Mein Handy ruft an
Mein Handy hat mich angerufen, auf dem Festnetz. Ich saß gerade auf der Couch und guckte Fernsehen, als es klingelte.
„Hol mich aus der Tasche raus,“ jaulte es, „hol mich hier raus, ich halt es nicht mehr aus.“
„Was willst du denn,“ fragte ich, „ist eine teure Markentasche. Nicht von Aldi.“
„Hol mich raus,“ wiederholte es nur, „bitte, hol mich raus, oder ich lass den Akku leer laufen.“
Ich hab es raus geholt, ins Wohnzimmer gelegt und ans Ladegerät gehängt.
Mein Handy hat wieder angerufen, einfach so, abends um 9 klingelt es.
„Was willst du denn?“ sagte ich.
„Ich wollte nur, dass du mich in die Hand nimmst,“ antwortete es, „mir war einfach danach.“
„Na bitte, gern geschehen,“ gab ich zurück und legte auf.
Es klingelte wieder.
„Ein bisschen,“ sagte es, „ein bisschen noch, ich brauch das.“
Ich schaute auf den Fernseher. Da lief gerade so ein Liebesfilm.
„Fernsehen tut dir nicht gut,“ sagte ich streng.
„Ach, komm, ein bisschen noch, es tut so gut, wenn du mich in der Hand…“
„Schluss jetzt!“
Heute wieder.
„Was willst du denn?“
„Die anderen Handies…“
„Was? Du rufst auch andere Handies an?“
„Nun ja, ..“
„Worüber redet ihr denn da?“ Ich wurde misstrauisch.
„Ach weißt du, ich kann ja da nicht mitreden, weil du mich nie ins Bad mitnimmst. Nie telefonierst du beim Duschen. Nie hast du mich dabei, wenn du dich umziehst. Die anderen, die erzählen und erzählen, und ich weiss überhaupt nichts von dir.“
„Was willst du denn wissen?“
„Jaa … welche Körbchengröße hast du eigentlich?“
„Wenn du unverschämt wirst, schalt ich dich ab.“
„Bitte nein!“
Einige Tage Ruhe. Aber dann hat es wieder angerufen.
Wollte nur ein bisschen mit mir reden. Einfach so. Wollte meine Stimme hören, weil ich ein paar Stunden nicht telefoniert hatte. Naja, ich hätte da vielleicht strenger sein sollen. Nicht drauf eingehen. Aber es hat mich einfach amüsiert, mit meinem Handy zu reden. War ja auch ganz nett. Aber zum Schluss meinte es, ich sollte es doch in meine Hosentasche stecken statt es auf das Sideboard zu legen. Kaum hatte ich es in der Tasche, fing es an zu vibrieren. Aber wie! Das ging doch zu weit! Ich riss es raus und schaltete ab.
Zur Zeit benimmt es sich. Ruft mich zwar fast jeden Abend an. Wir reden ein paar Worte, dann leg ich wieder auf und das Handy auf den Tisch.
Ich lag schon im Bett und las noch, da hörte ich es im Wohnzimmer klingeln.
„Kannst du nicht schlafen?“ fragte es.
„Ach, sagte ich, wird schon.“
„Trink noch ein Glas Wein mit mir.“
„Kein schlechter Vorschlag.“
Ich holte ein Glas und die angebrochene Flasche.
„Ich liebe dieses Gluggergeräusch, wenn du dir eingießt. Noch mehr liebe ich es, wenn du schluckst, während ich an deinem Ohr bin.“
„Ich werde mir ein Headset kaufen.“
„Nein! Doch nicht für zu Hause! Im Auto, ja. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir meinetwegen etwas passiert.“
So redet es mit mir, mein Handy. So wie jeden Abend. Aber dann. „Du könntest denn Wein auch im Bett trinken. Nimmst mich und das Weinglas mit hinüber ins Schlafzimmer.“
In der Tür blieb ich stehen: „Wieso nehm ich dich eigentlich mit ins Schlafzimmer?“
„Naja, damit wir weiter reden können, während du deinen Wein trinkst.“
„Ich will schlafen.“
„Du kannst ja doch nicht schlafen.“
„Willst du womöglich zu mir ins Bett?“
„Das wär schön, kuscheln…“
„Und dann vibrierst du wieder wie alarmiert!“
„Nein, nur kuscheln, nur schmusen, mehr nicht.“
Mein Handy ist kaputt. Wenn ihr mich erreichen wollt, ruft mich auf dem Festnetz an. Anrufbeantworter ist immer an. Mit den beiden hatte ich noch nie Probleme.
Seit drei Jahren passiert beim Haberletzer in der Sylvesternacht etwas Eigenartiges: Zwei oder drei Sektflaschen im Keller sind leergetrunken, dabei aber noch original verschlossen, richtig noch mit Draht umwickelt und nicht einmal die Folie oben herum ist beschädigt.
Das erste Mal waren der Ingeniör und die Minna an Sylvester bei Freunden und sie haben gedacht, da hat ihnen jemand aus der Nachbarschaft einen Streich gespielt. Das zweite Jahr waren sie zu Hause und haben aufgepasst, dass die Tür fest zu war. Aber um Mitternacht sind sie natürlich hinausgegangen, um das Feuerwerk anzuschauen. Vielleicht war da die Haustür nicht richtig zu und jemand hat sich in den Keller geschlichen? Im dritten Jahr haben sie die Sektflaschen gut versteckt, in einer Schachtel im hintersten Eck des Kellers und Minna hat noch einen Berg schmutzige Wäsche darüber gehäuft. Trotzdem waren wieder drei Flaschen leer und nicht die billigen vom Dings, die ihr die Freundin zu Weihnachten geschenkt hat, sondern die teuren guten, die Minna im Bioladen gekauft hat.
Dieses Jahr passiert Minna das nicht mehr. Seit Weihnachten trinken die beiden jeden Abend eine Flasche. Jetzt sind grad noch drei übrig, zwei billige und eine etwas bessere. Die stehen auf dem Küchentisch. Das Feuerwerk schauen sie sich heuer auch nicht an. Sie bewachen ihren Sekt und hoffen, dass der geheime Säufer, der verschlossene Flaschen leeren kann, sich bemerkbar macht. Kurz vor Mitternacht stellen sie den Radio an und warten auf die Zeitansage: „Tüt, Tüt, tüt, tüt, tüüüt! Gutes Neues Jahr!“ Der Ingeniör lässt den Korken knallen und gießt Minna und sich selber ein. Sie stoßen an, umarmen sich, mit dem Glas in der Hand, küssen sich ein bisschen, stoßen wieder an, wollen trinken – Minnas Glas ist leer.
„Hast du mir nichts eingegossen?“
„Du hast schon alles ausgetrunken.“
Aber Siegis Glas ist auch leer. Und die Flasche, als er nachgießen will, die ist auch leer.
„He, so geht das nicht!“ ruft Minna und packt die beiden anderen Flaschen, drückt sie sich fest an die Brust.
„Hicks“, macht es ganz laut.
Minna hat das Gefühl, dass irgendwas an den Flaschen zieht und dreht sich herum.
„Bäh“, sagt jemand, „das schmeckt gar nicht. Wo habt ihr denn die gute Limo versteckt?“
Ein paar orangefarbenen Kugeln schweben vor Minna in der Luft. Werden dicker und schwanken hin und her und werden wieder kleiner.
„Wer bist du?“, fragt Minna „und warum säufst du unseren Sekt weg?“
„Chiddabambaran Qua sulmifas.“
“Wie bitte?”
„Ihr könnt mich Chidulmi nennen. Habt ihr nicht noch irgendwo was von der besseren Sorte ? Ich kann im ganzen Haus nichts finden.“
In der Luft erscheint eine Art grün-orange-geringelter Rüssel. Daneben etwas, das wie eine Gelatinekugel ausschaut mit einem dunklen Kern.
„Wer gibt dir das Recht, hier einfach einzudringen und unseren Sekt zu saufen?“ Minna funkelt den Rüssel wütend an. Der verschwindet, dafür schwillt die Gelatinekugel an. Groß wie ein Fußball ist sie schon.
Siegi springt vom Kanapee auf, packt den Stopselzieher und geht damit auf die Kugel los. Schwupp - ist sie weg. Ein dumpf dröhnendes Gelächter rumpelt durch die Küche.
„Ich selbst gebe mir das Recht dazu, weil ich euch erbärmliche Wesen in den Weiten des Raumes entdeckt habe. Dreidimensionale Leberwesen! Aber die Limo, die ihr habt, schmeckt wirklich gut.“
„Und wie viel Dimensionen hast du?“, fragt der Ingeniör, immer noch mit dem Stopselzieher vor sich in der Luft herumstechend.
„Vier natürlich.“
„Und du darfst das? Einfach hierher kommen und uns schikanieren?“, piepst Minna, hinter dem Rücken von Siegi hervor.
„Wir werden dich bei der vierdimensionalen Polizei anzeigen“, schreit Siegi.
„Hahaha“, lachte der Chiddabams, „macht das doch! Das könnt ihr nämlich gar nicht, ihr Flachlinge. Ich brauch euch bloß in die vierte Dimension heben und ein bisschen zu schütteln, dann fallen diese ganzen Stöcke, die in eueren armseligen vier Tentakeln stecken, heraus und das ganze rote Zeugs, mit dem ihr vollgestopft seid.“ Dabei schlingt sich eine grüne-orange geringelte Wurst um Minnas Hüfte und hebt sie etwas vom Boden hoch.
Minna quiekt. Sie streckt dem Geist die Flaschen entgegen und ruft: „Da, da, nimm sie und verschwinde! Der Siegi macht sie dir noch auf.“
Siegi sticht mit dem Korkenzieher nach der Wurst.
„Au, au“, schreit Minna, denn er hat sie erwischt.
„Pah, als vierdimensionales Wesen saug ich die einfach so aus. Aber das hier, dieses Prietschelwasser, das mag ich nicht. Habt Ihr wirklich nichts mehr von dem guten roten Prosecco, den ihr voriges Jahr hattet?“
„Nein, aber ich kann morgen, äh nein, übermorgen einen kaufen gehen.“
Minna plumpst auf den Boden. Die Flaschen fallen ihr aus der Hand und rollen unter den Tisch.
„Übermorgen geht nicht. Wenn, dann kann ich nur in der Sylvesternacht kommen. Ist eh schon fast vorbei. Na gut, nächstes Jahr komm ich wieder. Aber da besorgt ihr bitte wieder was besseres. Tschaaauuuuuu.“ Etliche orangene Kugel schwabbeln durch die Küche, schrumpeln zusammen. Stille.
Minna und Siegi schauen sich an.
„Du warst sehr mutig“, sagt Minna. Siegi legt den Stopselzieher auf den Tisch und hilft Minna aufstehen.
„Naja“, sagte er, „nicht dass er dich mitnimmt.“
„Ich hab eine wahnsinnige Angst ghabt“, gesteht Minna. „Drum hab ich ihm gleich den Sekt angeboten. War das falsch?“
„Nein, nein, war schon richtig. Ich weiß nicht, ob ich viel ausgerichtet hätte. Mit dem Ding da. Wenn es wenigstens ein Messer gewesen wäre.“
„Was machen wir, wenn das Monster nächstes Jahr wieder kommt?“
„Das müssen wir uns noch überlegen. Aber wir haben ja ein Jahr lang Zeit.“
Es ist November und Minna und ihr Ingeniör haben immer noch keine Idee.
„Wir könnten den Sekt in die schwere Holzkiste aus deiner Werkstatt legen und die Kiste ganz fest mit Ketten umwickeln und die mit stabilen Vorhängeschlössern sichern“, schlägt Minna vor.
„Nutzt nix“, sagt Siegi. „Wenn das wirklich ein vierdimensionales Wesen ist, kann es in jedes dreidimensionale Behältnis hineinlangen so wie du in einen Teich hineinlangst und Steine herausholst. Es hat ja auch den versteckten Schampus gefunden, weil das Haus für ihn auf einen Blick bis in den letzten Winkel zu sehen ist.“
„Dumm“, sagt Minna.
Es ist Anfang Dezember. Der Ingeniör hat eine Idee.
„Ich baue ein Chaospendel und da hängen wir die Flasche dran.“
„Ein was?“
„Na so eine Maschine, die fährt die Flasche rauf und runter, nach links und nach rechts oder nach oben oder nach unten – aber du kannst nicht ausrechnen, was sie als nächstes macht.“
„Und du meinst, das hilft?“
„Zumindest wenn die Bewegungen schnell genug sind, braucht das Viererdings eine Zeit lang, bis es sich die Flasche schnappen kann.“
„Die Wahrscheinlichkeit, dass der Schnappidam die richtige Bewegung errät ist ein Sechstel. Wahrscheinlich erwischt er nach fünfmal daneben langen doch die Flasche. “
„Hmm, ich könnte noch Rotationen einbauen, dann haben wir noch 3 Freiheitsgrade mehr.“
„20 Versuche und er hat sie.“
„Oder er packt einfach die Arme von der Maschine und hält sie fest.“
„Meinst, dass er das kann?“
„Bestimmt.“
„Dann müssen wir uns noch was anderes überlegen.“
Drei Tage vor Weihnachten. Minna hat Sekt gekauft, den guten roten aus dem Bioladen.
„Hast du endlich eine Idee, Siegi?“
„Nein. Und du?“
„Auch nicht.“
„Dann trinken wir den Sekt an Weihnachten.“
Weihnachten ist vorbei. Kein Sekt mehr im Hause.
„Sylvester ohne Sekt, das ist doch nichts“, sagt Minna. „Wenigstens eine Flasche könnten wir doch kaufen.“
„Und noch vor 12 Uhr aufmachen, damit wir gleich anstoßen können, bevor uns der Tschattibums alles wegsäuft.“
„Jetzt, jetzt hab ich eine Idee!“
Sylvester Abend, kurz vor 12 Uhr: Siegi öffnet eine Flasche Prosecco, 3,95 Euro die Flasche aus dem Supermarkt. Man muss ja nicht übertreiben. Er gießt drei Gläser voll.
Tüt, tüt, tüt macht es im Radio. Siegi und Minna heben jeder ein Glas hoch. Das dritte steht am Tisch, mitten am Tisch, auf einer grünen Serviette.
Tüüüt!
Minna und Siegi rufen: „Ein gutes Neues Jahr, lieber Tschattibum und Prost!“
Dann leeren die zwei ihr Glas. Das Glas auf dem Tisch leert sich auch.
„Na, schmeckt’s dir?“
„Oh ja! Schmeckt ganz gut!“, sagt eine kratzige Stimme.
„Noch was?“
„Danke, ich nehme mir.“
Die Flasche leert sich.
„Lass uns auch noch ein Schlückchen.“
„Tschuldigung! Nix mehr drin. Aber – hicks – so was gibt’s bei uns halt nicht.“
„Willst du dir vielleicht eine Flasche mitnehmen?“, fragt Siegi.
„Geht doch nicht“, klagt die Stimme. Auf einmal sind wieder diese orangenen Kugeln da, tanzen durch die Küche. „Eure dreidimensionalen Flaschen laufen in der vierten Dimension einfach aus.
„Ich verstehe“, sagt Minna, „das ist, wie wenn ich mit einem Wollfaden einen Wasserfleck auf dem Tisch umschließe. Ich kann ihn zwar umgrenzen, so dass er nicht ausläuft, aber nicht transportieren.“
„Ha?“, sagt Siegi.
„Ich erklär dirs nachher.“
„Aber ihr habt ja noch zwei Flaschen im Kühlschrank!“ Schon stehen die Flaschen am Tisch – ohne dass die Kühlschranktür aufgegangen wäre. „Eine für euch, eine für mich?“
Während Siegi noch mit den Draht herumwerkt, leert sich die andere bereits – verschlossen, versteht sich.
„Hach, das schmeckt! Wie sagt ihr? Prost!“ der Chatti rülpst laut. „Nächstes Jahr komm ich wieder! Dann besorgt bitte noch eine Flasche mehr und am liebsten wär mir die rosa Limo, die ihr sonst immer hattet.“
„Könntest du uns dafür einen Gefallen tun?“, fragt Siegi.
„Bitte gerne, aber ich muss eigentlich schon wieder weg.“
„Ach, es ist nur eine Kleinigkeit. Kannst du da einen Knoten hinein machen?“ Er streckt einen aufgepumpten Fahrradschlauch in die Höhe. Ein orange-grüngeringelter Wurm greift danach.
Der Schlauch verschwindet und ist gleich wieder da.
„Recht so? Aber jetzt muss ich los. Danke für die Limo. Und tschaaauuu.“
Und hier, hier den Schuh! Minna zeiht ihre Birkenstocksandale aus. „Kannst du den umdrehend?“
Triumphierend schwenkt Siegi den Fahrradschlauch.
„Da ist ein Knoten drin, da ist ein Knoten drin!“, jubelt er.
Ich hab zwei linke Schuhe, ich hab zwei linke Schuhe!“, jubelt Minna.
Dann gehen die zwei vors Haus, wo die Nachbarn schon Feuerwerk zünden und schauen zu, wie die Raketen ringsum in den Himmel steigen. Und anschließend gehen sie in den Garten, wo in einer Astgabel des Apfelbaumes noch eine Fasche Sekt steckt: Rosee, Marke Perlage, aus dem Bioladen, die Flasche zu 11.98 Euro. Das ist die, auf die der Chattibumsdi so scharf ist. Die Minna auch.
Minna haberletzer und ihr Ingeniör saßen beim Nachmittagskaffee in der Küche, Minna auf dem Kanapee, der Ingeniör auf einem Stuhl.
„Musst in die Werkstatt kommen“, sagte Siegfried Haberletzer, „und dir anschauen, wie ich deinen alten Staubsauger umgebaut habe.“
Minna runzelte die Stirn. „Mein neuer Staubsauger saugt sehr gut. Ich bin sehr zufrieden damit, auch wenn er etwas laut ist.“
„Außerdem brauche ich keine Tüten mehr zu wechseln. Das ist ein für alle Mal vorbei.“
„Und wie hast du das?“
„Ich hab ein schwarzes Loch eingebaut. Soll ich dir auch eins einbauen?“
„Also, dass find ich gar keine gute Idee, das mit dem schwarzen Loch.“
„Warum? Ist doch ganz praktisch. Da ist alles weg. Futsch. Ab ins Nirgendwo.“
„Das Tütenwechseln ist doch kein Problem. Solange du ihn nicht so umbaust, dass er ganz alleine saugt, dass er von selber jeden Brösel und jedes Steinderl aufsaugt, bleib ich bei dem, den ich hab.“
Der Ingeniör stellte seine Tasse etwas heftig auf den Tisch.
„Ja, wenn du meinst“, sagte er, stand auf und ging in die Werkstatt.
Minna seufzte. Manchmal war es nicht einfach mit dem Ingeniör. Wenn sie bei seinen Ideen nicht sofort begeistert jubelte, war er beleidigt und verzog sich in seine Werkstatt. Andererseits, diesen Wunsch nach einem autonomen Staubsauger, einem der ohne Bedienerin auskam, einen den sie anschaltete, wenn sie einkaufen ging und wenn sie heimkam, war alles gesaugt, diesen Wunsch hatte sie schon so oft geäußert, genauer gesagt, jedes Jahr zu Weihnachten, zum Geburtstag, zum Valentinstag und zum Muttertag, aber Siegfried Haberletzer erfand alles mögliche nur keinen Wunschstaubsauger für Minna. Wenn hier jemand Grund hatte, den Beleidigten zu spielen, dann wohl doch Minna, oder?
Und deswegen blieb Minna auf dem Kanapee sitzen, trank ihren Kaffee aus, trank Siegfrieds halbe Tasse aus, kochte sich noch eine Tasse und strickte vor sich hin.
Eine Woche später ging Minna in die Werkstatt. Der Ingeniör war nicht da, war in die Uni gefahren, um dort einen Vortrag anzuhören, und diese Gelegenheiten nutzte Minna immer, um in der Werkstatt aufzuräumen und sauber zu machen. Diesmal war es überraschend sauber. Kein Spänchen Holz, keine Drahtstücke, keine bunten Plastikschnipsel – nur ein paar Schmierflecken auf dem Arbeitstisch und ein paar leere Cola-Dosen und gebrauchte Biergläser, zwei Kaffeetassen mit eingetrocknetem Kaffee und eine Müslischüssel. In der Mitte des Raumes stand der alte Staubsauger, ohne Schlauch und ohne Rohr. Minna stieg über ihn hinweg. Dabei kam es ihr vor als würde das Loch, in das der Schlauch gesteckt wurde, blinken. Sie holte einen alten Lappen und Spülmittel und wischte die Flecken weg. Ab und zu schaute sie sich nach dem Staubsauger um, sie wusste gar nicht warum. Sie wurde direkt ärgerlich auf sich selber. Schob die Werkzeuge auf dem Tisch hin und her, um den Staub darunter wegzuwischen, stapelte die kleine Schächtelchen mit Schrauben und Krampen und Beilagscheiben aufeinander. Dabei fiel ihr eine Schachtel auf den Boden, sprang auf, die Schrauben purzelten heraus – und swusch!- wurden sie vom Staubsauger eingesaugt. Minna stand mit offenem Mund da, das Wischtuch in der erhobenen Hand. Dann hatte sie sich gefasst. Sie öffnete eine der Schachteln und warf eine Mutter auf den Boden. Swusch! – eingesaugt. Sie knipste mit der Beisszange ein Stück Draht ab und warf es auf den Boden. Swusch – weg war es. Sie knipste ein langes Stück Draht ab, wickelte es ein paar Mal um ihre Hand und warf es dem Staubsauger hin. Vor dem Loch des Staubsaugers blieb es hängen, es war wohl doch zu groß. Aber nein, es drehte sich und knirschte und kratzte und dann hatte der Staubsauger das Ende erwischt und zog den Draht ein wie einen Wollfaden. Minna warf ihm den Wischlappen hin. Der wird ihm doch zu dick sein, dachte sie. Aber Schmatz, Schlürf, Spotz, Swusch – da verschwand der nasse Lappen im Staubsauger. Minna zuckte mit den Achseln. Sie holte einen Eimer Wasser und den Wischmopp und begann, den Boden zu wischen. Als ihr der Staubsauger im Weg war, gab sie ihm einen Stoß mit dem Fuß. Er bewegte sich nicht. Minna stemmte ihren Fuß gegen seine Rückseite und stieß. Er regte sich nicht vom Fleck. Minna kniete sich auf den Boden und schob mit aller Kraft – vergeblich. Das Ding war zu schwer. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als um den Staubsauger herumzuwischen. Spaßeshalber „fütterte“ sie ihm am Schluss das Putzwasser. Er gurgelte und blubberte, aber schluckte es. Als Minna an der Tür war, hörte sie ihn laut rülpsen. „Mahlzeit“, sagte sie.
Siegfried kam erst spät nach Hause. Minna lag im Bett und las, machte aber gleich das Licht aus, als der Schlüssel im Schloss knirschte. Sie hörte ihn durchs dunkle Haus tappen, hörte die Klospülung rauschen und die elektrische Zahnbürste summen. Dann kroch Siegfried neben ihr ins Bett. Die Matratze quietschte. Minna machte leise Schnarchgeräusche.
Am nächsten Tag brachte Minna dem Ingeniör eine Tasse Kaffee in die Werkstatt. Er stand am Arbeitstisch und tüftelte über einem Schaltplan.
„Muss denn der Staubsauger mitten im Weg stehen?“ fragte sie. „Beinahe wär ich drüber gestolpert. Und Kaffe hab ich auch verschüttet.“ Schlurf machte der Staubsauger und die Kaffeetropfen sausten in das Loch.
„Schieb ihn halt weg“, antwortete der Ingeniör, ohne von seinem Plan aufzuschauen. Minna stellte die Tasse ab und packte den Staubsauger am Griff.
„Uff“, sagte sie, „der ist aber schwer!“
„Tja, da ist ja auch ein schwarzes Loch drin.“
„Kannst du mir nicht helfen?“
„Wobei helfen?
„Na, den wegschieben.“
„Lass ihn doch einfach hier stehen.“
„Bist selber drüber stolperst?“
„Ich weiß ja, dass er da steht.“
„Solltest du nicht das schwarze Loch ab und zu ausleeren?“
„Warum?“
„Damit es nicht zu schwer wird. Eines Tages kracht dein Staubsauger noch durch den Fußboden.“
„Der ist stabil.“
Minna zuckte die Achseln und ging wieder in die Küche. Sie machte sich Sorgen, dass der Ingeniör das mit dem schwarzen Loch zu sehr auf die leichte Schulter nahm. Mit jedem Bissen, den das schwarze Loch sich einverleibte, wurde es stärker. Was, wenn es eines Tages den Ingeniör einsaugte? Minna setzte sich auf ihr Kanapee und nahm das Strickzeug zur Hand. Masche um Masche um Masche strickte sie. Beim Klappern der Nadeln konnte sie am besten denken.
Bereits eine Woche später war es so weit. In der Werkstatt tat es einen gewaltigen Rummser. Gleich darauf hörte sie den Ingeniör schreien. Minna legte ihr Strickzeug gar nicht aus der Hand, so schnell raste sie zur Werkstatt. Als sie die Tür öffnete, bot sich ihr ein Bild der Verwüstung. Alle Schubladen waren aus dem Schrank gekippt und hatten ihren Inhalt auf den Boden ergossen. Dort bewegte er sich auf ein Ziel zu: auf den riesenhaften Staubsauger mitten im Raum, genauer auf das schwarze strudelnde Loch an seiner Vorderseite. Das Werkzeug war von seinen Haken geflogen, die Farbdosen aus dem Regal und alles alles rutschte und scharrte über den Boden und verschwand in dem gefräßigen Maul.
„Minna, tu doch was!“ schrie der Ingeniör in Panik. Er lag auf dem Boden, klammerte sich an das Tischbein seiner Werkbank. Der Sog des schwarzen Loches riss ihm die Schuhe von den Füßen. Die Schubladen verschwanden unter Knirschen und Knacken im Maul des Staubsaugers. Minna hielt sich am Türrahmen fest. Auch sie spürte den Sog, der immer stärker und stärker wurde. Allerdings hielt sie sich nur mit einer Hand fest, denn in der anderen hatte sie das Strickzeug. Dem Ingeniör zog es die Socken von den Füßen.
„Ich kann mich nicht mehr lange halten“, schrie er. „Tu doch was!“
„Was denn?“
„Den Stecker ziehen!“
„Der ist ja gar nicht angesteckt!“
Die Hose des Ingeniörs begann seine Beine hinabzurutschen. Minna klammerte sich noch an den Türstock, aber sie schwebte schon, ihre Beine in Richtung schwarzes Loch gestreckt.
Das Regal wankte. Die Werkbank rutschte mitsamt Ingeniör. Kratzte über den Boden. Mit einem Schrei voller Verzweiflung ließ der Ingeniör das Tischbein los. Und im selben Moment gaben auch Minnas Finger nach, die den Türstock umkrallten. Ein Stück vor dem schwarzen Loch prallten die beiden aufeinander. Minna legte den Arm um Siegfrieds Hals und so stürzten die beiden in das schwarze Loch.
Ein Holzstück traf Minna schmerzhaft in die Seite. Aber dann war Ruhe. Da saßen die beiden im Dunklen. Minna war immer noch schwindlig. Neben sich hörte sie Siegfried ächzen.
„Siegfried? Bist du ganz?“ fragte Minna.
„Ich glaub schon. Und du, Minna?“
Ein Licht ging an, ein kleines Licht nur: Minna hatte ihre Taschenlampe aus der Rocktasche geholt und angeschaltet. Sie leuchtete herum. Um sie herum nur Trümmer: zerquetschte Dosen und Schachteln, zerbrochenes Werkzeug, Holzsplitter und Metallteile. Aber sonst: nichts, Leere, so weit das Licht der Taschenlampe reichte. Kein Boden, keine Mauern, kein Dach. Die beiden schwebten einfach inmitten der Trümmer.
„Hoffentlich gibt es jetzt Ruhe, das verflixte Loch“, sagte Siegfried.
„Ich fürchte nicht“, meinte Minna. „Es holt nur etwas Luft. Wirst sehen, bald kommt unsere gesamte Einrichtung angeflogen, das Kanapee, der Küchenherd, der Kühlschrank. So groß wie das Loch geworden ist, passen die ganz durch.“
„Dann sollten wir aber in Deckung gehen, damit wir die nicht an den Kopf kriegen. Die erschlagen uns ja. Obwohl, ist ja egal.“
„Nein, das ist nicht egal.“
„Na, du, wir sind im Innern eines schwarzen Loches. Da kommen wir nie nie nie mehr heraus. Was ist denn das da für ein Strich?“ Ein roter Strich lief von ihnen weg, quer durch den leeren Raum, weiter und weiter, bis er nicht mehr zu erkennen war.
„Das ist mein Wollfaden“, sagte Minna.
„Und wo geht der hin?“
„Na, zum Knäuel unter dem Kanapee in der Küche natürlich. Und jetzt pass auf.“
Sie nahm ihr Strickzeug und zog die Nadeln heraus. Sie ruckte am Faden und da begann die Wolle aus den Maschen zu schlüpfen. Eine Masche nach der anderen wurde aufgezogen.
„Was machst du da?“
„Der Wollknäuel ist auf der Wollwickelmaschine, die du mir zu Weihnachten gebaut hast, und die wickelt jetzt die Wolle auf.“
„Naja, den Strumpf brauchen wir auch nicht mehr. Den kann sie ruhig aufdröseln.“
„Es ist nicht nur das, Siegfried, nicht nur das! Und halt dich gut fest an mir.“
„Es dreht sich schon wieder alles! Mir wird schlecht.“
„Das lässt sich leider nicht vermeiden.“
Minna Haberletzer und ihr Ingeniör saßen beim Nachmittagskaffee in der Küche, Minna auf dem Kanapee, der Ingeniör auf einem Stuhl. Beide noch ganz benommen und bleich.
„Musst in die Werkstatt kommen“, sagte Siegfried Haberletzer, „und dir anschauen, wie ich deinen alten Staubsauger umgebaut habe.“
Minna runzelte die Stirn. „Mein neuer Staubsauger saugt sehr gut. Ich bin sehr zufrieden damit, auch wenn er etwas laut ist.“
„Außerdem brauche ich keine Tüten mehr zu wechseln. Das ist ein für alle Mal vorbei.“
„Und wie hast du das?“
„Ich hab ein schwarzes Loch eingebaut. Soll ich dir auch eins einbauen?“
„Also, dass find ich gar keine gute Idee, das mit dem schwarzen Loch.“
„Warum? Ist doch ganz praktisch. Da ist alles weg. Futsch. Ab ins Nirgendwo.“
„Geh, Siegi, hast nicht gemerkt, was da passiert?“
„Naja, du hast ja recht. Aber es ist halt so ein schönes schwarzes Loch. Vielleicht sollte ich es verkaufen.“
„Nein, kommt nicht in Frage, du gehst sofort in die Werkstatt und baust es ab. Ganz ab, hörst? Ganz abbauen!“
„Jaja, ich hör schon. Aber stell dir vor, damit könnte man das Atommüllproblem lösen. Schwupp saugt es die ganzen Spaltprodukte ein, wo doch keiner weiß, wohin damit.“
„Siegi! Irgendwann ist dann das Loch so fett, dass es die ganze Welt einsaugt.“
„Hast ja recht, hast ja recht. Ich trink nur noch meinen Kaffee aus. Mir ist noch ganz schwindlig. Wie hast du das gemacht, dass wir da raus gekommen sind?“
„Hast es nicht gesehen?“
„Ich hab nur immer auf das Strickzeug geschaut, wie es da den Faden herausgezogen hat, Mascherl für Mascherl. Hab gar nicht wegschauen können, ripp ripp ripp, ein Mascherl nach dem anderen ist aufgegangen. Dipp dipp dipp, so schön eins und noch eins und noch eins und rundherum, immer rund herum im Kreis und der Strumpf ist immer kürzer geworden und ich bin auch rund herum und immer Stück um Stück zurück und auf einmal waren wir hier.“
Minna nickte. „Genau so war’s! Aber jetzt marsch in die Werkstatt.“
„Schade, war so ein gute Idee, das schwarze Loch!“, murmelte er, trank seinen Kaffee aus und stand auf. „Aber wenn du meinst, dann bau ich es halt ab.“
„Ja, ich mein es, ganz gwiss mein ich es!“
Der Ingeniör schlurfte zur Tür.
„Schad’, wirklich schad’, wär’ so praktisch gewesen.“
Nachdem ich in den letzten wochen so viel Science fiction gelesen habe, musste ich es auch ausprobieren. Hier einer meiner Versuche. Würde gerne wissen, ob das verständlich ist.
Minna Haberletzer klopfte an die Tür der Werkstatt, öffnete sie einen Spalt und rief: „Ich fahr jetzt in die Stadt.“
Keine Antwort. Sie schob den Spalt ein bisschen weiter auf und steckte den Kopf durch.
„Ich fahr jetzt in die Stadt“, sagte sie noch einmal, ein bisschen lauter.
Der Ingeniör Haberletzer stand an seiner Werkbank, tief vornüber gebeugt. Er hatte Ohrschützer auf und eine Sicherheitsbrille. Funken sprühten an seinen Fingern und er richtete sich auf. Er legte den Lötkolben auf einen umgedrehten Kuchenteller und nahm die Ohrschützer ab.
„Hast du mich erschreckt,“ sagte er.
„Ich wollte dir nur sagen, dass ich in die Stadt fahre. Wenn ich nicht rechtzeitig zurück komme, machst du dir ein Wurstbrot zum Mittagessen.“ Sie öffnete die Tür ganz und ging ein paar Schritte in die Werkstatt hinein.
„Was machst du denn in der Stadt?“, fragte er und hob den linken Ohrhörer etwas an. In der rechten hielt er noch den Lötkolben.
„Wolle kaufen zum Stricken.“
„Kauf dir was gscheiteres.“
„Was denn?“
„Zum Beispiel, zum Beispiel schwarze Strapse.“
„Sogar beim Erfinden hast du nur das Eine im Kopf“, stellte Minna fest.
Der Ingeniör lließ den Ohrhörer los, schob seine Schutzbrille auf die Stirn und grinste.
„Ich kann mir ja schwarze Wolle kaufen und Strapse stricken“, setzte Minna hinzu, „nein, Schmarrn, was wirst du denn heute erfinden?“
„Ich weiß es noch nicht. Eigentlich wollte ich an meinem Tachionen-Triebwerk weiterarbeiten. Aber ich glaube, heute wird es was anderes.“
Als Minna aus der Stadt zurück kam – in jeder Hand zwei prall gefüllte Plastiksäcke – saß der Ingeniör auf ihrem Kanapee in der Küche und las Zeitung.
Minna ließ die Säcke fallen und knöpfte den mantel auf: „Bist du mit dem Erfinden heute schon fertig?“, fragte sie ganz erstaunt.
„Ich hab mich aus der Werkstatt geschickt, damit ich in Ruhe den Fehler suchen kann.“
Mit dem Kinn wies er in Richtung Werkstatt.
Minna band sich die Schuhe auf und schlüpfte in ihre Birkenstocksandalen.
„ich koche jetzt Kaffee für uns“, erklärte sie.
„Für mich auch, bitte.“
„Natürlich für dich auch, mach ich doch immer.“
„Für mich musst du heute zwei Tassen machen. Schau in die Werkstatt.“
Minna ging zur Werkstatt-Tür, öffnete sie einen Spalt und steckte den Kopf hinein. Da stand der Ingeniör an der Werkbank tief gebeugt, mit Ohrenschützern und Schutzbrille und an seinen Fingen sprühten Funken. Minna öffnete die Tür ganz und ging zur Werkbank.
Der Ingeniör zuckte zusammen und richtete sich auf. Eine Stichflamme schlug empor, ging aber gleich aus.
„Hast du mich erschreckt“, sagte er, „Wie oft hab ich dir schon gesagt, du sollst anklopfen.“
„Ich hab gedacht, du bist in der Küche“, sagte Minna.
„Ja, ich hab mich in die Küche geschickt, damit ich in Ruhe den Fehler suchen kann“, sagte der Ingeniör.
Minna msuterte ihn genauer. Er war weißhaarig und hatte teife Falten auf der Stirn und eine blutige Schramme.
„Mir ist nur der altmodische Lötkolben dran gekommen. Ich hab nicht dran gedacht, mir mein neues Werkzeug mitzubringen.“
„Ich koch uns jetzt einen Kaffee“, sagte Minna und ging in die Küche.
Sie füllte Wasser in die Kaffeemaschine und holte aus einer der Plastiktüten eine üackung mit Kuchen.
„Du kriegst leider nur ein halbes Stück“, sagte sie zu dem Ingeniör auf dem Kanapee.
„Ist gut so“, antwortete der, „hast gesehen, wie dick ich geworden bin?“
„Das sind die Hormone“, erklärte Minna.
„Da bist du dran schuld.“
„Weil ich zu gut koche?“
„Nein, weil du mich nicht oft genug …“
„Fang nicht wieder mit dem Gockel an, der nicht fett wird. Grau bist du auch geworden.“
Die Küchentür öffnete sich und der grauhaarige Ingeniör schaute herein.
„Ich setz mich ins Wohnzimmer sagte er, damit ich in ruhe den fehler suchen kann.“
Minna ging zur Werkstatt und schaute hinein.
Der Ingeniör war tief über die Werkbank gebeugt, nein so arg tief nicht mehr, er war etwas kleiner geworden, er war auch ganz weißhaarig, sein Gesicht war voller Falten. Der Arbeitsmantel schlotterte um seine Beine.
„Der Kaffee ist gleich fertig“, sagte Minna.
Er zuckte zusammen, legte den Lötkolben auf den umgedrehten Teller und hob mit einer Hand den Ohrschützer an.
„Für mich nicht“, sagte er. „Ich hab dir doch versprochen, dass ich zum Kaffee wieder zurück bin. Es ist ja nur noch ein kleiner Fehler und ich hab ihn gleich.“ Dann rückte er das Vergrößerungsglas, das auf seine Schutzbrille montiert war, zurecht und griff wieder nach dem Lötkolben.
Minna ging in die Küche. Sie goss Kaffee in drei Becher und verteilte den Kuchen auf drei Teller. Eine Tasse und einen Teller nahm sie und ging damit ins Wohnzimmer. Es war leer. Sie ging zur Werkstatt, klopfte an und brachte dann den Kaffee zur Werkbank.
„Danke, sagte der Ingeniör, „aber den Kuchen ess’ ich nicht. Ich wird’ zu dick.“
Er nahm das Kaffeehaferl und trank eine Schluck.
„Bäh“, sagte er, „ich trink doch den Kaffee ohne Zucker und ohne Milch.“
„Jetzt noch nicht“, sagte Minna, „woher soll ich das dann wissen?“
„Macht auch nichts. Ich bin eh gleich fertig. Du kannst mir sagen, dass ich wieder in die Werkstatt kann und dass es jetzt funktioniert.“
In der Küche las der Ingeniör die Zeitung fertig und trank den Kaffee aus.
„Eine Zeitmaschine muss ich noch erfinden“, sagte er. „Dass ich da noch nicht drauf gekommen bin.“
„Eigentlich hättest sie gar nicht erfinden müssen, wenn du so schlau gewesen wärst, sie dir genauer anzuschauen. Stand die ganze Zeit in der Garage neben den Fahrrädern.“
klare Augen wie Regentropfen. Ihre Haare hatte sie zusammengefasst, doch einige rebellische Locken umrahmten ihr Gesicht. Die Ärmel ihrer grob gestrickten Jacke hatte sie bis über die Ellbogen nach oben geschoben. Sie löffelte ruhig ihr Eis. Ihr Mann kaute gegenüber seinen Zahnstocher platt und starrte auf sein leeres Bierglas. Die quietschenden Reifen eines LKW rissen ihn aus seinen Gedanken. Er zündete sich eine Zigarette an und fuhr mit der Hand über sein Gesicht um die Müdigkeit wegzuwischen. Sein weit geöffneter Hemdkragen gab nicht nur den Blick auf eine kitschige Goldkette, sondern auch auf seinen faltigen Hals frei. Unter dem Tisch wippte die Frau mit einem Fuß. Die Hose des Mannes zitterte nicht, sondern bedeckte gnädig die knöchellangen weißen Socken.
Fliegen und eine hungrige Wespe umflogen die leeren Nachbartische. Die Frau wischte ihren Mund mit der kleinen Papierserviette ab, richtete ihre Frisur und stützte ihre roten Hände auf den Tischrand. Sie stand keuchend auf und verließ mit watschelndem Gang den Platz.
Der Mann blieb mit verschränkten Armen sitzen und dachte an die Zeit, die ihnen noch gemeinsam oder getrennt zu leben blieb.
jener schmerz
brennt
auf der haut
und darunter
liegen worte
bloß
ohne heimat
© k.m.
Wenn er noch einmal sagt, dass es einmal war, mäh ich ihm ne Glatze in die Schamhaartonsur, sagte der Rasenmäher, der nicht mehr klein war und suhlte seine linke Hand im Tank seiner Derzeitigen. Diesel mich, schnaubte er und versenkte seinen Ölmessstab in ihrem Auffangkorb und doch glitten ihm Tränen zwischen die Messer. Zehntausende, hunderttausende seiner Hip-Hop-Gras-Abs waren arbeitslos, Opfer der US-Immobilienskrise, die Rasen mutierten ohne sie zu Wiesen. Diesel mich, schrie er und dachte dabei heimlich an Dow Jones. Er wollte ihren Rasen. Mähen. Durch Wiesen mähen, ohh, mit Frau Jones.
Neulich hatten wir die Freude, dass unser Sohn, der Physiker, dem „Hotel Mama und Papa“ (Mama ist die Waschfrau und Papa der Koch) für ein ganzes Wochenende einen Besuch abstattete. Der Grund: Seine Freundin war mit ihrem Bruder in Urlaub gefahren. Nicht etwa, weil sie Streit mit unserem Sohn gehabt hätte, sondern weil dieser gerade erst vor wenigen Wochen seinen ersten Job angetreten hatte und noch keinen Urlaub bekommen konnte. Seine Freundin aber brauchte unbedingt einmal eine Auszeit vom Beruf… Unser Sohn war also verwaist und besann sich auf seine Eltern. Wir haben seine Anwesenheit wirklich genossen, und er auch!
Am Sonntagmorgen, dem Muttertag, läutete zum Familienfrühstück das Telefon. Ich wollte schon hin springen, denn ich dachte, es sei meine Freundin Lydia, die mich regelmäßig als Seelsorgerin benötigt. Aber mein Sohn war schneller, und siehe da, das Gespräch war sowieso für ihn. Am anderen Ende war ein Orni. (Erklärung für nicht Eingeweihte: ein Hobby-Ornithologe, ein Vögelgucker aus Passion.) Wie unser Sohn einer ist. Der geriet gleich vor Aufregung außer sich: Auf der Schwäbischen Alb, zwei Autostunden von unserer Kleinstadt entfernt, waren zwanzig Gänsegeier und zwei Mönchsgeier bei einem Schafskadaver gesichtet worden. Man bedenke: Geier in Deutschland! Das war eine echte Orni-Sensation! Die Begeisterten aus Norddeutschland waren in der Nacht schon aufgebrochen, um die Tiere am Morgen beobachten zu können. Und die Ornis aus Süddeutschland hatten die Sache glatt verpennt und wussten von nichts! Da musste erst einer von der Waterkant, der ein alter Bekannter unseres Sohnes war, diesen alarmieren… Unser Spross versuchte als Erstes, seinen besten Orni-Freund aus Ulm zu erreichen, der nicht ans Telefon ging, weil er die Nacht zuvor auf einer Geburtstagsfete „gesoffen“ hatte. Also musste dessen Vater angerufen werden, auch ein Vögelgucker, der sowieso mitfahren sollte und aufgefordert wurde, zur Wohnung seines Sohnes zu fahren, um diesen aus dem Schlaf zu klingeln. Bei einer solchen Gelegenheit dürfe man ruhig Sturm läuten bei ihm, das nähme er nicht übel, meinte unser Sohn, der dann mit dem Telefonhörer in der Hand zum Computer hechtete, um im Internet nach neuesten Nachrichten zu fahnden. Selbstverständlich gibt es im Web entsprechende Seiten!
Aber welch Ärger! Die Funkmaus und die Funktastatur unseres Rechners streikten mal wieder! Unser Orni zitierte die Mama herbei. Wie gut, dass die Schreibhexe kürzlich von ihrem Gatten ein Laptop zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte – die Tastatur und die Maus vom Uraltcomputer waren noch funktionsfähig und lagen auch griffbereit! Nun konnte die Recherche beginnen. Zwischendrein wurde noch einmal der Vater vom Freund angerufen, der keine Hektik mochte und noch gar nicht aufgebrochen war, um seinen Sohn aufzustöbern. Unser Physiker-Orni kriegte fast einen Herzkasper. Er fand dann heraus, dass die Geier morgens um acht noch zu sehen gewesen waren. Mittlerweile rief auch der Freund zurück, den sein Vater erfolgreich geweckt hatte. Mein Mann, der auch mitfahren durfte, hatte seine Fotoausrüstung zusammengepackt. Die Safari konnte losgehen!
Ich selber machte mir ein paar angenehme Stunden mit mir allein. Ich ging ausgiebig spazieren und schrieb ein kleines Channeling mit Erzengel Kryon für mein neues Weblog. Lydia rief zweimal an, um sich Trost abzuholen. Kurz vor vier Uhr nachmittags meldete sich der Orni am Telefon: Ob ich sein Hemd gewaschen hätte, das er morgen zur Arbeit anziehen wollte. Ich hatte. Zehn Minuten später waren die Männer zurück. Meine erste Frage war, ob sich die Tour denn gelohnt hätte. Na ja… Sie sahen gerade noch den letzten Gänsegeier davonfliegen… Der Schäfer hatte nämlich in der Zwischenzeit den Schafskadaver entsorgt. Kein Herz für Ornis, dieser Mann! Immerhin konnte mein Sohn einen neuen „Deutschland-Tick“ verbuchen, das bedeutet, dass er eine neue Vogelart, nämlich den Gänsegeier, zum ersten Mal in Deutschland gesehen hatte, ihn also abhaken durfte. Auf Englisch, einen „Tick“ machen. Verantwortlich für die Verspätung vor Ort war natürlich der Partygänger, der zu langsam aus dem Bett gekommen war. Aber in Wirklichkeit war doch dieser Schäfer schuld! Hätte er den Geierköder nicht etwas länger liegen lassen können? Wenigstens, bis mein Gatte ein paar Fotos geschossen und mein Sohn die Vögel gebührend inspiziert hätte? Wie gesagt – kein Herz für Ornis…
Renate schaute erstaunt um sich. Wo war Peter? War er ihr vorausgeeilt, oder war er zurückgeblieben? Dabei war es seine Idee gewesen, diesen Kursus im Drachenfliegen mitzumachen – wollte er sich jetzt etwa im letzten Moment noch drücken? Oder konnte er es im Gegenteil nicht erwarten, im Gleitflug über Täler und Höhen zu schweben? So sehr sie ihre Augen auch anstrengte, sie konnte ihren Mann weder bergauf noch bergab entdecken. Sie beschloss weiterzugehen. Er würde schon nachkommen, oder er würde sie oben erwarten und sie eine Schnecke nennen, weil sie langsamer als er gewesen war.
Peter neckte Renate häufig und gerne, aber nicht immer stand ihr der Sinn danach; sie reagierte manchmal beleidigt. „Zieh nicht so eine Schnute“, pflegte er dann zu sagen, und er fügte hinzu, das sei ihrer Schönheit abträglich. Jetzt konnte sie über diese sich immer wiederholende Szene lächeln. Überhaupt war ihr so eigentümlich frei und leicht zumute, fast als gleite sie schon durch die Lüfte. Sie atmete tief ein; die Herbstluft war frisch und klar. Unten im Tal konnte sie die Dächer des Dorfes erkennen, die immer kleiner wurden, je weiter sie den Berg hinaufstieg. Sie fragte sich nicht mehr, wo Peter steckte; in diesem Augenblick war sie allein mit sich und der Welt. Weiter und weiter kam sie auf dem schmalen Pfad zum Gipfel voran, gleich musste sie ihn erreicht haben. Ein großer Vogel zog seine Kreise am Himmel. Peter hätte ihr bestimmt sagen können, ob es ein Adler war, aber eigentlich wollte sie das gar nicht wissen. Die Hauptsache war: Bald würde sie es diesem Vogel gleichtun. Würde sie fühlen, was er fühlte?
Sie hatte die Spitze des Berges erreicht. Von Peter keine Spur. Überhaupt war weit und breit kein Mensch zu sehen. Aber da lag ihr Drachen – nein, es war kein Drachen, es war ein Paar großer Flügel aus richtigen Federn, wie sie einst Dädalus und Ikarus verwendet haben mochten. Renate wunderte sich nicht. Sie dachte auch nichts, sie schnallte sich einfach die Flügel an. Sie hatte keinerlei Angst, spürte nur freudige Erwartung.
Ohne einen Anlauf zu nehmen, stieß Renate sich mit den Füßen ab und schwebte im nächsten Augenblick in der Luft. Vorsichtig probierte sie ihre Flügel aus – sie funktionierten! Sie trugen sie höher hinauf, wenn sie ein paar Mal mit den Armen schlug und den Wind ausnutzte. Ja, den Aufwind zu beachten war beim Fliegen sehr wichtig, das merkte sie jetzt. Als sie das Gefühl hatte, hoch genug gestiegen zu sein, hielt sie ihre Arme ruhig und ließ sich langsam talwärts tragen.
Einen ersten Blick wagte Renate in die Tiefe, aber da war das Dorf nicht zu sehen, wie sie erwartet hatte. Es war überhaupt nichts zu sehen außer einem merkwürdigen, samtigen Nebel, der alles zu verhüllen schien. Dieser Nebel hatte eine ganz unbeschreibliche Farbe; er war nicht einfach grau, wie es ein gewöhnlicher Herbstnebel zu sein pflegt, sondern schillerte eher silbrig – vielleicht wie eine Wasseroberfläche, in der sich der Vollmond spiegelt, dachte Renate. Oder wäre die eher golden? Jedenfalls war es ein besonderer Nebel, und sie betrachtete ihn mit einem Empfinden von ausgesprochener Genugtuung. Hier und da blitzten bunte Lichter in dem Nebel auf; Renate erinnerten sie an die Edelsteine in einer Krone, die sie irgendwann einmal in einem Museum gesehen hatte. „Kostbar“, sprach sie vor sich hin und wunderte sich über ihre eigene Stimme. „Wie kostbar das ist.“ Was sie mit „das“ meinte, wusste sie selber nicht. Sie dachte nun gar nicht mehr daran, dass sie flog; sie war ganz in den Anblick versunken, der sich ihr bot. Eine Orientierung gab es nicht in diesem Nebel, aber das störte Renate nicht. Sie war ganz erfüllt von der Freiheit und Leichtigkeit, die sie schon beim Aufstieg zum Gipfel des Berges erfahren hatte.
Jetzt schien der silberne Nebel, in dem es immer häufiger blitzte und blinkte, an verschiedenen Stellen aufzureißen. Renate erinnerte sich ihrer Flügel und versuchte, auf eines dieser Löcher zuzusteuern. Es gelang ihr so mühelos, dass sie sich fast gewundert hätte, aber sich darüber zu wundern, hatte sie jetzt keine Zeit! Sie schaute durch den aufgerissenen Nebel nicht auf eine deutsche Herbstlandschaft, sondern auf ein Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht. Offenbar wurde dort unten mit orientalischem Gepränge eine Hochzeit gefeiert. Renate ließ sich tiefer hinab, denn sie war auf einmal neugierig darauf, den Bräutigam und die Braut zu sehen. Sie dachte nicht daran, dass sie von den Leuten der Hochzeitsgesellschaft bemerkt werden könnte, und offenbar achtete auch niemand auf sie. Sie konnte sogar durch die Menschen hindurchschweben, ohne dass etwas geschah.
Nun befand sie sich in unmittelbarer Nähe des Hochzeitspaares und schaute in das Gesicht der prächtig geschmückten Braut. Es war – sie selber! Wie konnte das sein? War der Bräutigam etwa Peter? Sie schaute auch in sein Gesicht. Nein, seltsam Das war doch wieder sie selber, nur in männlicher Gestalt, und mit männlich ausgeprägten Gesichtszügen! Und jetzt – immer größere Merkwürdigkeit – fühlte sie sich gleichzeitig in diesen beiden Personen, und sie umschwebend! Glücklich war sie nun, so glücklich, wie sie sich nie hätte vorstellen können, dass ein Mensch es sein könnte…
„Zeitlosigkeit“, fuhr es ihr durch den Sinn, und in dem Augenblick, als sie das dachte, befand sie sich wieder hoch in der Luft. Wo aber waren ihre Flügel? Sie hing doch in einem ganz gewöhnlichen Drachen, und neben ihr glitt Peter zu Tale! Da war auch wieder das Dorf, und keinen Nebel sahen ihre Augen, sondern bunte Wälder und Stoppelfelder. Auf eines dieser Felder hielten sie jetzt zu und landeten mit einem leichten Plumps.
Renate befreite sich aus dem Drachen und rieb sich benommen die Augen.
„Wo warst du denn die ganze Zeit über?“, fragte sie verstört ihren Mann.
„Immer an deiner Seite, wie stets“, lachte der. „Vielleicht muss ich dich fragen: Wo warst du mit deinen Gedanken? Du warst eine Zeitlang nicht ansprechbar, und wenn du deinen Gesichtsausdruck hättest sehen können! Total abwesend! Was war los?“
„Ich hatte im Wachen einen Traum“, sagte Renate nach langem Schweigen. „Einen seltsamen, wunderschönen Traum… Ich erzähle ihn dir vielleicht später.“
Sie erzählte ihn nie. Nicht Peter, und auch niemandem sonst. Als sie aber am selben Abend neben Peter in ihrem Bett lag, ging ihr die Bedeutung ihres Namens durch den Kopf:
Renate – Re-nata – „die Wiedergeborene“…
Melde mich zurück mit einer alten Geschichte, geschrieben 1991… Ines
Der kleine Rasenmäher denkt an die Zukunft
„Oiso,“ sagte der kleine Rasenmäher, „also, ich mag nicht mein ganzes Leben Rasenmähen. So wie mein Vater – das ist nichts für mich. Ich will mehr, will ein spannenderes Leben. Ich will Laubbläser werden. Laubbläser – das ist doch gleich ein ganz anderer Sound als Rasenmäher. Laubbläser – die haben so richtig Power. So jedes Blättchen verfolgen und zum großen Haufen kehren, pardon, blasen, auch wenn es gar nicht will, das ist doch ganz was anderes als einfach klippklapp die Spitzen der Gräser abschnipseln. Und wenn sie mir blöd kommen, dann schalt ich auf Schubumkehr und saug sie auf.“
„Ich hätte noch einen anderen Vorschlag für dich“, sagte eine Stimme aus dem Eck im Schupfen. Das war die Motorsäge.„Wie wär’s mit Häcksler?“
„Hexler?“
„Nein, Häcksler. Da könnten wir zwei ein gutes Team abgeben. Ich schneide die Äste ab und du hackst und schnetzelst sie klein. Häcksler sind was ganz Tolles. Echt. Ratzfatz ist ein ganzer Baum, eine ganze Hecke in Holzschnipsel verwandelt. Und einen Sound hat die – wow! Ich bin ja wirklich nicht leise, wenn ich mich so durchs Holz beiße, da stellen sich bei manchen alle Haare auf, so durchdringend ist mein Kreischen, vor allem in den höheren Frequenzen – aber gegen einen Häcksler komm ich nicht an.“
„Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen, so ein fetter Häcksler, wie er da so bräsig dasteht, und im Innern rotieren seine Messer, wummwummwumm und ein Ast nach dem anderen fährt in seinen gierigen Schlund – das würde gut zu dir passen, kleiner Rasenmäher!“ Das war natürlich diese Giftnudel von Bohrmaschine.
„Für dich hätte ich auch gleich einen neuen Beruf“, fuhr die Motorsäge dazwischen, „Du hast ja eh in letzter Zeit nichts zu tun gehabt. Wie wär’s mit Betonmischer? Mörtelrührer? Wenn dann der Häcksler und ich alles klein gehackt haben, dann hätten wir Beton, um den Garten zuzupflastern. Da wärst du zu etwas nütze.“
„Den Garten zubetonieren?“, fragte der kleine Rasenmäher erschrocken. „Dann kann ja kein Gras mehr wachsen.“
„Schlaues Kerlchen“, meinte die Motorsäge, „du hast es erfasst. Wenn erst einmal alles betoniert ist, braucht man keinen Rasenmäher mehr. Wenn alle Bäume abgesägt sind, braucht man auch keinen Laubbläser mehr. Du musst dir einen Beruf suchen, der Zukunft hat. Mit den alten Vorbildern kommst du in der modernen Zeit nicht weit. Kehrmaschine, ja, das ist ein Beruf mit Zukunft.“
„Mich braucht man auch immer“, piepste der Gartenschlauch dazwischen. „Den Rasen muss man wässern, aber den Beton muss man ab und zu auch abspritzen.“
„Haha, du bist vielleicht naiv! Es wird Zeit, dass du eine Weiterbildung zum Hochdruckreiniger machst!“
„Ihr spinnt ja alle“, rief die kleine Bohrmaschine dazwischen, „ihr wisst gar nicht, wie hart so ein Beton ist. Wie man sich da plagen muss, bis man ein kleines Löchlein drinnen hat.“
„Wir wollen auch keine Löcher im Beton haben“, brüllte die Motorsäge, „wir wollen makellosen glatten Beton. Ja, kleine Bohrmaschine, du wirst ein neues Arbeitsgebiet brauchen. Was schwebt Ihnen denn so vor, meine Dame?“
„Ich“, zirpte die Bohrmaschine ganz leise, „ich werde Außenborder.“
„Was ist das?“
„Ich werde Außenbordmotor an einem Schiff, das den Amazonas hinauffährt. Rechts und links ist Urwald, da sind große alte Bäume und die sind so dick, dass du alte Motorsäge nie fertig wirst, sie umzuschneiden. Und das Blätterdach ist so dicht, dass drunter kein Gras wächst, und kein Laubpuster jemals fertig wird, alle Blättchen wegzupusten oder aufzusaugen.“
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Die schönste Frau der Welt betrat die Metzgerei.
„Ich heiße Marilyn.“, erklärte sie dem verblüfften Metzgermeister.
„Ich auch.“, stotterte dieser überwältigt vom Anblick der Kundin.
Die schönste Frau der Welt lächelte ihn an.
Der Metzger kam zu sich. „Verzeihen Sie, ich weiß nicht mehr, was ich rede.“
„Aber das macht doch nichts.“
„Sie wünschen?“
„Einen Ehemann.“
Der Metzger lächelte sie traurig an.
„Ich bin leider schon verhei …“
„Ich werde schon einen finden.“
„Tausende. Da bin ich ganz sicher.“
„Einer reicht mir.“, flüsterte die schönste Frau der Welt.
„Sie werden ihn glücklich machen.“
„Vielen Dank. Ich werde Sie weiterempfehlen.“
schillernd
zerplatzt
traum
um traum
seifenblasen
im wind
schmerz
nur wie
ein hauch
und neues
schillern
neuer
traum
leicht
und leise
platzt
auch dieser
schliesse
die augen
und warte
neues
schillern
neuer
traum
Mann – der Sand
in deinen Augen!
Siehst du noch was?
Oder schläfst du schon?
Alte Träume
stehn geschrieben
auf deiner Stirn –
Siehst du sie noch?
Oder bist du schon wach?
Wang träumte,
er sei ein Schmetterling,
der träumte,
er sei Wang.
Hat der Sandmann
dich voll erwischt?
Oder hast du dir selber
Sand in die Augen
gestreut?
Immer dieses Theater!
Was mache ich hier bloß? Was habe ich in den Kulissen von Brettern, die angeblich die Welt bedeuten, überhaupt verloren? Frank Förster auf der Bühne! Ich wollte nie Schauspieler sein! Was habe ich mir da nur eingebrockt?
„Heben Sie bitte kurz Ihr Hemd an.“, fordert mich Stefan auf und befestigt ein Mikrofon. Harry weist Luca an: Öffne den Vorhang drei Sekunden, nachdem der Applaus einsetzt.“ „Geht’s?“, lächelt mir dieser aufmunternd unter seinem Schnäuzer zu.
Ich komme mir vor, als würde ich gleich ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gestoßen. Da ist schon die Ankündigung, bitte die Handys auszuschalten. Die Lichter im Saal dimmen herunter. Ich höre in der Garderobe, wie sich der Raum langsam füllt während Rita mich schminkt. Das Gemurmel der Stimmen, entferntes Lachen, Zurufe, ein Lebensfluss strömt durch die Gänge und überflutet meine Garderobe. Rita deutet auf den kleinen grauen Lautsprecher links oben in der Ecke. „Eine Einstimmung auf dein Publikum.“ Bevor sie meine Haare richtet, kontrolliert Arlette ein letztes Mal mein Kostüm und nickt zufrieden. Das gebrochene Weiß des Hemds wird im Scheinwerferlicht nicht zu hell erstrahlen. Jungfräuliches Theaterleben vor der Premiere. Toi toi toi vom gesamten Team: Rita, Stefan, Arlette, Harry, Luca … Sogar Manni steckt seinen Kopf durch die Tür: „Die Kacke wird schon dampfen!“. Rita beendet den Versuch, meiner kadaverblassen Gesichtsfarbe einen karibischen Teint zu verleihen. Die Stimme im Lautsprecher quakt: „Auftritt in 60 Sekunden!“ Mir geht Paul durch den Kopf. Als Kinder schafften wir es, uns unsterblich zu machen. Anstatt die Sekunden eine nach der anderen verstreichen zu lassen, teilst du die übrig gebliebene Zeit durch zwei und wieder durch zwei und wieder durch zwei … immer wieder durch zwei. Ihr werdet es nicht glauben: es bleibt immer noch etwas zu leben übrig. Das ist das Geheimnis der Ewigkeit.
Diese Nacht bekam ich kein Auge zu. Der Darm beschloss, in Modus Dünnpfiff zu schalten. „Auftritt in 30 Sekunden.“ Gestern Abend rief ich Hannes an und teilte ihm mit, dass ich nicht auftreten könne. „Mensch Frank, das ist doch völlig normal! Du hast noch nie als Schauspieler gearbeitet. Das ist so, als würdest du nach einem zwei Flugstunden Crashkurs in einem Airbus den Vogel von Hamburg nach New York fliegen. Es wäre eher beunruhigend, wenn du kein Lampenfieber hättest.“
„Auftritt in zehn Sekunden.“ Ich halte einen gold angemalten Pokal in der Hand. „fünf, vier, drei…“ Applaus braust auf. „Zwei, eins und raus!“
Du liebst das Vergängliche Frank Förster? Hier hast du sie, deine Ewigkeit minus einer Sekunde.
Riesige Bühne, weite weiße Leere. Ein Holzkasten als Podest. Einige Stühle vor einem Geländer stellvertretend für die Jury. Diagonal zum Bühnenausgang ein roter Teppich. Das Klatschen lässt nach.
Stille.
Endlich beginnt Frank Förster:
„Danke.“
Sein Arm fällt herunter. Verlegener Blick.
„Sie sind wirklich … Wirklich, Sie sind …“
Frank nickt wohlwollend mit dem Kopf und deutet auf den Preis. Er scheint schwer zu sein.
„Ich weiß nicht, wie Sie …“
Er zeigt wieder auf die Trophäe.
„Die Last der Ehre.“
Er stellt die Statue neben sich ab.
„Ich brauche jetzt beide Hände.“
Frank kramt mit der linken Hand in der Innentasche seines Sakkos.
„Ja, ich lese Ihnen jetzt ein kleines …“
Frank hält ein und blickt zur Jury.
„Wenn sie mich früher informiert hätten, könnte ich jetzt eine spontane Rede halten und hätte nicht alles aufschreiben müssen. Auf der anderen Seite hätten sie mich ja nicht schon in meiner Jugend für mein Lebenswerk ehren können. Man sollte Auszeichnungen annehmen, wie sie einem in den Schoß fallen. Sich wie ein funkelnder Tannenbaum schmücken lassen.“
Ein weiter Blick Richtung Jury, erneuter Griff in die Jackentasche.
„Genug geplaudert. Jetzt lese ich Ihnen …“
Frank hält ein.
„Wissen Sie, was ich gemacht habe?“
Pause.
„Am Tag, als ich die Ankündigung erhielt, dass sie mich für die Gesamtheit meines … Wollen Sie wissen, was ich da gemacht habe?“
Verschämtes Lachen.
„Ich habe mir sämtliche Preisverleihungen reingezogen.“
Nicken.
„Um die Danksagungen zu studieren. Ich habe ja keine Erfahrung darin. Filmpreise, Fernsehpreise, Literaturpreise, die ganze Reihe rauf und runter. Fazit: Danksagungen bilden ein eigenständiges Genre!“
Oberlehrerhaft:
„Wie alle Genres, unterliegen auch Danksagungen bestimmten Gesetzen. Es handelt sich hier um ein zentrifugales Genre, mit wellenartiger Ausbreitung. Wie ein Stein, der in den See geworfen seine Kreise dreht, breiten Danksagungen sich kreisend aus und entfernen sich immer weiter vom Zentrum.“
Pause.
„Der Ausgezeichnete dankt zunächst dem innersten Kreis: der Jury ohne die der Preis nicht zustande gekommen wäre, den Bonzen, den Honoratioren, den Promis, VIP’s, der wohlwollenden Presse. Dann ein Dank an den zweiten Kreis: das Publikum, also Sie, die Sie heute Abend hier erschienen sind um sich mit mir zu freuen. Das ist außerordentlich nett von Ihnen! Dann der dritte Kreis: das Team.“
Frank hält den Pokal in die Höhe.
„Ich möchte vor allem meinem Team danken … dem ganzen Ensemble … allen, die … allen, denen ich … allen, ohne die ich nicht … Ich widme ihnen diesen …“
Frank stellt den Pokal wieder ab.
„Es kommt äußerst selten vor, dass ein Preisträger seinem Team nicht dankt.“
Kurzes Grübeln.
„Das unterscheidet uns übrigens von Politkern, besonders von Ministern. Ein Minister spricht nie von seinen Mitarbeitern im Ministerium, er beginnt Sätze mit: Seit ICH das Innen-, Außen-, Wirtschafts-, Finanz-, Kultur-, Verteidigungs-Ministerium übernommen habe … habe ICH die Entscheidung getroffen, habe ICH mich dafür eingesetzt …“
Pause.
„Minister warten auch nicht auf Glückwünsche. Sie beglückwünschen sich selbst.
SICH BEGLÜCKWÜNSCHEN, reflexives Verb. Vorbehalten für Minister. ICH beglückwünsche mich …“
Frank Förster bemerkt, dass er abschweift.
„Verzeihen Sie. Zurück zu den Kreisen. Also, immer in gleicher Reihenfolge. Jury, Publikum, Team. Manchmal auch Jury, Team, Publikum. Aber immer gedritteltes Dankeschön. Schon seltsam, dass die innersten Kreise Menschen vorbehalten sind, die uns am wenigsten nahe stehen. Nehmen Sie mich zum Beispiel. Ich kenne niemanden aus der Jury. Zumindest nicht persönlich.“
Frank blickt Zustimmung heischend ins Publikum.
„Dann kommt der zweite Kreis, also Sie heute Abend. Mhm, genau, was ich fürchtete. Ich kenne Sie nicht. Oder waren Sie letztes Jahr hier. Bei meinem Vorgänger? Ich nicht. Ich habe keine Einladung erhalten.“
Frank runzelt die Stirn.
„Wer war eigentlich mein Vorgänger?“
Stille.
„Habe ich Ihnen eigentlich schon gedankt? Für was soll ich Ihnen eigentlich danken? Weil Sie gekommen sind um mir mit der Jury zu danken?“
Pause.
„Jetzt sagen Sie nicht, Sie sind nur hier, weil sie eine Einladung erhalten haben. Und worin besteht die Rolle des Geehrten genau? Dem Publikum zu danken, gekommen zu sein um ihm zu danken?“
Frank greift erneut in die Innentasche.
„Jetzt aber!
Frank zögert.
„Tzetzetze. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Sie sagen sich: der Typ hat gar keine Dankssagung in seiner Tasche. Sie haben Recht! Ich habe keine Danksagung geschrieben. Das Ganze war ein Gag.“
Frank zieht einen Umschlag aus der Tasche.
„Die Ankündigung des Gags war ein Gag. Der Gewinner des heutigen Abends … the winner is … Ha! ICH.“
Frank blickt versunken ins Publikum.
„Verzeihung. Jetzt müsste ich mich bedanken. Die Jury erwartet das. Und das Publikum hat dafür sogar bezahlt. Öffentliches Strahlen in die Scheinwerfer ist angesagt. Möge die Kultur in diesem unserem Lande blühen … Und wenn mein bescheidener Beitrag … Das ist es! Eine schnelle Anspielung auf die Bescheidenheit des Laureaten. Wenn ich dadurch der Kultur neuen Glanz verleihen kann …“
Pause.
„Nein, das kann ich nicht. Das konnte ich schon als Kind nicht. Muttertag und so, das brachte ich einfach nicht über mich.“
Frank ist den Tränen nah.
„Natürlich liebe ich meine Mutter. Ich mag auch Sie, verehrtes Publikum. Es ist nicht wegen mangelnder Fähigkeit, Zuneigung zu empfinden, aber … Die vorgefertigten Danksagungen für Mama. Erbärmlich. Und da kommen Sie und werfen mir mein …“
Frank greift wieder in die Tasche und zieht zur Überraschung aller eine Handvoll Zettel aus der Tasche.
„Keine Sorge, das ist keine Danksagung. Das ist das Reglement der Preisverleihung.“
Frank setzt sich vor die Jury und liest.
„Ich muss etwas nachschauen. Aha. Da steht es. Genau, wie ich befürchtete. Hier steht es schwarz auf weiß. Die Rede des Preisträgers wir auf fünfundvierzig bis sechzig Minuten begrenzt. Ok, also fünfundvierzig Minuten. Jetzt hören Sie sich das mal an: Die Darstellung sollte alle Kriterien an Spontanität reflektieren. Was ist denn das für ein Satz, bitte schön?“
Ein Zettel fällt auf den Boden. Frank bückt sich und hebt es auf.
„Die Hotelrechnung. Gut, fassen wir zusammen. Ausgezeichnet für die Gesamtheit meines Werkes, also Schluss mit der Faselei.“
Er schaut auf die Uhr.
„Noch zwanzig Minuten. Womit fülle ich diese halbe Ewigkeit, ohne dass der Saal sich leert?“
Frank überlegt.
„Man müsste … Ja … Ja, vielleicht … Aber natürlich, das ist es! Wir sollten die Umstände nutzen um die Genregesetze zu erneuern. Das Genre des Danksagens. Sie und ich. Gemeinsam. Hier und jetzt.“
Wünsch dir was!
„Na los, wünsch dir was!“, drängte ihn die Frau. Frank lächelte. Nach dem Essen fühlte sich sein Magen an wie ein nasser Sandsack. Er war unfähig, zu antworten. So beobachtete er, wie seine Mutter die Kerzen auf dem Kuchen anzündete und dabei gleichzeitig Details seiner schwierigen Geburt vom Stapel ließ. Jemand ließ die Jalousien herunter, und Frank konzentrierte sich auf den Lichtschein auf dem Tisch. Die Frau küsste ihn auf die Wange und wiederholte: „Wünsch dir was!“.
Frank erinnerte sich an die Geburtstage seiner Kindheit. Er hatte sich einen Hund, ein Schlagzeug, ein Rennrad und später Hammerweiber und Traumurlaube gewünscht. Die Wunschfee hatte kläglich versagt. Nichts hatte sich erfüllt. Konsequenterweise beschloss er, besser auf das kindische Gehabe verzichten. Doch im letzten Augenblick drängte es ihn, mit dem gewohnten Prozedere fort zu fahren, und zwar inniger als je zuvor.
Frank wünschte sich ein Haus in Malibu oder am Timmendorfer Strand. Und Frühstück im Bett mit irgendeiner Frau – vorausgesetzt, sie war knackig, fröhlich und Schwedin. Es liefen auch Pferde durch Franks Wunsch. Von einem offenem Kamin und einer Bibliothek mal ganz zu schweigen. Sein Bartwuchs glich nicht länger einem zerfressenen Flokati. Und sein Bedürfnis nach Alleinsein würde er am hauseigenen Strand stillen. Nachbarn suchte man vergeblich, doch seine Freunde besuchten ihn und bewunderten das Haus. Er lud sie zum Barbecue im Garten ein. Die blonde Schönheit flüsterte ihm: „Ich liebe dich.“, ins Ohr. In genau abgemessener Dosierung um den Satz nicht abzustumpfen. Natürlich hatten sie oft sensationellen Sex. Seine Schildkröten- und Weinkorken Sammlung genoss höchsten Ruhm unter Sammlern. Außerdem besaß Frank den IQ eines Klugscheißer Champions. Er hielt ungestraft Vorträge zur Klimaerwärmung und zum lyrischen Imperativ in der deutschen Gesetzgebung. Ab und an wollte Frank sogar in seiner Hightechküche stehen. Umgeben von zwei scharfen Gourmet Assistentinnen, die für die Deko auf den Tellern verantwortlich waren. Unbegrenzte Möglichkeiten eröffneten sich dem Geburtstagskind. Frank atmete tief durch. Allmählich wurde er der Blondine überdrüssig. Sie wurde von einem blutjungen Crawford Verschnitt abgelöst, der im städtischen Arbeitsamt für das korrekte Aufrufen der Wartenummern zuständig war. Die Neue fühlte sich bei Frank wie im Paradies. Wenn man ihre unglückliche Kindheit bedenkt, nicht wirklich ein Wunder. Frank verbrachte seine Freizeit damit, die sieben Hauptsprachen der Multi-Kulti City zu studieren. Die Crawford schenkte ihm einen Sohn, den er natürlich ebenfalls Effeff nannte. Der kleine Frank Förster bekam zur Einschulung ein Delphin Pärchen.
Frank versengte sich beinahe die Haare an den vierzig Lichtern auf dem Kuchen. Er blies, bis ihm die Puste ausging. Bis auf acht Kerzchen erloschen alle Flammen. Die restlichen folgten nach kräftigem Nachladen der Lungen. Alle klatschten und stimmten das unvermeidliche Geburtstagslied an. Frank war höchst zufrieden. Er stieß mit zu warmer Moselwein Plörre auf das neue Jahrzehnt an. Danach schleppte seine Mutter die Geschenke an. Ein Rautenpullunder in grün-blau und ein rot-weiß gestreiftes Hemd. Der Bildband über Sedimentforschung im Oberrheinischen Graben interessierte ihn weniger. Als höflicher Sohn heuchelte Frank jedoch so etwas wie Euphorie. Später lockerte er nach dem opulenten Mahl seinen Hosengürtel und rauchte mit dem Vater ein Pfeifchen und schlummerte dann im Fernsehsessel ein.
Das Geräusch der Wellen weckte ihn. Frank rieb sich die Augen und überlegte, wie er den Tag füllen würde. Dann sprang er entschlossen auf, öffnete die Terrassentür und blickte auf den Strand. Ein prachtvolles Wetter, um mit dem Boot hinauszufahren. Beim Rasieren seines dichten Bartes beobachtete er aus den Augenwinkeln seinen Sohn, der mit dem Hund am Wasser entlang tobte. Rita kam ins Zimmer, sang ihm ein Geburtstagsständchen und dankte ihm für die vielen gemeinsamen Jahre. Heute wurde er vierzig. Gerade als Frank die Kerzen auf der Torte auspusten wollte, hielt seine Frau ihm den Mund zu: „Halt! Wünsch dir was!“
Sie standen sich am Zaun gegenüber, jeder auf seiner Seite: Juliette und Ramon.
„Ätsch, du kriegst nichts von meiner Schokolade!“ feixte er mit braun verschmiertem Mund,
„Ich brauch deine Schokolade gar nicht“, trällerte Juliette, „weil ich hab eine ganze Schublade voll.“ Sie beschimpften sie sich mit den schlimmsten Ausdrücken, die sie im Kindergarten aufgeschnappt hatten. Es endete immer auf die gleiche Art. Juliette, die Augenbrauen zur Falte über der Nasenwurzel zusammengezogen schrie: „Und überhaupt ist euer Garten ein einziger grüner Saustall, voller Gänseblümchen und Löwenzahn.“
Dann lief Ramon heulend zu seiner Mutter.
Der Zaun trennte nicht nur die handtuchgroßen Gärtchen der Reihenhaussiedlung voneinander sondern Weltanschauungen: Hier Atomstrom, dort Sonnenkollektoren, hier Aldi dort Bioladen, hier Auto dort Fahrrad, hier Latzhose, dort Trachtenjanker. Zum Glück wächst eine Thujenhecke schnell, so dass man sich bald nicht mehr alle Tage sieht.
Aber Giersch und Brennesseln krochen durch die Hecke. Während die Eltern um des lieben Friedens willen einander ignorierten, trugen die Kinder trugen ihre Feindschaft aus dem Kindergarten in die Grundschule und weiter ins Gymnasium.
Freundinnen kamen zu Juliettes Geburtstag. Ihre Mutter hatte eine Orgie in Kuchen, Cola und Eis vorbereitet. Aber das Eis schmolz auf den Glasschüsseln, denn die jungen Damen drängten sich um den Spalt zwischen Terrassenmauer und Thujenhecke um einen Blick auf Ramon zu werfen, der in der Badehose im Garten stand und den Gartenschlauch dirigierte: erst wie von Mama befohlen über die Gemüsebeete, dann aber über die Thujenhecke, weil das dahinter jedes Mal lautes Kreischen und Quietschen auslöste. Juliette saß heulend in ihrem Zimmer, riss sich die Haarspangen vom Kopf, um sich mit den Strähnen die Augen zu wischen: „Nie, nie, wieder lad ich die ein. Die kommen ja gar nicht weil sie mich mögen, sondern nur wegen Ramon.“
Auch Ramon feierte Geburtstag. Vor der Haustür lagen 5 Fahrräder, darunter auch das Rad von Alex, dem Schwarm aller Mädchen. Erst bolzten sie im Garten mit einem zerknautschten Ball, bis er die magische Grenze der nachbarlichen Thujenhecke überflog und verloren war für alle Zeiten. Währenddessen bürstete Juliette sich sorgfältig die langen blonden Haare, tuschte die Wimpern, legte lila Lidschatten auf und zog den neuen Bikini an. Als sie fertig war, hatten die jungen Männer sich ins Haus verzogen. Ab und zu hörte sie das raue Krächzen der Jungenstimmen oder ein hustendes Lachen. Sonst nichts. So nahm sie Platz auf der Gartenliege, die natürlich in einem strategisch günstigen Winkel stand, nicht zur Sonne, sondern zum Fenster von Ramons Zimmer, hinter dem sie Alex vermutete. Juliette bekam einen Sonnenbrand, die Falte an ihrer Nasenwurzel wurde steiler und steiler – so dass zwei weiße Striche im Rot zu sehen waren – aber Alex und die anderen waren so mit dem neuen Computerspiel beschäftigt, dass sie keinen Blick aus dem Fenster warfen.
Juliette verschrieb sich dem Kleinkrieg: nachts warf sie ein kleines Zettelchen mit sauberen Druckbuchstaben in den Briefkasten: Ihr Sohn hat in Französisch eine Sechs geschrieben. Das Donnerwetter am nächsten Tag hörte sie durch die Trennwand bis in ihr Zimmer. Ermutigt von dem Erfolg fuhr sie fort: Ihr Sohn steht in der Pause im Rauchereck und raucht. Ihr Sohn hat auf dem Schulfest so viel Bier getrunken, dass er nicht mehr stehen konnte. Und als Krönung: Ihr Sohn hascht.
Ramon lachte jedes Mal, wenn sie mit erhobenem Haupt an ihm vorüberschritt.
Mit dem Abitur trennten sich ihre Wege, und sie bekamen sich nur selten zu Gesicht. Juliette wurde Stewardess, Ramon studierte Sozialpädagogik.
Einig Jahre hatten sie sich nicht gesehen, waren sich nicht einmal an Weihnachten oder Sylvester begegnet, da starben kurz hintereinander Juliettes Vater und Ramons Mutter. Der Vater erlitt einen Herzinfarkt, die Mutter kam bei einer ihrer Einkaufstouren mit dem Fahrrad unter die Räder, als ein Kieslaster nach rechts abbog und ihr die Vorfahrt nahm. Einige Wochen besuchten die Kinder den jeweils verwitweten Elternteil häufiger. Nickten sich flüchtig zu, wenn sie sich auf dem Fußweg vor dem Haus begegneten.
Erste Veränderungen traten auf und wurden kaum registriert. Die Thujenhecke war weg.
„Sie hat mir zu viel Schatten gemacht“, erklärte Juliettes Mutter. Sie hatte Vollkornnudeln mit Bärlauch-Pesto gekocht. „Weißt du, ich brauch nicht zu jeder Mahlzeit Fleisch. Das musste nur für deinen Vater immer sein.“
Ramon stellte fest, dass sein Vater sich den Vollbart zu einem kleinen gepflegten Bärtchen hatte stutzen lassen. „Ich fahre in die Marken auf Urlaub“, erzählte er Ramon, „ ein bisschen wandern, ein bisschen Kultur, gutes Essen und guter Wein.“ Richtig spießig, wäre das in früheren Zeiten genannt worden. Aber Ramon hatte eigene Sorgen und war froh, dass es seinem Vater gut ging.
Eines Tages standen sie sich wieder am Zaun gegenüber. Im Zaun war eine Lücke, der Maschendraht säuberlich aufgerollt. Trittplatten waren gelegt von der einen Terrasse zur anderen.
„Die Alten schau an“, stellte Ramon fest und grinste. Juliette zog die Augenbrauen zusammen bis eine steile Falte über ihrer Nasenwurzel war. Dann machte sie kehrt und ging ins Haus.
„Wie kannst du nur“, warf Juliette ihrer Mutter vor, „mit diesem grünen Sozialutopisten! Und in Deinem Alter.“
„Ach weißt du, Juliette, dein Vater war ein guter Mann. Aber ich will nicht allein sein. Und Dietmar ist eigentlich ein ganz lieber Mensch und so.“
„Was meinst du, Mama?“
„Ich meine, du kannst in das Reihenhaus ziehen. Ich ziehe mit Dietmar in den alten Bauernhof meiner Mutter in Unterstadelbach.“
Ramon sah die Sache nüchterner: „Dann hast du jemanden, der bei dir sauber macht, dir die Hemden bügelt und was Warmes kocht.“
„Mein lieber Sohn, das kann ich alles selber. Aber ich brauche jemanden zum Reden und so.“
„Was meinst du?“ fragte Ramon.
„Ich meine, du kannst in das Reihenhaus ziehen. Ich ziehe mit Renate aufs Land.“
Sie saßen sich in der Sandkiste gegenüber, jeder auf seiner Seite.
„Vinzenz“, sagte Franziska, „du bleibst auf deiner Seite und gehst ja nicht über diese Mittellinie, die ich da gezogen habe oder ich sage meinem Papa, er soll einen Zaun mitten durch den Sandkasten machen.“
Vinzenz antwortete nicht. Er arbeitete konzentriert an den Hebeln seines kleinen gelbroten Schaufelbaggers, eine steile Falte zwischen den Augenbrauen.
„Aber Oma und Opa sagen, dass wir keinen Zaun brauchen“, sagte Vinzenz.
Franziska wirbelte mit den Schuhspitzen kleine Sandfontänen in die Luft.
„Doch wir brauchen einen Zaun,“ erklärte Franziska, „weil du fährst immer über meine Sandkuchen.“
„Ich muss doch Straßen bauen“, sagte Vinzenz. Der gelbrote Schaufelbagger näherte sich der Mittellinie und kippte eine Ladung Sand mitten darauf.
„Das ist es ja“, schimpfte Franziska, „Straßen bauen, Auto fahren, das kannst du auf deiner Seite. Aber meine Seite braucht keine Straße.“
Eine zweite Ladung Sand landete auf der Mittellinie.
Franziska wirbelte mit den Schuhspitzen noch höhere Fontänen aus Sand auf.
„Vinzenz“, rief Juliette von drinnen, „komm reihein! Es gibt Eiheis! Bring Franziska mit.“
„Nein“, brummte Vinzenz und stand auf, „die soll auf ihrer Seite bleiben. Die kriegt kein Eis.“
„Ich brauch dein Eis gar nicht“, trällerte Franziska, „weil ich hab einen ganzen Kühlschrank voll!“
„Ich verstehe nichts von Malerei. Alles was ich schön finde, ist angeblich Schrott. Daher muss ich zugeben, dass ich keine Ahnung habe.“
„Und was halten Sie von meinen Bildern?“
„Nicht schlecht.“
„Nein, was halten Sie wirklich davon?“
„Wirklich? Wirklich habe ich keine Peilung.“
„Das beruhigt mich.“
Der Maler ließ mich einfach stehen und näherte sich einer Truppe Tunten, die sich um eines seiner Tryptichons scharten. Eine Frau wie eine Granate in seltsamen Klamotten begrüßte mich mit einem Glas in der Hand.
„Sind Sie Maler?“
„Nein.“
„Kritiker?“
„Gott bewahre!“
„Was machen Sie dann?“
„Ich bin Chiropraktiker.“
„Chiropraktiker? Heißt das, Sie manipulieren also aller Leute Nerven?“
„Da ist was dran.“
„Horror! Wie kann man nur so einen Beruf haben? Und was macht ein Chiropraktiker in einer Galerie? Interessieren Sie sich für Malerei?“
„Davon verstehe ich nichts. Ich habe nur eine Einladung erhalten, deshalb bin ich hier.“
„Ich muss Ihnen unbedingt Gilbert vorstellen. Gilbeeeert! Gilbeeeert!“
Gilbert war der Maler, der mich über seine Bilder ausgequetscht hatte. Er kam angetrottet mit aneinander reibenden Knien und leicht abstehenden Armen. Die Finger spreizte er auseinander, als ob er Nagellack trocknete.
„Gilbert, ich muss dir unbedingt den Herrn hier vorstellen. Er ist Chiropraktiker. Wie außergewöhnlich!“
„Wir kennen uns bereits. Wir haben schon miteinander geplaudert. Aber ich habe Ihren Namen nicht behalten.“
„ Ich habe mich nicht vorgestellt. Übrigens heiße ich Förster.“
„Nun, Herr Förster, ich bin entzückt, dass Sie gekommen sind obwohl Sie nichts von Malerei verstehen. Kiiiiiiiiiiiiiiiinder! Vite vite, kommt mal her.“
Eine Truppe in mandel- und pistazienfarbigen Anzügen trippelte herbei. Man hätte sie für Parfümerie Angestellte halten können.
„Jungs, ich stelle euch Herrn Jäger vor. Verzeihung, Herrn Förster, seines Zeichens Chiropraktiker.“
Die Tunten kicherten und flüsterten sich gegenseitig dummen Kram ins Ohr. „Hast du gesehen, wie behaart er ist?“ Die komischen Gestalten gingen mir gewaltig auf die Nerven. Ich bin doch keine Kirmesattraktion! Ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit meinen eigenen Händen. Das ist wahrhaftig mehr wert als ihre Schmierereien mit dem Pinsel. Die Hammerfrau kam mir zu Hilfe.
„Sie schüchtern sie ein, Herr Förster.“
„Sie schüchtern mich nicht ein. Sie nerven mich, das ist alles.“
„Wir nerven ihn! Habt ihr das gehört, Jungs? Wir gehen ihm auf die Nerven!“, quiekte Gilbert. „Sie sind ab sofort das Maskottchen der Ausstellung.“
„Jaaaaa, jaaaaaaaaa! Maskottchen, Maskottchen!“, kam es im Chor als Echo.
„Maskottchen? Ich? Was soll das nun schon wieder bedeuten?“
„Na, Sie sind unser Glücksbringer, ein Fetisch sozusagen.“
„Und was muss ich da machen?“
„Ist er nicht niedlich? Bleiben Sie einfach bei uns, und bleiben Sie vor allen Dingen Sie selbst, werter Herr Chiropraktiker.“
Die parfümierten Heinis packten mich am Arm und entführten mich zur Bar, um mir einen auszugeben. Allmählich füllte sich der Schuppen. Ich suchte die Frau in den bizarren Klamotten. Gilbert gestikulierte wild vor einem seiner Werke. Ein nahezu leerer Riesenschinken mit einer ultramarinblauen Porreestange. „Gefällt es Ihnen?“, fragte mich ein himmelblau gewandeter Besucher. Meine Retterin erklärte: „Das ist eine Reminiszenz an Yves Klein.“ Blauer Lauch. Zum Totlachen!
„Und wem sind die grünen Flecken auf dem Bild da hinten gewidmet?“
„Allan Kaprow natürlich! Teardrops in Green Kaprow ist doch am 5. April 2006 gestorben. Sehen Sie seinen Einfluss auf Gilbert?“, mischte sich der himmelblaue Strampler Kasper ein.
Meine Augen suchten verzweifelt nach der Fee.
„Sie interessieren sich wohl nicht für das, was ich Ihnen erzähle?“
„Doch, doch, Sie sind bestimmt ein Kumpel des Meisters?“
„Sie teilen meine Meinung offensichtlich nicht.“
„Ihre Meinung interessiert mich tatsächlich nur peripher. Wie ich bereits gesagt habe, verstehe ich nichts von Kunst.“
„Kunst versteht man nicht, Kunst empfindet man. Ich weiß wirklich nicht, welchen Narren Gilbert an Ihnen gefressen hat.“
Beleidigt drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand in der Menge. Ich arbeitete mich wieder zur Bar durch und bestellte ein schönes kühles Pils. Das zischte! Anschließend wollte ich mich stillschweigend verdünnisieren.
„Nichts da! Sie wollen doch wohl nicht schon gehen?“, hinderte mich der weibliche Traum.
„Ja, ich habe ehrlich gesagt die Schnauze voll von dieser Veranstaltung.“
„Kommen Sie mit, ich baue Sie wieder auf.“
Sie nahm mich an die Hand und durchquerte mit mir die ganze Galerie. Ich ließ ihre Brüste nicht aus den Augen. Sie besaß zwei außergewöhnliche Kompasse. Nach einer Weile begriff ich, dass sie mich zum Damenklo abschleppte.
„Ähm, ich muss zur anderen Tür.“
„Hier ist das ohne Bedeutung. Kommen Sie rein.“
Drinnen steppte der Bär. Vor den Waschbecken und Spiegeln herrschte ein emsiges Plaudern, Kichern und Tratschen. Dort fand gerade eine Weltmeisterschaft im Koksen statt. Meine Begleiterin holte ihren Stoff aus dem Guccitäschchen, legte auf ihren freien Handrücken eine Line und pumpte sich das Zeug mit gekonnter Perfektion ins Nasenloch.
„Meine Güte! Haben Sie einen Turbostaubsauger in Ihrer Nase?“
„Bitte bedienen Sie sich.“
„Ohne mich, danke. Ich rühre so einen Kram nicht an.“
„Sie scherzen!“
„Ich brauche das nicht.“
„Womit kommen Sie dann durch den tristen Alltag?“
„Pommes, Schnitzel und viel Schlaf.“
„Sie sind bestimmt eine Granate im Bett.“, mutmaßte sie während sie ihr Tütchen forträumte. Um uns herum tauschten Männer und Frauen aller Altersklassen Nasen und Gedanken aus. Ich fand das ganz nett. Auch ein wenig lächerlich. Wir verließen die Damentoilette und ich entschuldigte mich für eine Minute. Ich musste noch einen Umweg in die Herrentoilette einlegen. Die Stimmung glich der im weiblichen Gegenstück. Bis auf die Ausnahme, dass sich zwei Typen über dem Urinal gegenseitig einen runterholten.
„Verzeihung.“, räusperte ich mich.
Die Beiden reagierten nicht.
„Ich muss pinkeln.“
Sie rückten ein wenig von der Schüssel weg ohne ihre Fummelei zu unterbrechen. Es ging mir auf den Keks, dass sie mir vielleicht zuschauen würden. Mein Verdacht bestätigte sich. Meistergaffer! Prompt versagte mein Strahl. Ich nahm mir Zeit. Die anderen hielten mich wohl für einen Exhibitionisten, was ihre Erregung sichtlich steigerte. Endlich klappte es doch noch mit der Erleichterung. Als ich den Raum verließ, begann der Kleinere damit, seinen Gespielen von hinten zu beglücken.
„Es ist ja wirklich alles andere als langweilig bei euch.“, sagte ich meiner wartenden Begleiterin.
„Das ist mittlerweile Usus auf Vernissagen. Vor allem, wenn Gilbert ausstellt. Schockt Sie das?“
„Nein.“
Ein platinblond gefärbter Typ kam mit wedelnden Armen angerannt. „Daniel hat einen Immendorff erstanden! Stellt euch das mal vor! Einen Immendorff! Wenn Immendorff es trotz ALS bis zur Preisverleihung im Oktober 2006 in Goslar zur Verleihung des Kaiserrings schafft, wird das Bild eine Kapitalanlage!“
„Immendorff, ist das nicht der Typ der wegen Koks und leichten Mädchen in Düsseldorf zu einer Bewährungsstrafe verknackt wurde?“
„Wie kannst du dich nur mit so einem Ignoranten unterhalten? Deine Hormone spielen wohl verrückt.“, blaffte er erst die Schönheit an meiner Seite an und dann mich: „In Ihrem Busch hat man wohl noch nie von Baselitz, Richter oder Warhol gehört. Sie kennen wohl nur Seidenmalerei, Herr Jäger.“
„Förster.“
„Wie auch immer.“
Ich packte die miese Ratte am Fraß, will heißen, an seinem Samtwams, hob ihn hoch und knallte ihn an die Wand. Er quiekte wie ein abgestochenes Ferkel. Ich versetzte ihm einen Pass mit meinem rechten Knie in sein Gemächt. Er kreuzte seine Hände vor seinem Schritt und ging in die Knie. Seine Augen schossen aus ihrem Orbit. Man hätte meinen können, er habe eine Erscheinung.
„Brutale Bestie!“, beschimpfte mich der Gespiele des Samtjöppchens und half seinem Liebsten wieder hoch.
Gilbert mischte sich ein: „Hat unser Maskottchen bleibenden Schaden angerichtet? Mein Maskottchen ist einfach einzigartig!“ Der Maler streichelte mir zärtlich den Nacken und wandte sich dann wieder seinen anderen Gästen zu.
Die Frau schlug mir vor, sie in die erste Etage zu begleiten.
„Was gibt es dort?“
„Sie werden sehen.“
Als wir die Treppe hochstiegen, blitzten ihre Beine vor meinen Augen. Super Beine! Das war ein anderes Kaliber als der blaue Porree oder die grünen Flecken von Gilbert! Die Frau war beinahe so groß wie ich. Ich wusste nicht, wohin sie mich führte, aber ich wusste, dass ich Lust auf sie hatte. Wir betraten eine Art riesiges Büro mit einer Ledercouch. An den Wänden hingen zahlreiche Bilder. Diese hier gefielen mir.
„Der Besitzer der Galerie scheint ja ein besonderer Hecht zu sein.“, kommentierte ich. „Er stellt unten Scheiße aus und die guten Bilder behält er in seinem Büro.“
„Warm. Nicht schlecht erkannt. Wir sind übrigens gerade in meinem Büro.“
„Die Galerie gehört Ihnen?“
„So ist es.“
„Sie müssen mich für einen absoluten Banausen halten.“
„Im Gegenteil, Herr Förster. Sie haben ein ausgesprochenen Blick für das Wesentliche.“
Sie füllte zwei Gläser und reichte mir eines herüber.
„Welches Bild gefällt Ihnen am besten?“
Ich schritt mit auf dem Rücken gekreuzten Armen etwa zwanzig Werke ab. Lange habe ich nicht überlegt.
„Das da.“
„Das habe ich gewusst.“
„Von wem ist es?“
„Hopper.“
Sie kippte ihren Drink auf einen Zug hinunter. Plötzlich fühlte ich mich unwohl. Die Frau schüchterte mich ein. Ich setzte mich auf das Sofa und sie sich neben mich. Sie puderte sich erneut das Näschen, fuhr mir dann mit den Fingern durch die Haare und küsste mich, dass mir die Luft wegblieb. Ihre Zähne zerbissen meine Lippen. Ihr Atem roch streng, aber nicht unangenehm. Ihre Brüste erwiesen sich von beunruhigender außergewöhnlicher Festigkeit und schienen mich arrogant fort zu stoßen. Ich streichelte ihren kleinen Po. Das mochte sie. Danach folgte ich den endlos langen Beinen. Ihr Hintern brannte. Plötzlich erstarrte ich. Ich war unfähig, mich zu bewegen.
„Du bist ein Kerl!“
„Nicht mehr wirklich.“, korrigierte mich die Frau.
„Und was halte ich da in meiner Hand?“
Sie antwortete mir mit einem sehr zärtlichen Kuss und murmelte: „Kümmere dich nicht darum. Beschäftige dich mit dem Rest.“
Ich zog vorsichtig meine Hand unter ihrem Rock hervor und ließ entsetzt meinen Kopf nach hinten baumeln. Ich wusste nicht, wie mir geschah. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich schloss die Augen. Während sie mit ihrem Mund wunderbare Dinge anstellte, dachte ich an die parfümierten Heinis unten vor der blauen Lauchstange.
Unachtsamkeit
Frau Brüggemann blickt auf den Lehrerparkplatz, ihr Auto, neununddreißig Jahre täglichen Trott aus Diktaten, Ferienanfängen, Multiplikationstabellen, Übungsarbeiten, Kindergeschrei, Elternabenden und Bastelstunden für die Feiertage.
Bis zum 30. Juni 2006. Ihrem letzten Arbeitstag. Frau Brüggemann betritt lächelnd die 7b, verkündet, dass Mathe heute Mathe bleibt und erzählt ihren Schülern bei Chips und Cola von ihrem neuen Leben.
Am Nachmittag findet die offizielle Verabschiedung statt. Mit warmem Sekt, dem Hausmeister, den Putzfrauen und einigen Kolleginnen. Eine freundliche Bestattung mit ausgetauschten Geschenken und freundlichen Floskeln. Der ehemalige Rektor Herr Wassenberg ist ebenfalls erschienen. Er wird langsam von Krebs zerfressen, aber der Krebs verhält sich altergemäß nicht allzu aggressiv.
Frau Brüggemann würde lieber eine Tour durch die Schule und ihre Klassen machen. Um den Tisch im Lehrerzimmer haben sich auch einige ehemalige Schüler eingefunden. Und die Kinder dieser Kinder. Die Aula wurde nach der Statikprüfung des Flachdaches geschlossen. Man hofft auf Fördergelder aus den öffentlichen Kassen. Die erwachsenen Gäste verhalten sich genau so schleimig wie in alten Zeiten. Sie versuchen, ihr auf Teufel komm raus zu gefallen, als ob ihnen noch Fleißkärtchen in ihren Paninialben fehlen würden.
Frau Brüggemann mochte auch die Faulpelze nicht. Sie verstand sich am besten mit den Träumern. Die verstanden es, zu schweigen und zu lächeln, intelligent zu sein ohne sie in Verlegenheit zu bringen und keinen großen Terz zu veranstalten. Aus dieser Gruppe war heute Rita anwesend. Sanfte Augen, ein ungekünstelter Charme. Natürlich war Rita in Derikum geblieben. Natürlich ist sie mit dem Floristen verheiratet. Einem Blumenhändler, warum nicht? Ihr Gesicht zeigt die Folgen. Frau Brüggemann ist froh, dass sie da ist. Rita beugt sich hinüber, wagt aber nicht, die entscheidende Frage zu stellen. Frau Brüggemann erinnert sich und lächelt.
Die Leute verabschieden sich mit einer scheuen Umarmung oder einem forschen Händedruck. Sogar aufmunterndes Schulterklopfen ist dabei. Rita bleibt noch eine Weile. Frau Brüggemann flüstert ihr zu, dass sie sich genau an das Jahr erinnert. Rita errötet. Rita hat einen Ehemann, eine Tochter, einen lernschwachen Sohn und Kredite für Haus und Laden am Hals. Rita will lieber gehen.
Frank Förster parkt an der Stelle, wo sein Vater ihn morgens am Schultor raus ließ. Es gibt Abende, da zählen Gesten. Frank hat sich verspätet. Er hatte eine Aufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus. Frank erreicht die Schule, als Frau Brüggemann abschließen will. Er ruft sie und läuft mit ausgestreckten Armen auf sie zu. Das sieht ihm wieder ähnlich. Frau Brüggemann ist glücklich, dass er es noch geschafft hat. Dass nach so vielen Jahren wieder etwas passiert. Mit Frank kann sie reden. Sie kann ihm sagen, wie schwer ihr der Abschied trotz allem fällt. Es war Routine, aber eine Routine, die ihr erlaubte, zu glauben, sie existiere wirklich. Verstehen Sie, Frank? Frank macht auf Frauenversteher. Frank ist Schauspieler. Außerdem hat er die Brüggemann immer gemocht. Das erleichtert das Verständnis. Außerdem hat Frank Förster seine Liebe zum Theater durch sie entdeckt. Am Anfang traute er sich nicht. Denn Rita spielte mit im ersten Stück. Die Aufführung fand im Gemeindesaal statt. Siebenundachtzig Plätze. Das Ereignis des Jahrhunderts! Ausverkauft! Der stolze Blick des jüngeren Bruders hinter den Kulissen. Die Eltern, die einen Sohn hinter dem schlechten Schüler entdecken. Fast verständnisvolle Eltern. Anfängerruhm. Und eine verliebte Rita nach der Aufführung. Der Traum des ersten Tages endlich in Erfüllung gegangen. Händchenhalten mit Rita auf dem Schulhof. Und nach dem Fußballspiel der Kreisliga. Frank, der in seinen Träumen einen miesen Anmachtypen vor Ritas Augen in die Schranken verweist. Der mit ihr auf Forschungsreisen geht, mit ihr nachts im Wald spazieren geht. Rita, Rita, Rita, nächtelange Träume von Rita. Auf den Bühnen der Welt. Hochzeit in Las Vegas und danach im Kölner Dom. Nach der Aufführung berühren sich im Applaus endlich die Fingerspitzen eines Jungen und eines Mädchens.
Frank und Frau Brüggemann kehren in den alten Klassenraum zurück. Frank setzt sich auf seinen alten Platz. Wie vor fünfundzwanzig Jahren. Er verweilt in Gedanken. Frau Brüggemann steht an der Tür. Beide sind in ihrer eigenen Welt versunken. Frank dreht sich um und sucht mit den Augen den Tisch, an dem Rita gesessen hat. So wie er es in der 11. Klasse hunderte Mal getan hat.
Frau Brüggemann murmelt, dass Rita Vergangenheit ist. Frank blickt sie erstaunt an. Seine ehemalige Lehrerin entschließt sich zu einer Lüge aus dem Effeff.
„Bevor sie ging, fragte Rita mich, wie es dir geht.“ „Was genau hat sie gesagt?“
„Haben Sie Neuigkeiten von meiner großen Liebe?“
„ … „
„Ich glaube, dass sie vor allem wegen dir gekommen ist, Frank.“
Frank steht auf und sieht aus dem Fenster. Frau Brüggemann überlässt ihm die Schlüssel. „Hier, nimm. Ich brauche sie nicht mehr. Bleibe, so lange du willst.“
Aus dem Klassenraum beobachtet Frank Frau Brüggemann auf dem Parkplatz. Er drückt die Schlüssel fest an sich und die Stirn gegen die Fensterscheibe. Bevor sie in ihren Wagen einsteigt, wirft Frau Brüggemann noch einen Blick auf Franks Auto, auf die Reifen, auf den rechten Vorderreifen, um genau zu sein. Sie glaubt, er habe zu wenig Luft und beugt sich hinunter um nachzuprüfen. Erleichtert kommt sie wieder hoch. Eine einfache Geste. Eine Geste, die einem Erwachsenen im Klassenraum Tränen in die Augen treibt.
Frank Förster auf dem Weg zu seiner Mission. Citychic, offenes Hemd, halblange Haare im Wind, Dreitagebart. Frank überquert die Südstraße, überzeugt, dass es möglich ist, eine Frau zu lieben, die mit einem Floristen verheiratet ist, in einer Bank arbeitet. Ok, in einer Sparkasse, aber immerhin. Frank ist kein Snob. Es reicht, die Frau als Jugendlicher geliebt zu haben. Frank hat alle Zeit, Rita von der Hässlichkeit des Geldes und dem widerlichen Kleingewerbe zu überzeugen. Alles zu seiner Zeit. Keine voreilige Aktionen, keine Mütze mit Augenschlitzen. Es geht um keine Geiselnahme. Und noch weniger um einen Raub. Frank liebäugelt nur mit der Eingangstür. Er überlässt sich dem Luftstrom der Kühlung. Im Innenraum überkommt Frank Förster eine leichte Unruhe, wie immer, wenn er Kontoauszüge einsehen will. Von Online-Banking hält er nichts. Heute ist sein Bammel anders. Es ist Lampenfieber vor Liebe. In der Sparkasse. Er entdeckt Rita am Schalter. Noch zwei Kunden vor ihm.
Rita erkennt ihn sofort. Ihre Finger verkrampfen sich als sie die Geldscheine des Geschäftskunden nachzählt. Rita kennt alle Händler im Ort. Und diese kennen sie. Frank versucht sich mit kindischen Sprüchen abzulenken. Mein Liebling, wir werden die Bank der Zeit knacken und uns Tausende Augenblicke in kleinen Scheinen schenken. Jetzt nur nicht lachen. Frank befindet sich in einem katastrophalen Zustand. Nun steht er Rita gegenüber. In zwei Tagen beginnt im Theater sein neues Stück.
„Hallo Rita.“
„Hallo.“
„Mein Besuch hat nichts mit der Sparkasse zu tun. Es ist nur, ich habe weiter Theater gespielt.“
„ …“
„Ich wollte dich zur nächsten Premiere übermorgen einladen.“
Frank hält ihr einen Umschlag mit Karten hin. Eine ältere Dame hinter ihm wird unruhig. Rita wirft einen erschrockenen Blick auf den Filialleiter. Sie dankt Frank ohne Umschweife.
„Danke, das ist sehr freundlich. Ich werde versuchen zu kommen.“
„Du kommst?“
„Ich versuche es.“
Rita schiebt den Umschlag in ihre Handtasche. Ihre Lippen zittern. Übermorgen hat sie ihren Spanischkurs. Eine Freundin könnte sie decken. Aber wie lange? Wofür? Ein Schauspiel in Düsseldorf. Die Kinder müssen früh raus am nächsten Morgen. Dann der Verkehr, die Parkplatzsuche. Das unbekannte Gebäude. Die Lüge, die sie ihrem Mann auftischen muss. Die Angst, entdeckt zu werden. Der Kilometerzähler, die Möglichkeit eines Unfalls. Zu viele unüberwindbare Hindernisse für ein wenig Leben.
Frank lässt sich schminken. Zu seinem Schauspielerleben gehören neben einigen Jährchen leerer Kapitel auch das Klacken der Stühle, Zweisterne Hotels, Fastfood in Zügen und Radiowerbung um sich eine Woche Malle zu finanzieren. Franks Augen kreuzen die der Platzanweiserin. Sie schüttelt den Kopf. Und der erste Abend? Und das Schülertheater? Frank atmet durch den Bauch. Er genießt das Raunen des hereinströmenden Publikums. Dann die Stille Sekunden vor dem Vorhang. Das Licht wird gelöscht. Dunkelheit über dem Saal. Die Projektoren auf die Bühne gerichtet. Ein erfundenes Leben nur für euch.
„Noch drei Minuten.“, kündigt der Regisseur an. Frank sucht den Blick der Platzanweiserin. Sie hält die Augen gesenkt. Frank betritt die Bühne und weiß bereits, wie die Dinge sich entwickeln werden.
Rita ist zum Spanischkurs gegangen. Danach hat sie sich um die Kinder gekümmert. Die Kleinen mussten es ausbaden, einschließlich Einmaleins abfragen. Fernsehen gestrichen. Dann schlug Rita ihrem skeptisch dreinblickenden Mann einen Besuch beim Italiener um die Ecke vor, „um auf andere Gedanken zu kommen.“
Während sie eine gemischte Vorspeisenplatte bestellt, überlässt sich Frank dem Applaus. Hinter die Kulissen. Dann noch zwei Vorhänge. Er wird Rita grüßen, die im gleichen Augenblick ihr Rotweinglas umwirft.
Nur eine einfache Unachtsamkeit.
Das Publikum verlässt den Saal.
Der Kellner bringt einen neuen Wein.
Die Unachtsamkeit ist ausgebügelt.
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Gedanken machte, dass mich nun jeder hinter dem Tresen sehen konnte, betrat Manu das Bistro. Ihr Erscheinen reichte, um mir einen Schlag in die Magengrube zu versetzen.
„Man erzählte mir, dass du in diesem Schuppen arbeitest. Das musste ich mit eigenen Augen sehen.“, verkündete sie mit arroganter Stimme. Ihr Glück, dass Gina auf einen Sprung zur Apotheke war. Sie hätte ihr die Meinung gegeigt!
„Es ist nicht zu glauben! Der Spross eines adligen Geschlechts verkauft Spaghettis und Capuccinos …“
Das sah meiner Mutter mal wieder ähnlich! Sie kann es einfach nicht lassen, mein Leben in alle Welt heraus zu posaunen.
Mit eisigem Ton und den gesammelten Resten an Würde kontere ich: „Möchtest du etwas bestellen?“ Sie will einen Espresso, und ich hätte nicht schlechte Lust, hinein zu spucken.
„Ich habe eine deiner Freundinnen getroffen. Sie sagt, du bist immer noch in Ben verschossen.“
Das kann nur Sandra sein. Entweder hat Manu ihre Naivität ausgenutzt oder Sandra ist nicht so loyal wie ich dachte.
Fingerspiele
Rita und ich hatten ein Wochenende in London geplant. Auf dem Flugplatz in Düsseldorf verspürte ich ein leichtes Brennen beim Wasserlassen. Nach der Landung in Heathrow verstärkte sich der Schmerz. Im Hotel ging ich bereits durch die Hölle. Im Fünfminutentakt verspürte ich den Drang zu pinkeln.
Rita hatte vor einem Monat eine Blasenentzündung gehabt und sicherheitshalber eine halbe Apotheke passender Medikamente dabei. Ich schluckte eine Packung mit vier Litern Wasser. Die Nacht verbrachte ich auf der Toilette. Zu allem Überfluss gesellten sich am nächsten Morgen zu meiner „urinalen Diarrhö“ auch noch Fieber, Muskelkater und ein Kreislauf im Keller.
Also doch zum Arzt. Ich erklärte in meinem besten Schulenglisch mein Problem, und zehn Minuten später machte der Doc Bekanntschaft mit meiner Prostata. Bevor er mich penetrierte, erklärte er mir: „Well, Mr. Förster, Blasenentzündungen sind bei Männern äußerst selten. Die meisten Harnweginfektionen werden von Nieren, Hoden oder Prostata ausgelöst.“
Zunächst Abtasten der Nieren. Nichts Auffälliges, keine Schmerzen. Dann die Tastuntersuchung der Hoden. Dito. Er zog daraufhin einen Latexhandschuh an, tauchte den Zeigefinger in Vaseline und forderte mich auf, mich auf die Seite zu legen. Auf der rechten Seite (ich wusste nicht, dass meine Prostata eine rechte Seite hat …) spürte er nichts. Ich auch nichts. Auf der linken Seite spürte er einen Knoten und ich einen Mordsschmerz, als ihn berührte. Bingo! Die Schatzsuche war beendet. Höchste Zeit! Eine Entzündung der Prostata ist bei einem Dreißigjährigen anscheinend sehr selten. Daher telefonierte der Arzt mit einem Speziallabor für weitere Untersuchungen um etwas Ernstes auszuschließen.
„Ich warne Sie vor, die Untersuchungen sind unangenehm und bisweilen auch schmerzhaft.“
Es folgten Blutabnahme, Röntgen, Ultraschall des Unterbauchs, Urinprobe aus der Harnröhre. Als der Assistent den Stock in besagten Kanal schob, sah ich Sterne. Erst später erfuhr ich, dass diese Methode als Highlight unter Folterern gilt. Ich werde also nicht versuchen, hier die Worte zu wiederholen, die ich dort in beachtlicher Lautstärke abgelassen habe.
Meine erste Reaktion auf die Info, dass meine Infektion durchaus gefährlicher sein könnte als eine simple Entzündung mit gutartiger Ursache, löste eigenartigerweise weder Angst noch Stress, sondern Erleichterung bei mir aus.
Als der Arzt mir mit ernster Miene die Untersuchungsergebnisse überreichte, empfahl er mir, dringend kurzfristig weitere Untersuchungen.
„Na gut, alles wird gut. Die Natur kümmert sich um alles. Ich brauche nicht mehr aus dem Fenster zu springen.“
Zurück in Düsseldorf überreichte ich meinem Hausarzt alle Ergebnisse. Ich saß ihm gegenüber als er diese mit Grabesmiene kommentierte. Ich betrachtete inzwischen fassungslos seine Hände. Bratpfannen mit Fingern wie Currywürste! Als er mich aufforderte mich für eine Tastuntersuchung auf die Seite zu legen, streikte ich und ertrotzte eine Überweisung zum Spezialisten. Diesem erzählte ich alles. Wirklich alles. Über die Untersuchungen, die beiden Ärzte, meine Angst, alles. Er beruhigte mich und erklärte, dass ich mir unnötig Sorgen machen würden. Die Entzündung war wohl eher psychischer Ursache als etwas anderes. Stress, Müdigkeit vermischt mit verhaltenem Pinkeln könnten Prostataentzündungen hervorrufen. Das sei gar nicht so selten. Meinen Hausarzt habe ich übrigens gewechselt. Ich bin jetzt bei einer Ärztin.
Pfeffer und Salz
Als Haarfarbe, wohlgemerkt. Nicht nur an den Schläfen.
„Was halten Sie von einer Tönung, Herr Förster?“ Ich springe meinem Frisör beinahe an die Gurgel. Ich laufe doch nicht als Rabe durch die Stadt, da bleibe ich lieber Graureiher.
Jetzt, da die dunklen Haare sich verdünnisiert haben, ist zu befürchten, dass die grauen noch vor den weißen ihren Dienst quittieren. Normal bei Alten. Alles geht flöten: Zähne, Haare, Gedächtnis, Illusionen.
Der Frisör meines Misstrauens schlug mir einen modernen Kurzhaarschnitt vor. Ich akzeptierte leicht besorgt. Werden meine Haare noch Zeit haben, nach zuwachsen?
Mein Urgroßvater ist schon ein alter Hase im Jenseits, mein Großvater weilt nicht mehr unter den Lebenden, mein Vater ist mausetot. Ich fürchte, dass das erblich ist. Ich habe die Grenze zum Alter überschritten und wahrscheinlich meine eigenen Grenzen gleich mit.
Frank Förster hätte gerne noch so vieles gemacht, was er nicht mehr schaffen wird.
Er wird niemals ein Philharmonie Orchester dirigieren.
Er wird niemals König von England.
Er wird niemals Löwenbändiger.
Er wird niemals an der Fußballweltmeisterschaft teilnehmen.
Oder bei den Olympischen Spielen.
Oder zum Präsidenten der USA gewählt.
Oder zum Papst.
Oder auf den Mond fliegen.
Ich werde aus Rita niemals eine Julia Roberts machen.
Oder eine Mona Lisa.
Aber ehrlich, eigentlich ist mir das wurscht.
Vor fünfzig Jahren lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei siebzig Jahren.
Ein Film dauerte neunzig Minuten.
Heute sind Neunzigjährige keine Seltenheit. Und Filme dauern 120 Minuten.
Besser?
Das hängt vom Film ab.
Warum fragt mich niemand mehr nach meinem Lebenslauf? Zu viele Einträge vom gleichen Autor? Der Lebenslauf der Alten wurde umbenannt in „Archiv“. Und wisst ihr, woran man merkt, dass man altert? Mit der Feststellung: „Ich habe mich noch nie so jung gefühlt.“ Also Finger weg, wenn Unbekannte dir ein Bonbon anbieten! Es könnte sich um einen Gerontophilen handeln.
Auch meine Schuhe ermüden wie ich. Ich werde neue brauchen. Der Schuhverkäufer empfahl mir ein Paar aus Kalbsleder. „Die halten hundert Jahre.“ „Ich nicht.“
Ich habe keine Lust, dass meine Schuhe mich überleben. Außerdem brauche ich kein ganzes Paar. Immerhin stehe ich nach Aussage meines Hausarztes bereits mit einem Fuß im Grab. Fritten und Frikadellen, Butter, Wein, Kaffee, alles verboten. Keine gezuckerten Früchte! „Am Abend nur etwas Leichtes.“ Damit meint er wohl: „Ein Süppchen und ab ins Bett.“ Rauchverbot sowieso. „Lebe ich damit länger?“ „Nicht unbedingt, aber es kommt Ihnen länger vor.“
Wie, Frank Förster und Parkinson? In der Disko nennt man das Hip-Hop. Ich lasse mich gegen den Tod impfen. Mein Internist lauscht überrascht meinen Herztönen. Vielleicht hört er nichts? Der Motor hat nach über sechzig Jahren und knapp zwei Milliarden Schlägen vielleicht keinen Bock mehr. „Nichts Besonderes. Alles verlaufsgemäß. Zwanzig Jahre haben Sie aber nicht mehr.“ Vielen Dank für die Auskunft. In meinem Alter ist Höflichkeit gegenüber Heilberufen angebracht. So wie zu Automechanikern bei der Untersuchung des altersschwachen Vehikels.
Je mehr Kerzen auf der Geburtstagstorte brennen, umso weniger Puste zum löschen. Eine Frechheit! Ich weiß, dass ich altere. Es ist also nicht nötig, mich jedes Jahr daran zu erinnern. In meinem Alter muss ich nicht mehr freundlich sein. Vorbei die Zeit, da Frank Förster aus dem Effeff zustimmende Lachfältchen für einen Arbeitsplatz oder einen Vertrag aktivierte. Ich kann es mir leisten zu sagen: „Deine Nase passt mir nicht.“ Ich darf mich sogar ungestraft auf Kommando taub stellen.
Seit ich eine neue Hüfte habe, laufe ich wie ein Hase. Manchmal nehme ich sogar zwei Stufen gleichzeitig auf der steilen Treppe. Was wird man mir als nächstes ersetzen? Wenn ich die Wahl hätte, den Kopf. Nur das Innere, um mich auf andere Gedanken zu bringen. An meinem Äußeren hänge ich. Außerdem soll mich meine Umgebung wieder erkennen. Wie ein historisches Gebäude, hinter dessen alter Fassade alles neu, modern und funktional ist. Ich würde alles weiß streichen, keine Bilder an den Wänden, nur spärliches Mobiliar in Räumen in denen ich mich endlich wieder finde. Vom alten Gehirn behielte ich nur das unbedingt Nötigste. Weg mit schlechten Erinnerungen, falschen Freunden, bösen Omen und griechischen Tragödien. Statt dessen Geduld, Ruhe, gregorianische Gesänge, Songs von George Michel und ein Rotkehlchen.
Jeden Abend bewundere ich sie. Sie ist so schön, dass ich vor ihr niederknien könnte. Manchmal sitzt eine Taube auf ihrem Kopf. Sie ist sich ihrer Schönheit in ihrer Schlichtheit nicht bewusst. Die romanische Kapelle auf dem Hügel. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert. Ich aus dem zwanzigsten. Der Altersunterschied ändert nichts an den Gefühlen. Die Gefühle für meinen Gemüsehändler sind dagegen von Groll bestimmt. Er nennt mich immer „junger Mann“. Ein Affront! Ich befinde mich doch nicht in einem regressiven Stadium.
Wenn ich nachts ein frisiertes Moped voll Speed den Lessingplatz umrunden höre, hoffe ich insgeheim auf ein „Krachbumm“. Und dann nichts.
Stille.
Das sage ich aber keinem. Es ist ja nicht so, dass ich die Jugend nicht leiden kann.
In meine alten Adressbücher trug ich die Namen von Freunden und Bekannten mit Tinte ein. Später mit Bleistift und Radiergummi. Heute lösche ich sie in Outlook. Auch eine eiserne Gesundheit schützt eben nicht vor dem Rosten.
Ihr, Frau Königin, seid die Schönste hier …
Halt die Klappe! , antwortet die Königin.
Die Königin ist sauer auf ihren Spiegel. Seit Jahren wiederholt er die alte Leier. Sie weiß, dass er Unrecht hat. Er hat ihr beim Altern zugesehen.
Ihr, Frau Königin, seid die Schönste hier …
Die Königin schmettert einen Kerzenleuchter Richtung Spiegel.
Halt die Klappe! Oder es passiert ein Unglück!
Sieben Jahre Unglück, Majestät.
Die Königin altert. Es ist umso schwerer für sie, weil sie früher schön war.
Wenn Hässliche altern, ist das nicht so schwer. Man hat sich daran gewöhnt. Und im Alter wird es besser.
Ihr, Frau Königin, wart die Schönste hier …
Beuge dich nicht zu tief über deine Vergangenheit. Es könnte sein, dass du nicht wieder hoch kommst.
Während einer Signierstunde im Sternverlag umrundet eine grauhaarige Frau ohne Alter meine Bücher. Ich tue so, als hätte ich sie nicht gesehen. Wenn ein Fisch um den Köder kreist, darf man sich nicht bewegen. Sonst erschreckt er sich und taucht ab. Diesmal ist der Fisch nicht verschwunden. Er spricht mich sogar mit zuckersüßer Stimme an: „Hallo Frank, erinnerst du dich an mich?“ In meinem Kopf ein schwarzes Loch. Nichts. Keine Ahnung. „Leider nein.“ Sie nennt Jugendfreunde, kleine Begebenheiten. Dann: „Angelina.“
Sie sieht nicht aus wie Angelina. Rita, Marlene, Doris oder Gabi hätte ich geglaubt, aber nicht Angelina, auf keinen Fall Angelina.
Angelina war der Name eines atemberaubenden Wesens vor 45 Jahren. Angelina war blond und strahlte wie ein Engel. Sie gehört zu meiner Tanzstunde, meinem ersten Anzug, meinem ersten Auto. Finger weg von Angelina! Sie hat kein Recht, Angelina zu erwähnen. Sie lügt! Wenn diese mausgraue Gestalt wirklich Angelina ist, umso schlimmer! Ich signiere ihr Buch mit einer Widmung an Frau Wagner. Ich konnte es einfach nicht Angelina widmen. Um mir die Beine zu vertreten, drehe ich eine kleine Runde durch die Buchhandlung. Als ich zurückkomme, fällt mein Blick auf das Effeff Plakat mit einem Foto. Ein grauer, missmutiger Autor in den Sechzigern. Wahrlich kein Beau. Unter dem Bild der Name.
Frank Förster.
Mein Kater ist grau wie ich.
Mein Kater hat Rheuma wie ich.
Mein Kater ist alt wie ich.
Wenn ich die Katzenjahre in Menschjahre umrechne, sind wir beide alt.
Wer von uns beiden zuerst stirbt? Überraschung!
Am besten ich. Aber was würde er ohne mich anfangen? Es gäbe zwar immer jemand, der ihn füttert. Doch wer würde ihn am Hals kraulen, genau an der richtigen Stelle, die nur ich kenne? Wir könnten auch zusammen sterben. Aber das würde Rita nicht überleben.
Bücher und Zeitungen werden auch immer kleiner gedruckt.
Meine erste Brille war eine Lesebrille. Meine zweite Brille bekam ich zum Autofahren. Mit zwei Brillen ist die Chance, sie zu verlieren, doppelt so groß. Darüber hinaus ist es ohne Brille schwierig nach Brillen zu suchen. Da muss eine dritte Brille her. Seit ich meine neuen Gleitsichtgläser auf der Nase trage, habe ich den vollständigen Durchblick. Ich entdeckte vom Garten aus auf dem Hausdach zerbrochene Schindeln. Ich konnte dem klitzekleinsten Kleingedruckten meines Versicherungsvertrages entnehmen, dass dieser Schaden von der Garantie ausgeschlossen ist. Ich sah winzige Rostpünktchen im Lack meines Autos. Und weiße Barthaare bei meinem Kater. Ich entdeckte einen Riss in der Badezimmerwand und eine neue Falte auf der Stirn meiner Frau.
Ich sah mich klar und deutlich im Spiegel. Ohne Brille gefalle ich mir besser.
Ich lebe im Abendrot des Alters. Bald wird Nacht. Wie schön! Ein klarer Sternenhimmel. Ist unter ihnen vielleicht ein toter Stern? Wie soll ich das erkennen? Auch tote Sterne folgen hell strahlend ihrem Lauf als sei nichts passiert. Tote Menschen reisen mit erloschenen Lichtern. Sie erhellen keine Nacht. Außer Mozart. Der strahlt weiter mit seiner kleinen Nachtmusik.
Ich drücke den Globus fest an mich. Dann stelle ich ihn sanft zurück auf seinen Platz. Ich fixiere ihn, schließe die Augen. Lasse ihn mit einem Schwung der rechten Hand um die eigene Achse drehen. Stoppe ihn abrupt mit dem Zeigefinger.
Wenn ich ein anglophones Land berühre, wird alles gut. Peru.
Wir haben unsere Probleme immer so gelöst.
Mit einem Weltglobus. Zeigefinger.
Wenn ich ein asiatisches Land berühre, reiße ich mich heute Abend zusammen. Irland.
Ich habe die Welt immer im großen Rahmen betrachtet. Zu groß. Mit meinem kleinen Globus.
Heute stellt sich die Frage nach der Zukunft nicht mehr.
Wenn ich ein gelbes Land berühre, ist alles aus. Togo. Ganz gelb.
Heute Abend ziehe ich also das Butterblümchen zwischen hinter dem Ohr hervor.
Eines Tages werde ich ein blaues Land berühren, den Grund des Schwarzen Meers, den Schnee eines kalten Landes.
Ich ganz allein.
ein wandernder vogel
legte sie ihn zur see
zählte die wogen
ein zwei eins zwei
und liebte ihn
gerade nicht gerade
gerade gerade nicht
fand heim
und wieder zurück
legte ihn zur see
legte ihn zart
und kehrte sich manchmal
auch selbst hinein
einwandernder vogel
——-
——-
Frage mich, ob das so ohne Interpunktion klar wird, dass im ersten Satz “da sie ein wandernder vogel war blabla etc.” gemeint ist, analog zu etwa “ein gerissener Gauner, sackte er natürlich die Millionen ein". Habe deshalb auch schon die zweite Zeile umgestellt, um keine unerwünschte Doppeldeutigkeit drinnen zu haben.
Nach dem Abendbrot, als sie Käse und Wurst wieder in ihr Papier gewickelt und in den Keller getragen hatte, als sie ihren Teller und ihr Messer in einem Berg von Schaum gespült und abgetrocknet hatte, als sie die Tischplatte abgewischt und alle Brotbrösel rund um die Brotschneidemaschine weggekehrt hatte, nachdem sie die Küche mit dem Staubsauger gesaugt hatte, machte sie sich ans Schuhe putzen. Sie stellte die Schuhe auf die Stufen der Kellertreppe, jeweils zwei Paar auf jede. Zuunterst die Kinderschuhe, kleine rote Stiefelchen, Schnürschuhe mit einer aufgeklebten Biene Maja, Halbschuhe mit abgestoßenen Kappen, Ballerinas mit Strassblüte, weiter oben dann Sandalen, Turnschuhe mit niedergetretenem Fersenteil, Pumps mit schiefem Absatz, ausgelatschte Halbschuhe, Westernstiefel mit zweifarbigem Leder, eine Goldriemchensandale mit gerissenem Riemchen, das mit einer Sicherheitsnadel festgehalten wurde, und wieder Schnürschuhe, Schnürschuhe, immer im gleichen Stil und auf vielen Gängen ausgetreten – die ganze Treppe voller Schuhe. Auf den freien Platz stellte sie die Schachtel mit den Schuhputzutensilien: Dosen und Tuben in allen Farben, weiß, schwarz, rot, blau, vier Abstufungen von braun – hell, mittel, dunkel und rotbraun – Blechdosen, deren Deckel kaum noch schloss und deren Inhalt zu einem harten Brocken getrocknet war, faltige Tuben, aus denen schnurartig die erstarrte Paste hing, aber auch pralle neue voll glatter geschmeidiger Creme.
Heute wählte sie beige Pumps aus, mit behäbigem Absatz, gediegene Eleganz und doch nie getragen. Zögernd wog sie eine Bürste in der Hand, öffnete eine Dose mit dunkelbrauner Creme, verrieb die trockenen Brösel auf dem hellen Leder. Noch immer zögerlich ergriff sie eine Tube Blau und drückte einen dicken Strang heraus, verteilte ihn mit schwungvollen Bewegungen über dem Schuh. Wahllos packte sie das nächste Paar, besprühte sie, bis sie vor Nässe troffen. Das Lösungsmittel reizte si
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Die turbulente Nacht verbrachte ich auf der Reise mit den Protagonisten meines zukünftigen Buches. Fiktive Gestalten, die von Tag zu Tag realer und lebendiger zu werden. Sie warfen mir ihre Vorstellungen von Wahrheit um die Ohren. Ich hätte schwören können, sie diskutierten, stritten und philosophierten die ganze Nacht.
Heute Morgen erwachte ich mit einem verstopften und einem tropfenden Nasenloch, das dem undichten Wasserhahn in der Küche alle Ehre machte. Ich beschloss sofort, mich davon nicht ablenken zu lassen, mich nicht allzu weit vom Unbewussten des Schlafs zu entfernen und noch weniger von den Sätzen, die sich über Nacht irgendwo in mein Inneres eingegraben hatten. So fuhr ich den Rechner hoch, öffnete das Page99 Manuskript, doch heraus kamen nur einige Zeilen. Ein kleiner Abschnitt, und je mehr ich mich auf diese Worte konzentrierte, desto flüchtiger wurden die anderen. Sie flogen davon wie ein Schwarm Vögel, der von einem Geräusch gestört wurde.
Daher wende ich mich nun meinem Milchkaffee zu, meinem Quarkbrot mit Pflaumenmus, lausche den Tropfen gegen die Fensterscheiben und betrachte die Katzen bei der Morgentoilette.
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