Leben

von Eufemia Pursche E-Mail

Sag niemals ja zu meiner Nähe
Weil du nein zu einer anderen sagst
Lass ja nur ja sein
Und nein nur nein

Fülle niemals aus meiner Fülle
Die Leere deines Seins
Lass Fülle sich füllen
Und Leere sich leeren

Empfinde niemals das Band unserer Herzen
Als Kette oder Fessel deiner Freiheit
Atme die Freiheit in meiner Nähe
Und nimm dir die Freiheit, meine Nähe zu suchen
Und lass mir die Freiheit, mich nie freier zu fühlen
Als in deiner Nähe, wie nah sie auch sei

Post midlife

von Eufemia Pursche E-Mail

Wenn der Arzt am Sterbebett verkündet: „Das ist das Ende“, ergänze ich: „…vom Lied“. Immerhin habe ich meinen Körper der Wissenschaft der Künste vermacht. Sie hat mein Angebot zurückgewiesen.

Was mich beim Gedanken an den Tod am meisten stört, ist die Tatsache, dass nicht der Hauptbeteiligte den Zeitpunkt bestimmt.
Sobald man mich also auffordert: „Stirb, Frank Förster!“, weiß ich nicht, ob ich Lust habe, gleich zu gehorchen. Wenn mein letztes Stündlein zur Neige geht, werde ich tief einatmen und so lange wie möglich die Luft anhalten. Im Schwimmbad schaffte ich mal dreieinhalb Minuten. Erst danach werde ich mein Leben ohne weitere Mucken aushauchen.

Auf dem alten Foto sehe ich gar nicht so übel aus. Ein Draufgänger mit einer schwarzen Wuschelmähne. Einmal habe ich sogar versucht, meine Haare zu zählen, aber keine Chance – es waren zu viele. Heute sprießen nur noch wenige auf dem Kopf, darunter ein einziges dunkles Haar. Ich sollte den Fotografen wechseln, der alle zehn Jahre meine Passfotos schießt. Mein morgendlicher Blick in den Spiegel verkündet ebenfalls kein taufrisches Antlitz. Dabei ist er schon alt und ein wenig angelaufen, der Spiegel. Mein Gesicht ist von Falten zerfurcht, erste Altersflecke zeigen sich auf der welkenden Haut, Kinn und Hals hängen herunter. Ich gleiche einem alten Rhinozeros. Bald werden die Kinder Angst vor mir haben. Ich finde mich hässlich. Weil der Herbst beginnt? Im nächsten Sommer wird es nicht besser sein.

Ich gehöre der Generation junge Alte an. Woran man die erkennt? Nun, zunächst die gute Nachricht: sie sind noch da. Der junge Alte ist nicht nur nachts grau. Er ist bepackt mit Taschen an den Armen und unter den Augen, unterwegs auf dem schmalen Grat zwischen Jugend und Alter. Ich siebe Illusionen, spreche einsilbiger, lache, auch wenn ich nichts zu lachen habe. Nur das Denken versage ich mir nicht.

Die Neuigkeit traf mich unerwartet. Wie ein Hammer. Mit allen, die wie ich mit sechzig Jahren den gewohnten Platz hinter dem Busfahrer einnehmen und ihm beim Fahren zusehen, fest überzeugt, eines Tages dessen Platz einnehmen zu können. Später wurden wir Ärzte, Lebenskünstler, Notare, Lehrer, Bäcker, Minister und müssen fortan auf unseren Jungentraum verzichten. Wir hofften auf später. Die Liste unserer verpassten Gelegenheiten wird weiter wachsen. Es gibt Schlimmeres. Den jungen Alten, der sich mit sixty four einen neuen Bus auf Kredit zulegte.
Und dann steht der Rentenbeginn in deinem Outlook. Ab morgen kann Frank Förster den lieben langen Tag relaxen. Rita und die Kollegen haben mir den passenden Sessel dazu geschenkt. Mit einer Reihe von Knöpfen für mehr Positionen als ich in meinem Berufsleben eingenommen habe. Selbst das modische lila Leder lässt den Geruch nach orthopädischen Strümpfen und Pillendöschen nicht verschwinden. Kein Telefon ab morgen, keine Geschäftspost, kein Intranet. Wozu gibt es den Zeitungskiosk? Finito auch die Geschäftsessen und die Weihnachtsgeschenke in Form von Wein, Blumen und Pralinen. Kaum auszuhalten: kein Lächeln mehr. Niemand versucht, dir zu gefallen, keiner lacht über deine flachen Witze. Die Welt dreht sich weiter ohne Frank Förster. Dein Nachfolger hebt sein Glas und trinkt auf deine Gesundheit. Er stand in deinem Schatten, der sich bereits verflüchtigt. Du nippst am schalen Prosecco und redest dir ein, von nun an sei dein Leben fein prickelnd wie Champagner.

Jetzt ist es offiziell. Ich kann es nicht mehr verstecken. Die ganze Welt wird es erfahren. Es steht schwarz auf weiß in der Zeitung und gespeichert im Web bis in alle Ewigkeit. Der Schlag ist hart. Ich hatte ihn nicht so früh erwartet. Das unerwartete Ereignis heißt Timo, wiegt drei Kilo und weint hauptsächlich nachts. Seit gestern ist Frank Förster Großvater. Alle werden mich für einen Opa halten.

Dabei war es doch erst gestern, als ich meine Tochter zum Altar geführt habe. Alle schauten zu. Die meisten werden zum Sektempfang kommen. Zwei Gläser pro Person Minimum. Wie viele Flaschen wird mich das kosten? Meine Tochter ist wunderschön mit den frischen Rosen im Haar. Ich muss sie an einen Jüngeren abtreten. Sympathisch, aber ungestüm. Perlen vor die Säue. Was hat unsere Tochter bloß getrieben, so früh zu heiraten. Meine Frau ist in Tränen aufgelöst. Ich nicht. Obwohl.

Meine Beine schaue ich gerne an. Sie sind normal behaart, nicht besonders außergewöhnlich, außer, dass sie meine sind. Mit sechzehn sprangen sie bei den Bundesjugendspielen einen Meter siebenundfünfzig hoch. Anschließend tanzten sie vor lauter Freude die halbe Nacht in der Jugenddisko. Fünfzig Jahre später tragen sie mich immer noch, wohin ich will. Sicher, sie sind im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich verblasst. Immerhin stecken sie die meiste Zeit in langen Hosen unter dem Schreibtisch. Im Sommer tue ich ihnen manchmal den Gefallen, ziehe eine Short an und lasse sie im Garten von der Sonne bescheinen.

Nimm niemals ein Geschenk von einem Fremden an. Es könnte sich um einen Gerontophilen handeln.
Das grauhaarige Pärchen unter dem blühenden Rosenbogen lächelt dich freundlich an. Auch das Alter hat schöne Reflexe. Sie scheinen dir etwas sagen zu wollen, eine Einladung, ein Geschenk, ein Überraschung.
Unter dem Foto versprechen sie – für ein stattliches Sümmchen – einen all inclusive Service für den Fall deines Ablebens. Deine Familie wird völlig relaxt sich um nichts kümmern müssen.
Der Blick auf den Umschlag bestätigt in gotischen Lettern wie auf einem Grabstein, dass das Angebot sich an dich persönlich richtet.
Zurück an den Absender mit dem Vermerk:
„Zu spät. Empfänger verstorben.“

Rauschwortsetzung - 100

von Eufemia Pursche E-Mail

Professor Harr, der träumende Philosoph. Ja Mirko, das bin ich. Ein Philosoph, der aufhört nachzudenken wenn er sinniert, spricht für sich selbst die Scheidung zwischen Intellekt und Vorstellungskraft aus. Wenn ein solcher Philosoph von Sprache träumt, wenn die Worte aus seinen tiefsten Gedanken sprießen, wie kann er da der Rivalität des Maskulinum und Femininum gegenüber gleichgültig bleiben, die er im Ursprung der Sprache entdeckt? Bereits durch ihr Geschlecht unterscheiden sich Traum und Träumerei. Wir verlieren die Nuancen, wenn wir Traum und Träumerei als zwei Glieder eines gleichen Ursprungs betrachten. Bewahren wir uns also die Klarheit des Genies unserer Sprache. Versuchen wir, die Nuance Weiblichkeit in der Träumerei zu ergründen.
Wenn wir die Unterteilung der Psyche vergleichbar in Animus und Anima vornehmen, wie es tiefenpsychologischen Konzepten entspricht, erkennst du, Mirko, dass die Träumerei sowohl beim Mann als auch bei der Frau eine Offenbarung der Anima ist. In einer Träumerei über die Worte selbst sichern unsere intimen Überzeugungen in der gesamten menschlichen Psyche die Permanenz des Weiblichen.

Wie kompliziert bist du gestrickt, Elmar! Unsere Gedanken an Cora sind Träumerei. Cora ist ein Traum.

Aus dem Effeff: Scrabble

von Eufemia Pursche E-Mail

- Förster.
- Frank?
- …
- Ich bin’s, Rita.
- …
- …
- Rita!

Rita lachte leise am anderen Ende der Leitung. Frank hatte ihre Stimme sofort wieder erkannt und von einer Sekunde auf die andere schoss ihm eine Hitzewallung ins Gesicht, die rote hektische Flecken auf seiner Stirn hinterließ. Zehn Jahre seines Lebens durchzuckten sein Gedächtnis.
Frank sah sich erneut auf dem Kreuzfahrtschiff, in Ritas Wohnung, in seinem eigenen Haus. Freude, Leidenschaft, nostalgisches Bedauern warfen ihn aus der Bahn als Rita seinen Namen nannte. Alles war wieder da, zwischen den zwei Atempausen, in denen Rita gespannt auf seine Antwort wartete. Ihr anschließendes helles und verschwörerisches Lachen erschien ihm als erotisches Nonplusultra.

Ihre Geschichte hatte auf einem weißen Schiff begonnen. Zwei Wochen Kreuzfahrt im Mittelmeer, eine Reise, die seine Mutter gewonnen hatte und auf die er sie nur widerwillig begleitet hatte.
Es war heiß und Frank kämpfte ununterbrochen gegen eine ständig unterschwellige Übelkeit an. So lag er die erste Woche hauptsächlich lesend in seinem Liegestuhl und trauerte den festen Wänden seines Zuhauses nach. Frau Förster amüsierte sich prächtig; sie genoss das Programm an Bord. Tag für Tag stellte sie ihrem Sohn neue Bekanntschaften vor, darunter zahlreiche Singlefrauen, die Frank widerwillig begrüßte. Junge, hübsche, weniger hübsche, große, extravagante; Frank sah sich kontinuierlich gezwungen, seine Nase aus dem Buch zu heben um sich mit Frauen zu unterhalten, aus denen er sich nicht das Geringste machte, die aber unersättlich mit ihren Augen an seinen Lippen klebten. Es waren so viele, dass Frank seine Mutter verdächtigte, ihn absichtlich auf eine Verkupplungsbarke geschleppt zu haben. Doch Frau Förster genoss die Reise so offensichtlich, dass er sich schämte und sich ruhigere Leseplätzchen suchte. Sie fand ihn trotzdem immer und wenn er die Augen hob, blickte er an ihrem Arm auf eine neue Schwiegertochter in spe. So sah er auch Rita zum ersten Mal. Sie war damals neunundzwanzig Jahre alt, Frank sieben Jahre älter. Beim ersten Treffen trug sie ein pistaziengrünes ärmelloses Kleid, das gerade noch einen Blick auf ihre wohlgeformten Knie freigab und einen Glockenhut, dessen mit Lochstickerei verzierter Rand ein weiches Licht auf ihren hellen Teint warf. Frau Förster stellte ihren Sohn vor, der sein Buch zur Seite legte und den Neuankömmling mit etwas weniger Widerstand begrüßte als ihre Vorgängerinnen. Am Abend bestand Franks Mutter nach dem Dinner darauf, dass er mit Rita eine Runde Scrabble spielte. Danach verabschiedete sie sich, Frank setzte sich schüchtern vor das Spielbrett und schaute einer zuversichtlich lächelnden Rita in die Augen. Sie hatte sich für den Abend umgezogen, trug nun ein helles Kleid mit einem atemberaubenden Schnitt, der ihre wundervollen Brüste prächtig zur Geltung brachte. Frank konnte einfach nicht anders, als unentwegt in ihre Richtung zu schielen. Er mochte überhaupt keine Spiele und ließ sich die Spielregel von der jungen Frau erklären: „Jeder Buchstabe stellt eine Anzahl Punkte dar, deren Wert beim Auslegen von Wörtern unter Nutzung von Buchstaben, die bereits auf dem Spielbrett ausgelegt sind, addiert werden. Sieger ist der Spieler mit der höchsten Summe.“ Frank verlor die erste Partie, stimmte aber trotzdem einem Revanchespiel am nächsten Abend zu. Rita trug diesmal ein marineblaues Kleid mit goldenen Tressen, die mit ihren gesprenkelten Augen um die Wette leuchteten. Er entdeckte auch die sieben kleinen Sommersprossen auf ihrem Dekolletee. Das Spiel war kurzweilig und leidenschaftlich. Rita sprühte vor guter Laune. Je weiter die Partie fortschritt, desto häufiger suchte Frank errötend ihren Blick. Rita antwortete mit einem befreienden Lachen. Am Ende besaß Frank noch sechs Buchstaben: T-T-T-N-I-E. Er zögerte. Eine schwere Entscheidung. Auf seinem Hölzchen formte er das Wort TITTEN. Das konnte er auf ein rosafarbenes Feld mit doppeltem Wortwert unter Nutzung eines vertikalen Wortes legen. Im Überschlag ergaben das achtzehn Punkte! Unschlagbar! Er hob die Augen, klebte zunächst an Ritas Ausschnitt und dann an ihren Augen. Sein Herz pochte in den Schläfen. Konnte er das Wort TITTEN vor einer Frau auslegen, die ihn mehr als einmal erwischt haben musste, wie er in ihre prall gefüllten Körbchen schaute? Frank fürchtete, dass Rita ihm dies übel nehmen würde. Er zögerte noch einen Moment, dann legte er das Wort NETT, was ihm nur sieben Punkte einbrachte. Genervt vom schwachen Resultat seiner Gesamtpunktzahl, aber erleichtert, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, zog er scharf den Atem ein, als Rita mit seinem N das Wort PENIS auf das Spielfeld legte. Rita warf lachend den Kopf zurück. Fünfzehn Punkte. Sie hatte das Spiel gewonnen. Mit gerötetem Gesicht in einer Mischung aus Verwirrung, Scham, Wut und Anregung gratulierte Frank seiner Gegnerin, die ihm mit durchdringendem Blick dankte. Zehn Minuten später begleitete Frank Rita in ihre Kabine, die sie in der kommenden Woche nur sporadisch verließen.
So begann ihre zehnjährige Beziehung.
Im ersten Monat liebten sie sich Tag und Nacht an allen möglichen und unmöglichen Orten. In den folgenden neun Jahren samstags in Düsseldorf bei Rita und im letzten Jahr in Franks Haus.
Ihre Samstage verliefen sehr schnell nach einem starren Muster. Sie liebten sich, danach tranken sie Kaffee und spielten ernsthaft eine Partie Scrabble. Gegen acht zogen sie sich an, spazierten am Rheinufer entlang und gingen anschließend essen. Wieder zurück in Ritas Wohnung spielten sie wieder Scrabble, doch dieses zweite Spiel niemals zu Ende. Sie spielten nun auf dem Bett mit einer besonderen Regel: Alle Worte hatten einen Bezug zu Sex. So fielen die gewagtesten, provozierendsten Ausdrücke, bis sie nicht mehr an sich halten konnten und übereinander herfielen. Sie liebten sich in einem Chaos aus elfenbeinfarbenen Plastiksteinchen; auf einem bedruckten Wortteppich lebten sie ihre Fantasien aus und brachten LUST, HINTERN, PERVERS durcheinander mit denen sie zuvor gepunktet hatten. Wenn sie erschöpft voneinander abließen, pflückten sie lachend Buchstaben von der Haut des anderen, die der Schweiß der Leidenschaft dort angesogen hatte.
Diese Wochenendbeziehung passte Frank wunderbar in den Kram. Sie zwang ihn nicht, sich gefühlsmäßig über Gebühr festzulegen und befriedigte gleichzeitig sein sexuelles Verlangen.
Nach dem Tod seiner Mutter wurde die Lage schwieriger. Ihre Samstagnachmittage verbrachten sie nun in Franks Haus. Neun Jahre waren verstrichen, Rita war achtunddreißig und wurde fordernder. Frank empfand sie gleichzeitig liebevoller und verwirrender. Sie verlangte nach mehr Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit, beschwerte sich manchmal über die Routine ihrer Beziehung und ihren episodischen Charakter. Unter dem Druck der komplizierten Begegnungen schwand ein Teil von Franks Lust. Er mochte Rita sehr, sah sich aber außer Stande, ihr mehr zu geben, als er bereits tat. Immer häufiger diskutierten sie samstags nachts im Auto, wenn Frank Rita zurück in ihre Wohnung fuhr. Rita machte Andeutungen, die Frank wohlweißlich ignorierte. Er begann, die Unterhaltungen im Auto zu fürchten, als aus den Vorschlägen Ultimaten wurden. Rita erklärte sich bereit, mit ihm zusammen zu leben und Frank fand keine Worte für seine Furcht davor, die ihm selbst unverständlich schien. So versuchte er, seine Zuneigung möglichst zu umschreiben und versagte sich die Erkenntnis, das Gefühl könne Liebe sein. Es nervte ihn gewaltig, dass Rita ihm inzwischen offen ins Gesicht sagte, dass sie ihn liebte. Er schwieg geniert und ein wenig beschämt. Wenn Rita ihm zum Abschied die Arme um den Hals legte und ihn innig küsste, verstärkte das Franks schlechte Laune. Rita stieg aus, bestätigte das Rendezvous für den kommenden Samstag und Frank lächelte so freundlich wie möglich, damit sie ihm verzieh. Den Rückweg nahm er kaum wahr in einem Gewühl widersprüchlicher Gefühle und Wünsche.
Eines Abends machte Rita Schluss mit ihm, auf dem Parkplatz vor ihrem Wohnblock. Es war Winter, die kaputte Heizung unterstrich die frostige Stimmung mit kaltem Gebläse. Frank erinnerte sich, wie sehr ihn dieser Schlussstrich geschmerzt hatte. Rita verwies auf ihre beinahe vierzig Jahre, darauf, dass sie ihm die besten zehn Jahre ihres Lebens geschenkt hatte und sie nun Kinder wolle. Sie wollte nicht länger nur die Geliebte des Mannes sein, den sie liebte. Frank hatte als Antwort nur ein linkisches Bedauern parat.

- Ich habe mir gedacht, dass ich dich noch unter dieser Nummer erreiche.
- Ja, klar… Wie du siehst, habe ich mich nicht geändert. Aber was machst du? Wo bist du?
- In Düsseldorf, im Hotel. Also musste ich dich anrufen.
- Ich freue mich sehr darüber! Was für eine gelungene Überraschung! Nach so vielen Jahren.
- Ja… Es ist komisch, deine Stimme wieder zu hören.
- Wie lange bleibst du?
- Ich habe mich noch nicht entschieden.
- Dann müssen wir uns treffen!
- Das hoffte ich auch!
- Aber klar… Wann? Wann immer du willst!
- Morgen.
- Einverstanden. Ich hole dich ab.
- Nein, ich bin um vier bei dir. Passt dir das?
- Wie du willst. Ich freue mich. Wirklich.
- Ich mich auch. Bis morgen, Frank!
- Ja, bis morgen.

Rita legte auf und Frank starrte mit offenem Mund auf den Hörer.

Er ging hinauf ins Schlafzimmer und lehnte sich ans geöffnete Fenster. Morgen war Samstag. Aber ja! Es gelang ihm nicht, sich über seine Gefühle klar zu werden. War er glücklich, oder sperrte er sich gegen das Treffen? Einsamkeit und Routine der letzten vierzehn Jahre hatten ihn schlecht auf einen so wichtigen, emotionsgeladenen und erinnerungsbehafteten Besuch vorbereitet. Frank hatte sich in weiblicher Gesellschaft nie sonderlich wohl gefühlt und abgesehen von einigen Jugendsünden und einer Handvoll späterer Reinfälle mit Kurzaffären war Rita die einzige lange Beziehung seines Lebens gewesen. Erst nach dem Bruch war ihm klar geworden, wie wohl er sich in ihrer Nähe gefühlt hatte.
Frank spürte auf einmal die hereinströmende Kälte. Schaudernd schloss er das Fenster und rieb sich die Hände. Nun war er sich sicher, dass ihn der Besuch entzückte. Er beschloss, sich selber um das morgige Abendessen zu kümmern und ging hinunter in die Küche um eine Einkaufsliste zu schreiben. Zuerst Blumen, dann Ritas Lieblingskekse, natürlich Champagner und ihren Lieblingswein. Frank lächelte unwillkürlich als ihm klar wurde, dass er die Liste genau so redigierte wie seinen Roman. Er machte Anmerkungen und verfolgte Zeile für Zeile, Abschnitt für Abschnitt die Vollständigkeit der notwendigen literarischen Ingredienzien. Dann fielen ihm Ritas Einkaufslisten ein und er prustete los. Sie war Lehrerin und ihre Einkaufszettel glichen den Gliederungen ihrer Schüleraufsätze mit einer großen 1, großem A, kleinem a usw.

1. MITTAGESSEN

A. Vorspeisen
a: Suppe
b: Salat: Tomaten, Radieschen …

B. Hauptgericht
a: Fleisch
b: Gemüse
c: Beilage

C. Nachtisch
a: Obst
b: Eis

2. ABENDESSEN …

3. GETRÄNKE

A. alkoholisch
B. Mineralwasser

4. SONSTIGES
A. Gewürze
a: Senf, Kräuter
b: Öl, Essig
B. Brot

Frank zerriss seine Liste als er sich an eine andere beruflich bedingte Entgleisung Ritas erinnerte. Sie war in einem vollbesetzten Restaurant mit lautstark feierndem Publikum plötzlich aufgesprungen, hatte in die Hände geklatscht und dann ein durchdringendes „R U H E ! ! !" gebrüllt. Frank könnte sich noch heute auf die Schenkel klopfen über Ritas anschließenden erschrockenen Gesichtsausdruck vor der verblüfften gemaßregelten Kulisse.

Dieser Freitag glich einer wunderbaren Reise in die Vergangenheit. Frank gestand sich ein, dass die zehn Jahre mit Rita die glücklichsten seines Lebens gewesen waren. Je tiefer er in die Erinnerungen eintauchte, desto unbestreitbarer füllte ihn diese Gewissheit. Als Frank vor dem Schlafengehen nackt vor dem Badezimmerspiegel stand, rief er sich Ritas Körper ins Gedächtnis. Er sah ihn vor sich, in der ihr eigenen Stellung, die sie immer nach der zweiten Scrabble Partie einnahm. Nackt, rechts neben ihm, noch atemlos, die Hände hinter dem Nacken verschränkt, glichen ihre Arme einem zerbrechlichen Schmetterling. Auf der Stirn klebte eine feuchte Haarsträhne, ihre Augen schauten zur Decke, die Wangen waren gerötet und ihr Mund formte ein andauerndes Lächeln auf den Lippen. Ihre glatten Achseln schimmerten perlgrau nach der Rasur. Sie glichen zwei geheimnisvollen Tälern zwischen den zarten Armen und dem Rand ihres sich hebenden und senkenden Brustkorbs. Ihre Brüste quollen in dieser Rückenlage üppig zur Seite, zwei saftige helle Wonnen, die sich im Takt des noch kurzen Atems bewegten. Manchmal blieb eine der Brustwarzen gespannt aufrecht stehen, während die zweite sich zusammenzog wie ein Einatmen der Haut. Die sichtbare zuckte in Spasmen, die andere kuschelte sich faul ins Zentrum ihres dunklen Warzenhofs. Ritas Bauch war fest und weiß; nach dem Anspannen der Schenkel glich er einer zarten Membran, die sich zum Nabel abrundete. Ein Lichtspalt kroch zwischen Laken und hohlem Steiß und gab den Blick auf die Kontur des prachtvollen Hinterns frei. Unter dem Nabel bildete der Bauch eine leichte Kuhle bevor er zum Venushügel anstieg, der dann zur verborgenen Freude zwischen den Innenschenkeln glitt. Frank hielt abrupt in seinen Wachtraum inne als seine Augen den eigenen Körper bewusst im Spiegel wahrnahmen. Die Erinnerung an die junge, knackige Rita erschien ihm angesichts dessen, was aus seinem Körper geworden war, unerträglich. Er betrachtete seine eingefallene Brust die wie zwei müde Dreiecke Richtung Bauch absanken. Einige graue Härchen kräuselten sich in der Mitte seines Thorax, und die Brustwarzen wurden von ein paar überlangen Haaren umrahmt. Sein Bauch war wirklich hässlich, die dicke Wampe eines ansonsten mageren Alten. Seine Taille verlor sich in diesem Fettgürtel. Die Knie spitz, die Beine Krampfader übersäte Staksen. Der Anblick seines Geschlechts deprimierte ihn wirklich. Verkümmert wegen Inaktivität glich es einer Nacktschnecke. Frank drehte sich zur Seite und prüfte sein Profil. Die Linien seiner Lenden verloren sich im Fett. Sein Hintern war flach und breiter als früher, verwelkt, lächerlich. Danach dachte er an die knackige Festigkeit von Ritas Pobacken, an die selbstbewusste Arroganz ihrer Rundung, an die beiden Grübchen, die ihre Wölbung am unteren Rücken bildeten. Plötzlich fuhr Frank auf und betrachtete sich erneut im Spiegel. Sein verkümmerter Penis durchfuhr ein Zucken. Frank schluckte seine Spucke hinunter als er sich wieder Ritas Hinterteil vor Augen rief. Sein Geschlecht entfaltete sich langsam, es entknotete die Mäander seiner Inaktivität, stieg in Intervallen hoch bis in die Spitze. Frank entwich ein kurzes euphorisches Lachen. Er drehte sich wieder zum Spiegel und beobachtete den Aufbau einer handfesten Erektion. Frank stemmte die Hände seitlich auf die Hüften und betrachtete stolz und gerührt den schwellenden Beweis seiner Männlichkeit.

Rita kam pünktlich.
Frank sprang hoch als er kapierte, dass das schnorchelnde Geräusch vor dem Fenster von einem Taximotor stammte. Die Klingel läutete überrascht und heiser nach ihrem Dornröschenschlaf. Frank wartete einen Augenblick bis er öffnete um nicht den Anschein zu erwecken, er habe auf sie gewartet. Er atmete tief durch. Der Luftstrom beim Ausatmen zitterte. Mit einem breiten, zunehmend natürlich wirkenden Grinsen ging er die Eingangsstufen hinunter und öffnete das Gitter. Rita trug einen beigefarbenen Mantel. Ihre Haare trug sie jetzt kürzer. Sie zögerten beide einen Augenblick bevor sie sich linkisch mit Wangenkuss begrüßten. Frank fand das lächerlich; immerhin waren sie lange sehr intim miteinander umgegangen. Er erkannte sofort ihr Parfum wieder. Ein süßlicher Jasminduft, der eine neue Woge der Erinnerung in ihm auslöste.
Die ersten Augenblicke waren schwierig. Rita schaute sich jedes Detail im Haus an und schien froh, alles unverändert vorzufinden.

- Das Haus riecht immer noch gleich, sagte sie endlich zu Franks großer Erleichterung.
- Echt? Mir fällt das gar nicht auf.
- Doch, wie früher. Ein wenig verstaubt und leicht bitter, ein alt bekannter Duft.
- Ich glaube, es ist der Geruch von Mama. Er wird immer zu diesem Haus gehören.
- Bestimmt. Für mich ist es dein Geruch.

Frank nahm ihr endlich Mantel und Tasche ab. Sie trug ein elegantes hellblaues Kostüm und hatte sich nicht sehr verändert, zumindest weniger als er. Sie war ein wenig fülliger geworden, füllte ihre Kleidung etwas stärker aus, was aber auch am engeren Schnitt liegen konnte. In Modedingen kannte sich Frank nicht so aus. Ihre Fesseln waren jedenfalls unverändert schmal.
Er schlug ihr einen Kaffee vor, den sie sofort annahm. Sie tauschten Banalitäten aus, er über die Schulter rufend in der Küche und sie im Wohnzimmer.

- Dein Garten scheint mir weniger gepflegt, sagte sie nach einer Pause.

Frank goss Wasser in die Kaffeemaschine und schrie als Antwort:

- Ich hatte keine Zeit! Es ist etwas kompliziert, seit ich nicht mehr arbeite. Ich erkläre es dir später.

Er drehte sich um und fuhr hoch, als er Rita plötzlich im Türrahmen stehen sah. Sie lächelte und half ihm, die Tassen und die Kekse ins Wohnzimmer zu tragen. Bevor sie sich setzte, roch sie an den Rosen die Frank morgens gekauft hatte. Er schenkte den Kaffee ein, der etwas dünn geraten war. Sie knabberten am Gebäck als Frank konstatierte, dass das Gebräu ungenießbar sei. Rita stimmte kichernd zu und schlug vor, neuen aufzusetzen. Sie gingen lachend in die Küche und fühlten sich viel entspannter.

- Ich habe das Abendessen vorbereitet. Oder gehst du lieber ins Restaurant? Ich koche besser als ich Kaffee aufschütte.
- Das wird himmlisch. Ich esse lieber hier.

Der zweite Kaffee war eindeutig besser als der erste. Frank entspannte sich und erkundigte sich vorsichtig nach dem Leben seiner früheren Geliebten. Sie unterrichtete immer noch Englisch, hatte aber die Nase mittlerweile davon voll. Der Beruf änderte sich, sie spürte das Alter und empfand die Schüler schwieriger als früher. Ja, sie lebte alleine. Sie hatte einen Mann kennen gelernt, aber die Beziehung war nicht von Dauer gewesen.

- Hast du Kinder? , fragte er mit heiserer Stimme.
- Nein.
- …
- Weißt du, mit neununddreißig Jahren ist es nicht einfach, einen potentiellen Vater zu finden.
- Ja, klar.

Frank überkam ein sattes Gefühl des Versagens. Er fühlte sich verantwortlich für die Leere in Ritas Leben. Aus Egoismus hatte er eine Frau daran gehindert, Mutter zu werden. Zum ersten Mal spürte er, dass es wunderbar gewesen wäre, Kinder zu haben mit Rita als ihrer Mutter.
Sie schwiegen eine Weile, verbunden in geteiltem und verstandenem Bedauern.
Rita unterbrach ihre Gedanken mit der Frage nach Franks Werdegang. Er schlug vor, ihr auf einem Spaziergang alles zu erzählen.

- Ich mag deine neue Frisur, sagte sie.
- Ach, das ist eher Nachlässigkeit.
- Sie ist gut so. Weniger streng und das Grau steht dir.

Sie spazierten langsam die ruhigen Straßen entlang. Dieser Februarabend war kalt, aber trocken. Die Nacht schien friedlich, und Rita schob ihren Arm unter Franks. Sie berechneten die Jahre ihrer Trennung. Frank wurde sich plötzlich seiner sechzig Jahre bewusst. Sie tauschten Erinnerungen aus, über die Kreuzfahrt, Franks Mutter… Frank entschuldigte sich, dass er ihr damals nicht gestattet hatte, an der Beerdigung seiner Mutter teilzunehmen. Er sei lächerlich gewesen mit seinen bescheuerten Prinzipien und ihre Anwesenheit hätte ihm sicher gut getan. Sie unterhielten sich auch ein wenig über den Mann, mit dem Rita zwei Jahre zusammengelebt hatte. Danach gingen sie aneinander geschmiegt nach Hause. Frank war aufgewühlt, sein Herz pochte wie lange nicht mehr. Er verspürte große Lust, Rita in seine Arme zu nehmen und begriff, wie sehr ihm diese Zärtlichkeit in den letzten vierzehn Jahren gefehlt hatte.

Frank verschwand in der Küche um das Essen zuzubereiten. Es gelang vorzüglich. Er hatte schon lange nicht mehr so viel Wein getrunken und wurde redselig. Er erzählte Rita alles: seine Beziehungen, seinen Vorruhestand, seinen vergeblichen Versuch, einen Roman zu schreiben. Er erzählte ihr sogar den Anfang des Buches, die Geschichte des Hauses Lippe. Sie hörte ihm aufmerksam zu und tat ihm unendlich gut. Ein schwerer Stein fiel von Franks Brust. Frank hatte noch nie so viel erzählt und noch viel weniger über sich selbst. Rita bestärkte ihn, dass er noch alle Zeit der Welt hätte, wieder zu schreiben und er sich von einer Niederlage nicht unterkriegen lassen sollte.

- Seit Januar lese ich wieder, und im Frühling werde ich mich wieder um den Garten kümmern. Das reicht mir. Ich brauche nicht mehr, um glücklich zu sein.

Kaum ausgesprochen, wusste Frank, dass diese Worte gelogen waren. Gleichzeitig bedauerte er den Satz als ihm klar wurde, wie Rita ihn auffassen konnte. Er versuchte, sich ungeschickt zurückzunehmen.

- Ich meine das Schreiben. Ich brauche das Schreiben nicht.

Auch das war falsch, zumal ihm bewusst wurde, dass er Rita brauchte, um glücklich zu sein. Sie lächelte und Frank wand sich beschämt in der Furcht, Rita habe in sein Innerstes geschaut. Er setzte das leere Weinglas erneut an die Lippen und spürte in sich ein unbekanntes geheimnisvolles Verlangen, den Rest seines Lebens mit Rita zu verbringen. Sein Herz klopfte so stark, dass er glaubte, Rita könne es hören. So entschuldigte er sich in die Küche, um den Nachtisch zu holen.
Den Kaffee nahmen sie im Wohnzimmer ein. Frank schaute durch die Vorhänge auf die Lichter des Hauses gegenüber. Wie ein Pubertierender vor der ersten Liebeserklärung drehte und wendete er seinen Satz im Kopf, suchte den richtigen Ton, nicht zu brüsk, aber auch deutlich genug. Endlich atmete er tief ein und fragte mit verzerrter Stimme:

- Möchtest du Scrabble spielen?

Rita schaute ihn an und lachte lautlos.

- Glaubst du, wir haben noch das richtige Alter dafür?

Frank lachte, als habe er die Anspielung in ihrer Frage nicht gehört. Doch innerlich wollte er schreien, dass ja, ja, sie noch nicht zu alt seien, dass es nicht zu spät sei, dass er gestern den Beweis vor Augen gehabt hatte, dass er sie begehrte und vielleicht sogar liebte. Er sagte nichts von dem, und sie begannen das Spiel.

Frank wusste wenig von Frauen und fragte sich, ob das Alter ihre Sexualität beeinträchtigte. Aus der Vergangenheit wusste er, dass die zweite Partie Scrabble einmal im Monat zu Ende gespielt wurde; aber damit erschöpften sich seine Kenntnisse auch schon. Konnte eine Frau in jedem Alter Sex haben?
Die Partie verlief brav. Unerträglich brav. Rita führte nach Punkten. Manchmal tauschten sie ein zärtliches Lächeln aus.
Wie durch ein Wunder zog Frank die Buchstaben T-T-T-N-I-E. Er errötete und legte das Wort TITTEN auf das Spielfeld. Rita lachte verschwörerisch und legte das Wort TENNIS, bedauernd, dass ihr diesmal kein P vergönnt war. Sie spürten beide die Freuden der vergangenen Zeit.
Rita gewann das Spiel. Frank wurde es schwer ums Herz. Wie gern hätte er noch an Gott geglaubt um diesem in die Schuhe zu schieben, ihn mit solcher Feigheit bedacht zu haben. Er erinnerte sich, nur ein einziges Mal jemandem seine Liebe gestanden zu haben und das auch nur schriftlich. Damals war er siebzehn und hatte einer Klassenkameradin einen riesigen Blumenstrauß mit einigen erklärenden Worten geschickt. Eine Tat, die ihm vor Aufregung das ganze Wochenende versaute. Am Montag sah er seine Angebetete kichernd mit ihren Freundinnen die Köpfe zusammenstecken, die sein Briefchen von Hand zu Hand weiterreichten.
Rita sah Frank erwartungsvoll an, doch er war unfähig, zu sprechen. Er hätte sich ohrfeigen können!

- Es ist schon spät. Ich werde mir ein Taxi rufen.
- Nein, nein, nein! So lasse ich dich nicht weg. Ich fahre dich selbstverständlich.

Frank half Rita in den Mantel und verfluchte sich innerlich.

Die Autobahn war fast leer. Ein fetter Vollmond beschien die Stadt. Frank, der nachts nicht gerne fuhr, hielt sich auf der rechten Spur. Rita schwieg und schaute starr geradeaus. Einige Fahrzeuge überholten sie mit dem Geräusch riesiger Insekten. Düsseldorf hat sich in den letzten Jahren verändert, dachte Frank, als er das rege Treiben im Hafenviertel zu später Stunde beobachtete. Das Hotel lag in einer ruhigen Seitenstraße. Er parkte vor dem Eingang. Der Nachtportier warf ihnen durch die Glasfront einen verschlafenen Blick zu. Frank schaute Rita an, die seinem Blick ohne zu lächeln standhielt. Frank wusste, dass sie ihm gerade eine allerletzte Chance gab.
Er schaltete den Motor ab, ließ die Heizung aber laufen. Rita blieb stumm und unbeweglich. Frank wagte nicht, sich zu bewegen, aus Angst, sie zu vertreiben. Er zitterte, seine Brust drohte, zu zerplatzen. Er liebte wirklich, zum ersten Mal in seinem Leben. Wahrscheinlich zu spät. Man verliebt sich nicht mit sechzig Jahren. Und warum nicht? , murmelte er, um sich Mut zuzusprechen. Er fühlte sich nicht in der Lage, die Stille zu unterbrechen, wusste gleichzeitig, dass er genau das jetzt machen musste. Wie gelähmt schaute er zu, wie sich sein Glück von Sekunde zu Sekunde verflüchtigte.

- Nun gut, leb wohl Frank.

Die Beifahrertür machte ein entsetzliches Geräusch. Frank schloss die Augen und hörte, wie sie zuschlug.

Die Heizung blies kalte Luft ins Wageninnere. Frank lehnte seinen Nacken an die Kopfstütze und verspürte einen inneren Drang, ihr nachzulaufen. Er bewegte sich nicht. Natürlich nicht, dachte er mit schrecklicher Selbstironie. Ritas letzte Worte klangen bitter, traurig, aber voller Zuneigung.

Frank wusste, dass er gerade seine letzte Chance auf ein Lebensglück verspielte. Sein Leben war eine Folge von Fehlschlägen gewesen. Seine Arbeit, seine ständige Weigerung, in vollen Zügen zu leben. Er war kein Schriftsteller geworden und verschenkte nun die Lösung auf alle unbeantworteten Fragen. Er verfluchte sich, als er die Kupplung trat und den Schlüssel umdrehte.

Frank fuhr langsam, beschleunigte dann und bog auf die Auffahrt der Autobahn ein. Der Vorhang war endgültig gefallen.

Wieder zu Hause, ging er direkt ins Schlafzimmer. So erschöpft, dass er wie betäubt war. Er öffnete kurz das Fenster und betrachtete den klaren Sternenhimmel. Dann schloss er die Vorhänge.
Er schlief allein und spürte dies im wahrsten Sinn des Wortes. Sein Schlaf war traumlos, oder er hatte die Albträume vergessen.

Als er erwachte, drang ein bleicher Morgen durch die Vorhänge. Frank fischte mit den Füßen nach seinen Pantoffeln und zog den Bademantel über. Als er das Fenster öffnete, zitterte er vor Kälte und entdeckte den feinen Regen. Der Sonntag begann trübe. Frank lehnte seine Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Auf der anderen Straßenseite schaute ein Mädchen von der gegenüberliegenden Wohnung dem Regen zu. Frank kreuzte seinen Blick und drehte sich abrupt um. Langsam setzte er sich überwältigt von einer endlosen Traurigkeit an den Schreibtisch und schaltete den Computer ein.

Draußen verschleierte der Regen den Tag. Die Baumspitzen mischten sich mit den grauen Wolken. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte ich mich alt. Trotzdem erschien mir die mir noch vorbestimmte Zeit unüberwindbar lang …

Rauschwortsetzung - 99

von Eufemia Pursche E-Mail

-99-

Eines Tages lösen Ereignisse, Geschichten, in denen wir nur Zeugen, Statisten, Erzählerrollen einnehmen wollten, über uns das Spektrum ihrer Offensichtlichkeiten. In einer ersten Bewegung wollte ich deinen Brief zerreißen; dann übernahm die Vernunft wieder die Regie. Das letzte Mal an dem mir die Erinnerung entrann, wusste ich hinterher zumindest, dass es sich um einen Traum handelte. Die triste Bar besaß einen altmodischen Tanzboden und ein altes weißlackiertes Klavier. Die Gäste flüsterten, um die Stimmung nicht zu stören. Der Mann neben dem zusammengerollten Mantel rauchte schweigend und notierte mit nachsinnendem Blick ab und zu einige Zeilen in ein Heft. Finden Sie es nicht feige, unsignierte Briefe zu versenden?, fragte ich ihn. Er lächelte mitleidig. Keine Schrift ohne Signum! Entweder in einem Namen oder in der Klarheit des Textkorpus. Ich sammelte Fragmente die mir nicht gehören, folglich bin ich nicht verantwortlich für das, was sie bewegen. Finden Sie es nicht pervers, konterte ich, sich hinter der Wahrheit zu verstecken? Es ist unehrlich, unmenschlich! Ein leichter Trauerschleier trübte Éluards Augen. Die Wahrheit ist gefroren wie mein Herz, Cora.

Rausch Wortsetzung 98

von Eufemia Pursche E-Mail

98

Ich möchte dich wissen lassen, dass meine Lust auf dich die Lust der Geschichte in deiner Erinnerung ist. Die Hälfte der Welt ruht in mir; die andere Hälfte findest du in den Erinnerungen deines Körpers.
Bei jedem Fluchtverlangen fängt ein Elan den Körper ein und führt ihn zurück wovon er sich zu entfernen wähnte. Kostbare Seltenheit ins Unbekannte vorzustoßen, wenn ein Teil des Traumes stärker ist als die Realität und ein Stück der Nacht hinter unseren Schritten vergeht.

Interaction

von Eufemia Pursche E-Mail

Lust for life is my provider

Let’s date in our femto cell

Connect, enlarge, enrich each other

Up and down load data well

Rausch-Wortsetzung 97

von Eufemia Pursche E-Mail

Es ist seltsam, Mirko.

Das Leben?

Nicht daran zu glauben was man sagt. Oder vielmehr Worte auszusprechen ohne wirklich bei ihnen zu sein in Rachen und Gedanken. Warum sagst du: Der Winter wird lang...? Du hast keine Ahnung, bist weder Meteorologe noch verfügst du über hellseherische Fähigkeiten. Ich hasse Sätze die Stille ausfüllen nur um glauben zu machen, man besäße Macht über Elemente.

Und wie vermeidest du das, Cora?

Ich achte auf ein tägliches Update verfügbarer Gefühle.

Rausch-Wortsetzung 96

von Eufemia Pursche E-Mail

Reflektionen eines Literaten, Éluard?

Aber sicher, Herr Professor Harr! Was gibt es Schöneres an einem verregneten Tag als die Banalitäten der Lektüre? Apollinaires Alcools beispielsweise oder Diderots La Religieuse während der Regen aus seinem grauen Himmel fällt, Langeweile, Herumwandern in Treppenhäusern... Habe ich schon erwähnt, dass ich Treppen liebe?

Mit Ihrer Literaturauswahl können Sie höchstens Cora beeindrucken, mein Bester. Ich stehe eher auf zeitgenössische Werke. Wie meine Mutter. Die faszinierende Unterhaltung mit meiner Mutter über den Zusammenhang zwischen meinen Mathematikarbeiten in der Schule vor über vier Jahrzehnten und Sätzen vom Typ "Das ist Jacke wie Hose."

Warum nicht? Ich hatte einige Worte im Kopf, nichts Probates; ich schrieb sie nicht auf. Einige wage Überlegungen beim Lesen, z.B. Wie-konnte-Proust-acht-Bände-auf-der-Suche-nach-der-verlorenen-Zeit-in-weniger-als-zehn-Jahren-schreiben-??? Ich hatte zwar auch einen hohen lyrischen Auswurf, aber diese Leistung wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Ich kenne Niemanden, der das auch gelesen hat, Paul.

Kurz und gut: der Tag ging zu Ende wie er angefangen hatte. Etwas lesen und viele mentale Wirrungen. Erwarten Sie nun bitte keinen Vortrag über die Absurdität meines Seins...

Rausch-Wortsetzung 95

von Eufemia Pursche E-Mail

Reflektionen eines Literaten, Éluard?

Aber sicher, Herr Professor Harr! Was gibt es Schöneres an einem verregneten Tag als die Banalitäten der Lektüre? Apollinaires Alcools beispielsweise oder Diderots La Religieuse während der Regen aus seinem grauen Himmel fällt, Langeweile, Herumwandern in Treppenhäusern... Habe ich schon erwähnt, dass ich Treppen liebe?

Mit Ihrer Literaturauswahl können Sie höchstens Cora beeindrucken, mein Bester. Ich stehe eher auf zeitgenössische Werke. Wie meine Mutter. Die faszinierende Unterhaltung mit meiner Mutter über den Zusammenhang zwischen meinen Mathematikarbeiten in der Schule vor über vier Jahrzehnten und Sätzen vom Typ "Das ist Jacke wie Hose".

Warum nicht? Ich hatte einige Worte im Kopf, nichts Probates; ich schrieb sie nicht auf. Einige wage Überlegungen beim Lesen, z.B. Wie-konnte-Proust-acht-Bände-auf-der-Suche-nach-der-verlorenen-Zeit-in-weniger-als-zehn-Jahren-schreiben-??? Ich hatte zwar auch einen hohen lyrischen Auswurf, aber diese Leistung wird mir immer ein Rätsel bleiben.

Ich kenne Niemanden, der das auch gelesen hat, Paul.

Kurz und gut: der Tag ging zu Ende wie er angefangen hatte. Etwas lesen und viele mentale Wirrungen. Erwarten Sie nun bitte keinen Vortrag über die Absurdität meines Seins...

Page99 – 86

von Eufemia Pursche E-Mail

Mit der Abfindung aus der betriebsbedingten Kündigung beschloss Frank, sich eine Auszeit zu gönnen. Er verließ die Wohnung in der Bendstraße und informierte Rita per Mail. Sie sahen sich nur noch selten. Frank mailte, dass er für einige Tage oder Wochen verreisen würde, dass alles ok sei und sie sich keine Sorgen machen solle. Die letzten Worte hinterließen bei Frank einen bitteren Nachgeschmack. Sich um jemanden sorgen war sein Part. Rita würde in keinster Weise beunruhigt sein. Vielleicht eines Tages… Frank hatte bereits eine konkrete Vorstellung, wohin er sich zurückziehen wollte. An die Nordsee, zurück in den Sommer 1972, mit dem salzigen Geschmack in der Luft, dem Licht und Schattenspiel im Wechsel der Gezeiten. Dort wollte er seinen Blick auf die Zukunft schärfen; dort wollte er neu beginnen.

Anorganisch

von Eufemia Pursche E-Mail

Herz

Los

Spende

Muskel

Zucken

Gegenwärtig

Erinnerung

Page99 – 85

von Eufemia Pursche E-Mail

Page99 – 85

Anna hatte an jenem Tag einen Haufen Dinge zu erledigen bevor sie ihrem Leben ein Ende setzte. Sie war entschlossen, zu sterben wie sie gelebt hatte. Effektiv und effizient. Wer Anna dahin getrieben hatte, den Revolver präzise zwischen die Augen zu setzen und ihr Leben zum Selbstschuss freizugeben, interessierte ihre Familie nicht wirklich. Ein solcher Schritt war in jedem Fall mehr als unangebracht in ihren Kreisen. Was sie nicht ahnen konnten: Anna hatte ihren Blog gut präpariert und hinterließ dort Post-Mortem rätselhafte Threads.

 

Grund genug für Matthias von der Kripo Koblenz, sich auf Spurensuche zu begeben.

 

Sonja lernte Jochen auf einer VHS Reise zu den maurischen Schätzen Andalusiens kennen. Im Oktober darauf wurde sie seine Geliebte. Jochen war begeisterter Jäger und Sportschütze und führte sie in die Kunst des Schießens ein. Weihnachten schenkte er ihr einen mit Silber verzierten kleinen Revolver. Sonja zielte zwischen seine Augen und drückte ab.

 

Matthias, 42 Jahre, Hobby-Winzer, wartet weiter auf den ihm versprochenen Ruhm als realistischster Krimiautor der Saison.

Rausch-Wortsetzung 94

von Eufemia Pursche E-Mail

-94-

In ovidischer Sehnsucht pflücke ich schlafend erhängte periskopische Schatten. Aufgelöste Bitterkeit versteckt Eifersüchte hinter einem Samtvorhang mit dem fusionierten Antlitz der Aphrodite. Süße aus drapierten Ungleichheiten.

 

.......... P A U S E ..........

 

In Szene gesetzt die Erosion des Reiches umgekehrter Auren. Verlorene Ewigkeit. Der Äther negiert den Kummer in meiner Iris, Cora.

Page99 – 84

von Eufemia Pursche E-Mail

Die Einsamkeit wuchert überall. Im Halbdunkel des Pförtnerhäuschens, im Herzen eines sich unverstanden fühlenden Fünfzehnjährigen ebenso wie in dem des Ministers nach seiner Abdankung. Mia besucht regelmäßig das Grab ihres Mannes, der mit seinem frühen Ableben ein weiteres Zeugnis nonkonformistischen Verhaltens an den Tag gelegt hat.

 

Mia, Leiterin der Stadtbibliothek, bewohnt eine mit Büchern vollgestopfte Wohnung in der City. Ein prall gespeicherter E-Reader ist unterwegs Mias ständiger Begleiter. Der Typ vom Nachbargrab geht ihr gehörig auf die Nerven. Der geschmacklose Grabstein mit der Schnörkelschrift „Silke König“ und das Plastikblumen-Potpourri passen so gar nicht zu der kühlen Stele nebenan. Seit dem Tod seiner Mutter lebt Malte abgesehen von sechsunddreißig Milchkühen, vier Katzen und Hofhund Harry alleine auf dem elterlichen Hof. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durch mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand und selbstzerstörerischen Tendenzen. Die Besucherin am Nachbargrab ist Malte suspekt. Ein Tablet PC am Grab! Das muss man sich mal vorstellen! Dazu dieser pinke Schal. Scheint wohl eine überkandidelte Zicke zu sein. Als das Eichhörnchen blitzschnell von einem Grabstein auf den anderen springt um dann mit einem Satz einen Baumstamm hochflitzt, lächeln beide gleichzeitig und sehen sich zum ersten Mal in die Augen.

 

„Wir können ein Stück Weg zusammen gehen.“

 

Das ist die Kernbotschaft, mit der Doktor Daniel Hiebe fast ritualhaft sein Analysegespräch mit Hans-Samuel startet. Vierzig Jahre, Halbwaise väterlicherseits und in absehbarer Zeit auch seitens der Mutter, die mittlerweile im Pflegeheim untergebracht ist. Mit diesem Vornamen war die Kindheit nicht gerade einfach, doch banal im Vergleich mit Hans-Samuels Gemütslage auf der Couch seines Therapeuten. Schlüsselpunkt ist das Tagebuch seiner Mutter, das er bei der Auflösung der elterlichen Wohnung entdeckt hat. Allein der Gedanke daran schnürt…

Page99 - 83

von Eufemia Pursche E-Mail

Tom war nur aus Zufall in das Bistrot geraten um dem Wolkenbruch zu entgehen. Sonja hatte ihn umarmt, ohne darüber nachzudenken. Ein Fehler? Immerhin kannte sie ihn erst einige Minuten. „Sollen wir etwas trinken?“, so platt hatte er sie angesprochen und ihr dabei tief in die Augen geblickt.

Wenn sie eine Cola light bestellt, widerrufe ich auf der Stelle meine Einladung und haue schleunigst ab. Auch Kaffee oder Tee gehen gar nicht. Das klingt nach langweiligen Fernsehabenden oder Familienfeiern am ersten Sonntag des Monats. Ein Saft wäre eine Überlegung wert, doch keinesfalls so langweilige wie Apfel- oder Orange. Passionsfrucht – vielleicht ein wenig zu exzentrisch. Ein leichter Weißwein wäre bei diesem schwülen Wetter genau das Richtige. Wenn sie einen Weißwein bestellt, heirate ich sie.

„Ich nehme ein Glas Riesling oder einen Sauvignon Blanc. Für dich ein Bier?“

Ja.

Ja, was?

Rausch-Wortsetzung 93

von Eufemia Pursche E-Mail

-93-

Ein ungeborenes Flüstern. Alles begann mit einem Flüstern, dem es nicht gelang, in die Nacht zu gleiten. Hinter uns verflüchtigten sich die dunklen Wolken in Sternbildfetzen und gebaren die ersten Schimmer der Agonie. Ein Säuseln nur. Wir waren einander so nah in dieser Nacht und trotzdem Lichtjahre entfernt. Wie eine Vereinigung von Gestirnen, ein perverser optischer Effekt. Ein trügerischer Schein. Wir hatten einander zu sehr erwartet. Eine Wolke zog vorbei, dann eine zweite, dann ein Tag, zwei, Monate, Jahre, eine Kette aus Ewigkeiten.
Ein Murmeln. Unsere ganze Geschichte lässt sich zusammenfassen in einem Murmeln, das nie existierte.

Zunächst bemerkte ich deine Erinnerungslücken nicht. Vor nicht allzu langer Zeit lächelten wir uns noch zu. Ich hoffte auf unzählige weitere Blicke deiner aufleuchtenden Iris. Oder zumindest dann und wann Überschneidungen unserer Existenz. Oder auf ein folgenloses Wort. Ich irrte. Das Spiel war nicht mehr wert als die getrockneten Wachstropfen am Fuß des Kerzenständers.

Versunken unter deinem Stimmengewirr, gefangen in deinen Latenzen. Befreit bliebe mir noch die Asche.

Rausch-Wortsetzung 92

von Eufemia Pursche E-Mail

-92-

Wieviel Worte, Zeilen, Seiten löschst du gewissenhaft nachdem du sie geschrieben hast? Hast du auch nur eine geringe Vorstellung davon? Selbst diese wenigen Zeilen – wie viele schriebst du bevor du drei zurücknahmst?
Richtig. In einem Heft wären sie nicht gelöscht worden, Elmar.
Du weißt nicht, was du Cora antworten sollst.
Doch.
Du weißt es sehr wohl.
Aber du weißt nicht, ob du dich in der Lage fühlst.
Du addierst. Am Ende stellst du fest, dass du nicht wirklich zählen kannst, zumindest nicht bis dort. Dabei sind es simple Rechenoperationen. Glatte runde Ziffern.
Du hast nur Lust, ein komm wieder hinzuschreiben.
Statt dessen sprichst du zwölf Personen gleichzeitig an. Alle könnten verstehen und keine würde glauben, du wendest dich an sie. Zwölf, eins, zwei, zwanzig, hundert, alle, niemand, ich weiß selbst nicht mehr genau; es gibt so viele Menschen auf der Welt.
Du weißt nur, dass du noch schläfst, weiterschlafen musst bis zum Ergebnis.
Und wenn du die Seite umschlägst und das neue Kapitel beginnst als ob nichts sei?
Im Augenblick als ich glaubte, du gehst, bist du gegangen.
Diese Worte, dieses Schreiben. Éluard, es war die Einsamkeit des Schriftstellers die du mit der deiner Leser teiltest.

Rausch-Wortsetzung 91

von Eufemia Pursche E-Mail

-91-

Gereimte Enden, Springbrunnen geregelter Redeflüsse, Refrains, Klangkrümel, Silbenranken. Die Zeit lehrte, uns mit wenigem zu begnügen. Ende der üppigen Festgelage. Ich wusste, wartete im Leuchtturm. Ich wusste, ein Wort-U-Boot würde die Eisschollen durchbrechen. Ich wartete; du bist da. Das Eis barst wie eine Windschutzscheibe. Der schwarzen Faust folgte der massige Körper einer Kathedrale. Gestohlene Glocken in den Seiten, der Platz ist besetzt, Paul Éluard umgeben von seiner Architextur. Aufstrebende Worte, im Flug gruppierte Schwärme, solide Syntaxmassen, rhythmisches Volumen an den Tresen des Himmels gelehnt. Wortbohrung, geflohene Gezeiten, mentaler Schatz auf verbalem Sockel.

Deine Soziologen und Psychologen harren auf verlorenem Posten im Konsonantenhagel von Eingeweidelauten, die jeglicher theoretisierenden Linguistik widerstehen. Zwischen Ruinengeheimnissen stellst du die Putten wieder auf ihren Platz. Nichts Fossiles, Lieder übertönen außerirdische Laute, schleudern Notenschlüsseltinte an Fenster, hängen Träume auf die Hirnwäscheleine der Erinnerung. Geflutete Wadis umspülen deine gebundenen Verse. Archaisch, folglich aus der Zukunft verrätselte Corasmen. Dechiffrieren immer am Tag nach heute.

Rausch-Wortsetzung 90

von Eufemia Pursche E-Mail

-90-
Ich denke, diskutiere, reflektiere, öffne ein Buch. Finde darin dieselben Ideen, diskutiere erneut, spreche immer wieder davon. Am Ende glaube ich an ein Komplott und entscheide mich, alles sausen zu lassen. Den ganzen Kram zusammenkratzen und die Flaschenbotschaft ins Meer zu werfen.
Dichter sind Schauspieler, Cora. Sie wissen nicht, was sie sagen weil sie mit dem verschmelzen, was sie beschreiben. Sie schreiben tanzend und wenn sie in dieser Stimmung sind, können sie erfinden, improvisieren; doch sind sie nicht Quelle ihrer Schöpfungen. Platon hielt den Poeten für die absolute Antithese des Philosophen. Er zitiert das Gute, er zitiert das Schöne; er entscheidet wie in archaischen Gesellschaften über Krieg oder Frieden, verdammt oder verteidigt Treueschwüre, kurz – er weiß nicht, was er sagt. Er vertritt keine eigenen Grundsätze in seinem Schaffen. Diese Verurteilung des Dichters impliziert eine Theorie der Praxis. Er ist unfähig zu objektivieren wenn ihm das Schreiben fehlt und alles, was das Schreiben möglich macht.

Stopp Éluard, damit ich dich nicht falsch verstehe:
Die Poesie war also Ausgangspunkt deiner Gedanken, du beziehst und begrenzt dich auf das Zitieren praktischer Beispiele obwohl sich diese Gedanken auf nahezu jedes künstlerische Schaffen übertragen ließen. In meinen Bildern findest du jedenfalls unzählige Beispiele dafür. Des Weiteren definierst du den lyrischen Schriftsteller als ein Wesen, das etwas Menschliches (Gefühle, Emotionen...) mit seinen Worten überträgt und sich dabei bestimmter Techniken bedient (falls das Dichterlein diese wirklich auf der Pfanne hat). Du entwickelst also eine Art laufender Reflexion, die ich als unausgegoren empfinde. Deinen Argumenten fehlt die Tiefe.

Immerhin brachte mich die Fragestellung in die richtige Richtung, Mirko. Ich habe die Wahrheit nicht gepachtet, bin vielmehr gespannt auf eure Ansichten. Zwei Dinge zeichnen den Dichter für mich aus: eine Sensibilität für die Welt (damit könnte fast jeder potenziell Lyriker sein; sicher erscheint euch dieses Kriterium diskriminierend für euer Talent, doch ist es nur mein Ausgangspunkt). Zum Zweiten die bestmögliche Meisterschaft seiner Ausdruckskraft oder zumindest die Überzeugung, die ihn dazu bringt, diese Sensibilität für ein künstlerisches Ziel zu nutzen. Fertig ist der Poet.
Die Tatsache, dass das restliche Universum sich ihm mit Macht aufdrängt, manchmal äußerst schmerzhaft, verleitet den Dichter zu dem Versuch, sich zu verbessern. Dazu holt er sich Hilfe aus der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie oder allen zusammen. In technischer Hinsicht besitzt unser Poet bereits ein Profil: sein Werk, oder zumindest das, was er schreibt. Unabhängig von seiner Technik ist es bewusst oder unbewusst Produkt seines Geistes. Was die Wahl seiner Mittel betrifft, da sehen wir unseren Dichter nach kaum getrockneter Tinte oder frisch gedrückter Speichertaste im Clinch mit deren Anordnung und Verwendung. Im Nachhinein Themenwahl, Form, gewählte Bilder und sogar über Fähigkeiten und Fertigkeiten des Schreibens zu reflektieren erscheint mir eine effiziente und einfache Möglichkeit, seine Ausgangssituation zu verbessern. Leider stellen die Schriftschaffenden die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, eine kümmerliche Minderheit dar. Natürlich liegt so eine Selbstbeobachtung und der innere Austausch mit weniger attraktiven und eindringenden Themen nicht jedem. Das Mittel, sich hinter seiner Kunst zu verstecken ist eben zu verlockend.

Cora, warum schaust du so spöttisch?

Pyjamaparty

von Eufemia Pursche E-Mail

Ich (genervt am Telefon): „Mensch Mama! Wenn ich dir doch sage, dass es mir gut geht! Hör endlich auf, dir dauernd Sorgen zu machen!“
Meine Mutter: „Du bist so was von naiv, Merle! Wie kann es dir gut gehen, mit einem Chef, der dich mobbt, ohne Mann und mit zwei Mündern, die du zu stopfen hast?“
Ich (genieße es, wenn meine Mutter mich aufrichtet indem sie mir die positiven Seiten meines Lebens unter die Nase reibt): „Maaaaaaaaaama, jetzt mache aber mal einen Punkt. Mein Chef hat mich nur einmal genervt und nie wieder (warum habe ich ihr überhaupt nur davon erzählt?). Außerdem will ich mir ja sowieso einen neuen Job suchen. Eine Arbeit, die auf alle Fälle besser bezahlt ist als mein Babysitter … Was den fehlenden Ehemann angeht, der ist derzeit nicht mein Hauptproblem.“
Meine Mutter (panisch): „Dein Hauptproblem? Was ist es dann, dein Hauptproblem? Erzähle es Mama.“
Ich (noch genervter): MAMA, ich habe kein Hauptproblem, keine großen, keine kleinen Probleme, überhaupt keine Probleme! Glaub mir.“
Meine Mutter (beunruhigt): „Bist du sicher, dass es dir gut geht? Hast du genug zu essen? Ich komme am Wochenende vorbei und fülle dir den Kühlschrank.“
Ich (hallo? Hört mir jemand auch mal zu?): „Danke Mama, aber du brauchst nicht für mich einkaufen. Außerdem füllst du immer den Schrank mit Unmengen von staubigen Keksen, die die Kinder nicht mögen. Also muss ich sie selber vernichten. Resultat: Zwei Kilo mehr auf der Hüfte nach jedem deiner Besuche.“
Meine Mutter: „Das ist ja mal wieder typisch. Die Kinder sind mager zum Erbarmen. Weil du ihnen nichts Vernünftiges kochst. Dir könnte eine Diät allerdings nicht schaden! Du lässt dich in letzter Zeit wirklich gehen.“
Ich (deprimiert): „Ja, ja, ja …“
Meine Mutter (Größe 36): Stimmt doch! Die Kinder hungern lassen und dich voll stopfen.“
Ich (in der Haut einer frisch gekürten Rabenmutter): „Und sonst? Alles in Ordnung bei dir?“
Meine Mutter: „Ja, ja.“
Ich (zuckersüß): „Also, wegen der Kleinen. Könntest du vielleicht heute Abend auf sie aufpassen? Ich will mit Lea zu Diana und dort übernachten.“
Meine Mutter: „Welche Lea? Deine Cousine?“
Ich (geduldig): „Wer sonst?“
Meine Mutter: „Na gut. Wann soll ich da sein?“


Dianas Wohnung ist ein Traum. Ich stelle das ohne einen Funken Neid fest. Helle klare Räume mit Designermöbeln. Nirgends ein Zeichen von der chaotischen Unordnung wie sie in einer mir wohl vertrauten Singlemama Behausung vorherrscht. Die blitzsaubere Atmosphäre hat natürlich Gründe. Erstens beschäftigt Diana eine Putzfrau, die sich alle sechs Monate ein Zwischenzeugnis als Haushaltsassistentin Luxus-Appartement ausstellen lässt, selbstverständlich mit parallel einhergehender saftiger Gehaltssteigerung. (Diana kann also unbesorgt Höschen, Hemdchen und andere Wäschestücke fallen lassen. Sie werden von unsichtbaren Händen eingesammelt, gewaschen, gebügelt und finden sich vorbildlich eingeräumt an ihrem Stammplatz im Ankleidezimmer wieder. Kein Staubmolekül überlebt den Tag. Und der Kühlschrank ist stets gefüllt mit frischem Obst und Gemüse.) Zweitens hat Diana keine Kinder. Sie hat es also gar nicht nötig, sich zwischen Hunderten auf dem Boden verteilten Spielsachen, schmutzigen Söckchen unter den Schränken und diversen hartnäckigen Schokoladeflecken auf allen Stoffoberflächen der Wohnung zu bewegen.
Manchmal stelle ich mir vor, abends einfach ihr sauberes Zuhause aufzusuchen, die Schuhe auszuziehen, den kneifenden BH zu öffnen und mich auf die einladende Couch zu werfen. Entspannen. Vollkommen entspannen. Wie man es nur aus Filmen kennt.
Mir nach der Arbeit ein heißes Bad einlassen mit moussierenden Aromen. Einige Duftkerzen anzünden und eine Stunde in diesem Schaum verweilen und dabei in der Brigitte schmökern oder in der Freundin. Das Ganze unterlegt mit der allerersten Take That CD. Nostalgie pur. Nach dem Bad warten vorgewärmte weiche Handtücher auf mich und nicht die gewohnten brettharten Teile wie bei mir zu Hause (die Reparatur des Wäschetrockners habe ich aus finanziellen Gründen auf 2037 verschoben). Danach verwöhne ich die Haut mit einer sauteuren Creme und schlüpfe anschließend in ein kuscheliges Kaschmirjoggingoutfit. Genau das Richtige für das Sofa. Dort serviert die Köchin ein leichtes Mahl und einen schweren Rotwein. Abwechselnd werden anschließend die Fußnägel lackiert und Ferrero Rochers geknabbert, die mit Hilfe des Personal Trainers am nächsten Morgen wieder abgespeckt werden. Und zum Abschluss des Abends auf dem Sofa natürlich ein Roman mit Happy End. Die Handlung umrahmt und durchdrungen vom Duft frischer Blumen in der Mingvase.

Das Optimum in meinem realen Leben läuft wie folgt ab: Nach der Arbeit kaputt nach Hause kommen, sofort eine Waschmaschine anschmeißen und das Geschirr abwaschen, das seit dem Vorabend eingeweicht auf das Spülen wartet, während ich Lenchen auffordere, endlich die Mathehausaufgaben zu erledigen. Danach das Badewasser für die Kleinen einlaufen lassen. Verhandeln, debattieren, drohen und Mia anflehen, endlich in die Badewanne zu steigen. „Nein, Liebchen, das Wasser ist nicht zu heiß. Ich schwöre auf den abrasierten Schädel von Crystal Barbie.“ Während meine Töchter planschend in der Wanne kreischen, ein Tiefkühlgericht zum Abendessen auftauen und endlich die Einkäufe verstauen. Dreißig Spurts zwischen Küche und Bad um verschiedene Konflikte zwischen Lenchen und Mia zu schlichten, die abwechselnd brüllen wie am Spieß wegen des Plastik Tokrotil (sagt Mia), das ihr gehört, nein mir (heult Lenchen) oder weil die eine oder andere nasse Haare hat. Ruhe bewahren. Nur die Ruhe! Satz mit x. Das vermaledeite Krokodil konfiszieren. Drohen, dass auch den zwanzig weiteren Plastiktieren die um den hoffnungsvollen Nachwuchs schwimmen, das gleiche Schicksal droht, wenn nicht bald Ruhe ist im Karton. Das Essen warm stellen und Bügelwäsche im Wohnzimmer vor „Verbotene Liebe“  erledigen.  Parallel mit Lenchen und Mia verhandeln, debattieren, ihnen drohen und sie anflehen, ihre Badeorgie endlich zu beenden. Sie erklären sich einverstanden, unter der Bedingung, dass sie nicht als erste aus der Wanne klettern. Tief in die mütterliche Trickkiste greifen, um auch dieses Problem zu lösen.
Danach die Mädchen in die Schlafanzüge gepackt, die Haare gefönt und dann am Tisch der gewohnte Kampf um das Leeren der Teller. Vor allem, wenn es keine Pommes Frites oder keine Spaghetti gibt. Verzweifelt den kleinen Sturköpfen nachgeben und sie mit Joghurts und Bifis füttern. Danach Zähneputzen und Gute Nacht Geschichte. Glauben, dass sie endlich schlafen und mir ein Bad einlaufen lassen. Ohne Schaum; die Mädchen haben alles aufgebraucht. Fünfmal aus der Wanne klettern um Gespenster zu vertreiben, Durst zu löschen, Teddy zu suchen. Relaxen? Fehlanzeige! Die Haare mit Babyshampoo waschen weil Lenchen und Mia mein Herbal Essences an den Goleo verschwendet haben. Die Haare mit einem steifen Handtuch aus der Aussteuer (also prähistorisch) abtrocknen. Mich in einen zu engen Schlafanzug  quetschen (ich hoffe, er ist nur eingelaufen) und mich dann über die Reste auf den Tellern meiner Kinder hermachen. Wäre doch schade drum. Morgen werde ich meine Waage schocken. Weil zwischen Job und Einkauf keine Zeit blieb, beim Buchhändler meines Vertrauens einen Roman zu erstehen, blättere ich in der Fernsehzeitung. Zappen. Werbung, Werbung, Werbung. Keine frischen Blumen in der Plastikvase. Die würden auch zu sehr deprimieren angesichts der Tatsache, dass sie nicht geschenkt, sondern selbst gekauft wären.

Heute Abend waren wir zu sechst. Außer meiner Cousine Lea und mir waren Ruth und ihre Freundin Elke schon da, eine Hairstylistin und Maskenbildnerin, die sie noch aus ihrer aktiven Modelzeit kannte. Diana hatte den fünf Weiber Treff heute noch um einen Kerl erweitert: ihren Bruder Philipp.
Wir reagierten zunächst ein wenig befremdet auf diesen unerwarteten Zuwachs, denn die Anwesenheit eines Mannes riskierte den Verlust der unbekümmerten Spontanität in unserer Ratschrunde. Philipp war ein schlaksiger Rothaariger mit grünen Augen und niedlichen Grübchen, höchstens Anfang zwanzig. Er wirkte wie ein Trauerkloß auf uns. Diana erklärte uns, dass sie ihren Bruder eingeladen hatte um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Er verbarrikadierte sich seit einer Woche in seiner Studentenbude, in der absoluten Gewissheit, sein Leben sei zu Ende.
Das Brüderchen betrauerte den frischen Bruch seiner großen Liebe mit SweetyJane7 (Johanna im richtigen Leben), einer bleichen Nagelstudiobesitzerin die er im Internet kennen gelernt hatte. Ihre Beziehung hatte acht Wochen gehalten, dann hatte sie Philipp ohne Ankündigung für einen anderen verlassen. Einen gewissen Guido, der SweetyJane7 im Singleforum unter dem Pseudonym Casanova341 angebaggert hatte.
Seitdem kam Philipp nur noch unter seiner Bettdecke hervor um seiner verlorenen Liebe hinterher zu heulen oder zwischen zwei Schluchzern zu schwören, besagtem Guido die Fresse zu polieren, sollte er ihn je zwischen die Finger bekommen.
Wir gluckten sofort um den Unglücklichen herum und quetschten ihn über Web-Beziehungen aus. Ich kannte bis dahin nur die Schilderungen meines Bruders Jonas über seine pathetische Liebe zu einer Brasilianerin. Nach letzten Infos hatte auch Alice24 meinen Bruder „verlassen“, obwohl sie sich monatelang per Email und MSN ewige Liebe geschworen hatten. Das Ende ihrer Beziehung wurde eingeläutet, als Alice24 sich in einen neuen Arbeitskollegen verguckte. Der Unterschied zwischen Philipp und meinem Bruder besteht darin, dass Jonas seiner Flamme nie physisch begegnet ist.
Ganz mein Bruder. Er war nicht nur einem Haufen Pixel verfallen, ihm blieb als Erinnerung seiner Reise ins Land der Träume neben einem gebrochenen Herzen auch ein Verlust von sieben Kilo (was ihm nicht schlecht steht, könnt ihr mir glauben!). Der Trennungsschmerz blieb also das einzig Reale in diesem virtuellen Abenteuer.
Philipp gab uns vor dem PC seiner Schwester eine kleine Einführung auf seinen Lieblings Anbagger Seiten. Wenn sogar dieser schnuckelige Typ seine Bekanntschaften surfender Weise sucht, kann ein kleines, schüchterndes, ein wenig einfach gestricktes Würstchen ohne großartige Sozialkontakte das doch auch versuchen. Ich zum Beispiel.
Der Pizzabote klingelte.
Diana verteilte Teller, wir bedienten uns und suchten ein Plätzchen auf der hellen Couch oder dem cremefarbenen Teppichboden. In kurzer Zeit schlürften wir literweise Cola Zero und knabberten Berge von Chips light zwischen zwei Happen Dreikäse Pizza.
Philipps Laune stieg in der schnatternden weiblichen Runde beträchtlich. Er unterhielt sich eifrig mit Elke. Die empfahl ihm, die Seiten seines Haupthaars etwas stufiger schneiden zu lassen und der Frisur mit Gel Stand zu verleihen. Diana hatte ihre Highheels abgestreift (mit denen sie es auf immerhin einen Meter sechzig bringt) und verschlang ihre Pizza so gierig, als sei dies die einzige richtige Mahlzeit im nächsten Monat. Was mehr als höchst wahrscheinlich ist.
Noch hatten wir es uns nicht ganz gemütlich gemacht. Die männliche Anwesenheit hemmte unsere Pyjamapartylaune. Das änderte sich schlagartig, als Philipp sich seiner Jeans entledigte und danach den Rolli auszog. Als sei das die natürlichste Sache der Welt. Völlig entspannt präsentierte er sich uns in einem löchrigen T-Shirt und einer Batman Boxershort. Prompt verkrümelten wir uns in Dianas Schlafzimmer und zogen unsere Schlafoutfits an.
Ruth hüllte sich in einen bestickten Kaftan, ein Reiseandenken aus Dubai. Sie wirkte wie eine Prinzessin aus 1000 und einer Nacht, Ausgabe verführerische Schwedin wird Lieblingsfrau des Sultans. In krassem Gegensatz dazu trug ich einen ordinären aber super molligen und gemütlichen Schlafanzug mit einem Bärchen auf der Brusttasche. Diana schlüpfte in ein weißes besticktes Baumwollhemdchen. Ungeschminkt und mit wirren Haaren wirkte sie darin beinahe wie ein Teeny. Lea hatte ihre Haare mit einer Spange hochgesteckt. Sie hatte nur die obersten beiden Knöpfe der Jacke ihres Herrenschlafanzugs geschlossen und wirkte mit ihrem blitzenden flachen Bauchnabel äußerst sexy. Glücklicherweise hielt sich unsere aufkeimende Eifersucht in Grenzen, da Leas abgeschminktes Gesicht unästhetische Aknenarben aufwies. Elke schoss den Vogel ab in ihrem karierten alten Schlabberteil ohne die geringste Tierchenapplikation die die Scheußlichkeit hätte pimpen können. Ich war also dem Titel hässlichstes Outfit des Abends gerade noch mal entgangen. Uff!

Mir fiel auf, dass Ruth nachdenklich und ein wenig zerstreut wirkte. „Was ist los, Süße?“
Ruth (biss sich auf die Lippen): „Tja, ich muss euch was sagen … Jonas, kann ich eine Zigarette haben?“
„Seit wann rauchst du?“
„Eigentlich schon immer. Ich habe nur aufgehört, als die Kinder kamen.“
Lea: „Kann ich auch eine haben? Ich habe vergessen, welche einzustecken.“
Ruth zog heftig an ihrem Glimmstängel und ließ den Qualm aus ihren Nasenlöchern ins Freie.
Ich, ungeduldig: „ Nun spanne uns nicht auf die Folter. Was ist los?“
Ruth: „Ich bin schwanger, sogar doppelschwanger und erwarte Zwillinge.“
Ich: „WAS?“
Diana konnte nicht an sich halten: „Hiiiiiiiiiiiiiii, jetzt dämmert es mir! Du hast doch beim letzten Treffen schon auf deine Regel gewartet und warst wegen der Verzögerung sogar bei deiner Hellseherin. Hatte sie dir nicht mitgeteilt, es gäbe keinen Grund zur Besorgnis?“
Ruth zog verlegen eine Braue nach oben: „Ja, sie hatte ja nicht Unrecht. Mit der Verzögerung der Regel, meine ich. Wollt ihr jetzt den ganzen Abend über Ovulation, Tampons und Sperma sprechen? Stört mich kein bisschen! Ich gehe dann nur nach nebenan und weihe Dianas neue Spielekonsole ein.“
Ich wandte mich verblüfft an unsere Gastgeberin: „ Du besitzt eine Spielekonsole?“
Diana zuckte mit den Schultern: „ Na und? Damit fülle ich einsame Nächte. Bleib hier, Philipp. Hier hast du die einzigartige Chance, gynäkologischen Klatsch vom Feinsten zu lauschen. Manche Männer würden sich für so ein Privileg umbringen.“
Philipp: „Manche Männer werden sich umbringen, nachdem sie so was gehört haben.“
Ich, an Ruth: „Wie nimmst du die Schwangerschaft auf? Wolltest du nicht nach dem dritten Kind aufhören? Bist du nicht sauer auf deine Hellseherin Madame Etoile, die anscheinend den Durchblick verloren hat? Hättest du nicht besser einen Schwangerschaftstest gemacht?“
Ruth, äußerst schlechter Laune: „Lass bloß Madame Etoile in Ruhe! Sie ist eine fantastische Frau mit einer außergewöhnlichen Gabe. Meine Urgroßtante hat sie daran gehindert, mir von der Schwangerschaft zu erzählen. Die kosmische Ordnung wäre gefährdet gewesen, wenn sie mir etwas erzählt hätte. Die arme Etoile musste schweigen, auch auf die Gefahr hin, ihre Reputation zu verlieren. Auf alle Fälle waren meine Chakren offen für diese beiden kleinen Seelen. Das hat Madame Etoile vorausgesehen. Ich habe nur Angst vor der vielen Arbeit.“
Diana: „Und was wird’s? Mädchen oder Jungen?“
Ruth: „Keine Ahnung. Dafür ist es im Ultraschall noch zu früh.“
Ich warf Diana einen verschwörerischen Blick zu und forme ein stummes „Eine totale Null, die Wahrsagerin.“ Diana schmunzelt und nickt zustimmend.
Elke seufzte Chips kauend: „Ich hätte gerne ein Baby.“
„Und wer hindert dich daran?“
„Meine Schwiegermutter.“

Wenn Elke nicht diesen grauenhaften Schlafanzug trug, war sie eine anmutige Frau. Mittlere Größe, Strähnchen Frisur, grüne Augen und ein mit Sommersprossen übersätes Engelgesicht. Ihr fehlte nur ein gewisser Pep, etwas Charismatisches, wie meine Oma das zu nennen pflegte. Ihre zurückhaltende Art machte sie zu einem perfekten Opfer für ihren Besitz ergreifenden und eifersüchtigen Ehemann. Der sie übrigens an diesem Abend bereits dreimal auf ihrem Handy angerufen hatte. Gefügig - um nicht zu sagen, unterwürfig – hatte sie das Handy nicht ausgeschaltet. Und erklärte uns verschämt, das sei die Bedingung, unter der sie überhaupt an diesem Beisammensein teilnehmen dürfe.
Ruth seufzte Augen rollend: „Oh, Elkes Schwiegermutter, die ist wirklich ein Kapitel für sich! Die Karikatur einer Kreuzung zwischen Dogge, Hexe, Schlange und …“
„Hör auf!“, lächelte Elke gequält. „Was soll ich denn machen? Ich werde Christian doch nicht wegen ihr verlassen.“
Ruth schüttelt Elke an den Schultern: „Und warum nicht? Nach allem, was sie dir angetan hat! Diese Frau hat niemals akzeptiert, dass sich ihr Sohn von ihr entfernt.“
Lea zieht heftig an einer von Philipp gemopsten Zigarette. „Dann erkläre mir mal bitte, wieso du wegen ihr kein Kind haben kannst.“
Elke knabbert unbehaglich an einer Salzstange: …

inside outside

von Eufemia Pursche E-Mail

Gedanken

kennen

kein Nachtflugverbot

noch

Lärmschutzwände

mauern

gilt nicht

 

Emoticon

von Eufemia Pursche E-Mail

raus

aus

smile         komm

fort

zone

Rausch Wortsetzung - 89

von Eufemia Pursche E-Mail

-89-

Nein, es hat sich nichts geändert. Ich weiß immer noch nicht auf diese Frage zu antworten, Cora. Es ist das Erkundigen zu Beginn des Tages, bei gemeinsamen Essen, Veranstaltungen, Einladungen: immer wieder findet sich jemand, der nach einem kurzen und hoffnungslosen Atemstillstand mit einem Schlenker die Allerweltsfloskel herauslässt: Und du, was machst du denn so?

Grammatikalisch hat das und du nicht mal den Wert eines ordentlichen Zwischensatzes. Wenn ich recht darüber nachdenke, scheint und du nicht nur da zu sein um die Brutalität der Frage abzumildern. Immerhin stellt sich unser und du geräuschlos und gedämpft in der Schleife des Satzbeginns vor und scheint obligatorischerweise stillschweigend einzubeziehen: Sorry, dass ich dich mit solchen Banalitäten behellige, aber ich schaffe es einfach nicht, still zu sein und außerdem bin ich auch nur irgendwer, und du, was machst du?

Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Es krampft mir den Magen zusammen, ich schnappe nach Luft. Meistens vermeide ich es, den Herausforderer zu schnell eine reinzuhauen. Ein antiker Ehrenkodex zieht bisweilen immer noch eine Aufforderung zu einem Duell nach sich als Folge des hingeworfenen Handschuhs. Natürlich mache ich mir keine Illusionen (was geht es ihn an, was ich mache?). Der Uhrzeiger wandert weiter, ich forsche mit vollkommen idiotischem Ausdruck nach einer Antwort, die trocken irgendeine Beschäftigung umreißt ohne etwas preiszugeben, das sich gegen mich richten könnte. Meine Meisterparade besteht im Gegenangriff: Was verstehen Sie unter ‚was ich mache?’ Welche Details erwarten Sie? Dann folgt mit leichter Verzögerung die Beschreibung dessen, was ich nicht mache und warum ich es nicht mache. Es wird eher schlimmer als besser. Mein Gegenüber fühlt sich verpflichtet, seinerseits zu erzählen, was er macht. Also Jacke wie Hose. Daher antworte ich von nun an auf die Frage: Was ich mache? Ich warte darauf, geliebt zu werden. Für das, was ich bin, nicht wegen meines Terminplans. Ich warte schon lange, habe den Mut verloren, dass meinesgleichen an einer Zahnwurzelentzündung leidet, die ihren legitimen Wunsch, ebenfalls geliebt zu werden ohne etwas dafür zu tun. Nur warten warten bis es vielleicht geschieht.

Du wohnst in der falschen Gegend, Elmar. Bei uns wird dein ganzer Sermon schlicht und ergreifend mit einem Un? gefolgt von Un selbst? abgetan.

Un?

Mhm, un selbst?

Mhm.

setz zeichen

von Eufemia Pursche E-Mail

die enge deines umklammerten alltags
Getaktet in fließbandkommata
zwischen spalten liebe unter dem mikroskop
versponnen in rosa konjunktivkokons
schmetterlingt ein hauch von poesie
ich lebe im imperativ und will nicht anders

Rausch Wortsetzung - 88

von Eufemia Pursche E-Mail

-88-

Schaut euch doch an! Euer Wir ist verdünnter Wein und Extase light. Der Herr Dichter und der Herr Professor reinste Epik purer Unvernunft. Ein Wir der falschen Jahre. Jenseits der Sätze auf der anderen Seite der Erde. Ein Wir aus Seitenrändern.

Das Leben mit Euch eine Art Kaltes Buffet mit eurem Hang zu Picknickpausen. Wolldecke auf den Knien mit Blick über das Tal. Und diese ewige Fragerei nach dem Woher und Wohin. Nein, ich fühle mich nicht wohl; meine Zehen warten auf ein ausreichendes Quantum an Schmerzen und Müdigkeit aus physischen Irritationen und hitzigen Wortgefechten. Ich ertrage eure gepriesenen Filter meines Blicks ins Leere nicht, eure von obern herab Urteile über die Städte in der Ferne.

Denkt nur nicht, dass die Widerlegung eurer Bequemlichkeit mich in eine ruhige Lage versetzt. Ihr befindet euch auf dem Holzweg wenn ihr glaubt, ich würde mich stattdessen in Befriedigungen anderer Natur suhlen wie das Gefühl, lebendig oder unterwegs zu sein. Mir fehlt Coras Zuversicht. Ich empfinde mich vielmehr als Zwang zum Licht in meinen Bildern, manchmal bis zum bitteren Ende. „Mirko ist die Unruh seines eigenen Räderwerks.“, schrieb Cora um meinen Nabel. Lass stecken, Éluard. Du bist ein noch ein schlechterer Hobbypsychologe als Elmar. Diese Unruhe ist also Folge einer spartanischen Erziehung? Das ich nicht lache! Leidenschaft der Leidenschaft? Das schon eher. Christliche Stigmen, etwas, dass euch erlaubt, eure Verankerung im Manifesten und das Fehlen von Erwartungen eurer Ratio zuzuschreiben. Eine Form der Weisheit. Ihr tut gut daran, das Kapitel Zeit nicht zu erwähnen. Zeit vergeht, ich tauche hinein und lasse mich treiben. Wie berauschend zu spüren, wenn sie außerhalb meines Ichs verrinnt. Bald bin ich alt wie ihr, und danach tot. Bleibt ihr nur sitzen und starrt auf das Unausweichliche, schaut der Zeit zu, die nicht mal bremst.

Ihr Liebreiz liegt im Loslassen. Dicke Samt- und Seidekissen sammelt ihr um euch herum während draußen bereits morbide Veilchen, Nelken, Chrysanthemen warten. Es stinkt nach graviertem Marmor und Grabinschriften. Die Zeit sickert aus angelaufenen Sarggriffen und grünen Grabvasen. Ihr gleicht der Starre eurer Wohnungen nach dem Großreinemachen: festgefahren, Übergangsgruft, definitiv.

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von Eufemia Pursche E-Mail

werde dir nicht die Litanei meiner guten Vorsätze verkünden. Schon Mitte Januar wissen wir, dass wir sie nicht einhalten werden. Hast du trotzdem drei Minuten für mich? Kein alltägliches Trallala, dafür treffen wir uns auf twitter oder facebook, sondern dieser Blog, den du seit sieben Jahren oder sieben Sekunden regelmäßig oder aus Versehen besuchst.
In letzter Zeit wirbeln mir x Ideen gleichzeitig durch den Kopf, von denen ich bestenfalls keine verwirkliche – oder schlimmer – ich stürze mich fünf Minuten nach Abgabetermin auf einen Text und klöppele Aktualitäten mit heißen Nadeln. Auch jetzt müsste ich längst dort sein. Was wollte ich sagen?
Auf jeden Fall wird es weniger Rezepte geben. Weder fürs Leben, noch für den Salat desselben. Besucherschwund? Na und? Die Statistik ist deaktiviert. Du bist da, du…

Rausch Wortsetzung - 87

von Eufemia Pursche E-Mail

-87-

Das Meer ist vielleicht Zufall.
Es ist ein anziehender Reflex, weißt du, wir sind zweifellos bestimmt, in die Rolle glückloser Spürhunde zu schlüpfen, Cora.

Bist du sicher, zu denken, Mirko?

Ich versuche es, Cora, aber ich schaffe es nicht. Meinen Gedanken fehlt der Fixpunkt. Sie sind wie ein Karussell, wie eine Manege. Ich sehe dich aus dem Wasser steigen, bin gezeichnet von deiner Erschöpfung, unsicher, bisweilen wirkst du verloren. Ein Ast der großen Weide flimmert im Wind zwischen dem dämlichen Blau des schönen Himmels und dem unbändigen, peitschenden, entflochtenen Verlangen des dich überschüttenden Gewitters. Ich spüre deinen angenehmen Geschmack, meine gestärkte Haut, den Schrei der Hände zwischen rot und weiß, das Klagelied deiner Briefe. Zwischen den Zeilen Besorgnis, eine schlichte Liebe, uns lebendig fühlen. Das ist Alles. Dazu die Tonnen, Pakete, Windungen aus Wollen und Müssen, all dieser widerwillig aufgebürdete Schnickschnack.
Dann halte ich mich an meinem Kaffeesatz fest. Manchmal erinnert mich das Licht an die Kuppel vom Quirinus Münster. Du bringst mein Gleichgewicht durcheinander, Cora. Soll ich tanzen? Und auf wessen Fuß? Ja, ja, wir werden uns sehen. In unserem Inneren, diesem bewegten Inneren oszillieren wir schnell hin und her, umarmen unsere Kommen und Gehen. Mir bleiben nur Augenblicke für deinen Körper. Die übrige Zeit gehört der Kontemplation, dient dem Verständnis, löst polyphones Dilemma. Tausende deiner Innenstimmen bilden das Echo meiner Seele.

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von Eufemia Pursche E-Mail

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„Und das da, Max?“
Sonja begleitet mich. Ich brauchte gerade mal drei Minuten, um Ohrringe für Tante Jutta auszusuchen, stöbere nun aber schon über eine Stunde nach einem Geschenk für Caro.
Ich habe alle gängigen Banalitäten wie Parfum oder Pralinen verworfen und suche nach etwas Persönlichem. Dabei wird mir klar, dass ich sie bei aller Intimität zwischen uns nur wenig kenne.
Sonja überredet mich, nach einer Handtasche Ausschau zu halten. Anschließend reihen wir uns in die Schlange an der Kasse an.
Eine Stunde später verabschieden wir uns nach einem Kaffee im Starbucks gegenüber. Sonja schiebt mir einen Umschlag zu.
„Was ist das denn?“
„Mein Testament.“
Ich ziehe meine Hand zurück.
„Bist du von allen guten Geistern verlassen?“
„Reg dich ab, Max! Nachdem ich das Haus gekauft habe, will ich nur alles geregelt wissen. Ich will es dem Tierheim vermachen. Meine Eltern brauchen es nicht; ich würde ihnen damit nur wieder eine Gelegenheit geben, sich zu streiten.“
„Was redest du da? Glaubst du nicht auch, dass du zu jung bist für solche Sprüche?“
„Es ist ja nur für den Fall, dass ich vergesse, den Bund fürs Leben zu schließen. So, mach, dass du

Rausch Wortsetzung 86

von Eufemia Pursche E-Mail

-86-

Paul, es wäre doch höchst unwahrscheinlich, wenn wir als Zeugen dieses ganzen Theaters nicht nach den Gründen fragten. Es sind diese kleine Details die unsere Geschichte wahrscheinlich machen, und die Wahrscheinlichkeit lässt Flunkereien ohne Konsequenzen bleiben wenn wir sie nicht nachprüfen.

Ach Cora, von allen Erinnerungen bleiben nur Farbtupfer, kleine beeindruckende Kleckse, die aus all dem Blut- und Wasserschwitzen den gesamten pedantischen Ablauf aus Taten, Gesten, Chronologien, Zusammenhängen (welch andere Aufgabe hätten Ereignisprozesse wenn nicht Alibifunktion?) übernehmen.
Entwickeln, erklären, indem wir uns auf die erzählenden Inhalte des Programms stützen, dieses Durcheinander aus sorgloser Kausalität mit dem wir Augen und Ohren füllen, rot – gelb – grün – go! Das Leben ist eine grammatikalische Reihenfolge, nichts weiter. Beispielsweise ein unpassender Laut oder ein schreckliches Dilemma. Das Leben gleicht dem; störende Laute, Menschen laufen neben der Spur weil sie etwas stört. Ein hyperaktives oder unbeschwertes Kind, wirklich Peanuts, aber natürlich mein Fehler, also der des Schriftstellers, Regisseurs, Künstlers. Fünfundneunzig Prozent solcher Blablas nerven und behindern uns. Diese geschäftigen Briefmarkensammler mit ihrer Hackfresse. Siehst du, das ist vollkommen unlogisch. Also noch mal das Ganze. Das Geseihere um dieses Stück, vor allem die störrische Ausstattung die nicht passen wollte. Frage des Dekors oder Syntaxproblem oder zu früh enträtselt, zu spät aufgedeckt...?
Ich glaube, dass wir mittendrin auch von uns sprechen. Mein „uns“ ist etwas theoretisch im Moment. Ich hätte etwas Anderes bemühen können, eine Träumerei, einen Vergleich oder Widerspruch. Ist es wirklich überraschend, dass wir uns in unserer Abwesenheit befinden? Jeder für sich, ich ein Bus, du ein Zug; was mir bleibt, ist der Geschmack und die Farbe des Kaffees, das veraltete Adjektiv vor dessen Füße ich mich häufig warf, eine just veraltete Farbe – seegrün glaube ich, eine geometrische Verwicklung an der Schulter geschnitten aus gleichschenkligen Beinen, die Gesamtheit der Einsamen die sich wiedererkannten. Die Überraschung, mich im Nachhinein jedes unvermeidlichen erotomanen Reflexes entledigt zu haben. Nein, das wäre eine Lüge. Vielmehr: neugierig auf alles und mich langweilend, ob du ans Meer fährst in diesem Sommer. Vorzugsweise in die erste Etage der Schwalbenstraße. Lass es, wenn du nicht willst. Und deine Stimme die so verschieden modelliert am Telefon zwischen deinen Hicksern. Deine Stimme, die das Nein bejaht das uns hält. In der Eile des Schreibens, in den Muskeln, unter der Haut, in der Zeit, zu kurzen Augenblicken, im Sinnlosen das den Alltag überschwemmt.

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