wird völlig relaxt sich um nichts kümmern müssen.
Der Blick auf den Umschlag bestätigt in gotischen Lettern wie auf einem Grabstein, dass das Angebot sich an dich persönlich richtet.
Zurück an den Absender mit dem Vermerk:
„Zu spät. Empfänger verstorben.“
Rausch Wortsetzung - 84
von Eufemia Pursche
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Den Teufel im Leib. Er sagt, in früheren Zeiten hätte man mich lebendig verbrannt. Das ist mir schnuppe! Sternschnuppig ist es, wenn ich meine Rubine auslege. Meine Fährte verfolge wie eine Wölfin. So träume ich, nichts ist einzeln wichtig. Mich umhüllt die ganze Welt. Nächte gleiten wie Schiffe, der Zufall wiegt mich in Fluten. Nächte aus dunklen Früchten, Samen aus leichten Herzen aufgereiht wie Rosenkränze. Nimm mich ganz, ich bin stark wie die Welle, dränge vorwärts wie das Meer. Es strömt in schwarze Löcher, breitet seinen Mantel aus über deiner Erinnerung. Nimm mich ganz, ich ertränke dich in den Tiefen des fernen Morgens und fliehe mit der Morgenröte.
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von Eufemia Pursche
Am Abend würde ich gerne in einer Sprache schreiben, in der die Worte aufeinander treffen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wie die Liebe auf den ersten Blick, so dass sie ihre Bedeutung verlören. Ich würde gerne die Elemente in einer klaren Ordnung widerspiegeln, als Abbild der Welt. Ich würde euch gerne die Wahrheit übermitteln. Sie ist da wie eine Sternschnuppe am helllichten Tag, mitten im Durcheinander der Realität. Doch die Worte sind fest und solide und imitieren diese Materie nur. Man müsste sie in die Unendlichkeit schleudern. Sprechen wie fliegen, schwerelos, ohne Schema oder Gebrauchsanweisung. Nichts als Musik.
dual réflexion
von Eufemia Pursche
s'enlacer entre les draps of night and day
s'entrecroiser at the edge of the road
s'embraser où we're longing for
s'étreindre sur nos coeurs, my heart
se serrer dans nos bras
et tous ces "se" at once
toi et moi
Le lait des douze lunes
von Eufemia Pursche
Viens goûter, je verse
le lait des douze lunes
autours de mon soleil
cours cours mon amour
jusqu’à l’aube je veille
en ne perdant aucune
c’est avec toi que je traverse
monde et ciel de notre toujours
Rausch Wortsetzung - 83
von Eufemia Pursche
-83-
Elmar, warum bist du so mutlos? Es gab Augenblicke voller Glück in unserer Kindheit; Spiele die uns ohne besonderen Anlass seltsam vorkamen, wie eine Randzeichnung der Welt, ein erfühlter Horizont. Wie liebte ich die Einsamkeit der Felder, das verrückte Treiben der Stadt, den schaukelnden Rausch des Windes, wie Champagnerperlen im Blut unter dem Schein der Nabelsonne.
Ich litt darunter, Mirko. War alleine und wusste es nicht. In der Bewegung der Nacht, in den Büchern, auf Coras heller Haut. Ihre Augen suchte ich als Schutzraum auf.
Mich sprengte sie aus meinem Panzer. Schau Dir meine Bilder an, Elmar. Sie zog mich in ihre Welt. Ich sah sie tanzen, kostete ihre Farben.
Du bist jung, Mirko. Éluards Verse liegen mir nicht. Ich liebte ihre Haut von Ferne, blieb alleine und fürchte die Nacht.
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von Eufemia Pursche
Am Abend liegt Frank ihr zu Füßen und schaut sie an. Er bewundert sie. Sie ist zum Niederknien schön.
Im letzten Sommer setzte sich eine Taube auf ihre Schulter.
Sie ist nicht kokett, putzt sich nicht heraus; sie ist sich ihrer Schönheit nicht bewusst.
Jahrhunderte lauschte sie sonntags lateinischen Gesängen.
Sie ist verschwiegen, schlicht, romanisch. Die kleine Kapelle am Hang.
Sie stammt aus dem elften Jahrhundert, Frank aus dem zwanzigsten.
Der Altersunterschied verhindert keine Gefühle.
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von Eufemia Pursche
Niemals?
Niemals.
Und Sie werden wirklich gehen?
Ja.
Darauf schmiss er ihre Portraits, die er aus den Zeitschriften herausgeschnitten hatte, auf den Tisch. Zunächst beugte sie sich über diese Bilder, dann setzte sie sich steif auf und hörte seinen Behauptungen zu, dass Frauen, die sich in Magazinen ablichten lassen, damit rechnen, sich den Blicken tausender Männer aussetzen:
Mit mehr oder weniger schamhaftem Gebaren bieten sie sich schamlos an, spazieren durch unsere Gedanken, in unser Innerstes und verbringen mit uns intime Augenblicke und Stunden. Das soll ohne Konsequenzen ablaufen? Sie sind in mein Leben getreten ohne mich um meine Meinung gebeten zu haben, und jetzt werfen Sie mir vor, ohne Erlaubnis bei Ihnen eingedrungen zu sein? Die Fotos sind Einladungen, auf die Mann nicht zu antworten hat? Wort für Wort, Schritt auf Schritt – und Sie wissen, dass die Worte Folgen haben. Falsche Schlussfolgerungen beim Nachdenken. Immerhin bin ich Ihnen auf allen Reisen gefolgt.
Zeit ist relativ
von Eufemia Pursche
gib mir mein gestern
zu
rück dir dein morgen
zu
recht so unser heute
Rausch Wortsetzung - 82
von Eufemia Pursche
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Stilwechsel
Nächtliche Eskapade, Opus 6, im Trevibrunnen, die Fontäne in Wassertropfen aus homologer Extremromantik, Sushi-Szenerestaurant am Picadilly, lange Diskussionen, im Cabrio rund um Madrid, Oktober-Wiesn mit doppelter Ration leuchtender Augen, topclass Barlounge mit Mordscocktails, jetzt Hand in Hand den Ziegenpfad hinauf zur Alm. Oder doch lieber dem flutenden Wellengang an deiner Steilküste entgegen?
Mein volles Gebiss hat nicht genug Zähne um genug zu lächeln.
Die Glaspantöffelchen haben einen Sprung.
Aschenputtel, verschwinde aus meinen Märchenbüchern.
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von Eufemia Pursche
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Wenn ich das Abrakadabra dieser Story für den Leser zusammenfassen sollte, müsste ich mit dem Ende beginnen. Dem Helden der Farce, die ihrerseits Heldin des Geschehens bleibt. Das darauf fußt, von einem überdimensionierten Projekt zu träumen in dem die Menschheit nicht mehr die gleiche sein wird. Außerdem wäre es förderlich, Nancy zu erwähnen. Die große Abwesende in diesem Buch und gleichzeitig die tragende Hauptrolle. Vor lauter Aufregung vergaß ich, dass Helene Margot Frust sich bis zu ihrem zehnten Lebensjahr kurz Leni nannte. Ein intelligentes, wenn auch leicht lethargisches aber ansonsten völlig normales Mädchen, abgesehen von ihrer vorgeburtlichen Reise ins terrestrische Paradies. Seither haut sie nichts mehr vom Hocker. Sie kann sich für nichts begeistern. Um nicht vor Langeweile zu sterben, frönt sie spektakulären Verrücktheiten. Mein Gefasel hat weder Hand noch Fuß? Tja, da liegst du vollkommen richtig. Ich gebe das Geschehen mehr als konfus wieder. Man könnte meinen, ich sei nicht einmal Autor dieses Buchs.
Rausch Wortsetzung 81
von Eufemia Pursche
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Das Glück hat die Tendenz, mich arrogant werden zu lassen, Cora.
Vom Unbeschwerten zur Arroganz beeile ich mich, die mit hartem Lehrgeld bezahlten Lektionen zu vergessen.
Aufpassen, bescheiden bleiben, sonst werde ich ohne zu merken, was ich nicht mag.
Vor einem Jahr waren manche Berge ein paar Zentimeter niedriger, einige Kontinente nicht so fern.
Ein Jahr ist die Zeit für alles oder nichts.
Für mich zunächst viel nichts.
Sich fallen lassen.
Manchmal nimmt das Schreiben den Atem, bisweilen ersticktest Du mich, Éluard.
Das war mein Jahr...
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von Eufemia Pursche
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klare Augen wie Regentropfen. Ihre Haare hatte sie zusammengefasst, doch einige rebellische Locken umrahmten ihr Gesicht. Die Ärmel ihrer grob gestrickten Jacke hatte sie bis über die Ellbogen nach oben geschoben. Sie löffelte ruhig ihr Eis. Ihr Mann kaute gegenüber seinen Zahnstocher platt und starrte auf sein leeres Bierglas. Die quietschenden Reifen eines LKW rissen ihn aus seinen Gedanken. Er zündete sich eine Zigarette an und fuhr mit der Hand über sein Gesicht um die Müdigkeit wegzuwischen. Sein weit geöffneter Hemdkragen gab nicht nur den Blick auf eine kitschige Goldkette, sondern auch auf seinen faltigen Hals frei. Unter dem Tisch wippte die Frau mit einem Fuß. Die Hose des Mannes zitterte nicht, sondern bedeckte gnädig die knöchellangen weißen Socken.
Fliegen und eine hungrige Wespe umflogen die leeren Nachbartische. Die Frau wischte ihren Mund mit der kleinen Papierserviette ab, richtete ihre Frisur und stützte ihre roten Hände auf den Tischrand. Sie stand keuchend auf und verließ mit watschelndem Gang den Platz.
Der Mann blieb mit verschränkten Armen sitzen und dachte an die Zeit, die ihnen noch gemeinsam oder getrennt an Leben blieb.
Rausch Wortsetzung 80
von Eufemia Pursche
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In Büchern enden Heldinnen immer zwischen seidenen Laken und kauen an den Fingernägeln weil sie nicht wissen was sie nun machen sollen. Das ist der Moment, in dem das Herz des Lesers verkrampft weil seine Heldin sich schlecht fühlt. Er hat tausend und eine Idee sie aus dem Schlammassel zu ziehen und würde ihr so gerne einige zuflüstern die ihm wesentlich besser erscheinen als das was die Heldin umzusetzen gedenkt.
Nun, das ist nicht weiter tragisch; eher lächerlich. Aber ich will keine Verhinderin von Taten sein. Damit fühle ich mich in die Tasche gesteckt. Unfähig, etwas auf die Reihe zu bekommen. Das führt mich schließlich zu einer Unterfrage. Entf wird alles richten. Dann Einfg. Wie Sonne, Mond und die Gezeiten.
Aus dem Effeff: Scrabble
von Eufemia Pursche
- Förster.
- Frank?
- …
- Ich bin’s, Rita.
- …
- …
- Rita!
Rita lachte leise am anderen Ende der Leitung. Frank hatte ihre Stimme sofort wieder erkannt und von einer Sekunde auf die andere schoss ihm eine Hitzewallung ins Gesicht, die rote hektische Flecken auf seiner Stirn hinterließ. Zehn Jahre seines Lebens durchzuckten sein Gedächtnis.
Frank sah sich erneut auf dem Kreuzfahrtschiff, in Ritas Wohnung, in seinem eigenen Haus. Freude, Leidenschaft, nostalgisches Bedauern warfen ihn aus der Bahn als Rita seinen Namen nannte. Alles war wieder da, zwischen den zwei Atempausen, in denen Rita gespannt auf seine Antwort wartete. Ihr anschließendes helles und verschwörerisches Lachen erschien ihm als erotisches Nonplusultra.
Ihre Geschichte hatte auf einem weißen Schiff begonnen. Zwei Wochen Kreuzfahrt im Mittelmeer, eine Reise, die seine Mutter gewonnen hatte und auf die er sie nur widerwillig begleitet hatte.
Es war heiß und Frank kämpfte ununterbrochen gegen eine ständig unterschwellige Übelkeit an. So lag er die erste Woche hauptsächlich lesend in seinem Liegestuhl und trauerte den festen Wänden seines Zuhauses nach. Frau Förster amüsierte sich prächtig; sie genoss das Programm an Bord. Tag für Tag stellte sie ihrem Sohn neue Bekanntschaften vor, darunter zahlreiche Singlefrauen, die Frank widerwillig begrüßte. Junge, hübsche, weniger hübsche, große, extravagante; Frank sah sich kontinuierlich gezwungen, seine Nase aus dem Buch zu heben um sich mit Frauen zu unterhalten, aus denen er sich nicht das Geringste machte, die aber unersättlich mit ihren Augen an seinen Lippen klebten. Es waren so viele, dass Frank seine Mutter verdächtigte, ihn absichtlich auf eine Verkupplungsbarke geschleppt zu haben. Doch Frau Förster genoss die Reise so offensichtlich, dass er sich schämte und sich ruhigere Leseplätzchen suchte. Sie fand ihn trotzdem immer und wenn er die Augen hob, blickte er an ihrem Arm auf eine neue Schwiegertochter in spe. So sah er auch Rita zum ersten Mal. Sie war damals neunundzwanzig Jahre alt, Frank sieben Jahre älter. Beim ersten Treffen trug sie ein pistaziengrünes ärmelloses Kleid, das gerade noch einen Blick auf ihre wohlgeformten Knie freigab und einen Glockenhut, dessen mit Lochstickerei verzierter Rand ein weiches Licht auf ihren hellen Teint warf. Frau Förster stellte ihren Sohn vor, der sein Buch zur Seite legte und den Neuankömmling mit etwas weniger Widerstand begrüßte als ihre Vorgängerinnen. Am Abend bestand Franks Mutter nach dem Dinner darauf, dass er mit Rita eine Runde Scrabble spielte. Danach verabschiedete sie sich, Frank setzte sich schüchtern vor das Spielbrett und schaute einer zuversichtlich lächelnden Rita in die Augen. Sie hatte sich für den Abend umgezogen, trug nun ein helles Kleid mit einem atemberaubenden Schnitt, der ihre wundervollen Brüste prächtig zur Geltung brachte. Frank konnte einfach nicht anders, als unentwegt in ihre Richtung zu schielen. Er mochte überhaupt keine Spiele und ließ sich die Spielregel von der jungen Frau erklären: „Jeder Buchstabe stellt eine Anzahl Punkte dar, deren Wert beim Auslegen von Wörtern unter Nutzung von Buchstaben, die bereits auf dem Spielbrett ausgelegt sind, addiert werden. Sieger ist der Spieler mit der höchsten Summe.“ Frank verlor die erste Partie, stimmte aber trotzdem einem Revanchespiel am nächsten Abend zu. Rita trug diesmal ein marineblaues Kleid mit goldenen Tressen, die mit ihren gesprenkelten Augen um die Wette leuchteten. Er entdeckte auch die sieben kleinen Sommersprossen auf ihrem Dekolletee. Das Spiel war kurzweilig und leidenschaftlich. Rita sprühte vor guter Laune. Je weiter die Partie fortschritt, desto häufiger suchte Frank errötend ihren Blick. Rita antwortete mit einem befreienden Lachen. Am Ende besaß Frank noch sechs Buchstaben: T-T-T-N-I-E. Er zögerte. Eine schwere Entscheidung. Auf seinem Hölzchen formte er das Wort TITTEN. Das konnte er auf ein rosafarbenes Feld mit doppeltem Wortwert unter Nutzung eines vertikalen Wortes legen. Im Überschlag ergaben das achtzehn Punkte! Unschlagbar! Er hob die Augen, klebte zunächst an Ritas Ausschnitt und dann an ihren Augen. Sein Herz pochte in den Schläfen. Konnte er das Wort TITTEN vor einer Frau auslegen, die ihn mehr als einmal erwischt haben musste, wie er in ihre prall gefüllten Körbchen schaute? Frank fürchtete, dass Rita ihm dies übel nehmen würde. Er zögerte noch einen Moment, dann legte er das Wort NETT, was ihm nur sieben Punkte einbrachte. Genervt vom schwachen Resultat seiner Gesamtpunktzahl, aber erleichtert, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, zog er scharf den Atem ein, als Rita mit seinem N das Wort PENIS auf das Spielfeld legte. Rita warf lachend den Kopf zurück. Fünfzehn Punkte. Sie hatte das Spiel gewonnen. Mit gerötetem Gesicht in einer Mischung aus Verwirrung, Scham, Wut und Anregung gratulierte Frank seiner Gegnerin, die ihm mit durchdringendem Blick dankte. Zehn Minuten später begleitete Frank Rita in ihre Kabine, die sie in der kommenden Woche nur sporadisch verließen.
So begann ihre zehnjährige Beziehung.
Im ersten Monat liebten sie sich Tag und Nacht an allen möglichen und unmöglichen Orten. In den folgenden neun Jahren samstags in Düsseldorf bei Rita und im letzten Jahr in Franks Haus.
Ihre Samstage verliefen sehr schnell nach einem starren Muster. Sie liebten sich, danach tranken sie Kaffee und spielten ernsthaft eine Partie Scrabble. Gegen acht zogen sie sich an, spazierten am Rheinufer entlang und gingen anschließend essen. Wieder zurück in Ritas Wohnung spielten sie wieder Scrabble, doch dieses zweite Spiel niemals zu Ende. Sie spielten nun auf dem Bett mit einer besonderen Regel: Alle Worte hatten einen Bezug zu Sex. So fielen die gewagtesten, provozierendsten Ausdrücke, bis sie nicht mehr an sich halten konnten und übereinander herfielen. Sie liebten sich in einem Chaos aus elfenbeinfarbenen Plastiksteinchen; auf einem bedruckten Wortteppich lebten sie ihre Fantasien aus und brachten LUST, HINTERN, PERVERS durcheinander mit denen sie zuvor gepunktet hatten. Wenn sie erschöpft voneinander abließen, pflückten sie lachend Buchstaben von der Haut des anderen, die der Schweiß der Leidenschaft dort angesogen hatte.
Diese Wochenendbeziehung passte Frank wunderbar in den Kram. Sie zwang ihn nicht, sich gefühlsmäßig über Gebühr festzulegen und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Verlangen.
Nach dem Tod seiner Mutter wurde die Lage schwieriger. Ihre Samstagnachmittage verbrachten sie nun in Franks Haus. Neun Jahre waren verstrichen, Rita war achtunddreißig und wurde fordernder. Frank empfand sie gleichzeitig liebevoller und verwirrender. Sie verlangte nach mehr Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, beschwerte sich manchmal über die Routine ihrer Beziehung und ihren episodischen Charakter. Unter dem Druck der komplizierten Begegnungen schwand ein Teil von Franks Lust. Er mochte Rita sehr, sah sich aber außer Stande, ihr mehr zu geben, als er bereits tat. Immer häufiger diskutierten sie samstags nachts im Auto, wenn Frank Rita zurück in ihre Wohnung fuhr. Rita machte Andeutungen, die Frank wohlweißlich ignorierte. Er begann, die Unterhaltungen im Auto zu fürchten, als aus den Vorschlägen Ultimaten wurden. Rita erklärte sich bereit, mit ihm zusammen zu leben und Frank fand keine Worte für seine Furcht davor, die ihm selbst unverständlich schien. So versuchte er, seine Zuneigung möglichst zu umschreiben und versagte sich die Erkenntnis, das Gefühl könne Liebe sein. Es nervte ihn gewaltig, dass Rita ihm inzwischen offen ins Gesicht sagte, dass sie ihn liebte. Er schwieg geniert und ein wenig beschämt. Wenn Rita ihm zum Abschied die Arme um den Hals legte und ihn innig küsste, verstärkte das Franks schlechte Laune. Rita stieg aus, bestätigte das Rendezvous für den kommenden Samstag und Frank lächelte so freundlich wie möglich, damit sie ihm verzieh. Den Rückweg nahm er kaum wahr in einem Gewühl widersprüchlicher Gefühle und Wünsche.
Eines Abends machte Rita Schluss mit ihm, auf dem Parkplatz vor ihrem Wohnblock. Es war Winter, die kaputte Heizung unterstrich die frostige Stimmung mit kaltem Gebläse. Frank erinnerte sich, wie sehr ihn dieser Schlussstrich geschmerzt hatte. Rita verwies auf ihre beinahe vierzig Jahre, darauf, dass sie ihm die besten zehn Jahre ihres Lebens geschenkt hatte und sie nun Kinder wolle. Sie wollte nicht länger nur die Geliebte des Mannes sein, den sie liebte. Frank hatte als Antwort nur ein linkisches Bedauern parat.
- Ich habe mir gedacht, dass ich dich noch unter dieser Nummer erreiche.
- Ja, klar… Wie du siehst, habe ich mich nicht geändert. Aber was machst du? Wo bist du?
- In Düsseldorf, im Hotel. Also musste ich dich anrufen.
- Ich freue mich sehr darüber! Was für eine gelungene Überraschung! Nach so vielen Jahren.
- Ja… Es ist komisch, deine Stimme wieder zu hören.
- Wie lange bleibst du?
- Ich habe mich noch nicht entschieden.
- Dann müssen wir uns treffen!
- Das hoffte ich auch!
- Aber klar… Wann? Wann immer du willst!
- Morgen.
- Einverstanden. Ich hole dich ab.
- Nein, ich bin um vier bei dir. Passt dir das?
- Wie du willst. Ich freue mich. Wirklich.
- Ich mich auch. Bis morgen, Frank!
- Ja, bis morgen.
Rita legte auf und Frank starrte mit offenem Mund auf den Hörer.
Er ging hinauf ins Schlafzimmer und lehnte sich ans geöffnete Fenster. Morgen war Samstag. Aber ja! Es gelang ihm nicht, sich über seine Gefühle klar zu werden. War er glücklich, oder sperrte er sich gegen das Treffen? Einsamkeit und Routine der letzten vierzehn Jahre hatten ihn schlecht auf einen so wichtigen, emotionsgeladenen und erinnerungsbehafteten Besuch vorbereitet. Frank hatte sich in weiblicher Gesellschaft nie sonderlich wohl gefühlt und abgesehen von einigen Jugendsünden und einer Handvoll späterer Reinfälle mit Kurzaffären war Rita die einzige lange Beziehung seines Lebens gewesen. Erst nach dem Bruch war ihm klar geworden, wie wohl er sich in ihrer Nähe gefühlt hatte.
Frank spürte auf einmal die hereinströmende Kälte. Schaudernd schloss er das Fenster und rieb sich die Hände. Nun war er sich sicher, dass ihn der Besuch entzückte. Er beschloss, sich selber um das morgige Abendessen zu kümmern und ging hinunter in die Küche um eine Einkaufsliste zu schreiben. Zuerst Blumen, dann Ritas Lieblingskekse, natürlich Champagner und ihren Lieblingswein. Frank lächelte unwillkürlich als ihm klar wurde, dass er die Liste genau so redigierte wie seinen Roman. Er machte Anmerkungen und verfolgte Zeile für Zeile, Abschnitt für Abschnitt die Vollständigkeit der notwendigen literarischen Ingredienzien. Dann fielen ihm Ritas Einkaufslisten ein und er prustete los. Sie war Lehrerin und ihre Einkaufszettel glichen den Gliederungen ihrer Schüleraufsätze mit einer großen 1, großem A, kleinem a usw.
1. MITTAGESSEN
A. Vorspeisen
a: Suppe
b: Salat: Tomaten, Radieschen …
B. Hauptgericht
a: Fleisch
b: Gemüse
c: Beilage
C. Nachtisch
a: Obst
b: Eis
2. ABENDESSEN …
3. GETRÄNKE
A. alkoholisch
B. Mineralwasser
4. SONSTIGES
A. Gewürze
a: Senf, Kräuter
b: Öl, Essig
B. Brot
Frank zerriss seine Liste als er sich an eine andere beruflich bedingte Entgleisung Ritas erinnerte. Sie war in einem vollbesetzten Restaurant mit lautstark feierndem Publikum plötzlich aufgesprungen, hatte in die Hände geklatscht und dann ein durchdringendes „R U H E ! ! !" gebrüllt. Frank könnte sich noch heute auf die Schenkel klopfen über Ritas anschließenden erschrockenen Gesichtsausdruck vor der verblüfften gemaßregelten Kulisse.
Dieser Freitag glich einer wunderbaren Reise in die Vergangenheit. Frank gestand sich ein, dass die zehn Jahre mit Rita die glücklichsten seines Lebens gewesen waren. Je tiefer er in die Erinnerungen eintauchte, desto unbestreitbarer füllte ihn diese Gewissheit. Als Frank vor dem Schlafengehen nackt vor dem Badezimmerspiegel stand, rief er sich Ritas Körper ins Gedächtnis. Er sah ihn vor sich, in der ihr eigenen Stellung, die sie immer nach der zweiten Scrabble Partie einnahm. Nackt, rechts neben ihm, noch atemlos, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, glichen ihre Arme einem zerbrechlichen Schmetterling. Auf der Stirn klebte eine feuchte Haarsträhne, ihre Augen schauten zur Decke, die Wangen waren gerötet und ihr Mund formte ein andauerndes Lächeln auf den Lippen. Ihre glatten Achseln schimmerten perlgrau nach der Rasur. Sie glichen zwei geheimnisvollen Tälern zwischen den zarten Armen und dem Rand ihres sich hebenden und senkenden Brustkorbs. Ihre Brüste quollen in dieser Rückenlage üppig zur Seite, zwei saftige helle Wonnen, die sich im Takt des noch kurzen Atems bewegten. Manchmal blieb eine der Brustwarzen gespannt aufrecht stehen, während die zweite sich zusammenzog wie ein Einatmen der Haut. Die sichtbare zuckte in Spasmen, die andere kuschelte sich faul ins Zentrum ihres dunklen Warzenhofs. Ritas Bauch war fest und weiß; nach dem Anspannen der Schenkel glich er einer zarten Membran, die sich zum Nabel abrundete. Ein Lichtspalt kroch zwischen Laken und hohlem Steiß und gab den Blick auf die Kontur des prachtvollen Hinterns frei. Unter dem Nabel bildete der Bauch eine leichte Kuhle bevor er zum Venushügel anstieg, der dann zur verborgenen Freude zwischen den Innenschenkeln glitt. Frank hielt abrupt in seinen Wachtraum inne als seine Augen den eigenen Körper bewusst im Spiegel wahrnahmen. Die Erinnerung an die junge, knackige Rita erschien ihm angesichts dessen, was aus seinem Körper geworden war, unerträglich. Er betrachtete seine eingefallene Brust die wie zwei müde Dreiecke Richtung Bauch absanken. Einige graue Härchen kräuselten sich in der Mitte seines Thorax, und die Brustwarzen wurden von ein paar überlangen Haaren umrahmt. Sein Bauch war wirklich hässlich, die dicke Wampe eines ansonsten mageren Alten. Seine Taille verlor sich in diesem Fettgürtel. Die Knie spitz, die Beine Krampfader übersäte Staksen. Der Anblick seines Geschlechts deprimierte ihn wirklich. Verkümmert wegen Inaktivität glich es einer Nacktschnecke. Frank drehte sich zur Seite und prüfte sein Profil. Die Linien seiner Lenden verloren sich im Fett. Sein Hintern war flach und breiter als früher, verwelkt, lächerlich. Danach dachte er an die knackige Festigkeit von Ritas Pobacken, an die selbstbewusste Arroganz ihrer Rundung, an die beiden Grübchen, die ihre Wölbung am unteren Rücken bildeten. Plötzlich fuhr Frank auf und betrachtete sich erneut im Spiegel. Sein verkümmerter Penis durchfuhr ein Zucken. Frank schluckte seine Spucke hinunter als er sich wieder Ritas Hinterteil vor Augen rief. Sein Geschlecht entfaltete sich langsam, es entknotete die Mäander seiner Inaktivität, stieg in Intervallen hoch bis in die Spitze. Frank entwich ein kurzes euphorisches Lachen. Er drehte sich wieder zum Spiegel und beobachtete den Aufbau einer handfesten Erektion. Frank stemmte die Hände seitlich auf die Hüften und betrachtete stolz und gerührt den schwellenden Beweis seiner Männlichkeit.
Rita kam pünktlich.
Frank sprang hoch als er kapierte, dass das schnorchelnde Geräusch vor dem Fenster von einem Taximotor stammte. Die Klingel läutete überrascht und heiser nach ihrem Dornröschenschlaf. Frank wartete einen Augenblick bis er öffnete um nicht den Anschein zu erwecken, er habe auf sie gewartet. Er atmete tief durch. Der Luftstrom beim Ausatmen zitterte. Mit einem breiten, zunehmend natürlich wirkenden Grinsen ging er die Eingangsstufen hinunter und öffnete das Gitter. Rita trug einen beigefarbenen Mantel. Ihre Haare trug sie jetzt kürzer. Sie zögerten beide einen Augenblick bevor sie sich linkisch mit Wangenkuss begrüßten. Frank fand das lächerlich; immerhin waren sie lange sehr intim miteinander umgegangen. Er erkannte sofort ihr Parfum wieder. Ein süßlicher Jasminduft, der eine neue Woge der Erinnerung in ihm auslöste.
Die ersten Augenblicke waren schwierig. Rita schaute sich jedes Detail im Haus an und schien froh, alles unverändert vorzufinden.
- Das Haus riecht immer noch gleich, sagte sie endlich zu Franks großer Erleichterung.
- Echt? Mir fällt das gar nicht auf.
- Doch, wie früher. Ein wenig verstaubt und leicht bitter, ein alt bekannter Duft.
- Ich glaube, es ist der Geruch von Mama. Er wird immer zu diesem Haus gehören.
- Bestimmt. Für mich ist es dein Geruch.
Frank nahm ihr endlich Mantel und Tasche ab. Sie trug ein elegantes hellblaues Kostüm und hatte sich nicht sehr verändert, zumindest weniger als er. Sie war ein wenig fülliger geworden, füllte ihre Kleidung etwas stärker aus, was aber auch am engeren Schnitt liegen konnte. In Modedingen kannte sich Frank nicht so aus. Ihre Fesseln waren jedenfalls unverändert schmal.
Er schlug ihr einen Kaffee vor, den sie sofort annahm. Sie tauschten Banalitäten aus, er über die Schulter rufend in der Küche und sie im Wohnzimmer.
- Dein Garten scheint mir weniger gepflegt, sagte sie nach einer Pause.
Frank goss Wasser in die Kaffeemaschine und schrie als Antwort:
- Ich hatte keine Zeit! Es ist etwas kompliziert, seit ich nicht mehr arbeite. Ich erkläre es dir später.
Er drehte sich um und fuhr hoch, als er Rita plötzlich im Türrahmen stehen sah. Sie lächelte und half ihm, die Tassen und die Kekse ins Wohnzimmer zu tragen. Bevor sie sich setzte, roch sie an den Rosen die Frank morgens gekauft hatte. Er schenkte den Kaffee ein, der etwas dünn geraten war. Sie knabberten am Gebäck als Frank konstatierte, dass das Gebräu ungenießbar sei. Rita stimmte kichernd zu und schlug vor, neuen aufzusetzen. Sie gingen lachend in die Küche und fühlten sich viel entspannter.
- Ich habe das Abendessen vorbereitet. Oder gehst du lieber ins Restaurant? Ich koche besser als ich Kaffee aufschütte.
- Das wird himmlisch. Ich esse lieber hier.
Der zweite Kaffee war eindeutig besser als der erste. Frank entspannte sich und erkundigte sich vorsichtig nach dem Leben seiner früheren Geliebten. Sie unterrichtete immer noch Englisch, hatte aber die Nase mittlerweile davon voll. Der Beruf änderte sich, sie spürte das Alter und empfand die Schüler schwieriger als früher. Ja, sie lebte alleine. Sie hatte einen Mann kennen gelernt, aber die Beziehung war nicht von Dauer gewesen.
- Hast du Kinder? , fragte er mit heiserer Stimme.
- Nein.
- …
- Weißt du, mit neununddreißig Jahren ist es nicht einfach, einen potentiellen Vater zu finden.
- Ja, klar.
Frank überkam ein sattes Gefühl des Versagens. Er fühlte sich verantwortlich für die Leere in Ritas Leben. Aus Egoismus hatte er eine Frau daran gehindert, Mutter zu werden. Zum ersten Mal spürte er, dass es wunderbar gewesen wäre, Kinder zu haben mit Rita als ihrer Mutter.
Sie schwiegen eine Weile, verbunden in geteiltem und verstandenem Bedauern.
Rita unterbrach ihre Gedanken mit der Frage nach Franks Werdegang. Er schlug vor, ihr auf einem Spaziergang alles zu erzählen.
- Ich mag deine neue Frisur, sagte sie.
- Ach, das ist eher Nachlässigkeit.
- Sie ist gut so. Weniger streng und das Grau steht dir.
Sie spazierten langsam die ruhigen Straßen entlang. Dieser Februarabend war kalt, aber trocken. Die Nacht schien friedlich, und Rita schob ihren Arm unter Franks. Sie berechneten die Jahre ihrer Trennung. Frank wurde sich plötzlich seiner sechzig Jahre bewusst. Sie tauschten Erinnerungen aus, über die Kreuzfahrt, Franks Mutter… Frank entschuldigte sich, dass er ihr damals nicht gestattet hatte, an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Er sei lächerlich gewesen mit seinen bescheuerten Prinzipien und ihre Anwesenheit hätte ihm sicher gut getan. Sie unterhielten sich auch ein wenig über den Mann, mit dem Rita zwei Jahre zusammengelebt hatte. Danach gingen sie aneinander geschmiegt nach Hause. Frank war aufgewühlt, sein Herz pochte wie lange nicht mehr. Er verspürte große Lust, Rita in seine Arme zu nehmen und begriff, wie sehr ihm diese Zärtlichkeit in den letzten vierzehn Jahren gefehlt hatte.
Frank verschwand in der Küche um das Essen zuzubereiten. Es gelang vorzüglich. Er hatte schon lange nicht mehr so viel Wein getrunken und wurde redselig. Er erzählte Rita alles: seine Beziehungen, seinen Vorruhestand, seinen vergeblichen Versuch, einen Roman zu schreiben. Er erzählte ihr sogar den Anfang des Buches, die Geschichte des Hauses Lippe. Sie hörte ihm aufmerksam zu und tat ihm unendlich gut. Ein schwerer Stein fiel von Franks Brust. Frank hatte noch nie so viel erzählt und noch viel weniger über sich selbst. Rita bestärkte ihn, dass er noch alle Zeit der Welt hätte, wieder zu schreiben und er sich von einer Niederlage nicht unterkriegen lassen sollte.
- Seit Januar lese ich wieder, und im Frühling werde ich mich wieder um den Garten kümmern. Das reicht mir. Ich brauche nicht mehr, um glücklich zu sein.
Kaum ausgesprochen, wusste Frank, dass diese Worte gelogen waren. Gleichzeitig bedauerte er den Satz als ihm klar wurde, wie Rita ihn auffassen konnte. Er versuchte, sich ungeschickt zurückzunehmen.
- Ich meine das Schreiben. Ich brauche das Schreiben nicht.
Auch das war falsch, zumal ihm bewusst wurde, dass er Rita brauchte, um glücklich zu sein. Sie lächelte und Frank wand sich beschämt in der Furcht, Rita habe in sein Innerstes geschaut. Er setzte das leere Weinglas erneut an die Lippen und spürte in sich ein unbekanntes geheimnisvolles Verlangen, den Rest seines Lebens mit Rita zu verbringen. Sein Herz klopfte so stark, dass er glaubte, Rita könne es hören. So entschuldigte er sich in die Küche, um den Nachtisch zu holen.
Den Kaffee nahmen sie im Wohnzimmer ein. Frank schaute durch die Vorhänge auf die Lichter des Hauses gegenüber. Wie ein Pubertierender vor der ersten Liebeserklärung drehte und wendete er seinen Satz im Kopf, suchte den richtigen Ton, nicht zu brüsk, aber auch deutlich genug. Endlich atmete er tief ein und fragte mit verzerrter Stimme:
- Möchtest du Scrabble spielen?
Rita schaute ihn an und lachte lautlos.
- Glaubst du, wir haben noch das richtige Alter dafür?
Frank lachte, als habe er die Anspielung in ihrer Frage nicht gehört. Doch innerlich wollte er schreien, dass ja, ja, sie noch nicht zu alt seien, dass es nicht zu spät sei, dass er gestern den Beweis vor Augen gehabt hatte, dass er sie begehrte und vielleicht sogar liebte. Er sagte nichts von dem, und sie begannen das Spiel.
Frank wusste wenig von Frauen und fragte sich, ob das Alter ihre Sexualität beeinträchtigte. Aus der Vergangenheit wusste er, dass die zweite Partie Scrabble einmal im Monat zu Ende gespielt wurde; aber damit erschöpften sich seine Kenntnisse auch schon. Konnte eine Frau in jedem Alter Sex haben?
Die Partie verlief brav. Unerträglich brav. Rita führte nach Punkten. Manchmal tauschten sie ein zärtliches Lächeln aus.
Wie durch ein Wunder zog Frank die Buchstaben T-T-T-N-I-E. Er errötete und legte das Wort TITTEN auf das Spielfeld. Rita lachte verschwörerisch und legte das Wort TENNIS, bedauernd, dass ihr diesmal kein P vergönnt war. Sie spürten beide die Freuden der vergangenen Zeit.
Rita gewann das Spiel. Frank wurde es schwer ums Herz. Wie gern hätte er noch an Gott geglaubt um diesem in die Schuhe zu schieben, ihn mit solcher Feigheit bedacht zu haben. Er erinnerte sich, nur ein einziges Mal jemandem seine Liebe gestanden zu haben und das auch nur schriftlich. Damals war er siebzehn und hatte einer Klassenkameradin einen riesigen Blumenstrauß mit einigen erklärenden Worten geschickt. Eine Tat, die ihm vor Aufregung das ganze Wochenende versaute. Am Montag sah er seine Angebetete kichernd mit ihren Freundinnen die Köpfe zusammenstecken, die sein Briefchen von Hand zu Hand weiterreichten.
Rita sah Frank erwartungsvoll an, doch er war unfähig, zu sprechen. Er hätte sich ohrfeigen können!
- Es ist schon spät. Ich werde mir ein Taxi rufen.
- Nein, nein, nein! So lasse ich dich nicht weg. Ich fahre dich selbstverständlich.
Frank half Rita in den Mantel und verfluchte sich innerlich.
Die Autobahn war fast leer. Ein fetter Vollmond beschien die Stadt. Frank, der nachts nicht gerne fuhr, hielt sich auf der rechten Spur. Rita schwieg und schaute starr geradeaus. Einige Fahrzeuge überholten sie mit dem Geräusch riesiger Insekten. Düsseldorf hat sich in den letzten Jahren verändert, dachte Frank, als er das rege Treiben im Hafenviertel zu später Stunde beobachtete. Das Hotel lag in einer ruhigen Seitenstraße. Er parkte vor dem Eingang. Der Nachtportier warf ihnen durch die Glasfront einen verschlafenen Blick zu. Frank schaute Rita an, die seinem Blick ohne zu lächeln standhielt. Frank wusste, dass sie ihm gerade eine allerletzte Chance gab.
Er schaltete den Motor ab, ließ die Heizung aber laufen. Rita blieb stumm und unbeweglich. Frank wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, sie zu vertreiben. Er zitterte, seine Brust drohte, zu zerplatzen. Er liebte wirklich, zum ersten Mal in seinem Leben. Wahrscheinlich zu spät. Man verliebt sich nicht mit sechzig Jahren. Und warum nicht? , murmelte er, um sich Mut zuzusprechen. Er fühlte sich nicht in der Lage, die Stille zu unterbrechen, wusste gleichzeitig, dass er genau das jetzt machen musste. Wie gelähmt schaute er zu, wie sich sein Glück von Sekunde zu Sekunde verflüchtigte.
- Nun gut, leb wohl Frank.
Die Beifahrertür machte ein entsetzliches Geräusch. Frank schloss die Augen und hörte, wie sie zuschlug.
Die Heizung blies kalte Luft ins Wageninnere. Frank lehnte seinen Nacken an die Kopfstütze und verspürte einen inneren Drang, ihr nachzulaufen. Er bewegte sich nicht. Natürlich nicht, dachte er mit schrecklicher Selbstironie. Ritas letzte Worte klangen bitter, traurig, aber voller Zuneigung.
Frank wusste, dass er gerade seine letzte Chance auf ein Lebensglück verspielte. Sein Leben war eine Folge von Fehlschlägen gewesen. Seine Arbeit, seine ständige Weigerung, in vollen Zügen zu leben. Er war kein Schriftsteller geworden und verschenkte nun die Lösung auf alle unbeantworteten Fragen. Er verfluchte sich, als er die Kupplung trat und den Schlüssel umdrehte.
Frank fuhr langsam, beschleunigte dann und bog auf die Auffahrt der Autobahn ein. Der Vorhang war endgültig gefallen.
Wieder zu Hause, ging er direkt ins Schlafzimmer. So erschöpft, dass er wie betäubt war. Er öffnete kurz das Fenster und betrachtete den klaren Sternenhimmel. Dann schloss er die Vorhänge.
Er schlief allein und spürte dies im wahrsten Sinn des Wortes. Sein Schlaf war traumlos, oder er hatte die Albträume vergessen.
Als er erwachte, drang ein bleicher Morgen durch die Vorhänge. Frank fischte mit den Füßen nach seinen Pantoffeln und zog den Bademantel über. Als er das Fenster öffnete, zitterte er vor Kälte und entdeckte den feinen Regen. Der Sonntag begann trübe. Frank lehnte seine Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Auf der anderen Straßenseite schaute ein Mädchen von der gegenüberliegenden Wohnung dem Regen zu. Frank kreuzte seinen Blick und drehte sich abrupt um. Langsam setzte er sich überwältigt von einer endlosen Traurigkeit an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein.
Draußen verschleierte der Regen den Tag. Die Baumspitzen mischten sich mit den grauen Wolken. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte ich mich alt. Trotzdem erschien mir die mir noch vorbestimmte Zeit unüberwindbar lang …
Aus dem Effeff: Maskottchen
von Eufemia Pursche
„Ich verstehe nichts von Malerei. Alles was ich schön finde, ist angeblich Schrott. Daher muss ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe.“
„Und was halten Sie von meinen Bildern?“
„Nicht schlecht.“
„Nein, was halten Sie wirklich davon?“
„Wirklich? Wirklich habe ich keine Peilung.“
„Das beruhigt mich.“
Der Maler ließ mich einfach stehen und näherte sich einer Truppe Tunten, die sich um eines seiner Tryptichons scharten. Eine Frau wie eine Granate in seltsamen Klamotten begrüßte mich mit einem Glas in der Hand.
„Sind Sie Maler?“
„Nein.“
„Kritiker?“
„Gott bewahre!“
„Was machen Sie dann?“
„Ich bin Chiropraktiker.“
„Chiropraktiker? Heißt das, Sie manipulieren also aller Leute Nerven?“
„Da ist was dran.“
„Horror! Wie kann man nur so einen Beruf haben? Und was macht ein Chiropraktiker in einer Galerie? Interessieren Sie sich für Malerei?“
„Davon verstehe ich nichts. Ich habe nur eine Einladung erhalten, deshalb bin ich hier.“
„Ich muss Ihnen unbedingt Gilbert vorstellen. Gilbeeeert! Gilbeeeert!“
Gilbert war der Maler, der mich über seine Bilder ausgequetscht hatte. Er kam angetrottet mit aneinander reibenden Knien und leicht abstehenden Armen. Die Finger spreizte er auseinander, als ob er Nagellack trocknete.
„Gilbert, ich muss dir unbedingt den Herrn hier vorstellen. Er ist Chiropraktiker. Wie außergewöhnlich!“
„Wir kennen uns bereits. Wir haben schon miteinander geplaudert. Aber ich habe Ihren Namen nicht behalten.“
„ Ich habe mich nicht vorgestellt. Übrigens heiße ich Förster.“
„Nun, Herr Förster, ich bin entzückt, dass Sie gekommen sind obwohl Sie nichts von Malerei verstehen. Kiiiiiiiiiiiiiiiinder! Vite vite, kommt mal her.“
Eine Truppe in mandel- und pistazienfarbigen Anzügen trippelte herbei. Man hätte sie für Parfümerie Angestellte halten können.
„Jungs, ich stelle euch Herrn Jäger vor. Verzeihung, Herrn Förster, seines Zeichens Chiropraktiker.“
Die Tunten kicherten und flüsterten sich gegenseitig dummen Kram ins Ohr. „Hast du gesehen, wie behaart er ist?“ Die komischen Gestalten gingen mir gewaltig auf die Nerven. Ich bin doch keine Kirmesattraktion! Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit meinen eigenen Händen. Das ist wahrhaftig mehr wert als ihre Schmierereien mit dem Pinsel. Die Hammerfrau kam mir zu Hilfe.
„Sie schüchtern sie ein, Herr Förster.“
„Sie schüchtern mich nicht ein. Sie nerven mich, das ist alles.“
„Wir nerven ihn! Habt ihr das gehört, Jungs? Wir gehen ihm auf die Nerven!“, quiekte Gilbert. „Sie sind ab sofort das Maskottchen der Ausstellung.“
„Jaaaaa, jaaaaaaaaa! Maskottchen, Maskottchen!“, kam es im Chor als Echo.
„Maskottchen? Ich? Was soll das nun schon wieder bedeuten?“
„Na, Sie sind unser Glücksbringer, ein Fetisch sozusagen.“
„Und was muss ich da machen?“
„Ist er nicht niedlich? Bleiben Sie einfach bei uns, und bleiben Sie vor allen Dingen Sie selbst, werter Herr Chiropraktiker.“
Die parfümierten Heinis packten mich am Arm und entführten mich zur Bar, um mir einen auszugeben. Allmählich füllte sich der Schuppen. Ich suchte die Frau in den bizarren Klamotten. Gilbert gestikulierte wild vor einem seiner Werke. Ein nahezu leerer Riesenschinken mit einer ultramarinblauen Porreestange. „Gefällt es Ihnen?“, fragte mich ein himmelblau gewandeter Besucher. Meine Retterin erklärte: „Das ist eine Reminiszenz an Yves Klein.“ Blauer Lauch. Zum Totlachen!
„Und wem sind die grünen Flecken auf dem Bild da hinten gewidmet?“
„Allan Kaprow natürlich! Teardrops in Green Kaprow ist doch am 5. April 2006 gestorben. Sehen Sie seinen Einfluss auf Gilbert?“, mischte sich der himmelblaue Strampler Kasper ein.
Meine Augen suchten verzweifelt nach der Fee.
„Sie interessieren sich wohl nicht für das, was ich Ihnen erzähle?“
„Doch, doch, Sie sind bestimmt ein Kumpel des Meisters?“
„Sie teilen meine Meinung offensichtlich nicht.“
„Ihre Meinung interessiert mich tatsächlich nur peripher. Wie ich bereits gesagt habe, verstehe ich nichts von Kunst.“
„Kunst versteht man nicht, Kunst empfindet man. Ich weiß wirklich nicht, welchen Narren Gilbert an Ihnen gefressen hat.“
Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand in der Menge. Ich arbeitete mich wieder zur Bar durch und bestellte ein schönes kühles Pils. Das zischte! Anschließend wollte ich mich stillschweigend verdünnisieren.
„Nichts da! Sie wollen doch wohl nicht schon gehen?“, hinderte mich der weibliche Traum.
„Ja, ich habe ehrlich gesagt die Schnauze voll von dieser Veranstaltung.“
„Kommen Sie mit, ich baue Sie wieder auf.“
Sie nahm mich an die Hand und durchquerte mit mir die ganze Galerie. Ich ließ ihre Brüste nicht aus den Augen. Sie besaß zwei außergewöhnliche Kompasse. Nach einer Weile begriff ich, dass sie mich zum Damenklo abschleppte.
„Ähm, ich muss zur anderen Tür.“
„Hier ist das ohne Bedeutung. Kommen Sie rein.“
Drinnen steppte der Bär. Vor den Waschbecken und Spiegeln herrschte ein emsiges Plaudern, Kichern und Tratschen. Dort fand gerade eine Weltmeisterschaft im Koksen statt. Meine Begleiterin holte ihren Stoff aus dem Guccitäschchen, legte auf ihren freien Handrücken eine Line und pumpte sich das Zeug mit gekonnter Perfektion ins Nasenloch.
„Meine Güte! Haben Sie einen Turbostaubsauger in Ihrer Nase?“
„Bitte bedienen Sie sich.“
„Ohne mich, danke. Ich rühre so einen Kram nicht an.“
„Sie scherzen!“
„Ich brauche das nicht.“
„Womit kommen Sie dann durch den tristen Alltag?“
„Pommes, Schnitzel und viel Schlaf.“
„Sie sind bestimmt eine Granate im Bett.“, mutmaßte sie während sie ihr Tütchen forträumte. Um uns herum tauschten Männer und Frauen aller Altersklassen Nasen und Gedanken aus. Ich fand das ganz nett. Auch ein wenig lächerlich. Wir verließen die Damentoilette und ich entschuldigte mich für eine Minute. Ich musste noch einen Umweg in die Herrentoilette einlegen. Die Stimmung glich der im weiblichen Gegenstück. Bis auf die Ausnahme, dass sich zwei Typen über dem Urinal gegenseitig einen runterholten.
„Verzeihung.“, räusperte ich mich.
Die Beiden reagierten nicht.
„Ich muss pinkeln.“
Sie rückten ein wenig von der Schüssel weg ohne ihre Fummelei zu unterbrechen. Es ging mir auf den Keks, dass sie mir vielleicht zuschauen würden. Mein Verdacht bestätigte sich. Meistergaffer! Prompt versagte mein Strahl. Ich nahm mir Zeit. Die anderen hielten mich wohl für einen Exhibitionisten, was ihre Erregung sichtlich steigerte. Endlich klappte es doch noch mit der Erleichterung. Als ich den Raum verließ, begann der Kleinere damit, seinen Gespielen von hinten zu beglücken.
„Es ist ja wirklich alles andere als langweilig bei euch.“, sagte ich meiner wartenden Begleiterin.
„Das ist mittlerweile Usus auf Vernissagen. Vor allem, wenn Gilbert ausstellt. Schockt Sie das?“
„Nein.“
Ein platinblond gefärbter Typ kam mit wedelnden Armen angerannt. „Daniel hat einen Immendorff erstanden! Stellt euch das mal vor! Einen Immendorff! Wenn Immendorff es trotz ALS bis zur Preisverleihung im Oktober 2006 in Goslar zur Verleihung des Kaiserrings schafft, wird das Bild eine Kapitalanlage!“
„Immendorff, ist das nicht der Typ der wegen Koks und leichten Mädchen in Düsseldorf zu einer Bewährungsstrafe verknackt wurde?“
„Wie kannst du dich nur mit so einem Ignoranten unterhalten? Deine Hormone spielen wohl verrückt.“, blaffte er erst die Schönheit an meiner Seite an und dann mich: „In Ihrem Busch hat man wohl noch nie von Baselitz, Richter oder Warhol gehört. Sie kennen wohl nur Seidenmalerei, Herr Jäger.“
„Förster.“
„Wie auch immer.“
Ich packte die miese Ratte am Fraß, will heißen, an seinem Samtwams, hob ihn hoch und knallte ihn an die Wand. Er quiekte wie ein abgestochenes Ferkel. Ich versetzte ihm einen Pass mit meinem rechten Knie in sein Gemächt. Er kreuzte seine Hände vor seinem Schritt und ging in die Knie. Seine Augen schossen aus ihrem Orbit. Man hätte meinen können, er habe eine Erscheinung.
„Brutale Bestie!“, beschimpfte mich der Gespiele des Samtjöppchens und half seinem Liebsten wieder hoch.
Gilbert mischte sich ein: „Hat unser Maskottchen bleibenden Schaden angerichtet? Mein Maskottchen ist einfach einzigartig!“ Der Maler streichelte mir zärtlich den Nacken und wandte sich dann wieder seinen anderen Gästen zu.
Die Frau schlug mir vor, sie in die erste Etage zu begleiten.
„Was gibt es dort?“
„Sie werden sehen.“
Als wir die Treppe hochstiegen, blitzten ihre Beine vor meinen Augen. Super Beine! Das war ein anderes Kaliber als der blaue Porree oder die grünen Flecken von Gilbert! Die Frau war beinahe so groß wie ich. Ich wusste nicht, wohin sie mich führte, aber ich wusste, dass ich Lust auf sie hatte. Wir betraten eine Art riesiges Büro mit einer Ledercouch. An den Wänden hingen zahlreiche Bilder. Diese hier gefielen mir.
„Der Besitzer der Galerie scheint ja ein besonderer Hecht zu sein.“, kommentierte ich. „Er stellt unten Scheiße aus und die guten Bilder behält er in seinem Büro.“
„Warm. Nicht schlecht erkannt. Wir sind übrigens gerade in meinem Büro.“
„Die Galerie gehört Ihnen?“
„So ist es.“
„Sie müssen mich für einen absoluten Banausen halten.“
„Im Gegenteil, Herr Förster. Sie haben ein ausgesprochenen Blick für das Wesentliche.“
Sie füllte zwei Gläser und reichte mir eines herüber.
„Welches Bild gefällt Ihnen am besten?“
Ich schritt mit auf dem Rücken gekreuzten Armen etwa zwanzig Werke ab. Lange habe ich nicht überlegt.
„Das da.“
„Das habe ich gewusst.“
„Von wem ist es?“
„Hopper.“
Sie kippte ihren Drink auf einen Zug hinunter. Plötzlich fühlte ich mich unwohl. Die Frau schüchterte mich ein. Ich setzte mich auf das Sofa und sie sich neben mich. Sie puderte sich erneut das Näschen, fuhr mir dann mit den Fingern durch die Haare und küsste mich, dass mir die Luft wegblieb. Ihre Zähne zerbissen meine Lippen. Ihr Atem roch streng, aber nicht unangenehm. Ihre Brüste erwiesen sich von beunruhigender außergewöhnlicher Festigkeit und schienen mich arrogant fort zu stoßen. Ich streichelte ihren kleinen Po. Das mochte sie. Danach folgte ich den endlos langen Beinen. Ihr Hintern brannte. Plötzlich erstarrte ich. Ich war unfähig, mich zu bewegen.
„Du bist ein Kerl!“
„Nicht mehr wirklich.“, korrigierte mich die Frau.
„Und was halte ich da in meiner Hand?“
Sie antwortete mir mit einem sehr zärtlichen Kuss und murmelte: „Kümmere dich nicht darum. Beschäftige dich mit dem Rest.“
Ich zog vorsichtig meine Hand unter ihrem Rock hervor und ließ entsetzt meinen Kopf nach hinten baumeln. Ich wusste nicht, wie mir geschah. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich schloss die Augen. Während sie mit ihrem Mund wunderbare Dinge anstellte, dachte ich an die parfümierten Heinis unten vor der blauen Lauchstange.
Aus dem Effeff: Wünsch dir was!
von Eufemia Pursche
„Na los, wünsch dir was!“, drängte ihn die Frau. Frank lächelte. Nach dem Essen fühlte sich sein Magen an wie ein nasser Sandsack. Er war unfähig, zu antworten. So beobachtete er, wie seine Mutter die Kerzen auf dem Kuchen anzündete und dabei gleichzeitig Details seiner schwierigen Geburt vom Stapel ließ. Jemand ließ die Jalousien herunter, und Frank konzentrierte sich auf den Lichtschein auf dem Tisch. Die Frau küsste ihn auf die Wange und wiederholte: „Wünsch dir was!“.
Frank erinnerte sich an die Geburtstage seiner Kindheit. Er hatte sich einen Hund, ein Schlagzeug, ein Rennrad und später Hammerweiber und Traumurlaube gewünscht. Die Wunschfee hatte kläglich versagt. Nichts hatte sich erfüllt. Konsequenterweise beschloss er, besser auf das kindische Gehabe verzichten. Doch im letzten Augenblick drängte es ihn, mit dem gewohnten Prozedere fort zu fahren, und zwar inniger als je zuvor.
Frank wünschte sich ein Haus in Malibu oder am Timmendorfer Strand. Und Frühstück im Bett mit irgendeiner Frau – vorausgesetzt, sie war knackig, fröhlich und Schwedin. Es liefen auch Pferde durch Franks Wunsch. Von einem offenem Kamin und einer Bibliothek mal ganz zu schweigen. Sein Bartwuchs glich nicht länger einem zerfressenen Flokati. Und sein Bedürfnis nach Alleinsein würde er am hauseigenen Strand stillen. Nachbarn suchte man vergeblich, doch seine Freunde besuchten ihn und bewunderten das Haus. Er lud sie zum Barbecue im Garten ein. Die blonde Schönheit flüsterte ihm: „Ich liebe dich.“, ins Ohr. In genau abgemessener Dosierung um den Satz nicht abzustumpfen. Natürlich hatten sie oft sensationellen Sex. Seine Schildkröten- und Weinkorken Sammlung genoss höchsten Ruhm unter Sammlern. Außerdem besaß Frank den IQ eines Klugscheißer Champions. Er hielt ungestraft Vorträge zur Klimaerwärmung und zum lyrischen Imperativ in der deutschen Gesetzgebung. Ab und an wollte Frank sogar in seiner Hightechküche stehen. Umgeben von zwei scharfen Gourmet Assistentinnen, die für die Deko auf den Tellern verantwortlich waren. Unbegrenzte Möglichkeiten eröffneten sich dem Geburtstagskind. Frank atmete tief durch. Allmählich wurde er der Blondine überdrüssig. Sie wurde von einem blutjungen Crawford Verschnitt abgelöst, der im städtischen Arbeitsamt für das korrekte Aufrufen der Wartenummern zuständig war. Die Neue fühlte sich bei Frank wie im Paradies. Wenn man ihre unglückliche Kindheit bedenkt, nicht wirklich ein Wunder. Frank verbrachte seine Freizeit damit, die sieben Hauptsprachen der Multi-Kulti City zu studieren. Die Crawford schenkte ihm einen Sohn, den er natürlich ebenfalls Effeff nannte. Der kleine Frank Förster bekam zur Einschulung ein Delphin Pärchen.
Frank versengte sich beinahe die Haare an den vierzig Lichtern auf dem Kuchen. Er blies, bis ihm die Puste ausging. Bis auf acht Kerzchen erloschen alle Flammen. Die restlichen folgten nach kräftigem Nachladen der Lungen. Alle klatschten und stimmten das unvermeidliche Geburtstagslied an. Frank war höchst zufrieden. Er stieß mit zu warmer Moselwein Plörre auf das neue Jahrzehnt an. Danach schleppte seine Mutter die Geschenke an. Ein Rautenpullunder in grün-blau und ein rot-weiß gestreiftes Hemd. Der Bildband über Sedimentforschung im Oberrheinischen Graben interessierte ihn weniger. Als höflicher Sohn heuchelte Frank jedoch so etwas wie Euphorie. Später lockerte er nach dem opulenten Mahl seinen Hosengürtel und rauchte mit dem Vater ein Pfeifchen und schlummerte dann im Fernsehsessel ein.
Das Geräusch der Wellen weckte ihn. Frank rieb sich die Augen und überlegte, wie er den Tag füllen würde. Dann sprang er entschlossen auf, öffnete die Terrassentür und blickte auf den Strand. Ein prachtvolles Wetter, um mit dem Boot hinauszufahren. Beim Rasieren seines dichten Bartes beobachtete er aus den Augenwinkeln seinen Sohn, der mit dem Hund am Wasser entlang tobte. Rita kam ins Zimmer, sang ihm ein Geburtstagsständchen und dankte ihm für die vielen gemeinsamen Jahre. Heute wurde er vierzig. Gerade als Frank die Kerzen auf der Torte auspusten wollte, hielt seine Frau ihm den Mund zu: „Halt! Wünsch dir was!“
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Aus dem Effeff: Fingerspiele
von Eufemia Pursche
Rita und ich hatten ein Wochenende in London geplant. Auf dem Flugplatz in Düsseldorf verspürte ich ein leichtes Brennen beim Wasserlassen. Nach der Landung in Heathrow verstärkte sich der Schmerz. Im Hotel ging ich bereits durch die Hölle. Im Fünfminutentakt verspürte ich den Drang zu pinkeln.
Rita hatte vor einem Monat eine Blasenentzündung gehabt und sicherheitshalber eine halbe Apotheke passender Medikamente dabei. Ich schluckte eine Packung mit vier Litern Wasser. Die Nacht verbrachte ich auf der Toilette. Zu allem Überfluss gesellten sich am nächsten Morgen zu meiner „urinalen Diarrhö“ auch noch Fieber, Muskelkater und ein Kreislauf im Keller.
Also doch zum Arzt. Ich erklärte in meinem besten Schulenglisch mein Problem, und zehn Minuten später machte der Doc Bekanntschaft mit meiner Prostata. Bevor er mich penetrierte, erklärte er mir: „Well, Mr. Förster, Blasenentzündungen sind bei Männern äußerst selten. Die meisten Harnweginfektionen werden von Nieren, Hoden oder Prostata ausgelöst.“
Zunächst Abtasten der Nieren. Nichts Auffälliges, keine Schmerzen. Dann die Tastuntersuchung der Hoden. Dito. Er zog daraufhin einen Latexhandschuh an, tauchte den Zeigefinger in Vaseline und forderte mich auf, mich auf die Seite zu legen. Auf der rechten Seite (ich wusste nicht, dass meine Prostata eine rechte Seite hat …) spürte er nichts. Ich auch nichts. Auf der linken Seite spürte er einen Knoten und ich einen Mordsschmerz, als ihn berührte. Bingo! Die Schatzsuche war beendet. Höchste Zeit! Eine Entzündung der Prostata ist bei einem Dreißigjährigen anscheinend sehr selten. Daher telefonierte der Arzt mit einem Speziallabor für weitere Untersuchungen um etwas Ernstes auszuschließen.
„Ich warne Sie vor, die Untersuchungen sind unangenehm und bisweilen auch schmerzhaft.“
Es folgten Blutabnahme, Röntgen, Ultraschall des Unterbauchs, Urinprobe aus der Harnröhre. Als der Assistent den Stock in besagten Kanal schob, sah ich Sterne. Erst später erfuhr ich, dass diese Methode als Highlight unter Folterern gilt. Ich werde also nicht versuchen, hier die Worte zu wiederholen, die ich dort in beachtlicher Lautstärke abgelassen habe.
Meine erste Reaktion auf die Info, dass meine Infektion durchaus gefährlicher sein könnte als eine simple Entzündung mit gutartiger Ursache, löste eigenartigerweise weder Angst noch Stress, sondern Erleichterung bei mir aus.
Als der Arzt mir mit ernster Miene die Untersuchungsergebnisse überreichte, empfahl er mir, dringend kurzfristig weitere Untersuchungen.
„Na gut, alles wird gut. Die Natur kümmert sich um alles. Ich brauche nicht mehr aus dem Fenster zu springen.“
Zurück in Düsseldorf überreichte ich meinem Hausarzt alle Ergebnisse. Ich saß ihm gegenüber als er diese mit Grabesmiene kommentierte. Ich betrachtete inzwischen fassungslos seine Hände. Bratpfannen mit Fingern wie Currywürste! Als er mich aufforderte mich für eine Tastuntersuchung auf die Seite zu legen, streikte ich und ertrotzte eine Überweisung zum Spezialisten. Diesem erzählte ich alles. Wirklich alles. Über die Untersuchungen, die beiden Ärzte, meine Angst, alles. Er beruhigte mich und erklärte, dass ich mir unnötig Sorgen machen würden. Die Entzündung war wohl eher psychischer Ursache als etwas anderes. Stress, Müdigkeit vermischt mit verhaltenem Pinkeln könnten Prostataentzündungen hervorrufen. Das sei gar nicht so selten. Meinen Hausarzt habe ich übrigens gewechselt. Ich bin jetzt bei einer Ärztin.


25.08.10 07:54:54, 